10.09.2012

LITERATUR

Sex kommt kaum vor

Von Kurbjuweit, Dirk

Der Schriftsteller Rainald Goetz erzählt in seinem Roman "Johann Holtrop" von den Scheußlichkeiten des real existierenden Kapitalismus.

Schuhe sind ein großes Thema, gerade unter Männern, gerade unter Machtmännern. Ein Blick auf die Schuhe ihrer Mitarbeiter ist ein Herrschaftsinstrument, und das hat der Schriftsteller Rainald Goetz gut verstanden. Als sein jüngstes Geschöpf, der Firmenchef Johann Holtrop, auf die Schuhe seines Finanzvorstands Ahlers schaut, sieht er "weich gerundete Gesundheitsschuhe, die als Beleidigung von Holtrops Teppich am unteren Ende von Ahlers vor Holtrop auf dem Boden standen, ein Laschheitsexzess von abstoßender Scheußlichkeit". Etwas anderes als Verachtung kann Holtrop für diesen Ahlers gar nicht empfinden.

Und wenn Ahlers diesen Blick bemerkt, dann ist er an elementarer Stelle angegriffen, an der Verbindung von Mensch und Boden, womit ihm jede Sicherheit entzogen worden ist. Er steht nicht mehr fest im Leben, er wackelt. Wenn man das zu Ende denkt, hat der Kapitalismus eine ausdifferenzierte Schuhmode entwickelt, damit sich schon durch scheinbar harmlosen Konsum Unterdrückungsstrukturen entwickeln. Ganz schön niederträchtig, dieser Kapitalismus.

Wer das noch nicht mitbekommen hat, dem wird es nun von Rainald Goetz erzählt. In seinem neuen Roman "Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft" geht es auf 344 Seiten darum, wie fürchterlich unser Wirtschaftssystem ist, welch grausige Kreaturen es gebiert.

Dieser Roman gibt erst gar nicht vor, ein Geheimnis zu haben. Auf der ersten Seite werden der Kapitalismus und dessen Akteure mit folgenden Worten bedacht: "kaputt", "hysterisch kalt", "verblödet konzeptioniert", "falsch", "lächerlich", "blind gedacht", "infantil größenwahnsinnig".

Im Prinzip weiß man das schon alles und bleibt dann auch von Überraschungen unbehelligt. Der Roman spielt in den nuller Jahren, vom Platzen der New-Economy-Blase bis zur Schuldenkrise, er spielt in einem Medienkonzern, der Bertelsmann ähnelt, und er erzählt in zügiger Abfolge das Erwartbare: Aufstieg, Absturz, Niedertracht, Concorde, Entlassung, Gier, Tabletten, Luxusyacht, Selbstmord, Hubschrauber, Geldregen, Psychiatrie, Zynismus. Fehlt etwas? Sex fehlt, Sex kommt kaum vor.

Der Chef des Medienkonzerns Assperg, Johann Holtrop, ist so durchtrieben, verderbt und ruchlos, so frei von guten Regungen oder gar Seiten, dass der Leser keine Chance hat, ihn auch nur ein bisschen zu mögen. Alles ist so wie im Klischee vom Kapitalismus. Rainald Goetz hat einen Holzschnitt geschaffen.

Das ist sein Verdienst. Das macht den Wert dieses Romans aus.

Das Thema, das hinter diesem Buch steckt, ist die Suche nach einem Konzept für das Erkennen von Realität. Diese Suche betrifft Journalisten und Schriftsteller gleichermaßen, und Goetz arbeitet an der Nahtstelle zwischen diesen beiden Berufsgruppen. Er ist fasziniert und abgestoßen von den Medien, hat sich in den früheren Büchern "Klage", "Dekonspiratione" und "loslabern" ausführlich mit ihnen befasst. Manchmal arbeitet er selbst wie ein Journalist. Man sah ihn eine Zeitlang im Bundestag oder bei Pressekonferenzen, oft mit einer kleinen Filmkamera. Goetz wollte die Realität erfassen.

Zwischen Realität und Klischee herrscht ein eigentümliches Spannungsverhältnis, gerade für Journalisten. Das Klischee gilt als Banalisierung der Realität und deshalb als unwahr. Als Journalist, der durch die Milieus wandert, begegnet einem das Klischee dieser Milieus allerdings bestürzend oft als Wirklichkeit. Das Problem ist dann, dass sich kaum einer traut, das aufzuschreiben, denn der Vorwurf "Klischee!" käme unweigerlich. So hat der banale Teil der Wirklichkeit kaum eine Chance in anspruchsvollen Texten.

