10.11.1997

RECHTSRADIKALEZinsfrei für Deutschland

Rund 200 Initiativen in der Bundesrepublik organisieren Nachbarschaftshilfe im Tauschverfahren. Rechte Trittbrettfahrer profitieren vom Boom.
Mit soviel Unterstützung hatte Susann Reimann nicht gerechnet. Vor ihrer Tür stand eine Handvoll wildfremder Leute, die bei ihrem Umzug ins niedersächsische Hemmoor mit anpacken wollten. "Dabei hatte ich nur eine Bekannte gebeten, mir ein wenig zur Hand zu gehen", erinnert sich die alleinerziehende Mutter.
Die Frau und die freundlichen Helfer waren Mitglieder des "Tauschrings Oste- Talente", einem von bundesweit rund 200 Vereinen, die sich als Selbsthilfeorganisationen auf Gegenseitigkeit verstehen. Ihr Ziel ist die Organisation einer bargeldlosen Verrechnung von Waren und Dienstleistungen. So kann beispielsweise ein Hobbygärtner, der sich von einer Friseurin in Heimarbeit die Haare schneiden läßt, die dafür auf seinem Tauschring-Konto eingetragenen Minuspunkte durch Hilfe bei der Gartengestaltung abarbeiten.
Eine Idee, die Susann Reimann auf Anhieb überzeugte, nicht nur, weil sie wenig Geld und viel Zeit hatte. Für die 46jährige war der Tauschring auch eine Art Kontaktbörse, wo sie "nette Leute kennenlernen und Freundschaften schließen" konnte. Ob Hans, der sein "Iso-Fenster loswerden" wollte, oder Annette, die "Autogenes Training für Kinder" anbot - die rund 80 Mitglieder starke Tauschtruppe im Landkreis Cuxhaven war voller Leute, die keine Nachnamen zu haben schienen und "zu mehr menschlichem Miteinander" und "zu mehr Lebensfreude" gelangen wollten. Da war es für die Neubürgerin von Hemmoor nur logisch, daß sie selbst persönliche Probleme in diesem Kreis besprach. Auch mit Alfred Beyer, einem der Gründer des Tauschrings, der in der "Marktzeitung" des Clubs "Guten Rat für alle Fälle" anbot.
Der 68jährige mit dem weißen Rauschebart, der in jedem Heimatfilm als Almhirte glänzen könnte, empfahl ihr ein Buch mit dem Titel "Neues Licht". Das kryptische Werk über die Philosophie Friedrich Nietzsches, dessen Autor Robert Dun (Pseudonym) ein ehemaliges Mitglied der Waffen-SS ist, veranlaßte Susann Reimann zu Nachforschungen, die zu ihrem Austritt aus dem Tauschring führten.
Herausgeber des Buches ist die Tempelhofgesellschaft, laut Bundesamt für Verfassungsschutz eine spinnerte Ordensgemeinschaft innerhalb des rechtsextremistischen Spektrums. Sie kann ihre Mitglieder "mittels einfacher Weisung" verpflichten, "besondere Dienste dem Deutschen Volk und dem Deutschen Vaterland zu erbringen, die über die Aufgabenstellung eines Normalbürgers hinausgehen". Reimann: "Wir haben die Sorge, daß Tauschring-Teilnehmer für den Rechtsextremismus rekrutiert werden sollen."
Auch Christiane Wiedemann erlebte, wie Beyer versuchte, die Gruppe für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Er bat die computerbegeisterte arbeitslose Industriekauffrau, an ihrem PC zwei Buttons für die "Deutschland-Bewegung" zu entwerfen. "Mit einem unguten Gefühl im Bauch" forschte Wiedemann im Internet nach Informationen über die von Beyer empfohlene Organisation. Was sie fand, verstärkte ihr Unbehagen. Kopf der obskuren Truppe ist der ins rechte Lager abgedriftete Bundeswehroffizier a. D. und ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen, Alfred Mechtersheimer. Beyer fungiert dort als "Regionalbeauftragter Region Elbe-Weser".
Für Mechtersheimer und Co. wirbt der selbsternannte Lebensphilosoph mit großen Worten: "Wir stehen am Anfang eines neuen Jahrtausends, da müssen wir etwas Neues machen."
Wie nahtlos der ehemalige Lufthansa-Mitarbeiter die Zukunft mit der Vergangenheit zu verknüpfen versteht, erfuhr ein junger Mann, der Beyer für einige Tauschring-Pluspunkte zu einem Treffen des "Bundes der Goden" in die Lüneburger Heide chauffierte. Die neuheidnische Sekte, die das Christentum als Fremdreligion ablehnt und sich "nur an Menschen weißer Rasse nordischer Artung" wendet, kam ihm zwar vor wie "eine Muppets-Show dahinsiechender Altnazis", dem Tauschring blieb er dennoch treu.
