27.10.1997

ARCHÄOLOGIE„Herrscher der bewohnten Erde“

Die Saison 1997 der Archäologen-Taucher vor Alexandria schloß mit einer Fülle neuer Funde. In Stein gehauene Inschriften aus der einst superreichen Palaststadt wurden entziffert. Das wissenschaftliche Puzzlespiel um das Königliche Quartier, Heimstatt Kleopatras, geht weiter.
Unter Regenschauern und Wind dümpelt das schneeweiße Expeditionsschiff im aufgewühlten Wasser. In der Kajüte der "Oceanex", des weit und breit einzigen Bootes in diesem militärisch überwachten Teil des Hafens von Alexandria, sind deshalb die Monitore festgezurrt.
Auf einen Wink des Expeditionschefs und Unterwasserforschers Franck Goddio, 50, läßt sich ein Taucher in die Fluten plumpsen. Was seine Unterwasserkamera wenig später aus sechs Meter Tiefe auf die Bildschirme an Bord zaubert, gleicht einer Reise in die verwunschene Welt der Pharaonen.
Nahe dem unterseeischen Markierungsschild "M-16", umspült vom trüben Wasser der Bucht, gerät der Kopf einer Sphinx ins Blickfeld der Kamera. Dann torkelt der Lichtkegel über antike Pflastersteine, fährt eine krude Holzbefestigung entlang, bewegt sich schwankend vor einer seepockenübersäten schwarzgrauen Statue der ägyptischen Gottheit Isis, die einen Pharao gebiert. Vor einem Statuensockel aus rotem Granit hält der tauchende Kameramann inne - in zehn Zentimeter hohen Lettern trägt der Stein eine griechische Inschrift, die der französische Epigraphiker André Bernand, 74, erst Ende vorletzter Woche entziffert hat: *___Herr über Erde und Meer, Herrscher der bewohnten Erde, König ____des Universums, Verehrer des Serapis, ewig lebend - Marcus ____Aurelius Severus Antoninus Augustus.
Die Altertumsforscher nennen diesen in der - auf das Jahr 213 datierten - Inschrift fünfnamigen römischen Kaiser, nach seiner Vorliebe für Kapuzenmäntel, "Caracalla". Er regierte von 211 bis 217 nach Christus, also in einer Zeit, als das große Pharaonenreich längst zur Kolonie und Kornkammer Roms verkommen war.
Bernand, emeritierter Professor für Literatur, Epigraphik und griechische Zivilisation an der Universität
Lille, ist mit an Bord der "Oceanex", als Anfang vergangener Woche die Ergebnisse der archäologischen Tauchaktionen des zurückliegenden Sommers im östlichen Teil des Hafenbeckens von Alexandria präsentiert werden.
Fazit: Die 1996 vorgestellte, damals gewagt scheinende Theorie (SPIEGEL 46/1996), das legendäre antike Königsquartier von Alexandria, das in den letzten tausend Jahren als Folge tektonischer Senkungen von der Küste abbrach und versank, sei aufgefunden, hat sich durch Hunderte von neuen unterseeischen Artefakten gefestigt.
Von dem griechischen Geographen Strabo um die Zeitenwende in vielen Einzelheiten beschrieben, aber bis auf den heutigen Tag verschollen, war dies auch der Ort, an dem die legendenumwobene Königin Kleopatra lebte, die verführerische und listenreiche letzte Pharaonin.
Die Tauchmanöver vor der Corniche, der Uferpromenade des modernen Alexandria, gelten als größtes Unterwasserabenteuer der modernen Archäologie. Von mehreren tausend aufgespürten Fundstücken sind bis zum Ende dieser Tauchsaison 1065 gereinigt, fotografiert und kartographiert.