Die Angst vorm Klischee fordert Autoren heraus, ihre Porträts oder Geschichten zu verfeinern, sie suchen, oft mit der Lupe, nach dem Unterschied zum Klischee. Das macht die Geschichten interessanter, veredelt aber die Wirklichkeit. Die Welt ist in den meisten Texten origineller, sogar besser als die wahre Welt. Das gilt für Reportagen und Porträts, aber auch für Romane.

Goetz, der intelligent genug ist, um einen differenzierten Roman zu schreiben, hat sich darum nicht geschert. Er hat auf Schminke für die Realität vollkommen verzichtet. Also ist in seinem Roman ein führender Manager "der exzessiv von sich selbst eingenommene, innerlich enthemmte Ichidiot, egoman verkrüppelt". Klingt schlicht, klingt brutal - ist einem dieser Managertyp aber nicht bekannt?

Smalltalk auf einem Empfang ist bei Goetz "der normale Nulltext, der automatisch geredet wurde". Falsch? Über die Rede eines Bürgermeisters heißt es: "Dass es unschön sein könnte, die ganze Zeit sich selbst zu loben, dass ein so aufdringlich für sich selbst werbendes Selbstlob auch abstoßend wirken könnte, dafür war beim mittleren Trottel, der öffentlich auftrat, generell jedes Gefühl längst und endgültig abgetötet." Noch nie so empfunden beim Anhören einer politischen Rede?

Dass bei Konferenzen alle einander für Deppen halten, dass Machtmenschen bei ihren Begegnungen und Gesprächen immer auch die Machtfrage klären wollen, soll das nicht stimmen, weil es so schlicht klingt?

Goetz schreibt in seinem Roman auch über den SPIEGEL im Jahr 2002, und sein Thema dabei ist die Angst, die in der Redaktion geherrscht haben soll. Noch so ein Klischee. Aber würde jemand bestrei-

ten, dass es beim SPIEGEL Phasen gab, in der Angst für manchen eine gar nicht so kleine Rolle gespielt hat?

Der Satz "so ist es" klingt verdächtig, klingt nach Stammtisch, nach dümmlicher Zustimmung zu einem düsteren Bild von der Realität. Aber wenn man sich diesen Satz wegkultiviert, dann verschwimmt einem die Realität. Wer Unternehmen und Politik kennt, dem fällt dieser Satz bei der Lektüre von Goetz häufig ein.

Goetz kann wunderbar beschreiben, wie Machtmenschen sich in ihren Ämtern neu formieren, bis es eine Deformation ist. Über Gerhard Schröder und Joschka Fischer schreibt er: "Die Phantasie an die Macht hatte es eben erst geheißen, jetzt waren die Protagonisten dieser einstigen Aufstandsparolenjugend real an die Macht gekommen, noch in Bonn waren Schröder und Fischer, der Turnschuh-Fischer, der blitzschnell zum Dreireiher- und Siegelring-Fischer mutierte Suppenkasper-Fischer, als neue Chefs der rot-grünen Regierung vereidigt worden, und wie war der Stil ihres Auftretens von Anfang an gewesen: unsympathisch, angeberhaft, grobianisch. Und vor allem: mega-autoritär. Die generationengegebene Ablehnung von Autorität hatte zu einer in der Praxis grotesken, an Blindheit grenzenden Unfähigkeit zur Einsicht in alle komplizierter austarierten Selbsteinschränkungsmechanismen realer Macht- und Herrschaftsausübung geführt, der Basta-Kanzler-Stil regierte, selbstgefällig dröhnend, die Politik, die Wirtschaft, die Chefs." Wer dabei war, weiß: So war es.

Nicht dass der Journalismus das nicht auch schon herausgearbeitet hätte, aber Goetz ist deutlicher in der Wiedergabe, er ist hemmungslos. Journalismus kennt häufig eine Pietät, einen Anstand, aber auch eine Furcht vor den Mächtigen, die das Äußerste verhindern. Man schreibt nicht, dass die Bundeskanzlerin beim Essen manchmal die Nase hochzieht, dass der Minister X gern auf onkelhafte Weise mitreisende Journalistinnen anbaggert, genauso Unternehmenschef Y.

