10.11.1997

VATIKANTödliche Menge

Ein neuer Zeuge, geheimnisvolle Hinweise auf einen Mord an Papst Johannes Paul I.: abwegige Verschwörungstheorie oder realistisches Szenario?
Der Mann kam vom Land und predigte Bescheidenheit. Das schien einigen Mitarbeitern im Vatikan von vornherein verdächtig.
Die Herzen der Gläubigen eroberte Albino Luciani indes im Sturm. Kaum war der Arbeitersohn aus dem Veneto am 26. August 1978 zum Stellvertreter Christi gewählt, schaffte er den altertümlichen Tragthron ab, in dem sich seine Vorgänger seit Jahrhunderten hatten befördern lassen. Statt dessen ging Johannes Paul I. lächelnd auf die Leute zu. Katholiken in aller Welt jubelten: endlich ein Papst, der menschelte.
Hinter den Mauern des Vatikans jedoch galt Luciani eher als komischer Kauz aus den Bergen: Unbeholfen sei der Mann gewesen, tuschelten die Prälaten später, "er watschelte plattfüßig wie eine Ente". Schon die tägliche Briefflut im Pontifikat habe den kleinen Italiener überfordert, endlos lange habe er auch gebraucht, um sich ins päpstliche Jahrbuch, den Schaltplan der Macht im Vatikan, einzulesen.
Als Johannes Paul I. dann nach nur 33 Tagen im Amt starb, atmeten einige Monsignori auf. "Der Heilige Geist hat uns da einen guten Dienst erwiesen", ließ sich ein Geistlicher vernehmen, "indem er uns von Luciani befreite, bevor er zu großen Schaden anrichtete."
Der Priester konnte nicht ahnen, welchen Schaden der frühe Tod des Kirchenfürsten dem Ansehen des Vatikans noch zufügen sollte. Selbst heute, 19 Jahre später, verstummen die Gerüchte nicht, Luciani sei ermordet worden - im Gegenteil: Die Staatsanwaltschaft Rom hat jetzt eine neue Untersuchung des spektakulären Todesfalles angeordnet.
Schon mehrfach ermittelten Staatsanwälte in Sachen "Papa Luciani", wie die Italiener ihren Bürgerpapst nannten. Jetzt behauptet ein geheimnisvoller Zeuge, vor Jahren von einem Bekannten Details über den Mord an dem volksfreundlichen Kirchenfürsten erfahren zu haben.
Daß der Mann sich erst jetzt bei den Justizstellen meldete, hat vermutlich mit einer Artikelserie zu tun, die kürzlich in der Tageszeitung "La Padania" erschien: "Papa Luciani, noch immer wird gelogen", betitelte das von der Separatistenpartei Liga Nord herausgegebene Blatt in Mailand seine "Indizien eines Mordes".
Der Leichnam des 65jährigen Johannes Paul I. war kaum erkaltet an jenem Septembermorgen des Jahres 1978, da verwickelten sich Vatikanberichterstatter in Widersprüche. Ähnlich wie bei dem Mord
an John F. Kennedy bleiben Rätsel, die anscheinend nicht zu lösen sind: So verschwanden Brille, Pantoffeln und Papiere des Papstes. Weder der Zeitpunkt noch die Ursache seines Todes stehen bis heute zweifelsfrei fest. Unklar ist überdies, ob die Kurienkardinäle eine heimliche Autopsie anordneten oder ob sie, wie ebenfalls spekuliert wird, gar die Bestatter noch vor dem Arzt zu dem Leichnam riefen.
Im Morgengrauen des 29. September 1978 hatte Schwester Vincenza Taffarel einen Rollwagen mit einem Kännchen Kaffee in die päpstlichen Gemächer geschoben. Als sie den Kaffee eine Viertelstunde später noch unberührt fand, öffnete die Nonne vorsichtig die Schlafzimmertür. Sie fand den Heiligen Vater reglos in den Kissen sitzend, die Augen starr, die Brille auf der Nase, ein paar Papiere in den Händen - der Mann war offensichtlich tot. Das war gegen fünf Uhr am Morgen; zwei Stunden später ließ der Vatikan verlauten, Privatsekretär John Magee habe den toten Pontifex gefunden. Wohl aus Gründen der katholischen Morallehre hatte die Kurie verbergen wollen, daß ein weibliches Wesen das Schlafgemach des obersten Kirchenmannes betreten hatte - damit war die erste Lüge in der Welt, und es sollte nicht die letzte sein.
Der Papst sei abends gegen 23 Uhr an einem akuten Infarkt gestorben, behauptete Radio Vatikan. Die zur Einbalsamierung der sterblichen Hülle gerufenen Leichenbestatter, die Brüder Ernesto und Arnaldo Signoracci, widersprachen: Der Körper sei "noch warm" gewesen, als sie am Morgen in den päpstlichen Gemächern ihr Handwerk begannen.
Bald kamen erste Verschwörungstheorien auf. Danach soll der Papst einem Komplott aus Freimaurern, Mafia-Mitgliedern im Kirchenstaat sowie dem damaligen Chef der Vatikanbank, Erzbischof Paul Marcinkus, zum Opfer gefallen sein. Der Vatikan-Staatssekretär Kardinal Jean Villot persönlich, so konnte man in einem französischen Schlüsselroman lesen, habe den Heiligen Vater mit einer Giftspritze umgebracht.