Auch daß Beyers Frau in der "Marktzeitung" des Rings mitunter rechten Gemeinsinn einfordert, stört ihn nur am Rande. "Das wäre schade, wenn dir das Fernsehen mehr wert ist als der Tauschring", kritisierte die Wortführerin der "Kerngruppe" Mitglieder, die zu einem Treffen nicht erschienen waren, denn der Sinn der Zusammenkünfte bestehe darin, "als Gemeinschaft zusammenzuwachsen".
Die völkische Gemeinschaft als Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft war Sigrid Beyer, geschiedene Rothe, schon immer ein hohes Gut. Zusammen mit ihrem damaligen Ehemann Gerd, einem Spezialisten für heidnische Bestattungen ("persönlich, volksverbunden, heidnisch") war sie in der rassistischen "Artgemeinschaft" aktiv, die seit vielen Jahren vom Hamburger Rechtsaußen und Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger geführt wird. Die wohl älteste der Germanenkultgruppen in der Bundesrepublik bezeichnet sich als "Kampfverband, der um die Möglichkeiten einer artgemäßen Lebensführung seiner Menschen kämpfen muß".
Inzwischen hat die rechte Aktivistin ein weiteres Betätigungsfeld entdeckt, den Esoterikmarkt. Ihr Ex-Ehemann Gerd Rothe vertritt die Firma "Aufwärts-Neues Leben und Lernen GmbH". Zufall oder nicht: Sigrid und Alfred Beyer führen ebenfalls eine Firma namens "Aufwärts".
Überall in Hemmoor und Umgebung lagen auf Ladentheken und an Schaltern Zettel im DIN-A5-Format mit dem Hinweis: "Gratis-Taschenbuch, Erfolg durch Geheimes Wissen". Wer die Bestellkarte an Sigrid und Alfred Beyer schickt, erfährt, daß er "Die universellen Gesetze des Erfolges" und "Esoterische Einweihung" von Helmut J. Ament beim "Pegastar-Institut für modernes Leben S. A." zum Sonderpreis von 1188 Mark beziehen kann.
In Expertenkreisen ist der in der Schweiz lebende Österreicher kein Unbekannter: In Beantwortung zweier parlamentarischer Anfragen aus den Jahren 1995 und 1996 stufte die Bundesregierung ihn unter dem Stichwort "Sogenannte Jugendsekten und Psychogruppen" mit seinem "BEP-Bewußtseinserweiterungsprogramm" als Seelenfänger ein.
Viele Vereinsmitglieder, so der Biologe und Ex-Tauscher Bodo Koppe, seien anfällig für Beyers esoterisch angehauchte Lebenshilfe und die entsprechenden Bücher. Hinzu komme, daß im Tauschring mittlerweile "so ein Korpsgeist" herrsche, "da muckt keiner auf". Koppe war mißtrauisch geworden, als er erfahren hatte, daß die Lehren des Wirtschafts- und Geldreformers Silvio Gesell (1862 bis 1930) ein wichtiger Anstoß für die Gründung des "Tauschrings Oste-Talente" waren. Dessen "Freiwirtschaftslehre", die unter anderem die Abschaffung von Zinsen beinhaltet, sei "antisozial, rassistisch und antidemokratisch".
Anhänger Gesells streben einen vermeintlichen "Dritten Weg - jenseits von Kapitalismus und Kommunismus" an, ein biologistisches Weltbild ist dabei Voraussetzung. Der Natur müsse "die Fortzucht des Menschengeschlechts anvertraut werden", nur dann dürfe "man hoffen, daß mit der Zeit die Menschheit von all dem Minderwertigen erlöst werden wird, mit dem seit Jahrtausenden vom Geld und Vorrecht geleitete Fehlzucht sie belastet hat".
Daß auch bei einem überregionalen Treffen der deutschen Tauschringe in Kassel im April den völlig autarken Initiativen geraten wurde, den "Eindruck einer ideologischen oder politischen Tendenz" zu vermeiden ("etwa sich auf Silvio Gesell zu berufen"), ist für Kenner der Esoterik- und Alternativszene ein Alarmsignal. Insider befürchten, daß nach Unterwanderungsversuchen der Ökologie- und Friedensbewegung sowie der Partei Die Grünen in den siebziger und achtziger Jahren jetzt die Tauschringe zum Agitationsfeld der Freiwirte werden könnten. In der Zeitschrift "Der 3. Weg" der rechtslastigen Freisozialen Union wird das Thema bereits intensiv diskutiert.
Zusammen mit den Aussteigerinnen Susann Reimann und Christiane Wiedemann formulierte Bodo Koppe seine Bedenken gegen die krude Mischung aus rechtsgewirktem Antikapitalismus, Esoterik und Lebenshilfe und trug sie den Mitgliedern des "Tauschrings Oste-Talente" vor. Ergebnis: Er wurde ausgeschlossen. Keiner hat dagegen protestiert. Koppe resigniert: "Die sind wie die Schäfchen."
Von Röpke, , Maegerle und

DER SPIEGEL 46/1997
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