03.11.1997

„Ich wollte nie weg aus Tibet“

Heinrich Harrer über sein Buch „Sieben Jahre in Tibet“ und dessen Verfilmung durch Jean-Jacques Annaud, über die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand und seine Verstrickung in den Nationalsozialismus
SPIEGEL: Herr Harrer, viereinhalb Jahrzehnte nach der Veröffentlichung Ihres Buches "Sieben Jahre in Tibet" kommt nun die Hollywood-Version des Stoffs ins Kino. Macht Sie das stolz?
Harrer: Stolz ist das falsche Wort, aber es freut mich. Natürlich ist das etwas Besonderes, wenn ein Teil des eigenen Lebens verfilmt wird. Aber es geht in dem Film weniger um mich oder um Peter Aufschnaiter, mit dem zusammen ich dort war, als um Tibet. Das ist das Anliegen: diese Kultur ins Rampenlicht zu bringen und ihre Zerstörung durch die chinesische Besatzung.
SPIEGEL: Sie haben sieben Jahre in Tibet gelebt, nachdem Sie 1944 aus einem britischen Internierungslager in Indien geflohen waren. Die Engländer hatten Sie bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Karatschi gefangengenommen, als Sie sich mit einer "großdeutschen" Nanga-Parbat-Expedition auf dem Rückweg nach Deutschland befanden. Über Ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus gab es in den vergangenen Monaten Enthüllungen, derentwegen sogar der Film noch mal leicht geändert wurde: Der "Stern" legte Dokumente vor, wonach Sie bereits 1933, als 21jähriger, der SA beigetreten sind.
Harrer: Das stimmt nicht. Ich bin nie bei der SA gewesen. Aber ich habe 1938, um schneller die Genehmigung für die Heirat mit Lotte Wegener, der Tochter des Grönlandforschers Alfred Wegener, zu bekommen, ein Papier unterschrieben, das eine alte Mitgliedschaft dokumentieren sollte. Tatsächlich bin ich nie Mitglied in der SA gewesen. Allerdings habe ich mich 1938 um die Mitgliedschaft in der NSDAP beworben, um meinen Beruf als Sport- und Geographielehrer im Gymnasium ausüben zu können. Das Parteibuch habe ich aber nie erhalten, da ich im Mai 1939 zum Nanga Parbat fuhr.
SPIEGEL: Und Ihre Mitgliedschaft in der SS seit 1938? Auch die ist dokumentiert.
Harrer: Ich wurde 1938 Mitglied der SS. Zu dieser Zeit war ich Trainer der österreichischen Damen-Ski-Nationalmannschaft für Abfahrtslauf und Slalom. Aus diesem Grund wurde ich in die SS als Scharführer aufgenommen, um die steirische SS-Skimannschaft zu trainieren. Tatsächlich habe ich nie eine einzige Stunde in dieser Funktion gegeben.
SPIEGEL: Haben Sie nie die Pflicht zu öffentlicher Reue empfunden?
Harrer: Man geht doch nicht hausieren damit, daß man einmal einen solchen Fehler und eine solche Blödheit begangen hat. Ich bin ja entnazifiziert worden, und da lag ein Foto von der Hochzeit auf dem Tisch, bei der ich SS-Uniform trug. Und ich hab'' ja eingesehen, daß das einer der großen Irrtümer in meinem Leben war. Die Wahrheit ist, daß ich ein junger armer Schlucker aus Kärnten war, der sich als Abenteurer und Forscher verwirklichen wollte. Ich wollte, daß man auf mich aufmerksam wird. Und als Heckmair, Vörg, Kasparek und ich dann 1938 zu viert die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand in Angriff nahmen, da ahnte ich schon: Wenn wir das schaffen würden, dann können die für die Nanga-Parbat-Expedition nicht an mir vorbei. Aber es ist absoluter Unsinn, daß wir die Eiger-Nordwand für die Nazis bestiegen haben. Wir haben das gemacht, weil das eine Herausforderung war, weil wir von all den Unglücken an dieser Wand gelernt hatten und weil wir uns sicher waren, daß wir es schaffen würden. Und es ist ja auch Unsinn zu sagen, wir hätten die Eiger-Nordwand erobert: Es hat noch keiner einen Berg besiegt oder erobert.
