17.11.1997

RAUSCHGIFT-REPORT I

Der Drogenkrieg ist verloren

Von Supp, Barbara

Jährlich 700 Milliarden Mark setzt die größte Wachstumsbranche der Welt um, sie hat Deutschland zu einem Supermarkt für Rauschgift gemacht. Nun droht eine neue Drogenschwemme: Russische und kolumbianische Mafiabanden kooperieren. Von Barbara Supp

Tagelang stand der schwarze 190er Mercedes, Baujahr 1959, ohne Nummernschilder im schmuddeligen Hamburg-Veddel herum. Niemand kümmerte sich groß darum, nur manchmal rüttelten türkisch aussehende Männer an der Tür.

Dann tauchten die Südamerikaner auf. Zwei harmlose Leute waren das scheinbar, die mit der U-Bahn durch Hamburg fuhren, in der Jugendherberge übernachteten, in der Mensa aßen, jede Menge Leute trafen, Landsleute, Deutsche, Schwarzafrikaner, und offenbar keine Ahnung hatten, daß die Drogenfahndung hinter ihnen her war. Sie ließen sich Zeit.

Vielleicht hatten sie es sich einfacher vorgestellt, in Hamburg Käufer für ihre 20 Kilo Kokain zu finden. Oder vielleicht war ein Deal geplatzt. Manchmal, sagt der Rauschgiftfahnder Horst Schäfer, "sind die Leute auch einfach nicht so professionell, wie man glaubt".

Eine Dilettanten-Truppe? Das Kokain war professionell verpackt, von außen war nichts zu sehen an der Karosserie des Oldtimers, der am 20. Oktober 1997 per Containerschiff aus Chile eintraf. Nur der Monitor der Container-Röntgenaufnahme zeigte das versteckte Gift.

Diskret blieben die Fahnder dem Mercedes auf der Spur, verfolgten, wie er erst nach Bremen, dann nach Veddel, dann in eine Werkstatt bei Pinneberg geschafft wurde. Als die Bande am 4. November endlich die Flex ansetzte, schlugen sie zu.

Die beiden Südamerikaner wurden gefaßt, ein spanischer Mittelsmann, ein kurdischer Schweißer und ein Deutscher, der vermutlich der Käufer war - ein schöner Fall. "Nur leider", sagt Horst Schäfer, der Hafenspezialist beim LKA-Drogendezernat, "kommen schöne Fälle verflixt selten vor."

Er heißt nicht wirklich Horst Schäfer; er ist Familienvater, wohnt auf dem Land und hat kein Interesse daran, daß jeder weiß, "daß ich mit Rauschgift zu tun habe". Seriös sieht er aus, ein bißchen bürokratisch sogar, aber das täuscht.

Sechs Uhr früh, der Mann vom Landeskriminalamt fährt zu seinem Job. Er nimmt den schnellen Weg über die Elbbrücken zum Fruchtschuppen an der Westspitze des Hamburger Hafens. Er erzählt von schönen Fällen, um sich bei Laune zu halten, und fährt raus zu einem Frachter, der durchsucht werden muß. 30 000 Verstecke, hat ein mathematisch begabter Zöllner mal ausgerechnet, gibt es an Bord so eines Riesenschiffs.

Es gibt noch häßlichere Zahlen, und Schäfer kennt sie genau. 700 Milliarden Mark jährlich erreicht der weltweite Umsatz im Rauschgiftgeschäft, berichtet der jüngste "Welt-Drogenreport" der Vereinten Nationen: eine Horrorzahl. Innerhalb von 20 Jahren hat sich ein multinationaler Wirtschaftsapparat etabliert, der bereits acht Prozent des Welthandels bestimmt: die größte Wachstumsbranche der Welt. Sie bewegt mehr Geld pro Jahr als die Eisen- und Stahlindustrie.

Deutschland, meldet der Bundesnachrichtendienst, sei in den neunziger Jahren mehr denn je ins Fadenkreuz der Kartelle gerückt: als "vorrangiges Zielobjekt". Auf rund sechs Milliarden Mark schätzen Fachleute den Drogenjahresumsatz in der Bundesrepublik, das ist mehr als die Hälfte des gesamten westeuropäischen Rauschgiftgeschäfts.

