10.09.2012

MIGRATION

Kronzeugen für eine Lüge

Von Popp, Maximilian

Als Kinder sollten sie aus der Bundesrepublik abgeschoben werden, dann schafften es die drei Brüder aus Iran an Elite-Unis. Nun rechnen sie mit der deutschen Ausländerpolitik ab.

Nächtelang saßen die Brüder Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam am Esstisch ihrer Flüchtlingsbaracke bei Osnabrück und versuchten, die Briefe der Behörden und Gerichte zu verstehen. 1996 waren die drei aus Iran nach Deutschland gekommen, zusammen mit ihrer Mutter, einer Kritikerin des islamistischen Regimes von Ajatollah Chomeini. Die Sadinams beantragten Asyl, doch über Jahre gab es ablehnende Bescheide - und die Aufforderung, Deutschland zu verlassen. Erst nach zehn Jahren erhielten die Brüder eine Aufenthaltserlaubnis und im Januar dieses Jahres schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Nun sitzen sie wieder zusammen in einer Küche, diesmal in der Studentenwohnung, die die 28-jährigen Zwillinge Mojtaba und Masoud in Frankfurt am Main gemietet haben. Mit Hilfe der Begabtenförderung und eines Stipendiums der Vodafone-Stiftung haben sie Privat-Universitäten besucht, bevor sie an die Frankfurter Hochschule wechselten. Mojtaba studiert dort Geschichte und Philosophie, Masoud Geschichte und Politik. Beide wollen bald promovieren. Ihr Bruder Milad, 26, war Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes, er hat sein Wirtschaftsinformatikstudium abgeschlossen und arbeitet in Essen als Programmierer für Computerspiele.

SPIEGEL: Sie kamen als Flüchtlinge aus Iran nach Deutschland, kämpften sich aus Asylheimen und Baracken auf deutsche Universitäten hoch. Diese Woche erscheint ein Buch, das Sie über Ihr Leben geschrieben haben(*). Was empfinden Sie? Stolz? Genugtuung?

Milad Sadinam: Erleichterung. Wir haben über all die Jahre so viele Rückschläge erlebt. So viele Krisen. Wir mussten als Asylbewerber jederzeit damit rechnen, abgeschoben zu werden. Normalität hat es in unserem Leben nie gegeben.

Mojtaba Sadinam: Von der Flucht an lebten wir in ständiger Anspannung. Seit einem halben Jahr sind wir deutsche Staatsbürger. Wir lernen erst jetzt, ohne Angst zu sein.

SPIEGEL: Sind Sie Deutschland dankbar?

Milad Sadinam: Wir sind den Menschen dankbar, die uns geholfen haben. Als wir im Januar, nach fast 16 Jahren in Deutschland, die Staatsbürgerschaft erhielten, haben wir 20 Karten verschickt, um uns zu bedanken; an Freunde, Sozialarbeiter, Lehrer.

Masoud Sadinam: Dem deutschen Staat schulden wir keinen Dank. Deutschland wollte uns loswerden. Wäre es nach den Behörden gegangen, hätten sie uns längst nach Iran abgeschoben.

SPIEGEL: Sie waren Kinder, als Sie in Deutschland ankamen. Welche Erinnerungen haben Sie?

Mojtaba Sadinam: Ein Schlepper brachte uns mit dem Flugzeug nach Hamburg. Unsere Mutter beantragte Asyl. Wir landeten in einer Kaserne bei Münster, einem Auffanglager mit hohen Mauern und Stacheldraht. Masoud und ich waren elf, Milad war neun Jahre alt. In einem Heim in Lengerich, einer Kleinstadt in der Nähe von Osnabrück, harrten wir der Entscheidung des Bundesamts für Migration entgegen. Wir gingen zur Schule, aber wir wussten nie, wie lange wir bleiben durften.

SPIEGEL: Trotzdem schafften Sie es von der Hauptschule aufs Gymnasium.

Masoud Sadinam: Gegen den Willen unserer Lehrer. Sie waren der Meinung, dass wir dort nichts verloren hätten. Aber unsere Mutter gab nicht auf. Sie sagte, Bildung sei unsere einzige Chance. Sie fuhr mehrmals zu dem Gymnasium, traf den Direktor, überredete ihn, uns aufzunehmen. Gemeinsam paukten wir Deutsch. Für jedes Wort, das wir lernten, schenkte unsere Mutter uns fünf Pfennig.