Bei Goetz bleibt vom Mächtigen nur die Lächerlichkeit. Holtrop ist so eitel, dass er albern ist, er ist so hermetisch, dass er sich nicht entblödet, vor Druckereiarbeitern eine umarmende Rede zu halten, was natürlich nicht funktioniert: "Jeder ging an seinen Arbeitsplatz zurück. Und jeder hatte eine zum Weitererzählen ganz gut geeignete Geschichte von ganz normalem Chefschwachsinn im Kopf und konnte deshalb, so bereichert, sagen: ,Danke, Chef!'"

Holtrop kümmert das natürlich nicht. Die eigene Lächerlichkeit ist für den Machtdeformierten ein weiteres Instrument der Herabsetzung anderer, eine Attacke also, ähnlich wie der kalte Blick auf die Schuhe. Das ist wie bei den Königen, die vor ihren Dienern geschissen haben. Die Diener zählten nicht als Menschen, die eines Schamgefühls würdig sind. Ein deformierter Machtmensch mutet sich den anderen schamlos zu, weil ihm die Zumutung für die anderen egal ist.

Sind solche Verformungen eine Folge von Kapitalismus? Auch, sagt Goetz, aber sein Buch sei nicht antikapitalistisch, sondern human-pessimistisch. Es gibt dort einen Trupp ehemaliger Stasi-Offiziere, die immer noch herumschnüffeln und von Goetz genauso gnadenlos betrachtet werden wie die Kapitalisten. Bei ihm ist der Schuldige nicht das System, sondern der Mensch, der den jeweiligen Spielraum des Systems nutzt, um sich als Machtmensch wüst gebärden zu können.

Die Sprache, die Goetz für seine Geschichte findet, bedient sich zu einem Teil der Sprache, die sich in Unternehmen entwickelt hat. Es ist ein Duktus der Undurchdringlichkeit, ein dorniges Wortgestrüpp. Das kombiniert er mit seiner Wutpoesie. Die Wirkung dieser Mischung ist die eines Comics. Goetz hat einen realistischen Wirtschaftscomic geschrieben, der durch seine Sprache und seine Entschiedenheit ein Vergnügen ist.

Natürlich hat der Systemmensch auch eine andere Seite, natürlich ist auch im übelsten Kapitalisten ein Herz versteckt. Goetz hat darauf verzichtet, es zu entdecken. Er hat sich mit dem Kern befasst, oder möchte jemand behaupten, der Kern von Unternehmen sei das menschliche Herz?

Was Goetz beschreibt, ist, dass es des Menschen Schicksal ist, im Kapitalismus oder in anderen Systemen zum Unmenschen zu werden. In dieser Verführbarkeit ist der Unmensch dann wieder menschlich, also gar nicht so unsympathisch. Dass das Vorzimmer des einstigen Chefs von DaimlerChrysler, Jürgen Schrempp, mit Plüschbären vollgestopft war, hatte etwas von einer Zumutung und Liebenswürdigkeit. Dass der Außenminister Joschka Fischer vor Journalisten mit seiner Freundin am Telefon säuselte, war so dreist wie süß. Ein milder Blick würde das herausarbeiten, und mit solcher Differenzierung beginnt große Literatur.

Die hat der große Schriftsteller Rainald Goetz in diesem Fall nicht geschaffen. Er hat sich für den bösen Blick entschieden, der aber auch ein klarer Blick ist und der Wirklichkeit manchmal gerechter wird als der milde. Dass Goetz mit seiner Gnadenlosigkeit sich ganz gut in das gnadenlose System einfügt, hat er wohl in Kauf genommen.

In erster Linie ist sein Buch eine gute Ergänzung zum Journalismus. Da die Medienunternehmen miteinander verbandelt sind, hat die journalistische Kontrolle darüber eine Lücke. Das öffentliche Bild von der Wirklichkeit ist in diesem Bereich diffuser als in anderen. Es könnte durchaus sein, dass es bei Bertelsmann oder Springer noch schlimmer zugeht als von Goetz beschrieben. ◆

(*) Bei einem Vortrag an der Berliner Humboldt-Universität im Mai.

DER SPIEGEL 37/2012
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