Wie "modern geführte Wirtschaftsunternehmen", besagt ein interner BKA-Bericht, habe die Drogenmafia gelernt, "ihren Bestand zu sichern und ihren Profit zu maximieren". Und der wird weiter wachsen. Denn bald kommt die europäische Einheitswährung, und auf die freut sich nicht nur die legale Wirtschaft, sondern auch die Mafia. "Die Vorteile des Euro", warnt ein italienischer Mafia-Experte, "gelten auch für die Organisierte Kriminalität."

Kolumbianische, kurdische, italienische, albanische, nigerianische oder multinationale Banden operieren jetzt schon wie internationale Großunternehmen, und neuerdings fürchten die Ermittler vor allem die Newcomer im Drogengeschäft: die russischen Gangs.

In Deutschland waren die russischen Organisationen bisher eher bekannt für Erpressung, Glücksspiel, Menschenhandel, Auto- und Waffendeals. Doch nun drängen sie mit Macht in das internationale Rauschgiftgeschäft, und zwar Seite an Seite mit den kolumbianischen Koks-Kartellen.

Russische und kolumbianische Mafiabanden, das berichten Drogenfahnder mehrerer Länder, haben nun neue Abkommen geschlossen, die den Drogenkrieg bedrohlich verschärfen. Die Russen bieten den südamerikanischen Kokain-Bossen hochmoderne Waffentechnik und schweres Militärgerät: Helikopter, Boden-Luft-Raketen, U-Boote sogar. Zwei Kampfhubschrauber sowjetischer Bauart sollen, nach einem Bericht der "Washington Post", bereits verkauft worden sein, über ein U-Boot der Tango-Klasse samt 20 Mann Besatzung wurde verhandelt. In den letzten drei Monaten lieferten russische Schiffe in der nordkolumbianischen Hafenstadt Turbo Sturmgewehre vom Typ AK-47 und propellergetriebene Granaten ab.

Diskrete russische Banken in der Karibik, wissen die Ermittler, stehen den Kolumbianern für die Geldwäsche bereit. Allein in Antigua gründeten russische Unternehmer, einige mit engen Kontakten zur Mafia, bis jetzt neun Offshore-Banken. Das Calí-Kartell wiederum liefert Kokain für den immens gestiegenen Bedarf in den ehemaligen Sowjetrepubliken und für den westeuropäischen Markt. Bereits im Frühjahr 1993 wurde die erste Großlieferung via Rußland beschlagnahmt, an der russisch-finnischen Grenze: eine Tonne Kokain zum damaligen Marktpreis von 100 Millionen Dollar.

Solche Funde sind selten. Die russische Polizei hat noch wenig Erfahrung bei der Fahndung nach Rauschgift und gilt als korrupt. Deshalb ist der neue Kapitalismus im Osten das ideale Tor für die etablierten Drogengangs aus dem Westen, um den deutschen Markt auch von Osten her zu beliefern.

Die Kolumbianer arbeiten eben gern mit Profis, zur Zeit sind sie dabei, den Vertrieb in Europa neu zu organisieren. Bisher waren häufig deutsche Großdealer gut im Geschäft. Nun aber sind wichtige Figuren wie der Hamburger "Schneekönig" Ronald Miehling aufgeflogen. Der Markt ist in Bewegung, jetzt wollen die Kolumbianer die kriminellen Kontakte der Russen nutzen.

Und nicht nur die. In Hamburg operiert bereits erfolgreich eine Ost-West-Connection: Kurden und Kolumbianer ziehen da an einem Strang. Die anatolischen Clans übernehmen kolumbianisches Kokain, um es auf dem deutschen Markt zu verteilen; die Südamerikaner verschaffen sich aus kurdischen Beständen Heroin für Amerika. Im Moment, sagt Miehling, der zur Zeit in Hamburg-Fuhlsbüttel einsitzt, pendelt sich gerade der Wechselkurs ein: "Die tauschen zwei bis drei Kilo Heroin gegen ein Kilo Kokain."

