10.09.2012

Pippi gegen Messer-Jocke

ORTSTERMIN: In Hamburg demonstriert die Schiffbaubranche, wie man sich vor Seeräubern schützt
Nicht anfassen!", ruft Sven Fürus einer erschrockenen chinesischen Messebesucherin zu, die den Nato-Draht seiner Piratenabwehranlage allzu genau betrachtet. "Very dangerous" sei das, ergänzt sein Bruder Mark. Die Chinesin geht. Abwehr geglückt.
Es ist wieder Schiffbaumesse in Hamburg, 25. Ausgabe, Gratulation. Man erwartet 50 000 Besucher, es gibt 2100 Aussteller aus 62 Ländern, Rekord. Frau Merkel ist Schirmherrin, Herr Rösler sprach zur Eröffnung, große Sache.
Halle B8, Stand 123, die Gebrüder Fürus, die nicht aussehen wie Brüder, kommen aus der hessischen Seefahrermetropole Darmstadt und sind zum ersten Mal auf einer Messe. Als Kinder haben sie nichts lieber getan, als sich mit Augenbinden und Totenkopfflaggen auszurüsten, um irgendetwas zu kapern.
Ihre Start-up-Firma haben sie Lex Gabinia genannt, nach dem ersten Anti-Piraterie-Gesetz des alten Rom. "Wir haben zwar kein Meer vor der Haustür, aber bei uns in der Gegend gibt es viele Burgen", sagt Sven, und so ein Hochseefrachter sei doch "im Grunde nichts anderes als eine schwimmende Burg". Beide, Burg wie Schiff, hätten hohe Wände und müssten sich gegen das Eingenommenwerden wehren.
Sven ist eigentlich Zimmermann, Mark in der Werbung tätig. In Svens Werkstatt konstruierten die beiden einen dreifachen Stacheldrahtzaun, den man die Reling entlang aufspannen und nach Gebrauch wieder einziehen kann. "Claustra Maritimus" nennen sie das Ding, Meeres-Sperre, Patentanmeldungsnummer PCT/EP 2012/050050. Pirate-proof. Enter-sicher.
Seeräuber, Römer, Ritterburgen - es klingt wie im Spielwarenladen. Und tatsächlich scheint der reale Kampf gegen die moderne Piraterie eine Art Fortsetzung der Kinderzimmerschlacht zu sein. In Halle B8, die ganz der Sicherheit auf See gewidmet ist, wird zum Beispiel empfohlen, mit Wasser- und Schallkanonen auf Piraten zu schießen. Ein unter Seeleuten beliebtes Handbuch zur Piratenabwehr wirbt für bewaffnete Schaufensterpuppen auf Deck zur optischen Abschreckung. Es gibt einen Wunderschaum, um die Schiffswände und Piratenleitern glitschig zu machen. Ideen wie von Pippi Langstrumpf im Kampf gegen Blut-Svente und Messer-Jocke.
Allerdings wird schnell klar, warum die Selbstverteidigung gegen Seeräuber nicht so leicht fällt wie jene gegen "Angreifer mit frischem Obst", die man, wie in einem legendären Monty-Python-Sketch vorgeführt, am besten einfach erschießt. In der Wirklichkeit oder im Golf von Aden aber ist es "verboten, auf Piraten mehr als Warnschüsse abzugeben", wie Mark Pearce vom britischen Risiko-Berater Drum Cussac mit spürbarem Bedauern feststellt.
Es ist ein seltsamer Dienstleistungszweig, der da in Halle B8 zusammengekommen ist, Geschäftsleute, die von Piraten leben, quasi die Piraten der Piraten, und sosehr man den Jagdeifer spürt, so gut spürt man auch eine Angst.
Es ist dieselbe Angst, die den Kammerjäger packt, wenn die Wanzen ausbleiben. Herumgereicht wird nämlich eine neue Statistik auf der Messe, man spricht nicht gern darüber: Die Angriffe vor Somalia sind jüngst geradezu dramatisch zurückgegangen. Die Piraten werden müde. Überfallversuche im ersten Halbjahr 2011: 163. Im selben Zeitraum 2012: 69. Davon erfolgreiche Kaperungen: 13. Verantwortlich für diese Entwicklung sind weniger Stacheldraht und Dummy-Puppen als die dichten Patrouillen der Seestreitkräfte sowie die schwer bewaffneten privaten Sicherheitseskorten, die mittlerweile von vielen Reedereien als Begleitschutz angeheuert werden.
Piratenmangel: Wird das zum Problem für die Seeräuber-Saboteure? "Für mich nicht", sagt Dirk Steffen von der dänischen Firma Risk Intelligence am Stand 101, denn er sei auf Westafrika spezialisiert, "und dort ist eine Menge los".
Der Mann zoomt auf einem Bildschirm mit einer Afrika-Karte weg von Somalia, hin zum Golf von Guinea auf der anderen Seite des Kontinents: Dort verzeichnet eine Datenbank mit bunten Totenkopf-Symbolen gerade ein ganzes Bündel von Piraterie-Vorfällen. Schwarze Totenköpfe stehen für Kaperungen, rote für bewaffnete Übergriffe, blaue Anker für Einsätze der Marine. Die Gewässer vor Nigeria, Benin und Togo könnten Somalia bald als Seeräuber-Hotspot ablösen, wobei die nigerianischen Kaperfahrer "ein viel besseres Geschäftsmodell haben als die Somalier", sagt Steffen.
Sie nehmen weniger Geiseln als vielmehr ganze Benzintanker in ihre Gewalt und verkaufen den Treibstoff. "Bei einem Erlös von 1 Dollar pro Liter und einem durchschnittlichen Beutegut von 5000 Tonnen pro Schiff ergibt das einen Gewinn von 5 Millionen für 3 bis 4 Tage Arbeit", rechnet er vor. Somalische Entführer warten oft ein knappes Jahr auf ihren Lohn.
Die Gebrüder Fürus aus Darmstadt glauben nicht daran, dass ihnen die Arbeit ausgehen wird. "Piraten wird es immer geben", sagt Sven zuversichtlich. Und ob ihr Nato-Draht am Ende vor Ost- oder vor Westafrika zum Einsatz komme, "das spielt ja keine Rolle, gell".
Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 37/2012
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