03.11.1997

FERNSEHENSchimi an Thanners Grab

Wenn ein TV-Mythos in die Jahre kommt: Nach langer Pause kehrt Schauspieler Götz George mit drei neuen Filmen in der Rolle des legendären Duisburger Anarchopolizisten Schimanski auf den Bildschirm zurück. Ist der Schlägerbulle gereift? Von Nikolaus von Festenberg
Thanner ist tot, einen Parka haben die Motten gefressen, und Currywurst mit viel Duisburg und Fritten war gestern. Aber sonst geht es ihm danke: Sein Blut ist immer noch rot, seine Rechte schnell und "Scheiße" das Wort für alle Fälle. Der verschollene Kommissar Schimanski, alias Götz George, taucht wieder im Ersten auf, und wenn das Publikum ihn jetzt nach sechs Jahren in alter Frische sieht, könnte es sich fragen: War er überhaupt weg?
Auf den ersten Blick scheint sich nichts geändert zu haben. George, trotz zerfleischtem Bein und zerfleischter Beziehung - ganz der alte. Der Body hart wie Thyssen-Stahl, das Auge blau wie die Ruhr und die Sprache vernuschelt wie die eines Malochers am Hochofen: Daß er den Massenmörder Haarmann gespielt hat oder einen nervösen Kulturbetriebs-Narziß in Helmut Dietls Kinoerfolg "Rossini" - man merkt es nicht.
Auf dem Mannsbild Schimi liegt in den neuen Episoden kein Firnis. Wie elektronisch aus den Szenen der 29 alten Filme geklont steht er da, grinst wie früher, kloppt wie früher, stottert wie früher. Das Medium Fernsehen, bleibt man beim Betrachten der Oberfläche, erfüllt seinen Fluch, den es als Segen verkauft: Die Zeit steht still. Die Bilder von gestern sehen aus wie die von heute. Das Neue implodiert ins Alte, die Historie wird ihre eigene Zukunft. Tod, wo ist dein Stachel, Vergänglichkeit, wo ist dein Sieg?
Doch seriöses Fernsehen will - wo es sich noch nicht in gottferne Göttlichkeit einer delirierenden Clip-Maschine aufgelöst hat - mehr sein als ein beliebiger Bilderreigen. Es will Geschichten erzählen, Mythen schaffen, Zeitgefühl festhalten.
Keine TV-Reihe hat die Deutungskünste der Kulturauguren mehr herausgefordert als die mit der Figur Schimi. Über kaum jemanden haben sich Oberlehrer, besorgte Feministinnen und leibhaftige Kriminalbeamte mehr aufgeregt als über den Rüpel aus Duisburg. Doch das Publikum schlug ihn nicht nur, es küßte ihn auch. Es erhob den Wüterich zur Kultfigur, zum ersten Kumpel an der Ruhr, zum Rächer der Erfolglosen.
Im Fernsehmythos Horst Schimanski konnte sich die alte Bundesrepublik, konnten sich vor allem die in ihr lebenden Kerle mit all ihren geheimen Wünschen widerspiegeln. Deshalb handelt es sich bei der Fortsetzung nicht bloß um eine gleichgültige Emission der Recycling-Anlage Fernsehen*. Die drei von sechs geplanten neuen Episoden geben vor allem den Männern mittlerer Jahrgänge Anlaß zu seelischer Einkehr: Werden wir etwa älter? Müssen wir uns - jetzt, da wir erst die 50 überschritten haben - etwa aus der Pubertät verabschieden? Droht Reife?
Der flüchtige Blick auf den Helden signalisiert keine Gefahr. Auch in den neuen Episoden verweigert der Schnauzbart, was Frauen wünschen und der ewige Junge im Mann haßt: das verbindliche Wort wider die eigene Unverbindlichkeit.
Dabei hätte es so schön werden können mit Schimi und dem Weibe. In der Episode namens "Die Schwadron" (Buch: Matthias Seelig), Auftakt an diesem Sonntag, umweht den Macho ein Hauch wahrhaft faustischer Weisheit: Vom Dienst suspendiert, fern von Duisburg auf einem Schiff an belgischen Gewässern, tut er Gutes, bringt Jugendlichen das Boxen bei und weiß eine wallonische Beauty sein eigen.
Doch dann treibt ihn die Freundespflicht, den Tod seines Kameraden Thanner zu rächen, aus belgischem Retiro zu Kripo-
Diensten an Rhein und Ruhr. Was da noch
als unabweisbare Männerminne am toten Kumpan frauenpolitisch durchgehen mag, wird in Folge zwei ("Blutsbrüder") feministisch gesehen unhaltbar: Den Auftrag, einen Wirtschaftsverbrecher aus belgischem Knast in deutsches Gewahrsam zu überstellen, nimmt Schimi ohne äußere und innere Not an.
Die Rothaarige an seiner Seite durchschaut das Spiel des Abenteuersüchtigen und - der Zuschauer sieht es nicht, muß sich aber einen entsprechenden Vers darauf machen - setzt sich ab. In Folge drei ("Hart am Limit") jedenfalls schippert der ewige Bulle einhändig durch Duisburger Gewässer. Machos Mythos erfüllt sich, auch wenn der Mann älter wird: Irgendwie stören Frauen auf die Dauer.
Stören tut den knäbischen Traum vom Mannsein des weiteren die Vorstellung, ein Kerl müsse mit Worten, welche über die sprachliche Differenziertheit des Fäkalen hinausgehen, ausdrücken können, was er fühlt. Am Grabe vom Thanner erscheint Schimanski durchaus anrührend mit Kaktus und trockener Zunge, ringt nach Worten und beläßt es am Ende bei "Scheiße". In die Welt des Metaphorischen trägt es ihn nur, wenn es in der Kommunikation mit seinem jungen Kollegen um wichtige Körperteile geht: "Mein Arsch hat mehr Sonnenuntergänge gesehen als dein Schwanz Aufgänge."