Da wächst etwas zusammen, was Ermittler und Politiker das Fürchten lehrt. "Mit aller Schärfe", verkündete die Bundesregierung in ihrem "Nationalen Drogenbekämpfungsplan", müsse der Kampf geführt werden. Von der "größten Schlacht der Menschheit" sprach schon Frankreichs verstorbener Präsident François Mitterrand. Und allen voran führen die USA jenen "Krieg gegen die Droge", den Präsident Reagan bereits 1989 erklärt hat, den aber auch Bill Clinton nicht gewinnen kann: einen Kreuzzug gegen die "Mörder der Jugend Amerikas", wie es hieß.

Es ist bisher ein stiller Krieg, der in den USA jedes Jahr 10 000 Menschen tötet, weltweit 30 000 Tote und in der Bundesrepublik rund 1500 Tote kostet. Und es ist ein moderner Krieg, der geführt wird von ein paar Dutzend weltweit operierenden Geschäftsleuten. Die wollen eigentlich nichts anderes als Millionen anderer Kaufleute auch: Geld verdienen.

Sie nutzen die Handelswege, die Kommunikationsmittel und die Finanzströme der Weltwirtschaftsordnung, und die Regierenden dieser Welt sehen in ihnen Staatsfeinde, die schlimmer sind als Kommunisten, Islamisten und Terroristen zusammen.

Die Waren, mit denen sie handeln, sind verboten; deshalb ist ihr Preis so hoch, und deshalb bringen sie Mord und Totschlag über die Gesellschaft, Korruption und Gesetzlosigkeit. Die Waren machen ihre Konsumenten süchtig und zu Outlaws, die aus der Gesellschaft ausbrechen, obwohl sie weiter in ihr leben; die Regierenden der westlichen Länder sehen in ihnen Subversive, die nicht fernab in einem terroristischen Staat leben, sondern die von den Metropolen aus die Demokratie aufweichen.

Die Drogenmafia hat als Hauptfeind den Kommunismus abgelöst, deshalb schickt die US-Regierung Agenten der Rauschgiftbehörde Drug Enforcement Administration (DEA) in alle Welt, läßt kolumbianische Drogenbosse zur Aburteilung vor amerikanische Gerichte schaffen, brennt bolivianische Coca-Felder ab. Doch mit Hilfe der russischen Banden rüstet der Gegner nach. Und im übrigen buchen die Drogenbosse ihre Verluste kühl als Geschäftskosten ab.

Auf 280 000 Hektar Land wird derzeit Opium angebaut, auf 220 000 Hektar der Coca-Strauch - das ergibt dreimal soviel Heroin und doppelt soviel Kokain wie vor zehn Jahren. Afghanistan rechnet für 1997 mit einer Rekordernte, die die 2200 Tonnen Rohopium vom Vorjahr noch übertrifft.

Problemlos ist im Supermarkt Deutschland alles zu haben, was knallt: Glückspillen wie Ecstasy, made in Polen oder Holland, gibt es in der Disko. Haschisch aus den Niederlanden und türkisches Heroin holt man im Hauptbahnhof oder im einschlägigen Park. Dort wird auch südamerikanisches Kokain angeboten, für diejenigen, die es nicht diskret beim hauseigenen Dealer beziehen. Und die Nachfrage steigt.

Knapp 700 000 Ecstasy-Pillen hat die deutsche Polizei im vergangenen Jahr konfisziert. Zwischen Januar und Juni 1997 wurden 8265 "erstauffällige Konsumenten harter Drogen", darunter 3566 Heroin-Junkies, registriert: So viele wie nie zuvor. Und Koks ist längst nicht mehr nur die Partydroge, die sich Werbemenschen, Rechtsanwälte oder Prominente in die Nase ziehen. Auch Ecstasy-, Haschisch- oder Heroinkonsumenten nehmen gern nebenher noch von dem Stoff, bei dem selbst ein vernebeltes Junkiegehirn noch einen Kick verspürt.

So warten nun schätzungsweise fünf Millionen Kiffer, eine Million Raver, 100 000 Kokser, 150 000 Heroin-Junkies auf ihren Stoff - und 1500 Fahnder wie Schäfer sollen dafür sorgen, daß er nicht kommt: ein Job für Sisyphus, nicht für James Bond.

