10.09.2012

SUPERMÄCHTE

Kräftemessen im Pazifik

Von Zand, Bernhard

Peking schüchtert Amerikas Verbündete ein und rüstet seine Marine auf, Washington verstärkt den gewaltigsten Flottenverband aller Zeiten. Bei dem Wettrüsten zur See geht es um strategischen Einfluss, Öl und Handelswege.

Am besten war Chinas neues Flaggschiff, der Schrecken seiner Feinde, zuletzt durch ein Fenster von Ikea zu beobachten - aus dem dritten Stock der Filiale in der nordostchinesischen Hafenstadt Dalian. Dort hatte jemand in die Sichtschutzfolie ein Loch gekratzt, das den Blick auf die Pier gegenüber freigab.

Da lag sie, die "Warjag": ein von den Sowjets gebauter Schiffstorso, der nun in den Dienst der Marine der Volksbefreiungsarmee gestellt wird. Jahrelang bohrten und schweißten die Werftarbeiter, dann verschwand der Koloss, zehnmal insgesamt, zu Testfahrten. Geostrategen und Marine-Experten von Tokio bis Washington spekulierten immer wieder, wo sich das Schiff gerade aufhalten könnte und mit welchen Waffen und Flugzeugen die Chinesen es wohl bestücken würden.

Seit Ende August liegt das Schiff wieder an einer Pier in Dalian. Am Morgen des 2. September, protokollierten Beobachter, machte sich ein Team von Anstreichern an die Arbeit, am Nachmittag des nächsten Tages waren sie fertig: Eine riesige "16" prangt seither auf dem grauen Schiffsrumpf. Das also wird die Kenn-nummer des ersten Flugzeugträgers der Seemacht China sein - zu Ehren des 1916 geborenen Admirals Liu Huaqing, so heißt es, des Vaters der modernen chinesischen Marine.

Einen Tag danach, am Dienstag vor einer Woche, traf die Amerikanerin Hillary Clinton in Peking ein, die Außenministerin jenes Landes, das die Umtriebe der chinesischen Marine mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Es war ihre dritte Station auf einer Reise, die weit draußen auf den Cook-Inseln begonnen hatte, über Indonesien, China, Osttimor und Brunei nach Wladiwostok führte und vor allem einen Zweck hatte: die Verbündeten in der Region daran zu erinnern, dass Amerika der Hegemon im westlichen Pazifik ist und das auch bleiben will.

Zu den Verbündeten, deren Abgesandte Clinton gleich auf den Cook-Inseln traf, zählen Japan, Australien, Neuseeland und die Philippinen, ja selbst Amerikas einstiger Feind Vietnam. "Der Pazifik ist groß genug für uns alle", sagte Clinton zu ihnen. Manche bezweifeln das. Denn Washington und seine Freunde haben Gegner in der Region: Nordkorea und China.

Nordkorea mag, von einem nicht einmal 30-jährigen Diktator angeführt, als der gefährlichere Gegner erscheinen. China aber ist der bei weitem gewichtigere. China fordert die USA nicht nur als Industrie-, Handels- und Weltraum-Macht heraus, sondern jetzt auch dort, wo schon im 16. Jahrhundert Großmächte ihre Konflikte auszutragen pflegten: zur See.

Seit Monaten verschärfen sich im westlichen Pazifik die Spannungen zwischen China und Amerikas Partnern: Mit Manila streitet Peking um das Scarborough-Riff, ein Atoll unbewohnter Felsinseln, von denen die meisten nur bei Ebbe aus dem Wasser ragen. Im Mai handelte Washington still einen Kompromiss aus, nach dem sich chinesische und philippinische Schiffe aus dieser Region zurückziehen sollten. Die chinesische Marine aber sperrte die fischreiche Lagune inzwischen ab und lässt wieder Schiffe patrouillieren.

Mit Japan liegt China im Streit um eine ebenfalls unbewohnte Inselgruppe zwischen Taiwan und Okinawa, chinesisch Diaoyu, japanisch Senkaku genannt. Im August hissten Aktivisten aus Hongkong auf einer der Inseln eine chinesische Flagge und lösten auf dem Festland eine Welle patriotischer Begeisterung aus.

Seinen sozialistischen Nachbarn Vietnam schließlich brüskierte Peking, als es im Juni eine Stadt auf einer der Paracel-Inseln gründete - die werden wie die Spratly-Inseln, weiter südlich, von Hanoi beansprucht. Die Chinesen begannen auch sogleich, dort eine Garnison zu errichten. China, das machte dieser Schritt deutlich, erhebt Anspruch auf nahezu das gesamte Südchinesische Meer. Das Gebiet von annähernd zwei Millionen Quadratkilometern wird wegen seiner charakteristischen Form von US-Strategen "cow-tongue" (Kuhzunge) genannt.