Die Sprache der Gewalt dagegen beherrscht der neue Schimanski so virtuos wie der alte. Es wird geballert und geblutet, geschlagen und getreten wie eh und je. Die Aphasie in Gefühlsdingen fördert höchste Beredsamkeit in der Choreographie des Prügelns. Mit solcher Liebe für jedes Detail, so in mystisches Licht getaucht, so spektakulär vor finstere Kulissen gestellt wie in den neuen Filmen, hat Regisseur Hajo Gies, von Beginn an Spiritus rector der Serie, die hohlen Messen gewalttätiger Männlichkeit noch nicht zelebriert. Wo kein weiser Faust gegeben wird, beherrschen Fäuste die Szene.
Dabei sind partnerschaftliche Unbehaustheit, Fäkalsprache und Brutalitätsbereitschaft, die die Fortsetzung des TV-Mythos unangetastet läßt, nur die Panzerungen, mit denen sich ein idealistisches Gemüt gegen die Zumutungen der modernen Welt schützt. Das ist so, das war so - historisches Erbe gewissermaßen.
Man darf nicht vergessen, daß Schimanskis Erfolg mit der 68er Bewegung zu tun hat. Es handelte sich um die späte Heimholung der Revolte ins Reich der Fiktion. Sie geschah 1981, ein Jahr bevor Helmut Kohl Bundeskanzler wurde. Damals hatte niemand, nicht mal der unentwegteste Aktionist, Lust auf Diskurse. Die Ziele, wenn man überhaupt welche definieren konnte, hatten sich als weltfremd erwiesen, aber das nostalgische Gefühl moralischer Überlegenheit suchte in der neuen Ära einen Platz zum Überwintern. Es fand ihn in der Krimi-Fiktion.
Die Männer der Schimi-Welt diskutieren nicht und wissen trotzdem, was das Richtige ist und wer unrecht hat: alle Leute mit Macht und die Vorgesetzten sowieso, lautet das anarchische Credo. Der TV-Mythos machte so aus der einstigen Arbeit am Begriff den naturhaften Reflex.
Und den Autoren der Serie gelang es, der ortlosen 68er Bewegung eine Heimat zu geben: das Ruhrgebiet, Heimstatt einer vaterlosen und antiintellektuellen Gesellschaft der Gleichen, Unprätentiösen. Dort, wo der Knabe im Mann als Fußballanhänger und Taubenzüchter schon immer etwas galt, konnten Schimi und sein neoproletarischer Virilitätskult erblühen.
Zum Mythos paßt auch die altmodische Mythologisierung des Bösen. Die Beweggründe für ein Verbrechen - in Schimanskis Robin-Hood-Spielen erscheinen sie rührend menschlich. In den neuen Folgen wird daran nichts geändert: Mörderische Selbstjustiz im Polizeiapparat aus falsch verstandener Moral, betrogene Blutsbrüderschaft, verzweifelte Vaterliebe heißen die Motive, die zur bösen Tat treiben. Anonyme Strukturen, unsichtbare Kartelle, das Moderne am heutigen Verbrechen - das würde den Parka-Mann so alt aussehen lassen wie seine 68er Herkunft.
Schimi vom Zeitgeist unbeleckt, Ende 50 und kein bißchen weiser? Nicht ganz. Die Fortsetzung der Serie wagt sich einen Schritt in neues Seelengebiet vor und kratzt an männlicher Selbstgewißheit. Der Macho verwandelt sich vom Fraueneroberer in den Beschützer junger Mädchen.
In zwei der drei Folgen ist der kinderlose Hagestolz in soziale Aufräumungsarbeiten verstrickt, die auf das Konto von Rabenvätern gehen. Die Tochter seines Freundes Thanner, der nie Zeit für sein Kind hatte, wird von dessen Mördern gejagt und braucht den Schutz und die Hilfe Schimanskis. Der sonst so Fluchtbereite angesichts weiblicher Forderungen stiehlt sich in diesem Falle ebensowenig aus der Verantwortung wie in der zweiten Episode, dem schönsten der neuen Stücke (Buch: Hansjörg Thurn). Dort entwickelt Schimanski so etwas wie Freundschaft zu einem vermeintlichen Verbrecher (Christoph Waltz), weil der sich um seine Tochter kümmert. Schimi als verständnisvoller Mann aus der Opa-Generation - so schön kann älter werden sein.
Neuer Weisheitsgewinn drückt sich außerdem in einem Verzicht aus. Duisburg, diese in früheren Sendungen mit kulthafter Übertreibung vertretene Behauptung von Heimat, verblaßt. Der Euro kommt, Europa wächst zusammen, Schimanski schippert zwischen Belgien und der Ruhr - in der Fortsetzung der Reihe sinkt die Stadt des Reviers zur Reminiszenz herab.
Die "Blutsbrüder" treffen sich zum Showdown im Blue Café, dort, wo Schimi zur Jugendzeit ein beliebter Eintänzer war. Doch der Schuppen ist schon lange geschlossen - eine verfallende Ruine. Zum Finale des Films, nachdem die Gerechtigkeit ihr blutiges Werk getan hat, schreitet Schimanski aus dem Bild in eine leere Straße. Der Mythenmann trägt den Mythos Heimat im Herzen. Und keine Currywurstbude weit und breit.
* Sendetermine: 9., 16., 23. November, jeweils 20.15 Uhr, in der ARD.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 45/1997
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