Die Droge dringt per Schiff, per Flugzeug, per Lkw oder Pkw nach Deutschland, und sie kommt vom anderen Ende der Welt. An den Einfallstoren nach Deutschland sitzen Beamte wie Horst Schäfer oder ein Kollege, der hier Joe heißen soll, oder ein Zollfahnder namens Heribert Baumann, drei Sisyphusse mit Pensionsanspruch. Sie malen Pfeile, Routen und schraffierte Flächen auf Landkarten, bis sie aussehen wie Schnittmusterbögen. Das Verkehrsnetz wächst und verzweigt sich, und jede politische Veränderung wirkt sich auf die Routen aus. Das Schengener Abkommen, das Ende des Balkankriegs, die Wirtschaftskrise in Rußland - alles hat einen Einfluß darauf, wann und wo wieviel Rauschgift kursiert.

Am Hamburger Hafen wacht Horst Schäfer, der Familienvater, und läßt immer wieder Schiffe filzen, obwohl die Wahrscheinlichkeitsrechnung sagt: Bleib auf deinem Hintern am Schreibtisch sitzen, was soll's. Aber "wenn man das macht", sagt Schäfer, "wird man verrückt".

Am Frankfurter Flughafen hält sich sein Kollege Joe bereit: Kripo-Mann, Ende 30, einer, der immer so aussieht, als ob er Turnschuhe anhätte, auch wenn er keine trägt. Vor langer Zeit hat er beschlossen, daß ihm der Job "Spaß macht", und zwar so sehr, daß die Ehe darüber zerbrochen ist. Weil so ein Einsatz "eben spannend ist. Das ist ein Spiel, und jedesmal sieht man, wer besser ist: die oder wir".

An der fränkisch-tschechischen Grenze operiert Zolloberamtsrat Heribert Baumann, 58. Er trägt gediegene Business-Anzüge, ist seit 20 Jahren in der Branche und hält sich an dem Wunsch fest, einmal nur, "ein einziges Mal eine komplette Bande vom Kleindealer bis zum Boß festzunehmen". Dabei weiß er ja längst, daß das wohl nie geschieht: "Irgendwo stößt man immer an eine Mauer."

Baumanns Blick richtet sich vor allem nach Osten: zum Heroin. Auf den Feldern des "Goldenen Halbmonds", in Afghanistan, Iran und Pakistan reift der Stoff für Mitteleuropa heran. Am Pamir-Gebirge packen afghanische Bauern ihr Rohopium auf Mulis und bringen es nach Tadschikistan. Über Kirgisien, jetzt schon per Lastwagen, die alte Seidenstraße entlang, geht das Gift seinen Weg nach Moskau oder St. Petersburg. Oder es nimmt den klassischen Weg durch Iran und den Irak in den Osten der Türkei.

Dort ist das Revier der mächtigsten kurdischen Drogenbosse, dort stehen auch die wichtigsten Labors, in denen aus billigem Opium das kostbare Heroin entsteht. Zwischenhändler in Istanbul sorgen dafür, daß der Stoff per Schiff nach Italien und Spanien oder per Landstraße nach Österreich und Tschechien gelangt. An Baumanns Grenzern vorbei führt der Weg nach Bayern und von dort in den Rest der Republik.

Kokain kommt aus allen Himmelsrichtungen ins Land. Die häufigsten Wege zum Frankfurter Flughafen und zu Joe führen über La Paz, Bogotá, Lima oder Caracas. Aber auch Kuriere aus Polen und den ehemaligen GUS-Staaten im Osten werden gefaßt. Obendrein hat sich in jüngster Zeit eine Südroute etabliert, vor allem via Kapstadt und Johannesburg: Immer wichtiger wird der Weg über Afrika, wo eine nigerianische Mafia das Geschäft mit der Droge im Griff hat und beste Beziehungen zu diversen Regierungen pflegt.

Auch die spanische Nordwestküste ist eine der bedeutenden Schleusen; Ende September stießen Drogenfahnder dort auf 4728 Kilo Kokain. Doch noch sind Rotterdam und Hamburg die wichtigsten Tore zum europäischen Markt. Die dicksten Pfeile von Südamerika her führen direkt an die Elbe, wo Horst Schäfer vor seinem litauischen Bananenfrachter steht.

15 000 Schiffe, drei Millionen Frachtcontainer, kursieren jährlich im Hamburger Hafen. Zwar hat der Zoll jetzt seine 36 Millionen Mark teure Container-Röntgenanlage, eine "Weltneuheit", wie es hieß, und am Mercedes-Fall sieht man ja auch, daß die wunderbar funktioniert. Aber soll man vielleicht drei Millionen Frachtkisten da durchfahren? Und was ist mit den Schiffen, die Kohle oder Bananen transportieren?