Die jetzt aufgefundenen Inschriften sowie eine große Zahl von überfluteten Bauten und Fundamenten beweisen, daß es sich bei der versunkenen Insel Antirhodos, wie der Frankfurter Althistoriker Manfred Clauss feststellt, "zweifellos um ein antikes Repräsentationszentrum zur feierlichen Darstellung der römischen Herrscher handelt". Von einer genauen Lokalisierung des Kleopatra-Palastes reden die Forscher nun nicht mehr. Auch der Standort des Pharos-Leuchtturms - eines der sieben Weltwunder - bleibt nach wie vor ungewiß. Das taucharchäologische Puzzlespiel geht weiter.
Begonnen hatte die submarine Erforschung der alexandrinischen Meeresbucht, einst Schauplatz von Königsmorden und bacchantischen Partys, bereits im Jahre 1992. Durch gute Kontakte zum französischen Komitee für Atomenergie gelang es damals Franck Goddio, dem "vielleicht berühmtesten Schatzsucher der Welt" (Zürcher "Weltwoche"), sich die Nutzungsrechte an einem Verfahren zu sichern, das ursprünglich militärischen Zwecken diente und nun die Altertumswissenschaft mächtig voranbringt: Unterwasserkartographie mittels Magnetresonanz.
Elektronik im Wert von annähernd zwei Millionen Mark ist auf dem Katamaran "Kaimiloa" installiert, mit dem Hobbytaucher Goddio und seine Ingenieure Linie um Linie ein Netz über das alexandrinische Forschungsfeld gezogen haben.
Aus geringfügigen Unregelmäßigkeiten gegenüber dem normalen Magnetfeld der Erde entsteht so eine - zunächst noch vage - Unterwasserkarte, auf der sich eisenhaltige Schiffsteile ebenso abzeichnen wie der Granit oder Marmor einer am Meeresboden liegenden oder unter Sand verborgenen antiken Statue oder Säulentrommel. In der Bucht vor Alexandria fanden die Forscher mit dieser Methode auch das Wrack eines im Zweiten Weltkrieg abgestürzten britischen Bristol-Bombers - deutlich erkennbar mit beiden Motoren und einem guterhaltenen Scheinwerfer.
Eine wesentlich feiner strukturierte Botschaft aus der Antike wird auf den Computerbildschirmen des Katamarans sichtbar, wenn die Forscher in weiteren Durchgängen den Meeresboden mit Akustikkameras (Side Scan Sonar) abtasten, die zu beiden Seiten des Schiffsrumpfes montiert sind: Nun treten ehemalige Hafenmolen und Kaimauern, Inselbegrenzungen und Säulenüberreste mit akustischem Schattenwurf plastisch hervor.
Mit dem Magnetverfahren und den Sonar-Kameras gelang es der Goddio-Crew schon 1996, Eindeichung und Molenbauten des ehemals königlichen Hafens im Nordosten der Bucht sowie die Lage zahlreicher - ebenfalls von Strabo erwähnter - Riffe im nördlichen Teil der Bucht zu rekonstruieren.
In diesem Sommer kartographierten sie die Insel Antirhodos, laut Strabo "königlicher Besitz mit einem Palast und einem Hafen". Auch die Umrisse der Halbinsel Poseidion, auf der sich vermutlich ein Tempel des Meeresgottes befand und wo jede Menge Granit- und Marmortrümmer gefunden wurden, stimmt mit den Schilderungen des antiken Geographen überein (siehe Grafik Seite 226).
Als nächste kamen im Goddio-Team die Taucher an die Reihe. Sie begnügten sich nicht damit, Amphoren, Säulentrümmer und basaltgepflasterte, auf Sandsteinquader und zementhartem Mörtel gegründete Palastbezirke freizulegen. Um das versunkene Königsquartier archäologisch präzise zu dokumentieren, vermaßen sie die Lage eines jeden Artefakts und speicherten die Daten im Computer ab.
Einen wasserdichten Rechner nehmen die Schatzsucher mit nach unten. Senkrecht aufschwimmende Antennen empfangen Signale von mehreren Standortsatelliten des "Global Positioning System" (GPS) und gleichzeitig von einer Referenzstation am alexandrinischen Ufer. Alles zusammen ergibt die exakte geographische Position jedes Fundstücks - bis auf 50 Zentimeter genau.
