03.11.1997

Lehrstück Audi

Vor zehn Jahren ruinierten vermeintliche Sicherheitsmängel den Absatz in den USA.
Die Bilder waren erschreckend, die Geschichten grausam. Millionen US-Bürger sahen im Fernsehen verbeulte Audi-Fahrzeuge und hörten von seltsamen Unfällen.
Ein Pfarrerssohn beispielsweise wartete vor der Garage, während seine Mutter den Wagen anließ. Der Audi beschleunigte, überrollte den Jungen und tötete ihn. Die Mutter berichtete, der Wagen sei plötzlich von allein losgerast. Sie habe ihn nicht stoppen können.
Andere Unfallfahrer erzählen von ähnlichen Erlebnissen mit ihren Audi-Automatikwagen: Sie hätten den Fuß nicht auf dem Gaspedal gehabt, und dennoch sei das Fahrzeug ohne Grund vorwärts oder rückwärts gefahren, bis der Aufprall auf einen Pfeiler oder ein anderes Auto die unfreiwillige Fahrt stoppte.
Im Audi-Vorstand in Ingolstadt waren die Techniker der Verzweiflung nahe. Ferdinand Piëch, damals Entwicklungsvorstand bei Audi, hatte mit seinen Mitarbeitern das Automatikgetriebe in allen Details untersucht und keinen möglichen Defekt gefunden. In den USA brach der Audi-Absatz derweil zusammen.
Im Jahr 1986 erlebte der heutige VW-Chef und Mercedes-Konkurrent Piëch, welche fatalen Folgen tatsächliche oder vermeintliche Sicherheitsmängel haben. Die Audi-Verkäufe in den USA sackten von 74 000 im Jahr zuvor sofort auf 59 000 ab und fielen schließlich sogar bis auf 12 000 Fahrzeuge (1991).
Der Fall der "unintended acceleration", der unbeabsichtigten Beschleunigung, wurde zugleich zum Lehrstück für die gesamte Branche, wie der ungeschickte Umgang mit solchen Affären das Image eines Konzerns auf Jahre hinaus lädieren kann.
Den entscheidenden Fehler beging der damalige Audi-Chef Wolfgang Habbel. Er betrachtete die Geisterfahrten nur als technisches Problem.
Habbel beauftragte nicht nur die eigenen Entwickler, sondern auch Experten von Battelle und vom Virginia Polytechnic Institute and State University, nach den Ursachen der plötzlichen Beschleunigung zu suchen. Sie fanden, ebenso wie die Fachleute des amerikanischen Verkehrsministeriums, aber nur heraus, daß es keinen technischen Fehler gab.
Auf Autokäufer in den USA wirkten die schrecklichen Unfallberichte allerdings mehr als alle Beteuerungen der Techniker. Audi stand zudem vor einem Dilemma: Indem die deutschen Manager verbreiteten, ihr Auto sei absolut sicher, unterstellten sie ihren eigenen Kunden, daß die nicht ordentlich fahren können und offenbar Brems- und Gaspedal verwechselten.
Ein wenig schürte auch die Konkurrenz das Mißtrauen in Audi. Ein New Yorker Volvo-Händler führte in seinen Verkaufsräumen Videos vor, auf denen schwere Unfälle mit Automatik-Fahrzeugen von Audi zu sehen waren.
Techniker Piëch fand schließlich die Lösung. Die meisten Unfälle waren beim Anfahren passiert. Fahrer von Automatikwagen, die auf die Position "Drive" schalteten und den langsam anrollenden Wagen gewohnheitsgemäß mit einem Tritt auf die Bremse zum Stehen brachten, verwechselten offenbar die Pedale und gaben Gas. Nach dem Unfall waren die Fahrer allerdings überzeugt, die Bremse getreten zu haben.
Piëch konstruierte eine Sperre, das sogenannte Shift-lock. Vor- oder Rückwärtsfahrstufe können nur eingelegt werden, wenn der Fahrer den Fuß bereits auf der Bremse hat. Audi rief rund 130 000 Fahrzeuge in die Werkstätten und stattete sie mit der neuen Sperre aus.
Mit einer 80 Millionen Dollar teuren Werbekampagne und mit Rabatten von 5000 Dollar versuchte Audi, den Verkauf in den USA wieder anzukurbeln. Doch die Kunden blieben mißtrauisch.
Audi hatte zu lange gezögert, bis es die Sperre einbaute. Der deutsche Hersteller nahm nach Ansicht vieler Autokäufer ihre Ängste offenbar nicht ernst.
Der Imageverlust wirkt bis heute nach: Audi verkauft in den USA, auch ein Jahrzehnt nach dem Fall, noch nicht einmal halb so viele Wagen wie einst.
[Grafiktext]
Auslieferung von Audi-Modellen in den USA
[GrafiktextEnde]
Von Hawranek und

DER SPIEGEL 45/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 45/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Lehrstück Audi

Video 00:37

Schreck in der Karibik Angriff vom Ammenhai

  • Video "Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama" Video 01:46
    Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama
  • Video "Star Wars 8-Premiere: Britische Royals treffen BB-8" Video 00:57
    "Star Wars 8"-Premiere: Britische Royals treffen BB-8
  • Video "Jerusalem-Demo in Berlin: Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina" Video 03:35
    Jerusalem-Demo in Berlin: "Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina"
  • Video "Heilige Stadt: Warum ist Jerusalem so wichtig für die Weltreligionen?" Video 00:40
    Heilige Stadt: Warum ist Jerusalem so wichtig für die Weltreligionen?
  • Video "Flughafen in Russland: Achtung, hier fliegt Ihr Koffer!" Video 00:47
    Flughafen in Russland: Achtung, hier fliegt Ihr Koffer!
  • Video "Überschwemmungen in Italien: Mehr als eintausend Menschen evakuiert" Video 01:10
    Überschwemmungen in Italien: Mehr als eintausend Menschen evakuiert
  • Video "Star Wars 8: Die letzten Jedi: Befreit vom Retro-Ballast" Video 01:53
    "Star Wars 8: Die letzten Jedi": Befreit vom Retro-Ballast
  • Video "Espresso-Kunst: Der Mechanismus hinter den Schichten" Video 01:27
    Espresso-Kunst: Der Mechanismus hinter den Schichten
  • Video "Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea" Video 00:54
    Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea
  • Video "Zweite walisische Liga: Wenn Fußball zum Wintersport wird" Video 00:27
    Zweite walisische Liga: Wenn Fußball zum Wintersport wird
  • Video "Tobsuchtsanfall im Verkehr: Angriff auf die Windschutzscheibe" Video 00:50
    Tobsuchtsanfall im Verkehr: Angriff auf die Windschutzscheibe
  • Video "Virales Video: Junge erzählt von Mobbing in der Schule" Video 01:53
    Virales Video: Junge erzählt von Mobbing in der Schule
  • Video "SIPRI-Studie: Warum die Welt wieder mehr Waffen kauft" Video 03:16
    SIPRI-Studie: Warum die Welt wieder mehr Waffen kauft
  • Video "Verhungernder Eisbär in Kanada: Keine Nahrung weit und breit" Video 01:02
    Verhungernder Eisbär in Kanada: Keine Nahrung weit und breit
  • Video "Schreck in der Karibik: Angriff vom Ammenhai" Video 00:37
    Schreck in der Karibik: Angriff vom Ammenhai