10.11.1997

ZEITGESCHICHTE„Holocaust als Andachtsbild“

Interview mit NS-Expertin Ruth Bettina Birn über Daniel Goldhagens Attacken auf Kritiker
Im März dieses Jahres veröffentlichte die Historikerin Ruth Bettina Birn im "Historical Journal" eine herbe Kritik an Daniel Goldhagens Bestseller "Hitlers willige Vollstrecker". Seitdem wird durch psychologische und juristische Mittel versucht, die anerkannte NS-Expertin, die bei der kanadischen Behörde zur Verfolgung von Kriegsverbrechen in Ottawa arbeitet, an der Äußerung ihrer Einwände zu hindern. Birn, 45, gibt hier erstmals eine persönliche Einschätzung der Vorfälle.
SPIEGEL: Kennen Sie Daniel Goldhagen persönlich?
Birn: Ja, seit elf Jahren. Als ich nach meiner Doktorprüfung Fellow in Boston war, stellte ihn mir jemand als jungen Forscher vor, der plane, in Deutschland zu arbeiten. Ich habe ihn damals auch auf die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg hingewiesen; er wußte von deren Archiv noch gar nichts. Wir waren auch weiter in freundschaftlichem, gutem Kontakt.
SPIEGEL: Dann aber wurde Ihre Rezension, ursprünglich auch von der Zeitschrift "Holocaust and Genocide Studies" bestellt, wegen möglicher Schadensersatz-Forderungen dort abgeblockt. In Großbritannien drohen Goldhagens Anwälte mit einer Beleidigungsklage. Nun teilt Ihnen sogar Ihr Arbeitgeber mit, daß man bei ihm gegen den erneuten Abdruck Ihrer Kritik interveniert habe. Fühlen Sie sich eingeschüchtert?
Birn: Ja sicher, ich fühle mich bedroht. Als der Brief vom Londoner Anwalt kam, war das ein Schock. Erst beim zweiten Durchlesen wurde mir klar, was da stand. Ich hatte solche Methoden zuvor nicht für möglich gehalten.
SPIEGEL: Hat denn Goldhagen vor der Klagedrohung auf Ihre Kritik an seinem dubiosen Umgang mit Quellen wissenschaftlich reagiert?
Birn: In der gleichen Zeitschrift - wie das üblich wäre und ihm auch angeboten wurde - hat er bis heute nicht geantwortet. Ich höre, daß er in den letzten Tagen anderswo eine Erwiderung veröffentlicht hat, in der er mir "glatte Erfindung" und "hetzerischste" Rhetorik vorwirft. Ich finde das traurig, denn ich hatte gerade gehofft, solche Schlammschlacht ließe sich vermeiden.
SPIEGEL: Für Außenstehende zeigt Goldhagen mit der haßerfüllten Polemik Schwäche - wie auch mit seiner giftigen, aber fachlich kaum substantiellen Reaktion auf die Kritik von Norman Finkelstein. Warum nur diese Wut?
Birn: Ich habe selber schon gegrübelt, so ungewöhnlich ist es. Natürlich könnte ein sehr erfahrener PR-Berater oder Anwalt dahinterstecken. Oder es ist nur ein Affekt. Ich weiß es nicht.
SPIEGEL: Kommenden März soll Ihr Aufsatz zusammen mit Norman Finkelsteins Artikel als Buch in New York erscheinen. Schon jetzt aber wendet sich der Jüdische "Forward", eine Zeitung in New York, gegen das angeblich "belastete Buch" und zieht Parallelen zum Auschwitz-Leugner David Irving. Beginnt da eine Kampagne zur Verhinderung des Buches?
Birn: Unser Verlag hat zuweilen angedeutet, daß es gewissen feindseligen Druck gegeben habe - bis zum offenen Plan, das Buch zu verhindern.
SPIEGEL: Sehen Sie hinter all dem eine Strategie am Werk?
Birn: Es gibt ja zwei Felder. Eines ist, seit 1995, die beispiellose Kampagne zur Förderung des Goldhagen-Buches: Die Arbeit eines Debütanten wird zum Großereignis, gleich darauf ist den Zeitungen zu entnehmen, daß für die darin formulierten Meinungen ein Harvard-Lehrstuhl bereitstehe. Das andere sind die Versuche, meine und Norman Finkelsteins Kritik zu ersticken. In beiden Bereichen haben sich aber zumindest teilweise dieselben Leute engagiert.
SPIEGEL: Ist die Kampagne ein Nebengefecht um die jüdische Identität?
Birn: Über das jüdische Selbstverständnis möchte ich als Außenstehende nicht urteilen. Es kommt vielmehr darauf an, in welcher Weise der Völkermord der Nazis historisch begriffen wird, wie man damit umgeht. Jetzt, 50 Jahre später, wo es kaum noch Überlebende gibt, scheint eine Art Verteilungskampf unter den Nachgeborenen eingesetzt zu haben. In diesem Kontext wirkt Goldhagens Buch auf mich wie eine Beschwichtigung.
SPIEGEL: Wie das?
Birn: Alle harten moralischen, persönlichen, auch gesellschaftskritischen Fragen blendet er ja aus. Für das politische Klima in den USA, erheblich weiter rechts als in Europa, ist es zum Beispiel wichtig, daß der Gegensatz von Links und Rechts bei Goldhagen völlig fehlt - als sei die Unterdrückung und Ermordung von Gewerkschaftern oder Sozialisten allenfalls eine Fußnote des Holocaust. Das ist, wie auch die angebliche wundersame Läuterung der Deutschen nach der Nazi-Zeit, ein völlig lebensfernes Bild.
SPIEGEL: Das Buch beschwichtigt also Opfer- wie Täterseite?
Birn: Ja, beide. Es zeichnet, böse gesagt, den Holocaust als Andachtsbild für den reichen nachgeborenen Spender in Amerika, für alle, die Betroffenheit, aber keine Selbstzweifel mehr spüren sollen.
SPIEGEL: Das Gedenken als leeres Ritual - werden Sie diese Kritik an Goldhagen zurücknehmen, wie sein Anwalt es fordert?
Birn: Man kann nicht die Wahrheit zurücknehmen - daran wird auch Druck auf meinen Arbeitgeber nichts ändern. Die wichtigere Frage aber ist: Wie gehen wir in Zukunft miteinander um? Wenn Goldhagen schon in seinem Buch so denunziatorisch wird, daß umsichtige, anerkannte Forscher sich plötzlich als Verdränger und Revisionisten porträtiert finden, ist das für mich zutiefst empörend und unerhört. Und wenn die politische und juristische Einflußnahme, die es hier gegeben hat, Schule macht, dann wäre jede wissenschaftliche Kritik in Gefahr.
Von Saltzwedel und

DER SPIEGEL 46/1997
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