Nach und nach fügen sich so die Computerdaten zu einem immer feiner gewebten Trümmerteppich. Schon jetzt träumen die Sponsoren von der im Steuerparadies Liechtenstein eingetragenen Hilti-Gruppe (Bauchemie, Bohrtechnik), die allein in die Arbeiten vor Alexandria jährlich rund zwei Millionen Dollar fließen lassen, von einer detaillierten virtuellen Nachbildung der Unterwassergrabungsstätte, die in den Medien wiederum für Furore sorgen würde.
Gehäuft fanden sich in dieser Tauchsaison antike Artefakte entlang der ehemaligen Küstenlinie, die 50 bis 100 Meter vor der heutigen lag, sowie auf der Insel Antirhodos. Dort wurden zahlreiche Säulenreste und -fundamente aus dem zweiten und dritten nachchristlichen Jahrhundert aufgespürt, aber auch zwei glänzend erhaltene, immer noch aufrecht stehende Sphingen und, 16 Meter davon entfernt, die 1,5 Meter hohe Isis-Statue aus ptolemäischer Zeit.
Die Insel ist teilweise künstlich aufplaniert, andernorts eingeebnet und zum größten Teil sorgfältig gepflastert. Im Ostteil des Eilands fanden die Taucher ein stufig vorspringendes Plateau, das eine Palastanlage getragen haben könnte. Kleopatras Heimstatt?
Darunterliegende Ulmenholz-Konstruktionen, die auf das fünfte vorchristliche Jahrhundert datiert wurden, liefern andererseits den Beweis, daß es schon vor der Stadtgründung durch Alexander den Großen im Jahr 331 v. Chr. an dieser Stelle Siedlungsbauten gab.
"Vermutlich auf vielerlei Weise", so der Althistoriker Clauss, "wurde an diesem Ort den römischen Kaisern gehuldigt." Kapuzenträger Caracalla ist Hauptadressat der insgesamt sieben griechischen Inschriften, welche Goddio und seine Taucher an der Ostküste von Antirhodos freilegten - unter Wasser wären die meisten Texte allerdings nicht entzifferbar gewesen.
Die Franzosen ersannen eine geeignete Technik: Mit einer Art überdimensionalem Leukoplast - halbflüssiger Latexmasse auf elastischem Gewebe - wird am Meeresgrund die in den Stein gehauene Inschrift überdeckt. Fixiert durch Bleiplatten und Gurtbänder, muß die Gummimasse in 16 Stunden aushärten. Danach zeichnen sich die Lettern in der Maske deutlich ab - "sie wäre als Anti-Rutsch-Matte unter der Dusche gut zu gebrauchen", scherzt Bernand, Papst der französischen Epigraphiker.
Buchstabe für Buchstabe hat der alte Herr, der mit Vorliebe Strohhüte trägt und sommers das ehemalige Haus der Tante des französischen Dichters Rimbaud bewohnt, die Huldigungstexte aus der Kaiserzeit in ein unscheinbares blaues Schulheft mit Karopapier übertragen. "Die antiken Steinmetze", berichtet er, "haben eng und krakelig gemeißelt. Und wenn der Platz nicht reichte, ließen sie ein paar Buchstaben einfach weg."
Bernand will an seinen bleistiftfrischen Übersetzungen noch feilen, aber schon jetzt blitzen seine Augen: "Antike Inschriften unter Wasser - das ist eine Premiere in unserer Wissenschaft."
Herr über Erde und Meer, Herrscher der bewohnten Erde, König
des Universums, Verehrer des Serapis, ewig lebend - Marcus Aurelius
Severus Antoninus Augustus.
[Grafiktext]
Unterwasser-Ausgrabungen in Alexandria
[GrafiktextEnde]
* Mit Mitarbeitern bei der Auswertung von Sonaraufnahmen an Bord der "Kaimiloa".
Von Petermann und

DER SPIEGEL 44/1997
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