Noch mehr Aufsehen erregte 1984 ein Buch des britischen Autors David Yallop ("Im Namen Gottes?"). Nach seinen Recherchen soll eine Verschwörung des Kardinals Villot mit Erzbischof Marcinkus, den Bankiers Roberto Calvi und Michele Sindona sowie dem Chef der Geheimloge P 2, Licio Gelli, beim Tod des Papstes im Spiel gewesen sein. In jener Nacht zum 29. September, so Yallops Theorie, hätten Villot oder Marcinkus oder auch beide zusammen dem Papst Digitalis verabreicht. Die Medizin soll den Herzmuskel stärken - in größeren Mengen aber kann das Mittel tödlich sein. Einen Beweis, daß Johannes Paul I. eine womöglich todbringende Dosis im Blut aufwies, mußte Yallop freilich schuldig bleiben - mangels Autopsiebefunds.
Fest steht eines: Das Vergiften von Päpsten hat eine lange Tradition. Schon 882 war Johannes VIII. von seinen eigenen Getreuen ein toxischer Trank verabreicht worden. Der wirkte freilich so langsam, daß die Kirchenbrüder ihren Heiligen Vater sicherheitshalber noch zu Tode prügelten.
Johannes X. wurde durch einen von der Tochter seiner Mätresse gemixten Cocktail ins Jenseits befördert, und Paul II. schied nach dem Genuß von zwei offenbar vergifteten Melonen dahin. Der berüchtigte Borgia-Papst Alexander VI. starb auf ungeklärte Weise: Zwar war auch in seinem Fall von Gift die Rede, naheliegender aber ist, daß ihn die Malaria dahinraffte.
Auch um Pius XI., der 1939 starb, ranken sich Gerüchte. Der 81jährige Papst hatte angeblich eine Ansprache gegen Faschismus und Antisemitismus halten wollen - dann kam eine Behandlung durch den Vatikan-Arzt Francesco Petacci dazwischen. Der Mediziner, Vater der Mussolini-Geliebten Claretta Petacci, setzte dem kranken Pius XI. eine Injektion, am nächsten Morgen war der Nachfolger Petri entschlafen. Von seinem Redetext fand sich keine Zeile. Hat Pius aus politischen Gründen sterben müssen, fragte da mancher.
Im Fall Johannes Paul I. unterstellt Erfolgsautor Yallop ein ähnlich geartetes Mordmotiv. Luciani, so Yallops Behauptung, habe in jener Nacht weder das Buch (wie offiziell behauptet) "Von der Nachfolge Christi" noch alte Redenblätter (wie Zeugen meinen) in der Hand gehalten. Vielmehr sei er eine Liste von Mitgliedern der Geheimloge P 2 im Vatikan durchgegangen, die er am nächsten Tag habe feuern wollen, darunter Kardinal Villot und Marcinkus.
Der Kirchen-Banker war zu jener Zeit in Machenschaften verwickelt, die sich zum größten Finanzskandal in der Vatikangeschichte ausweiten sollten: Geschäfte, die Marcinkus mit dem seinerzeit von Roberto Calvi geführten Banco Ambrosiano in Mailand getätigt hatte, kosteten den Kirchenstaat rund 250 Millionen Dollar. In zwielichtigen Handel mit dem Vatikan war auch der als Finanzberater der Mafia bekannte Michele Sindona verwickelt.
Beiden bekam ihr Tun schlecht: Calvi wurde im Juni 1982 an einem Gerüst unter der Londoner Blackfriars-Brücke tot aufgefunden. Sindona starb im März 1986 nach dem Genuß eines vergifteten Kaffees im Gefängnis.
Für Yallops Theorie vom Papstmord fand der englische Journalist John Cornwell, der einige Jahre später monatelang im Vatikan recherchieren durfte, keinerlei Hinweise. Cornwell vertritt in seinem Buch "Wie ein Dieb in der Nacht" vielmehr die Ansicht, daß Johannes Paul I. einer Lungenembolie erlegen sei. Auch ZDF-Autor Guido Knopp verficht in seiner derzeit laufenden Serie die These von einem natürlichen Tod. Johannes Paul I. sei "zerbrochen an der Kälte seines Amtes".
Staatsanwalt Pietro Saviotti, der die Untersuchungsakten zum Papsttod von 1978 jetzt wieder geöffnet hat, will zu den Bekundungen des geheimnisvollen Zeugen nichts sagen: "Das wäre zu früh." Derweil plädiert Edoardo Luciani, der 79jährige Bruder des verstorbenen Papstes, dafür, "die Toten ruhen zu lassen".
Für ihn ist der wahre Todesgrund seit langem klar. 1977, ein Jahr vor der Papstwahl, habe sein Bruder in Portugal Schwester Lucia getroffen, die letzte noch lebende Zeugin der Marienerscheinungen von Fátima Anfang des Jahrhunderts. Dort hatte die Mutter Gottes Lucia und zwei weiteren Hirtenkindern drei Katastrophen offenbart; der Weltkrieg sei damit gemeint gewesen und der gottlose Kommunismus, sagen die Gläubigen - und rätseln bis heute über den Schrecken Nummer drei.
Albino habe in Fátima lange mit der Erleuchteten gesprochen, erzählt Edoardo, sein Bruder sei "völlig verstört" gewesen. Schwester Lucia habe dem hohen Besucher etwas über seine Zukunft mitgeteilt.
War es, wie Edoardo glaubt, die Ankündigung des vorzeitigen Todes?
* In der Klementinischen Halle des Vatikans.
Von Christiane Kohl und

DER SPIEGEL 46/1997
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