SPIEGEL: Tatsache ist, daß dieser Erfolg einer deutsch-österreichischen Seilschaft so kurz nach dem "Anschluß" Österreichs von der nationalsozialistischen Propaganda ausgeschlachtet wurde - und Adolf Hitler Sie beim Sportfest in Breslau empfangen hat.
Harrer: Gut, das war schon so. Das war doch ein gefundenes Fressen. Da machen zwei Österreicher und zwei Deutsche die schwerste Wand der Welt, und irgendwer schreibt dann auch noch, sie haben die Hitler-Fahne errichtet. Aber das alles ist einfach hirnrissig, "ein Schmarrn", wie der Heckmair immer sagte. Wir haben das nicht für einen politischen Zweck getan. Wir wurden von Hitler empfangen, das war alles. Wir wurden dann noch ein paar Tage zu einer Fjord-Fahrt nach Norwegen eingeladen. Aber wir haben weder Orden bekommen noch Geld, wie immer wieder behauptet wurde.
SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie nach dem Krieg in Lhasa von den Briten mit den Verbrechen der Nationalsozialisten konfrontiert wurden.
Harrer: Ja, das war grausam zu sehen. Die englische Botschaft hat den Tibetern die "London Illustrated News" geschickt, wohl mit dem Hinweis, sie uns zu zeigen. Da haben Peter Aufschnaiter und ich zum erstenmal die Bilder von der Judenverfolgung gesehen. Natürlich war das schrecklich, aber in dieser Zeit hatten wir ja dort wie Tibeter gelebt, und so wie die Tibeter uns nie so etwas zugetraut hätten, hatten auch wir das Gefühl, so schockierend wie es war, daß das mit uns nichts zu tun hat.
SPIEGEL: Im Internierungslager der Briten lebten Sie vergleichsweise komfortabel. Was war der Grund, daß Sie fünf Ausbruchsversuche machten?
Harrer: Als unser Lager aus Westindien, aus der Nähe von Poona, in die Vorberge des Himalaja verlegt wurde, da war das für mich als Geograph und Bergsteiger wie eine Aufforderung, von dort nach Tibet zu flüchten. Es gab ja schon damals die Faszination dieses Wortes Tibet; dieses Land, von dem es hieß, daß dort ein Gottkönig regiert und die Mönche durch die Luft fliegen. Schon als Bub hatte ich die Bücher von Sven Hedin gelesen, in denen er von seinen Tibetreisen berichtete; einmal, als Geographiestudent in Graz, hatte ich Hedin auch bei einem Vortrag erlebt - das war doch klar, daß man in dieses Land wollte.
SPIEGEL: Warum glückte die Flucht erst beim fünftenmal?
Harrer: Natürlich mußte man Glück haben, aber vor allem einen idealen Partner. Bei der letzten Flucht waren wir anfangs sieben, und übriggeblieben sind nur Aufschnaiter und ich. Bei den anderen war die Motivation nicht groß genug. Für mich war es das Risiko schon wert, ein paar Wochen im Himalaja zu sein, durch die Rhododendron-Wälder zu gehen. Und dann gab es Primeln, die 60 oder 80 Zentimeter groß waren. Das war die Beschwernis wert, auch wenn man wieder gefangengenommen wurde. Aber man mußte schon Interesse haben. Wissen Sie, wenn Sie nur heimwollen zur Frau und den Kindern, dann ist das nicht genug. Man muß bei so einer Flucht Interesse mitbringen für die Natur, für Steine, für die Wolken, für das Wetter. Aufschnaiter war da ideal. Er hat jeden Gipfel mit einem Kompaß vermessen. Ich habe gezeichnet, nach dem Vorbild von Sven Hedin.