Milad Sadinam: Sie wusste nicht, was ein Gymnasium ist. Aber sie war mit einer Sozialarbeiterin befreundet, die ihr versicherte, dass Gymnasiasten in Deutschland alle Türen offenstünden. Die Sozialarbeiterin begleitete unsere Mutter an die Schule. Sie schenkte uns Klamotten, kaufte uns ein Wörterbuch Farsi-Deutsch, übersetzte die Briefe der Behörden. Ohne ihren Einsatz und ohne die Beharrlichkeit unserer Mutter wäre ich heute nicht Informatiker.

Mojtaba Sadinam: In unserer Hauptschulklasse waren Russlanddeutsche, Albaner, Türken. Viele sprachen besser Deutsch als wir. Aber niemand unterstützte sie.

SPIEGEL: Deutsche Politiker sagen, dass jeder, der sich genügend anstrenge, es zu etwas bringen könne.

Mojtaba Sadinam: Das ist eine Lüge. Und wir haben es satt, als Kronzeugen für diese Lüge herzuhalten. Politiker führen uns als Vorzeigemigranten vor. Aber wir sind nicht klüger und fleißiger als andere, die gescheitert sind. Wir hatten das Glück, in entscheidenden Momenten unseres Lebens Menschen wie die Sozialarbeiterin zu treffen, die uns förderten. Die wenigsten Ausländer haben dieses Glück.

Masoud Sadinam: Als wir aufs Gymnasium wechselten, wurden Mojtaba und ich zwei Klassen zurückgestuft. Die ersten Monate waren hart. Wir verstanden nicht, wovon die Lehrer sprachen. Von Französisch, Physik, Geografie hatten wir noch nie gehört. Mein Kopf dröhnte, wenn ich das Klassenzimmer verließ. Hätte unsere Mutter mich nicht ermutigt durchzuhalten, ich wäre auf die Hauptschule zurückgegangen.

Milad Sadinam: In Mathematik hatten wir nie Schwierigkeiten. Aber in anderen Fächern kämpften wir mit der Sprache. Einzelne Lehrer halfen uns weiter. Für sie waren wir nicht nur Ausländer. Sie übten nach Schulschluss mit uns. Wir waren darauf angewiesen, denn das Bildungssystem bietet keine Hilfe.

SPIEGEL: Wie reagierten die Mitschüler auf Sie?

Mojtaba Sadinam: Es dauerte lange, bis sie uns akzeptierten. Im Sportunterricht zog ich lange Kleider an, weil ich mich für die Haare an meinen Armen und Beinen schämte. Die Jungs im Gymnasium ahmten Affengeräusche nach, wenn sie mich sahen. Sie riefen: Matumba! Die Lehrer bekamen davon nichts mit.

Milad Sadinam: Ich war in meiner Klasse der "Türke". In den Pausen stand ich allein auf dem Schulhof. Beim Fußball durfte ich nicht mitspielen. Erst in der Mittelstufe wurde es besser.

SPIEGEL: Wie gingen Sie mit den Anfeindungen um?

Mojtaba Sadinam: Zunächst war ich hilflos. Ich konnte nicht begreifen, woher die Vorurteile kamen. Später entwickelte ich Trotz. Ich war wild entschlossen, mich über alle Widerstände hinwegzusetzen.

Masoud Sadinam: Wir haben uns ein Leben in Deutschland aufgebaut. Zwar durften wir den Raum Lengerich nicht ohne Erlaubnis verlassen. Aber wir spielten Fuß-

ball im Verein. Und zusammen mit Freunden gründeten wir eine Band.

Milad Sadinam: Es war ein Vorteil, dass wir in einer Kleinstadt lebten, wo persönliche Bindungen schnell entstehen. In Berlin hätten wir uns womöglich ins Ghetto zurückgezogen, wären in die Kriminalität abgedriftet.

SPIEGEL: Die Schule, die ständige Zukunftsangst, wurde Ihnen das nie zu viel?

Masoud Sadinam: Die Schule war für mich eine Flucht vor zu Hause, wo wir jeden Tag damit rechneten, den Abschiebebescheid im Briefkasten zu finden. Ich wurde Schülersprecher. Ich meldete unser Gymnasium bei "Schulen ohne Rassismus" an, einem Projekt, bei dem sich die Schüler verpflichten, aktiv gegen Fremdenhass vorzugehen. Zum ersten Mal konnte ich handeln und war nicht den Launen Dritter ausgeliefert.

Mojtaba Sadinam: Unsere Mutter hatte große Mühen auf sich genommen, damit wir in Sicherheit aufwachsen konnten. Wir durften sie nicht enttäuschen.

SPIEGEL: Später gelang auch Ihrem Vater die Flucht aus Iran nach Deutschland.