Bleiben Stichprobe, diskrete Hinweise und Durchsuchungen auf Verdacht. Und diesmal? Es wäre "Zeit, daß sich wieder mal was findet", meint Schäfer. "So etwas hebt die Moral."

Ein rostiger Frachter aus Riga ist also dran, der früher Kriegsschiff war und heute Bananen aus Ecuador geladen hat; ein Schiff, dessen Besatzung sich ein bißchen seltsam benimmt. Normal ist das nicht, daß so ein Transporter einen Tag lang im Hafen herumliegt, ohne die Ladung zu löschen.

"Zollrechtliche Überholung" heißt das, was Schäfer vorhat. Seine Leute werden den Frachter absuchen, vom Schornstein bis runter in den Maschinenraum und unter Wasser sowieso. An Bord sind 25 Mann Besatzung, mager und grau im Gesicht, ergeben warten sie ab, was passiert. Überall könnte Rauschgift sein, eine Plastiktüte oder ein paar Kisten voll oder nur ein paar Gramm.

Er kenne sich aus, sagt gewichtig einer der Männer im dunklen Overall; früher ist er selbst zur See gefahren. Er wisse, wo sich das Suchen am meisten lohnt: Im Wellentunnel zum Beispiel wird gern was verstaut, in Ölfässern oder im Generatorraum, vor allem, wenn er so schmierig ist wie dieser. Aber "ein Profi", sagt er, "versteckt ein ganzes Auto an Bord, und du findest das nicht".

In den Kabinen, den Schränken der Besatzung: zerschlissene Kleider, sonst nichts. In der Kombüse bloß Blechtöpfe, in der Kühlkammer nur ein paar magere gefrorene Hühner, in der Speisekammer Knorr-Cremesuppen, Nescafé und eine rothaarige lettische Köchin, die müde blinzelt, als das Rollkommando ihren Arbeitsplatz durchsucht. Sie kennt die Prozedur. Laßt sie halt suchen, sagt ihr Blick.

Draußen, am Schiffsheck, reißen die Taucher im halben Triumph die Arme hoch. Sie haben etwas gefunden: ein armdickes, meterlanges Stück Draht. Irgendwann hing daran eine heimliche Fracht.

Im vergangenen Jahr haben deutsche Beamte rund 10 000 Kilo Haschisch und Marihuana, knapp 900 Kilo Heroin und 1370 Kilo Kokain beschlagnahmt: Das ist deutlich weniger Cannabis als im Vorjahr, und beim Kokain steht gar ein Minus von 25 Prozent. "Schuld daran", notierte das Bundeskriminalamt unzufrieden in seinem Jahresbericht, "ist das Ausbleiben von Großsicherstellungen in den Seehäfen."

Im Mai dieses Jahres sah es so aus, als werde alles wieder gut. Durch einen Informanten in Südamerika und abgehörte Telefongespräche hatte das BKA von einer Massenlieferung Kokain erfahren, die für ganz Europa bestimmt war. Über Brasilien und Argentinien sollte der Stoff direkt an die Elbe verschifft werden: im Container einer Hamburger Spedition, als "Fruchtmark" getarnt.

Die "Operation Erdbeere" verhieß 1800 Kilo hochreines Kokain, Marktwert im Endverkauf: 400 Millionen Mark. Doch auf Wunsch von Präsident Carlos Menem griff die argentinische Kripo im Hafen von Buenos Aires zu. Stolz informierte sie die Öffentlichkeit über 16 Festnahmen, darunter ein wichtiger Mann im kolumbianischen Calí-Kartell. Dies sei ihr Fall, beharrten die Experten vom argentinischen Geheimdienst, schließlich hätten sie als erste davon gewußt. So freuen sich die Argentinier über den Ruhm und über 1800 Kilo Kokain für die Statistik. Die Deutschen hatten sich vergebens auf die Lauer gelegt.

Von einer "controlled delivery" hatten die Wiesbadener geträumt, einem überwachten Drogentransport wie beim Mercedes-Fall; eine beliebte Methode.