SPIEGEL: Bedeutet Ihre Art von Abenteurergeist, daß man sich - egal ob in der Eiger-Nordwand oder in den Weiten Tibets - über ein mögliches Scheitern keine Gedanken macht?
Harrer: Darüber denkt man keine Sekunde nach. Ich wäre ja blöd, etwas zu machen, von dem ich befürchten muß, dabei zu sterben. Der Gedanke kommt einem gar nicht.
SPIEGEL: Bevor Aufschnaiter und Sie endlich nach Lhasa kamen, irrten Sie fast zwei Jahre lang durch Tibet und marschierten zeitweise bei minus 40 Grad durchs Land. Gab es Momente, wo Sie aufgeben wollten?
Harrer: Einen Tag werde ich nie vergessen. Wir hatten gerade den Transhimalaja überquert und waren am Ende unserer Kräfte. Da waren Sümpfe, die nur an der Oberfläche zugefroren waren, und wir sind beide durch die Eisfläche eingebrochen. Es hatte 30 oder 40 Grad unter null, und wir hatten nichts Trockenes zum Anziehen und kein zweites Paar Schuhe. Da haben wir dann am Abend blaue Füße gehabt, und langsam wurden sie gelb und braun. An diesem Abend haben wir gesagt: "Jetzt geben wir auf." Wir hätten uns ja nur als Fremde ohne Aufenthaltserlaubnis zu erkennen geben müssen, und schon hätten wir Feuerungsmaterial, Verpflegung, einen Diener und ein Pferd zum Reiten bekommen - so wurde man dann zur Grenze geleitet. Aber wir wollten ja nicht raus aus dem Land, sondern nach Lhasa, in die Verbotene Stadt. In der Früh hat keiner von uns beiden ein Wort gesagt. Ich habe den Jak beladen und versucht, ein Feuer zu machen mit Jakmist. Das war eine langwierige Sache, für die man in der Höhe von 5000 bis 6000 Meter einen Blasebalg brauchte, soviel Puste hat man ja nicht. Als das Feuer dann zu Glühen begonnen hat, habe ich Tee gekocht - und dann sind wir aufgebrochen und weitergegangen. Also, es gab solche Momente auf dem Weg nach Lhasa, in der Stadt selber haben wir dann nie an eine Rückkehr gedacht. Da hat jeder von uns seine Arbeit gemacht.
SPIEGEL: Ihr Bericht über die sieben Jahre in Tibet spart die Beziehung zwischen Aufschnaiter und Ihnen nahezu aus. Gab es in all den Jahren nicht Zeiten, in denen Sie sich ein bißchen auf die Nerven gingen?
Harrer: Aufschnaiter war ja sehr introvertiert. Ich war mit ihm alles in allem 13 Jahre zusammen, manchmal eng - auf der Flucht haben wir oft Rücken an Rücken geschlafen, um nicht zu erfrieren. Er war älter, und dadurch war er auch erfahrener in gewissen Sachen. Aber in manchen Dingen war ich geschickter, zum Beispiel beim Feuermachen. Trotzdem: Ich habe ihn sehr respektiert. Das Interessante ist ja, daß wir die ganzen Jahre im Gefangenlager und in Tibet per Sie miteinander blieben.
SPIEGEL: Warum denn das?
Harrer: Erst 20 Jahre nach unserer Rückkehr aus Tibet, kurz vor seinem Tod 1972, hat Aufschnaiter mir das Du angeboten. Er kam, wie schon öfter zuvor, zum Urlaub nach Österreich und wollte wieder mal in den Wilden Kaiser gehen, da war er nämlich vor dem Krieg einmal abgestürzt und hatte sich den Knöchel gebrochen. Und als wir an diesem wunderschönen Tag die Tour über den Kopftörlgrat gemacht haben, da hat er gesagt: "Sind wir per du?" Das war keine Zeremonie, gar nix, das war einfach so.
SPIEGEL: Als Aufschnaiter und Sie damals in Lhasa ankamen, wurden Sie Zeugen des Wandels vom Mittelalter in die Gegenwart. Inwiefern haben Sie diesen Wandel mitverursacht?
