10.09.2012

ULTRAS

Jeder Spieler ist zu schützen

Von Hacke, Detlef

Martin Kind, 68, Präsident von Hannover 96, über aggressive Bundesligafans und Konsequenzen aus Gewalt und Pöbeleien

SPIEGEL: Herr Kind, in Köln haben Rowdys den Spieler Kevin Pezzoni terrorisiert, bis er entnervt den Verein verließ. Der Profi Emanuel Pogatetz war von Hannover nach Wolfsburg gewechselt und wurde von Anhängern Ihres Clubs als "Sohn einer Hure" beschimpft. Hängen die Fälle zusammen?

Kind: Die Konflikte erreichen eine neue Dimension. Menschen werden herabgewürdigt, bedroht. Das geht gar nicht. Bundesliga und Clubs müssen Flagge zeigen.

SPIEGEL: Das versuchen Sie - auf Ihre Art. Sie haben diejenigen, die Pogatetz beleidigten, als "Arschlöcher" bezeichnet. Ist Ihnen der Kragen geplatzt?

Kind: Nein, das habe ich bewusst so plakativ gesagt. Wenn ich mich diplomatischer ausgedrückt hätte, dann hätte sich das gut angehört, wäre aber bei diesen Leuten nicht angekommen. Ich wollte klarstellen: Der Rubikon ist überschritten.

SPIEGEL: Die Aggression im deutschen Profi-Fußball nimmt zu, in den Stadien und außerhalb. Fan-Busse werden abgedrängt, Plätze gestürmt, Spieler attackiert. Warum eskaliert das so?

Kind: Gewalt ist sicherlich auch ein gesellschaftliches Phänomen. Aber im Fußball gibt es spezifische Mechanismen. Manche Fans haben hier eine Plattform in der Öffentlichkeit gefunden, sie überhöhen ihre

Identität mit dem Verein und ihre Ansprüche. Und versuchen dabei, einen rechtsfreien Raum zu schaffen.

SPIEGEL: Was hilft dagegen?

Kind: Wir dürfen die Konflikte nicht umgehen. Die Bundesliga und ihre Organisation, die DFL, müssen viel konsequenter handeln, etwa mit Stadionverboten. Ich empfehle, dass die Vereine ihre Strafmaßnahmen untereinander abstimmen, damit das gleiche Fehlverhalten nicht unterschiedlich geahndet wird.

SPIEGEL: Lohnt es sich, dass Clubs und Fans mehr miteinander reden?

Kind: Ich bin für Dialog, aber die Spielregeln müssen klar definiert sein. Grundsätzlich gilt: Die Vereine sind Unternehmen mit hohen Umsätzen, professionell geführt. Da darf es keine Einflüsse von außen geben.

SPIEGEL: Das ist aus Sicht mancher Fans, vor allem der Ultras, ein Problem. Sie fürchten, dass ihr Verein ihnen entgleitet.

Kind: Ich schließe nicht aus, dass einige da eine andere Philosophie haben. Sie erwarten aber auch moderne Arenen, attraktiven Fußball und gute Spieler. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen.

SPIEGEL: Der FC Bayern hat vorigen Sommer Manuel Neuer aus Schalke verpflichtet, trotz massiver Fan-Proteste. Köln dagegen ließ Pezzoni ziehen. Hat Bayern richtig gehandelt - und Köln falsch?

Kind: Ich möchte so antworten: Die Verantwortlichen der Vereine sollten aus Überzeugung entscheiden. Es gehört zur Führungsstärke, diese Entscheidungen dann ohne Wenn und Aber umzusetzen.

SPIEGEL: Also hätte Köln Pezzoni den Rücken stärken und ihn halten sollen?

Kind: Ich hätte es so gemacht. Jeder Spieler, ob Leistungsträger der Mannschaft oder nicht, ist zu schützen. Ich bin dagegen, den vermeintlich bequemen Weg zu gehen.

(*) Am 25. Februar mit gebrochenem Nasenbein nach einer Attacke eines Unbekannten bei einer Karnevalsfeier in Köln.

DER SPIEGEL 37/2012
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