Die wirtschaftliche und militärische Bedeutung lässt sich kaum hoch genug einschätzen: Das Südchinesische Meer verbindet den Indischen Ozean mit dem Pazifik, über die angrenzenden Seestraßen wird mehr als die halbe Jahres-Tonnage aller Handelsmarinen der Welt verschifft und ein Drittel des gesamten Seeverkehrs abgewickelt. Allein durch dieses Gebiet kommen 80 Prozent der chinesischen Erdölimporte. Und unter dem Meeresboden liegen geschätzte 130 Milliarden Barrel Erdöl und 9300 Milliarden Kubikmeter Erdgas.

"Alle demografischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Trends drehen Richtung Pazifik", sagte der amerikanische Generalstabschef Martin Dempsey, als er im Januar an der Seite von Präsident Barack Obama die neue US-Verteidigungsdoktrin verkündete: "Also ergeben sich unsere strategischen Herausforderungen im Wesentlichen aus dem pazifischen Raum."

Obama, auf Hawaii geboren und in Indonesien aufgewachsen, hat die Region zum "Dreh- und Angelpunkt" der Militärstrategie erklärt. Sie ist für Amerikas Zukunft wichtiger als Europa, als das Nato-Revier an den Küsten des Atlantiks. Obama persönlich regte die Einrichtung eines Marine-Stützpunkts in Australien an, seine Regierung plant gemeinsame Manöver mit den Vietnamesen sowie die Aufstellung von Geräten in Japan für einen hochmodernen Raketenabwehrschirm über Asien.

Die 7. Flotte der Amerikaner, 1943 gegründet und in Japan sowie auf Guam stationiert, ist mit über 60 Kriegsschiffen und etwa 40 000 Mann schon heute der größte und kampfstärkste Verband der Marine. In den kommenden Jahren soll er noch weiter ausgebaut werden, so dass 2020 etwa 60 Prozent aller amerikanischen Kriegsschiffe im Pazifik stationiert sein werden - mehr als im Atlantik und mehr als im Persischen Golf, dem in den letzten Jahrzehnten das Hauptaugenmerk der Navy galt.

Es ist ein grundsätzlicher Schwenk, den die Obama-Administration da vollzogen hat. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist die Aufrüstung von Chinas Streitkräften, vor allem seiner Marine.

Einer am 10. August veröffentlichten Studie für den US-Kongress zufolge sieht Amerika die Modernisierung der chinesischen Marine als einen aggressiven Akt: Peking, so die Studie, wolle mitnichten nur seine Handelswege und seine Bürger im Ausland schützen. Der anderen Supermacht gehe es auch darum, ihre territorialen Ansprüche durchzusetzen, Amerikas Einfluss im Pazifik zurückzudrängen und ihren Status als Weltmacht zu behaupten.

Zu diesem Zweck habe China unter anderem ballistische Anti-Schiffs-Raketen entwickelt, die zum ersten Mal in der Geschichte auch die bislang praktisch unangreifbaren Flugzeugträger treffen können - im Branchenjargon werden die Geschosse "carrier killer" genannt. China habe zudem bereits drei selbstentwickelte Atom-U-Boote in Betrieb genommen, die in der Lage sind, atomar bestückte Interkontinentalraketen abzuschießen. Das Land wolle noch mindestens zwei selbst- gebaute Flugzeugträger in Dienst stellen, und es habe "Reformen bei Wartung, Logistik, Ausbildung und Training" vorgenommen.

Zwar halten einige Experten einen militärischen Konflikt zwischen China und den USA für unwahrscheinlich, derzeit. Doch selbst ohne einen solchen Konflikt könne das militärische Kräfteverhältnis der beiden Mächte "die täglichen Entscheidungen anderer pazifischer Nationen" beeinflussen - und damit die "politische Evolution am Pazifik" insgesamt.

"Mir scheint, der Westen hat einfach schwache Nerven", sagt Xu Guangyu, 78, General a. D. der Volksbefreiungsarmee, heute im Vorstand der "Chinesischen Rüstungskontroll- und Abrüstungsvereinigung". China wolle "eine Marine aufbauen, die stark genug ist, um einen Gegner vom Angriff abzuhalten, stark genug, sich zu verteidigen, und stark genug, um zurückzuschlagen", sagt er.