Milad Sadinam: Das Wiedersehen war schmerzlich. Wir hatten uns über die Jahre entfremdet. Wir führten ein Leben, das er nicht verstand, in einer Welt, die ihm bedrohlich erschien. Unsere Mutter und er hatten sich nichts mehr zu sagen. Sie ließen sich kurz nach seiner Ankunft scheiden.

Masoud Sadinam: Menschen ohne Migrationserfahrung begreifen nicht, welchen Einschnitt es bedeutet, seine Heimat zu verlassen und in ein fremdes Land auszuwandern. Für Familien ist das eine gewaltige Herausforderung, viele zerbrechen daran.

SPIEGEL: Als Sie sich in der Oberstufe aufs Abitur vorbereiteten, ordnete ein Gericht Ihre endgültige Abschiebung an.

Milad Sadinam: Der Richter glaubte nicht, dass wir aus politischen Gründen aus Iran geflohen waren. Für uns brach eine Welt zusammen.

Mojtaba Sadinam: Wir gingen nach dem Ersturteil durch alle Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Freunde und Lehrer sammelten Spenden für die Anwaltskosten.

Masoud Sadinam: Es gab keinen Prozess. Unser Anwalt schrieb Briefe, und wir erhielten die Antwortschreiben der Gerichte. Abgelehnt. Es ist wie Folter: Immer wenn du dich aufrappelst, bekommst du einen neuen Schlag versetzt. Ich stand diese Zeit nur deshalb durch, weil ich meine Verzweiflung mit Milad und Mojtaba teilen konnte.

Milad Sadinam: Unsere Mutter versuchte, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Sie hoffte, die Öffentlichkeit aufzuschrecken und uns Kindern auf diese Weise eine Zukunft in Deutschland zu ermöglichen.

SPIEGEL: Was brachte die Wende?

Mojtaba Sadinam: Die gleiche Willkür, die uns jahrelang quälte, rettete uns letztlich vor der Abschiebung. Mein Vater bekam schließlich Asyl, und wir dadurch eine Aufenthaltserlaubnis.

SPIEGEL: Bald darauf machten Sie Ihr Abitur.

Milad Sadinam: Ich habe mit einem Notendurchschnitt von 1,3 abgeschlossen, Mojtaba als Bester seines Jahrgangs. Unser Schulleiter schlug ihn für ein Stipendium vor. Journalisten kamen auf uns zu. Stiftungen luden uns auf Konferenzen ein. Nachdem deutsche Behörden jahrelang versucht hatten, uns abzuschieben, schoben sie uns nun als ein Beispiel für gelungene Integration vor. Dazwischen lagen nur ein paar Monate.

SPIEGEL: Wie haben Sie auf das Interesse reagiert?

Mojtaba Sadinam: Ich fühlte mich geschmeichelt, bis ich begriff: Es ging nicht um mich. Ich war der Quotenmigrant. Eine Lehrerin riet mir, mich an der WHU in Vallendar, einer privaten Wirtschaftsuniversität, zu bewerben. Die Hochschule hat einen guten Ruf, ich bestand die Aufnahmeprüfung, doch ich fühlte mich dort nicht wohl. Viele meiner Kommilitonen lebten in einer anderen Welt, es gab wenig Verständnis für das Leben, das ich jahrelang führen musste. Ich bin dann an die Universität nach Frankfurt gewechselt, dort ist die Studentenschaft heterogen. Erst seither habe ich das Gefühl, mit meiner Biografie ernst genommen zu werden.

Milad Sadinam: In der Integrationsdebatte wird nicht danach gefragt, ob die Migranten sich wohl fühlen. Sie werden ausschließlich nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen bewertet. In den sechziger Jahren holte Deutschland Gastarbeiter aus der Türkei ins Land. Als sie nicht mehr gebraucht wurden, wollte man sie schnellstmöglich loswerden. An dieser Haltung hat sich bis heute nicht viel geändert.

Masoud Sadinam: Schon das Wort "Integration" ist problematisch. Man tut so, als gäbe es eine homogene Gruppe, die "Deutschen", und Fremde, die irgendwie anders sind. Mit genau diesem Argument hat man uns jahrelang das Recht abgesprochen, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein.

SPIEGEL: Trifft es Sie, wenn Politiker wie Thilo Sarrazin behaupten, Migranten seien faul und hätten ohnehin kein Interesse, dieses Land mitzugestalten?

Mojtaba Sadinam: So etwas schmerzt mich, doch Sarrazins Thesen haben mich nicht überrascht. Aus ihnen spricht genau jener Rassismus, den wir jahrelang erfahren haben.

(*) Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam: "Unerwünscht - Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte". Bloomsbury Verlag, Berlin; 256 Seiten; 16,99 Euro.

DER SPIEGEL 37/2012
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