Harrer: Natürlich waren wir erst mal Eindringlinge unter Menschen, die eigentlich in Ruhe gelassen werden wollten. Aber zugleich haben wir auch nützliche westliche Errungenschaften nach Tibet gebracht - die nicht die Kultur der Tibeter zerstört haben, wie es später die Chinesen getan haben. Zum Beispiel hat Aufschnaiter den Tibetern beigebracht, wie man einen Kanal baut: daß man nicht einfach eine Rinne gräbt, in der das Wasser allmählich versickert. So haben wir die ersten Aufforstungen gemacht, mit schnellwachsenden Hölzern, Weiden und Pappeln. Und Aufschnaiter hat als Landwirtschaftsingenieur gewußt, wie man die Ernte vervielfacht.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich davor geschützt, irgendwelche Tabus zu verletzen?
Harrer: Wir haben nie etwas getan, was von den Mönchen nicht gewünscht war. Ich habe zum Beispiel nie die Leichenaufschlitzer fotografiert - die ja in der gängigen Berichterstattung anderer Reisender eine große Rolle spielten. Dort hieß es immer: "Die Tibeter waschen sich nicht. Die Leichen werden aufgeschnitten und an die Vögel verfüttert. Es gibt Polygamie und Polyandrie." Die haben fast alle völlig übersehen, daß da eine 2000 Jahre alte Kultur war, die zu schildern gewesen wäre. Das hat die Tibeter natürlich mißtrauisch und böse gemacht.
SPIEGEL: Ihrem Buch zufolge haben Aufschnaiter und Sie sich darauf eingerichtet, für Ihr ganzes Leben in Tibet zu bleiben.
Harrer: Ja, wir wären nie weggegangen. Wir waren da Hansdampf in allen Gassen. Immer, wenn westliche Ideen zu verwirklichen waren, konnten wir helfen. Ich habe zum Beispiel beim Häuserbau mitgeholfen. Der Aufschnaiter hat sogar angefangen, ein E-Werk zu bauen. Schauen Sie, man war dort jemand. Was immer wir getan haben, man hat uns gewisse Bewunderung entgegengebracht. Wir waren gern gesehen. In Europa wären wir nur winzige Rädchen in einem riesigen Maschinenunternehmen gewesen. Außerdem haben wir im stillen immer noch gehofft, daß wir mal längere Zeit von Lhasa weggehen können.
SPIEGEL: Das wurde Ihnen verwehrt. Dafür sind Sie bald dem Dalai Lama als damals elfjährigem Jungen begegnet.
Harrer: Da muß ich gleich sagen, daß ich nie sein Lehrer gewesen bin, wie behauptet wurde. Der Dalai Lama war ja damals im Grunde ein armer Bub, der abgeschnitten von den anderen oben im Potala, im Palast, lebte. Der hatte keine Spielgefährten, nur seine Brüder durften ihn besuchen. Aber er hatte einen Feldstecher, mit dem er vom Potala aus zuschaute, wie wir da unten herumtollten und schwimmen gingen im Fluß und Ball spielten. Der Dalai Lama, so erzählte er später, hat uns um unser freies Leben beneidet. Wenn er nicht der Dalai Lama gewesen wäre, wäre er wahrscheinlich auch ein Lausbub wie wir gewesen.
SPIEGEL: Nachdem Sie ihn kennengelernt hatten, durften Sie mehr und mehr Zeit mit ihm verbringen.
Harrer: Wir haben zusammen gelernt, Geographie und ein bißchen Fotografieren, und er hat Uhren zerlegt, weil er schon immer das Innere der Dinge kennenlernen wollte. Dann habe ich ihm das Kino gebaut, wo ich zuerst ganz streng in einem getrennten Raum saß, weil ich gedacht habe, der Dalai Lama muß ganz allein sitzen mit seinem Lehrer und ich muß hinten den Projektor bedienen. Dann saßen wir doch zusammen auf dem Boden. Es war für uns beide eine unvergeßliche Zeit.
