10.09.2012

LUFTFAHRTAus heiterem Himmel

Die Kampfbereitschaft ihres aufgebrachten Kabinenpersonals traf die Lufthansa unvorbereitet. Nun wird ein Vermittler gesucht, im Gespräch ist Ex-Bundespräsident Horst Köhler.
Das alte Jahr war fast zu Ende und gar nicht so schlecht gelaufen, da meldete sich bei den Lufthansa-Mitarbeitern noch einmal ihr oberster Chef zu Wort. "Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien erholsame Festtage und einen guten Rutsch ins neue Jahr", schrieb Christoph Franz Mitte Dezember 2011 an die über 100 000 Angestellten in aller Welt.
Genauso wichtig war ihm eine andere, weniger frohe Botschaft. Das Unternehmen müsse leider ein weiteres, "konzernweites Programm zur Ergebnisverbesserung auflegen", hieß es in dem Weihnachtsbrief. Nur so könne die Lufthansa auch künftig profitabel wachsen. Weitere Einzelheiten würden in den kommenden drei Monaten bekanntgegeben. Dann entließ er die verunsicherte Belegschaft in die Feiertage.
Die Spätfolgen des unglücklich formulierten Schreibens ließen sich am Freitag vergangener Woche auf den sechs wichtigsten deutschen Flughäfen beobachten. Weil im Rahmen des damals erstmals angekündigten Sparprogramms "Score" künftig auch bei den Kabinenbeschäftigten massiv gekürzt werden soll, legten erboste Flugbegleiter an den Airports die Hälfte aller Verbindungen lahm, und das ausgerechnet rund um das Ferienende in Bayern und Baden-Württemberg.
Der Ausstand sei "völlig unverhältnismäßig", kritisierte Franz die Aktion, und "quasi aus heiterem Himmel gekommen". Doch das zeigt nur, wie schlecht der oberste Lufthanseat die Stimmung im eigenen Haus einschätzen kann.
Nach offizieller Lesart verhandeln Beauftragte der Kabinengewerkschaft UFO (Unabhängige Flugbegleiter Organisation) mit den Personalmanagern des Konzerns nur um Lohnerhöhungen von fünf Prozent oder eine Gewinnbeteiligung, da der Vergütungstarifvertrag für die wichtige Beschäftigtengruppe ausgelaufen ist.
Tatsächlich aber geht es um mehr: Der Konzern möchte, dass altgediente und neu angeheuerte Flugbegleiter künftig deutlich langsamer als bisher in die nächsthöhere Lohngruppe aufsteigen, und er möchte die maximal erreichbaren Gehälter für Neueinsteiger langfristig kappen. Parallel dazu will der Vorstand den seit Jahren defizitären Europa-Verkehr abseits der großen Verkehrsdrehscheiben in Frankfurt und München in eine neue Firma auf Basis der Billigtochter Germanwings überführen. Dort sollen die Gehälter der Flugbegleiter um bis zu 40 Prozent unter dem alten Lufthansa-Niveau liegen. Nach Ansicht der UFO-Funktionäre kommt das einer Kriegserklärung gleich.
Entsprechend verhärtet waren bis Freitag vergangener Woche die Fronten, dann mehrten sich im Tagesverlauf Signale für eine Verständigung. UFO-Chef Nicoley Baublies würde im Zuge des aktuellen Konflikts gern auch die Lohn- und Arbeitsbedingungen bei dem geplanten Billigableger regeln, um Dumpingkonkurrenz im eigenen Haus zu verhindern. Offiziell zugeben durfte er das aber nicht, weil der Streik sonst womöglich rückwirkend als rechtswidrig erklärt und seine Gewerkschaft schadensersatzpflichtig würde.
Konzernchef Franz und sein für das Passagiergeschäft zuständiger Vorstandskollege Carsten Spohr möchten dagegen allein bei den Kabinenbeschäftigten bis zu einem dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr einsparen, um die Verluste im Europa-Geschäft auszugleichen und besser gegen Wettbewerber wie Ryanair und Easyjet oder aufstrebende arabische Airlines bestehen zu können. Alles in allem wollen sie die Kosten im Konzern bis Ende 2014 dauerhaft um anderthalb Milliarden Euro absenken.
Die aktuelle Lage bei der Lufthansa Passage, dem Geschäftsbereich für den Passagierverkehr, scheint ihnen recht zu geben. Allein im ersten Halbjahr verursachte die Sparte mit dem Verkauf ihrer Tickets einen Verlust von 300 Millionen Euro, doppelt so viel wie im Vorjahr. Dass die Gesamtrechnung am Ende noch halbwegs passabel ausfiel, verdankte das Unternehmen unter anderem Gewinnen der Verpflegungs- oder Techniksparte und der Tochterlinie Swiss.
