10.11.1997

DIRIGENTENSchrille Töne, üble Gerüchte

Erst ging's ums Geld, dann in die Hose: München düpiert den US-Star James Levine, der Celibidache nachfolgen sollte.
Letzte Woche war Föhn im Voralpenland. Der schafft bekanntlich klare Sicht, und siehe da: Unter weißblauem Himmel erstrahlt München als Musikmetropole mit Klosettdeckelhorizont.
Ihre Stadtpfeifen haben einem der begehrtesten Dirigenten der Welt erst die Hand geküßt und dann vor die Haxen getreten. Die Blamage ist grandios; es lachen nicht nur die Hühner.
Im August 1996, gleich nach dem Tode des Generalmusikdirektors Sergiu Celibidache, begann im Münchner Gasteig der übliche Eiertanz um einen Nachfolger. Würdig, wie das immer so schön heißt, solle er sein, selbstverständlich Weltklasse: Kopflose Klangkörper glauben stets, die Aspiranten würden ihnen die Bude einrennen und sich mit untertänigstem Dank aufs Podium stürzen. War nix.
Anfang dieses Jahres debütierte der Amerikaner James ("Jimmy") Levine bei den verwaisten Philharmonikern. Levine, 54, seit mehr als 30 Jahren im Geschäft, Boß der New Yorker Met, Darling der Plattenmacher und in Bayreuth und Salzburg gefeierter Gast, fand Anklang. Offenbar stimmte die Chemie: Das Orchester mochte ihn, er war nicht abgeneigt.
Es folgte der Auftritt von Ronald Wilford, dem New Yorker Staragenten und Ziehvater Levines. Wilford hat nicht nur die feinste Nase im Gewerbe, sondern auch den richtigen Riecher für den besten Dollarkurs. Fortan wurde gefeilscht. Sofort erklärte SPD-Oberbürgermeister Christian Ude die Angelegenheit zur "Chefsache", was ja nichts anderes als die amtliche Formel für Gemauschel ist.
Im sommerlichen Bayreuth brüteten Ude, sein bei ihm ungeliebter Parteigenosse und Kulturreferent Siegfried Hummel, Wilford und Levine einen Kontrakt aus, "konstruktiv" und "sehr detailliert" (Ude).
Nur das Detail Gage, gerade im Deal um Dirigenten keine Erdnuß, blieb nebulös: 60 000 Mark pro Auftritt, dazu fix eine halbe Million im Jahr, das alles womöglich steuerfrei? Niemand wußte Genaueres.
Aber mit Herbstanfang fielen im Rathaus die Hemmungen, und in einem hochnotpeinlichen Crescendo wuchs sich die Causa Levine zum Oktoberfest aus.
Erst hatte der Stadtkämmerer Magengrimmen. Dann sahen die Grünen rot: Pfeif auf Jimmy, ein Greenhorn sei besser und billiger. Dann dämmerte es auch bei den Schöngeistern unter den Genossen. Es müsse doch nicht unbedingt dieser kostspielige Maestro aus Manhattan sein. Natürlich hatte es nie gemußt. Vielleicht wären die Philharmoniker mit einem jungen Draufgänger, frisch im Geschäft und forsch im Repertoire, besser gefahren, und so ein Spund hätte der Stadt auch nicht so schwer auf den Säckel gedrückt wie der bullige Mister vom Hudson.
Aber in München legen ja nicht nur die Mooshammers Wert auf klingende Namen und glamouröses Prestige. Auch der Stadtrat läßt sich gern blenden: Wenn sich der Sender vor Ort einen Lorin Maazel und das Land Bayern in der Staatsoper einen Zubin Mehta leisten kann, dann, Kruzitürken, müsse auch die Kommune klotzen; also Jimmy. Womöglich schon diese Woche sollte der Vertrag unter Dach und Fach.
Denkste. Letzten Donnerstag verlautbarte die SPD-Stadtratsfraktion, "derzeit" sehe sie "keine Notwendigkeit für einen Vertragsabschluß"; der Maestro komme ja ohnehin erst zur Spielzeit 1999/2000; bis dahin möge er gefälligst die vereinbarten Gastdirigate liefern; dann werde man weitersehen. Damit war der berühmte Levine für zwei Jahre zum Probespiel verdonnert. "Eine Schmierenkomödie der übelsten Art", ereiferte sich die "Süddeutsche Zeitung", Levine gegenüber "feige und frech".
Die ganze Wahrheit ist schlimmer. Daß erst die grünen Kulturpfleger Porzellan zerschlagen und dann die sozialdemokratischen Elefanten den Laden restlos zerdeppern, ist ja nur die lokalpolitische Groteske des Scherbenhaufens, wenn auch peinlich genug. Das dunklere Kapitel der Affäre spielt, hinter vorgehaltener Hand, im Pissoir des stadteigenen Komödienstadls.
Seitdem der Name Levine im Münchner Gerede ist, schnüffeln selbsternannte Sittenwächter unter der Gürtellinie des Dirigenten und streuen ihre unappetitlichen Ondits, feiger noch und frecher als die Holzköpfe im Rathaus ihre Vorbehalte.
Unter dem Siegel konspirativer Recherche animieren sie Journalisten, sich doch einmal im New Yorker Underground umzutun, Codewort: Lebenswandel, Stichwort: lasterhaftes Treiben bis hin zu kriminellen Verfehlungen, Michael Jackson und so. Wenn da was dran wäre ...
Ein paar Monate stinkt so eine Gerüchteküche gen Himmel, dann ist was dran. Plötzlich ist egal, ob Levine zum Celi-Nachfolger taugt. Was der Kandidat kann oder bringt, entscheidet sich nicht mehr auf dem Podium, sondern unter der Bettdecke. Wenn stimme, was gesagt werde, sei Levine - womöglich ein Strolch - in der bayerischen Hauptstadt nicht tragbar. München sei nicht Manhattan. Haltet die Stadt sauber!
Natürlich ist diese trübe Brühe bis ins Rathaus durchgesickert, und das sollte sie wohl auch. Nun ist das Kind im Brunnen, und nie wird rauskommen, ob dieser Reinfall das Werk engstirniger Politiker ist oder - leider wahrscheinlicher - intriganter Schmierfinken.
Levine jedenfalls muß München fallenlassen; Ehrensache. Und die stolze Musikmetropole steht fortan in fiesem Ruch: Wer anderen das Feigenblatt lupft, guckt in die Röhre. Klaus Umbach
* Als Chef der Münchner Philharmoniker 1995.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 46/1997
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