SPIEGEL: Welche Filme haben Sie sich angesehen?
Harrer: Besonders verehrt hat der Dalai Lama den General MacArthur - von dem hatten wir einen Kurzfilm, der ihn zeigte, als die Japaner ihre Kapitulation unterzeichneten. Und dann sahen wir "Henry IV.", dort wird jenes Wort gesprochen, das für das Leben des Dalai Lamas noch soviel Bedeutung haben sollte: "Uneasy lies the head that wears a crown."
SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie Ihr Leben in Tibet, Feste und Einladungen, Ausflüge und Begegnungen - nur auf eine Liebesgeschichte wartet der Leser vergeblich.
Harrer: Na ja, da war ja keine. Sicher haben mir einige dieser Mädchen in Tibet gefallen, und hin und wieder haben mich unsere Gastgeber gefragt: "Warum nimmst du dir nicht eine?" Aber in Lhasa gab es nun einmal Polygamie und Polyandrie, da hatten drei Frauen einen Mann oder umgekehrt. Geschlechtskrankheiten waren so verbreitet, daß sich die Tibeter gewundert haben, wenn man sie danach gefragt hat - weil jeder sie hatte. Und ich war, schon durch meine Erziehung, aufgewachsen in der Angst vor Geschlechtskrankheiten. Diese Angst war der Hauptgrund für meine Enthaltsamkeit.
SPIEGEL: Ist auch die Liebesgeschichte zwischen Aufschnaiter und einer Tibeterin, die im Film eine wichtige Rolle spielt, eine Drehbuch-Fiktion?
Harrer: Ja, die ist erfunden, aber sehr nett, wie ich finde,
SPIEGEL: Sie haben wirklich 13 Jahre lang enthaltsam gelebt?
Harrer: Sicher, das war sehr schwer. Natürlich hatte ich manchmal Sehnsucht nach einer Frau, und ich habe auch geliebäugelt mit dem Gedanken, jemanden aus Europa einzuladen. Aber als das dann ein bißchen aktueller wurde, da kamen schon die Drohungen der Chinesen.
SPIEGEL: Während der chinesischen Invasion Tibets, die im Oktober 1950 begann, flohen Sie gemeinsam mit dem Dalai Lama aus Lhasa - und Sie bedauerten, daß sich die Tibeter nicht heftiger zur Wehr setzten.
Harrer: Freilich. Sie haben gedacht, Gebetsübungen, Orakel und Gebetsmühlen genügen, wie sie bis dahin immer genügt hatten. Bis fast auf den Tag genau habe ich die Invasion vorausgesagt. Alle meinten, daß die Chinesen niemals im Winter einmarschieren würden, aber ich wußte, daß sie genau das Gegenteil dessen tun würden, was die ganze Welt erwartete. Und sie kamen im Winter, weil da die Flüsse ohne Wasser sind und die Sümpfe zugefroren.
SPIEGEL: Während der Dalai Lama sich bald entschloß, nach Lhasa zurückzukehren, flohen Sie weiter bis nach Indien und blieben erst mal dort. Stimmt es, daß Sie in Indien Pläne schmiedeten, den Dalai Lama aus dem Gewahrsam der Chinesen zu befreien?
Harrer: Das wurde erst vorvergangenes Jahr bekannt, als die Amerikaner nach 40 Jahren die Geheimdienstakten freigaben. Ich hatte in Indien einen Piloten kennengelernt, der schon im Koreakrieg geflogen war und nun als Privatpilot für einen steinreichen Maharadscha arbeitete. Da kam mir die Idee, den Dalai Lama mit dem Flugzeug aus Lhasa herauszuholen. Es hätte im Hochland von Tibet Plätze gegeben, wo man hätte landen können. Aber es wurde nichts daraus, weil mein Aufenthalt in Indien nicht verlängert wurde.
SPIEGEL: Ist das fast widerstandslose Zurückweichen der Tibeter vor der Invasion der Grund, daß Sie dem Buddhismus bis heute distanziert gegenüberstehen?