Pünktlich zum ersten großen Streik der Gästebetreuer an Bord sickerten Ende vergangener Woche erneut Zahlen über die angeblich äußerst üppigen Gehälter der Lufthansa-Flugbegleiter durch. Tatsächlich liegen zumindest langjährige Kabinenchefs mit Spitzengehältern von bis zu 7000 Euro inklusive aller Zuschläge im internationalen Vergleich weit vorn.
Das schlägt sich unter anderem beim Anteil der Personalkosten an den Gesamtausgaben nieder. Bei der Lufthansa beträgt er stolze 22 Prozent. Billiganbieter wie Ryanair kommen mit 10 Prozent aus. Ähnliche Größenordnungen dürfte der Personalaufwand bei den aggressiven arabischen Airlines erreichen. Sie müssen für ihre Beschäftigten im Gegensatz zur Lufthansa keine Sozialbeiträge abführen.
Insider veranschlagen die Aufwendungen des Kranich-Carriers für seine rund 18 000 Kabinenbeschäftigten mit rund 900 Millionen Euro pro Jahr; für die mehr als 4600 Piloten wird noch einmal mit derselben Summe kalkuliert.
Dass die Lufthansa-Manager ihre Airline vor diesem Hintergrund rentabler machen und vor allem die Personalkosten verringern wollen, ist nachvollziehbar. Weniger nachvollziehbar ist allerdings, wie sie dabei vorgehen.
Bereits kurz nach dem Weihnachtsbrandbrief von Franz machten Anfang des Jahres Gerüchte die Runde, welche Grausamkeiten sich hinter dem Begriff "Score" verbergen könnten. Scherzbolde übersetzten das Kürzel prompt mit: "Stay cool or retire early", auf Deutsch: Bleib ruhig oder geh früh in Rente.
In ihrer Not schickte die Lufthansa-Spitze mit dem Segen des noch immer mächtigen Aufsichtsratschefs Jürgen Weber schließlich Passage-Chef Spohr vor. Der Mann mit der modischen Gelfrisur erfreut sich intern deutlich größerer Beliebtheit als der spröde, zu technokratischen Worthülsen neigende Franz. Spohr saß bis vor einigen Jahren selbst als Kapitän in einem Airbus-Cockpit, er gilt deshalb selbst als sogenanntes "Streifenhörnchen" und macht aus seiner Wertschätzung für die Kabinenbeschäftigten keinen Hehl. Die Flugbegleiter seien das "Aushängeschild" der Airline und Kollegen anderer Fluglinien in Bezug auf Ausstrahlung und Auftreten deutlich überlegen, lobte er seine Servicetruppe in der Vergangenheit wiederholt bei internen Veranstaltungen.
Die sogenannte Falken-Fraktion in der Konzernspitze, zu der auch Franz gezählt wird, sah das offenbar etwas anders. Sie ließ in Berlin gegen den erbitterten Widerstand von UFO günstige Leiharbeiter anheuern, um dem ohnehin schwer angeschlagenen Konkurrenten Air Berlin in der Hauptstadt Paroli zu bieten. Nebenbei brachte sie allerdings ungewollt die eigene Belegschaft gegen sich auf.
"Einen besseren Turbo für unseren Streik hätten wir uns nicht wünschen können", sagt ein hochrangiger UFO-Funktionär, "das war eine richtige Granate zur Mobilisierung unserer Kollegen."
Ende vergangener Woche stimmte die Lufthansa einem Schlichtungsverfahren zu. In dem soll jedoch nur über Vergütungsfragen geredet werden.
Und Spohr festigte seinen Ruf als Darling der Kabinencrews - indem er ihnen am Freitag die frohe Botschaft vom Ende des Berliner Leiharbeiter-Experiments überbrachte.
UFO-Chef Baublies und seine Mitstreiter würden bei den sich nun abzeichnenden Gesprächen gern auch über den geplanten Billigableger unter dem Dach von Germanwings diskutieren - auch wenn das den Rahmen des gekündigten Tarifvertrags eigentlich sprengt. Deshalb wollen sie parallel zur Schlichtung ein Mediationsverfahren vorschlagen, wie es beim Bau der umstrittenen dritten Landebahn in Frankfurt angewendet wurde. Das sei unverbindlicher, außerdem könnten beide Seiten dabei besser ihr Gesicht wahren, ohne eigene Rechtspositionen aufzugeben. Auf weitere Streiks will die Gewerkschaft verzichten.
Auch ein Kandidat für den heiklen Vermittlerjob wird in UFO-Kreisen schon gehandelt: Ex-Bundespräsident Horst Köhler. Der frühere IWF-Manager half der Lufthansa einst, im fernen Nigeria Fuß zu fassen. Nun könnte er sich auch in der Heimat um den Kranich verdient machen.
Von Dinah Deckstein und Martin U. Müller

DER SPIEGEL 37/2012
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