Der asketische Offizier, der am KoreaKrieg (1950 bis 1953) und am Chinesisch-Vietnamesischen Krieg (1979) teilgenommen hat, hält die militärische Situation seines Landes für grundsätzlich missverstanden. "Wir sind doch in unserer Entwicklung Jahrzehnte zurück, selbst Indien ist uns um 60 Jahre voraus."

Mehr als 30 Prozent der US-Soldaten seien in der Navy, behauptet er, nur 15 Prozent seien es bei den Chinesen. Das stimmt nicht ganz: Gut 20 Prozent sind es bei den Amerikanern. Xu sagt, das Pentagon verfüge über elf atombetriebene Flugzeugträger, Peking habe nur einen einzigen, mit Dieselmaschinen, "der noch dazu alle paar Wochen in die Wartung muss". Und so setze sich das fort: "In China kommen 17 Soldaten auf 10 000 Einwohner, in den USA sind es 43. Und nur 14 000 Dollar geben wir pro Jahr und pro Soldat aus. Wissen Sie, wie viel Deutschland jährlich für jeden Soldaten zahlt? 200 000 Dollar."

Chinas Marine, sagt Xu, habe deshalb großen Aufholbedarf. Die "Warjag" werde dieses Jahr in Dienst gestellt; dann aber brauche Peking mindestens sechs bis acht "richtige" Flugzeugträger. Das Gewicht der Marine innerhalb der Gesamtstreitkräfte müsse deutlich angehoben werden. Zurzeit betrage das Verhältnis der Mannschaftsstärken von Heer und Marine 7 zu 1,5. Gewünscht sei ein Verhältnis von 5 zu 2,5 - was immer noch sparsamer sei als das in den amerikanischen Streitkräften.

Dann würde China aufgrund der enormen Truppenstärke seiner Armee die mit annähernd 500 000 Seeleuten größte Marine der Welt stellen. Allerdings, so Xu Guangyu, würde sich die Gesamtzahl der Soldaten von derzeit rund 2,3 Millionen bald auf zwei und dann auf 1,5 Millionen reduzieren. "Denn auch wir wollen eines Tages an die 100 000 Dollar pro Soldat ausgeben. Was Boote und Ausrüstung betrifft, werden wir aber hinter den USA und Russland an dritter Stelle stehen- bleiben."

Wie immer sich Chinas strategische Lage in den kommenden Jahren verändere - die Bedeutung der Marine werde wachsen. "Wir haben ein paar Konflikte an unseren Landgrenzen, doch die größte Gefahr kam in China immer vom Meer", sagt der Militär-Funktionär. Die "Acht Alliierten", die 1900 den Boxeraufstand niederschlugen und Peking verwüsteten, seien übers Meer gekommen; die Japaner, die China in den dreißiger und vierziger Jahren unterjochten, ebenso. "Und ich habe den Eindruck", sagt General Xu, "die Amerikaner kommen auch nicht aus der Luft."

Vor sieben Jahren, als Washingtons Armee im Morast des irakischen Bürgerkriegs steckte, sagte der amerikanische Denker Robert D. Kaplan voraus, früher oder später würden die USA sich von den Händeln des Nahen Ostens ab- und dem Fernen Osten zuwenden. So entwickelten sich nun einmal die Machtverhältnisse in der Welt.

Bislang hat die Geschichte Kaplan recht gegeben. Barack Obama hat den strategischen Schwerpunkt seiner Streitkräfte eindeutig von dem für den Nahen Osten zuständigen Zentralkommando (Centcom) auf das Pazifische Kommando (Pacom) verschoben.

Und dass das aufstrebende China seine Einflusszone auch über seine Küsten hinaus absichern will, sei "völlig legitim", so Kaplan. Der chinesische Sicherheitsexperte Zhu Feng von der Universität Peking sagt, mit Maßnahmen wie dem Raketenschirm werde Amerika den Rüstungswettlauf nur "beschleunigen".

Ein Land, das China gut beraten könnte, weil sich seine Historiker auskennen mit Flottenpolitik und Rüstungswettläufen auf hoher See, ist Deutschland. Vor 100 Jahren stand Berlin, wo Peking heute steht: Es war die aufstrebende Wirtschaftsmacht, bewundert, beneidet und gefürchtet. Und es wünschte sich eine Flotte, die seinem Selbstbewusstsein Ausdruck gab und die es mit der größten jener Zeit, der britischen, aufnehmen konnte.

Das gelang beinahe. Aber es nahm kein gutes Ende.

(*) Mit ihrem chinesischen Kollegen Yang Jiechi am Mittwoch vergangener Woche in Peking.

DER SPIEGEL 37/2012
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