Harrer: Daß meine Warnungen nichts genutzt haben, war einer der Gründe. Der andere war, daß ich immer skeptisch war, ob die Europäer mit dem Buddhismus wirklich etwas anfangen können. Sehen Sie, Yoga zu betreiben und zu meditieren, das ist eine gute Übung; ein Europäer kann jedoch niemals erwarten, daß er diese geistige Erleuchtung bekommt, weil er auf dem Kopf steht und sich die Gliedmaßen verrenkt im Yogasitz. Aber im Grunde soll jeder machen, was ihm Spaß macht: Aberglaube ist die Poesie des Lebens. Die Suche nach etwas Mystischem, Übernatürlichem ist ganz natürlich. Ich will niemanden enttäuschen, daher gehe ich niemandem predigen. Der größte Fehler der Europäer und der Amerikaner ist, daß sie als Tourist durch die Welt reisen und glauben, unsere Moral und Ethik sei die einzige, die zählt.
SPIEGEL: Sie haben sich wiederholt gegen die Okkupation Tibets engagiert. Wie realistisch ist die Hoffnung, daß China das besetzte Tibet, wo die Chinesen ja eine aggressive Siedlungspolitik betreiben, je wieder in die Freiheit entlassen wird?
Harrer: Ich halte es da mit dem Dalai Lama. Man muß den Glauben aufrechterhalten. "Hope against hope" heißt es so schön. Auch wenn das Bluffen der Chinesen noch so erfolgreich ist; jeder will ja heute mit dieser Milliarde Menschen Geschäfte machen, die Menschenrechte zählen da überhaupt nichts mehr.
SPIEGEL: Und nun hoffen Sie darauf, daß die Verfilmung von "Sieben Jahre in Tibet" dem Anliegen der Tibeter weltweit größere Resonanz verschafft?
Harrer: Wissen Sie, die Faszination für dieses Land war ja immer da. Heute reisen Zehntausende von Touristen dorthin, ich selbst war 1982 noch einmal dort. Und obwohl heute in Lhasa geschminkte Mädchen wie die Hula-Mädchen auf Hawaii tanzen, obwohl die Fremden im Holiday Inn wohnen und die ganze Stadt voll ist von chinesischen Spitzeln - die Faszination wird immer bleiben. Da können sie noch soviel Kultur zerstören: Die Berge und der Potala, das schönste Gebäude der Welt, die bleiben erhalten. Wenn die Tibeter alles verlieren, die ganze 2000 Jahre alte Kultur, wird dennoch der Potala allein ein Beweis dafür sein, daß das ein unglaublich kultiviertes, hochstehendes Volk gewesen ist.
SPIEGEL: Sie haben nach Ihrer Rückkehr nach Europa zahlreiche Bücher veröffentlicht, bald andere Kontinente bereist und darüber fürs Fernsehen Filme gedreht. Die "Frankfurter Allgemeine" nannte Sie einmal den "letzten Abenteurer von wissenschaftlichem Rang". Wo würden Sie heute hinfahren?
Harrer: Nirgendwohin, ich bin 85.
SPIEGEL: Und wenn Sie noch einmal jung wären?
Harrer: Ich glaube ja nicht an die Wiedergeburt. Aber wenn schon, dann wäre eine Wiedergeburt als Lämmergeier nicht schlecht. Wenn man beim Bergsteigen so einem Vogel zusieht, wie er sich in Sekunden über Täler und Berge schwingt, wo unsereiner Tage und Wochen laufen muß - das ist schon unglaublich.
SPIEGEL: Herr Harrer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Beim Empfang für die Erstbesteiger der Eiger-Nordwand 1938 in Breslau, mit Harrers Kollegen Andreas Heckmair, Fritz Kasparek und Ludwig Vörg. Das Gespräch führten die Redakteure Anke Dürr und Wolfgang Höbel. * Im Tal das 1992 eröffnete Heinrich-Harrer-Museum.
Von Anke Dürr und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 45/1997
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