03.11.1997

KINDESMISSBRAUCHWie ein Hexenprozeß

Wie ein Familientherapeut in München Familienväter in Verruf brachte.
Der Adressat des Briefes, den Karl-Heinz Huber* von seiner Tochter erhielt, war nicht mehr "Papa", sondern nur noch der "Herr Vater". Sie möchte "keinen Kontakt" mehr, schrieb die Zwölfjährige im vergangenen November aus dem Heim, darum brauche er sich auch nicht den Kopf über Weihnachtsgeschenke zu zerbrechen. Er könne ja "280 DM für Schulbücher und 90 DM für neue Schuhe" schicken.
Häufig denkt Huber, 54, an die Zeit zurück, als die Familie noch intakt war - als er gemeinsam mit seiner Tochter den Urlaub auf der Nordseeinsel Borkum verbrachte, oder als sie zu dritt - Vater, Mutter, Kind - zum Ausflug nach Freiburg fuhren. Davon hat er noch ein Foto. Es zeigt Sabine* im rosa Kleid, sieben Jahre alt, wie sie, die Arme verschränkt, den Kopf hoch erhoben, herausfordernd in die Kamera blickt.
Doch das ist vorbei. Frau Huber wirft ihrem Mann vor, die gemeinsame Tochter
* Namen von der Redaktion geändert.
sexuell mißbraucht zu haben. Huber hingegen fühlt sich als Opfer einer Kampagne gegen Männergewalt, diffamiert als "Kinderschänder". Seine Frau und "eine Clique übereifriger Enthüller" hätten das Kind mit den Mißbrauchsvorwürfen so lange "verrückt gemacht, bis es selbst daran glaubte". Nie habe er Sabine etwas angetan.
Die vom Gericht beauftragte Sachverständige glaubt dem Mann. Es gebe, heißt es in ihrem Gutachten, "keine Hinweise auf das Vorliegen eines sexuellen Mißbrauchs des Vaters an der Tochter". Allerdings habe "die von der Mutter offen zum Ausdruck gebrachte Ablehnung des Vaters" Sabine "innerpsychisch in starke Konflikte" gebracht. Die könnten dazu geführt haben, daß "sie sich der Haltung der Mutter möglichst genau anschließt".
Hubers Probleme begannen, als er und seine Frau den Familientherapeuten Peter J., 43, im Evangelischen Beratungszentrum in München aufsuchten, um mit ihm über ihre zerrüttete Ehe zu sprechen. Der Ehemann erwartete von den Kirchenleuten Beistand. Statt dessen wurde alles noch viel schlimmer.
Zweimal besuchte das Ehepaar Huber den Therapeuten, dann wurde der Ehemann allein geladen. Der Doktor (J.) begann das Einzelgespräch umständlich. Er habe da einmal einen Patienten gehabt, der Mißbrauch begangen und ihn immer verheimlicht habe. Doch dann habe er alles gestanden und sei sehr erleichtert gewesen.
Huber fiel aus allen Wolken und fühlte sich an Verhöre erinnert, die Manfred Krug als "Tatort"-Kommissar zu führen pflege: "Es war wie bei der Inquisition."
Karl-Heinz Huber ist nicht der einzige, der ins Fadenkreuz des eifrigen Münchner Familientherapeuten geriet und dem die Mitarbeiter des kirchlichen Beratungszentrums sexuellen Mißbrauch am eigenen Kind vorgeworfen haben.
Was die Seelsorger offenbar nicht stutzig machte: Häufig wurden die Vorwürfe des sexuellen Mißbrauchs von Müttern erhoben, wenn sich die Eltern um das Sorgerecht für die Kinder stritten. Nur selten konnten die angeblich mißbrauchten Mädchen konkrete Angaben zu den Vorfällen machen.
Dennoch hatte der forsche Doktor keine Skrupel, "psychologische Stellungnahmen" abzuliefern. Im Fall der fünfjährigen Tochter des Verhaltensforschers Christian Adler, 51, aus Gilching bei München verfertigte er seine Expertise, ohne das Kind oder den Vater jemals gesehen zu haben.
Adlers philippinische Ehefrau hatte den Verdacht des sexuellen Mißbrauchs gegen ihren Mann in dem Moment geäußert, als der Richter auf Empfehlung eines Sachverständigen das alleinige Sorgerecht für die Tochter auf den Vater übertragen wollte. Im Gerichtssaal äußerte sie urplötzlich die Vermutung, ihr Mann habe sich an dem Kind vergangen. Ein unabhängiger Gutachter ist zu dem Schluß gekommen, daß das Kind "nicht, auch nicht vom Vater, mißbraucht wurde".
Ein Fall für Peter J.. Er ließ sich von der Mutter berichten, was die Tochter angeblich erzählt habe, und begutachtete zwei Zeichnungen, die das Mädchen angefertigt haben sollte. Daraus schloß J., das Mädchen sei "mit Wahrscheinlichkeit sexuell mißbraucht worden". Auf den Blättern entdeckte er "eindeutig jeweils einen Phallus in unterschiedlicher Perspektive".
Er war der einzige, der einen Penis sah. Das Kind selbst erklärte später sein Bild: Es sollte ein Mädchen zeigen, einen Kopf mit langen Haaren, den Rücken, einen schlanken Hals und einen Schleier. J. riet "zur vorläufigen Aussetzung der Kontakte mit dem Vater".
Adler hat sich jahrzehntelang mit den Lebensgewohnheiten der Menschen in der Arktis, in Südostasien und in Schwarzafrika befaßt. Doch seit Jahren ist er nur noch mit seinem eigenen Fall beschäftigt. Diverse Aktenordner mit Gutachten und Stellungnahmen füllen seine Regale, auf dem Schreibtisch türmen sich Bücher über Inzest und Rechtsliteratur. Adler kämpft um seine Tochter.
Insgesamt sechs verschiedene Gutachten wurden mittlerweile angefertigt. Sie alle entlasten den Mann. Zuletzt hatte er sich sogar bei Professor Udo Undeutsch in Köln einem Lügendetektortest unterzogen. Auch Undeutsch erkannte, "daß der gegen Herrn Dr. Adler vorgebrachte Verdacht des sexuellen Mißbrauchs seiner Tochter unbegründet ist".
"Doch irgend etwas bleibt immer hängen", weiß Christian Adler. Seit einiger Zeit ist der Ethnologe arbeitslos. "Den letzten Job habe ich nicht bekommen, weil da der Verdacht des Mißbrauchs noch nicht ausgeräumt war."
Auch die Richter schenkten den Behauptungen der Mutter und des Therapeuten J. keinen Glauben. Dennoch erhielt sie das Sorgerecht. Begründung des Gerichts: Das entspreche am ehesten dem Kindeswohl. Adler darf seine Tochter lediglich alle zwei Wochen sehen, - obwohl die immer wieder den Wunsch geäußert hatte, sie wolle beim Vater bleiben.
Gegen die Richter hat Adler inzwischen Strafanzeige erstattet. Genauso wie gegen Peter J.. Doch das Verfahren gegen den Therapeuten wurde im Mai eingestellt. Schließlich habe nicht J. selbst den Vorwurf des Mißbrauchs erhoben, er habe lediglich den Bericht der Mutter interpretiert.
Eine Prozedur haben J. und seine Mitarbeiter Adler immerhin erspart: die "HelferInnenkonferenz". Peter Gerlach*, 58, wurde der Tortur ausgesetzt. "Das Treffen", sagt er, "erinnerte mich an einen Hexenprozeß."
Was der Doktor, laut Auskunft des Kreisdekans Martin Bogdahn "klinischer Psychologe, Gesprächs-Psychotherapeut und Familientherapeut", darunter versteht, erfuhr Gerlach erst vor Ort.
Er sei in einen kahlen Raum geführt worden und habe sich auf einen Stuhl setzen müssen. Vor ihm J. und seine Mitarbeiterin Pia B. als "Ankläger", neben ihm eine Frau vom Jugendamt. Dann hätten die "Aufdecker" Gerlachs 15jährige Tochter in das Zimmer geführt, sie so zwischen Vater und Tür gestellt, daß kein Blickkontakt zwischen den beiden bestanden habe, und ihre Vorwürfe verlesen.
Er habe das Kind zum erstenmal sexuell belästigt, als es fünf Jahre alt war und damit aufgehört, als es elf Jahre alt wurde. Zuletzt habe er zu dem Mädchen gesagt: "Du bist schon eine richtige Frau geworden." Man gebe Gerlach jetzt die Chance, sich therapieren zu lassen. Das könne ihm helfen, "alles einzugestehen".
Auch Gerlach hatte geglaubt, von den vermeintlichen Familientherapeuten Hilfe für seine familiären Probleme zu bekommen. Seine amerikanische Frau hatte die Scheidung eingereicht.
Das Familiengericht ordnete eine sorgfältige Prüfung der Vorwürfe an. Doch auch im Fall Gerlach konnte die mit dem Gutachten beauftragte Diplompsychologin keine ernstzunehmenden Hinweise auf einen Mißbrauch feststellen. Die Aussagen des Mädchens "zu den fraglichen Geschehnissen" seien "außerordentlich detailarm": Es sei der Tochter nicht gelungen, "wenigstens einige Vorfälle zuverlässig voneinander getrennt zu erinnern bzw. zu berichten".
Was das Mädchen erzähle, so die Gutachterin, erinnere stark an Situationen, die in dem Jugendbuch "Gute Nacht, Zuckerpüppchen" beschrieben werden.
Wie Gerlachs Tochter scheint auch Sabine Huber mittlerweile wirklich zu glauben, sie sei als Kind sexuell mißbraucht worden. Der Vater habe sie einmal "irgendwie am Oberschenkel angefaßt" und "komisch umarmt", erzählte sie der Psychologin. Was für eine Umarmung denn das gewesen sei, wurde sie gefragt. "Ja, so wie die Väter halt ihre Kinder immer umarmen."
Sabine lebt mittlerweile im Heim. Sie hat sich abgekapselt und will weder Vater noch Mutter sehen.
Peter J. ist nicht mehr zu sprechen. Nach elf Jahren hat er im Evangelischen Beratungszentrum gekündigt und sich nach England abgesetzt. In München, ließ er seinen Arbeitgeber wissen, würden sich ständig Väter über seine Arbeit beschweren. Das letzte Jahr habe er als "sehr gewalttätig empfunden". So könne er nicht mehr in Ruhe arbeiten.
* Namen von der Redaktion geändert.
Von Thielke und

DER SPIEGEL 45/1997
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