Der Hesse Joe schätzt sie sehr. "Du mußt nur aufpassen", sagt der Fahnder, "daß du nicht die Kontrolle über den Stoff verlierst. Daß du dranbleibst, ohne daß die das merken. Dann klappt's." Manchmal gleicht das Spiel der "Stillen Post", wenn er stunden- und tagelang am Computer sitzt und Telefongespräche abhört - was hat der Bursche jetzt gesagt: "Kind"? Heißt das "Kilo"? Meint er Kokain? Dann wieder spielt er Verstecken, lauert und observiert oder übt sich im Schach gegen kluge Köpfe, wobei er allerdings oft den Eindruck hat, der Gegner habe ein paar Türme und Springer mehr auf dem Brett: Technisch ist der durchschnittliche Gangster längst besser ausgerüstet als der durchschnittliche Polizist. Seinen Laptop und sein Handy hat sich Joe selbst gekauft, und die Gebühren zahlt er auch.

Aber egal. Der Abend kann spannend werden. Joe sitzt in seiner Frankfurter Kneipe, trinkt Cola und blickt erwartungsvoll auf sein Telefon, und das klingelt prompt: "CD", sagt er zufrieden. "Controlled delivery. Es geht los."

Per Luftpost ist ein Buch aus Kolumbien eingetroffen, im Buchdeckel: ein Pfund Koks. Mittags um drei hat der Empfänger sein Päckchen abgeholt, Joes Kollegen standen diskret vor dessen Haus herum, um zu sehen, wer sich für das Zeug interessiert. Jetzt ist es soweit. Gegen 19 Uhr ist ein Kolumbianer aufgetaucht, um den Stoff abzuholen; Joes Kollegen bleiben an ihm dran. Joes Job ist der Besuch beim Empfänger selbst. "Macht Spaß", sagt Joe. "Festnahmen sind das beste."

"Ein armes Schwein", meint er später, abends beim Bier. Ja, sicher, der Zugriff war in Ordnung: Erst will der Mann nicht öffnen, dann reißt er doch die Tür auf, fliegt auf den Boden, Hände nach hinten. Er wird nach Waffen abgesucht, auf einen Stuhl gesetzt, soll etwas sagen, kann nicht, will nicht. Ein Alkoholiker ist er, ein Deutscher, der mit einer Kolumbianerin verheiratet war. Nur um dem Bruder der Ex-Frau einen Gefallen zu tun, hat er sich dieses Päckchen schicken lassen. Kein würdiger Gegner, "der war bloß der Depp", glaubt Joe, der eine halbe Stunde versucht hat, mit dem Mann zu reden. "Wahrscheinlich wußte der nicht mal, worum es ging."

Mit armen Schweinen haben die Frankfurter Fahnder häufig zu tun. Dort am Flughafen treffen sie ein, die Kuriere, die auch "Mulis" heißen und die sich in Südamerika für ein paar hundert Dollar präparierte Shampooflaschen oder Heiligenfiguren in die Hand drücken lassen, um sie nach Europa zu transportieren. Die sich den Stoff ins Mieder stopfen, in die Schuhsohle oder, wie kürzlich drei Jamaikanerinnen, in die Hochfrisur. Und die allerärmsten Schweine, die "Bodypacker": diejenigen, die sich den Stoff in den Magen zwingen oder in den After oder die Vagina schieben. Ein Mensch faßt bis zu einem Kilo Kokain.

Manchmal fallen sie schon im Flugzeug auf. Wenn sie nichts essen beispielsweise, damit sie nicht zur Toilette müssen. Bei 14 Stunden Flugreise von Bogotá ist das nicht normal. Oder sie werden am Ankunftsgate erwischt. Dort patrouillieren unauffällig Zöllner in Zivil, wenn eine Maschine aus Ecuador, Südafrika oder Afghanistan landet, und achten darauf, ob sich jemand seltsam benimmt. Oder im Handgepäck finden sich Gleitmittel, vielleicht auch Medikamente, die die Verdauung hemmen. Oder da ist jemand ein peruanischer Bauer und will für drei Tage Urlaub nach Deutschland gereist sein, "und das", sagt ein Zollfahnder, "glauben wir einfach nicht".

"Früher", berichtet der Mann vom Zoll, "hatten wir vor allem Nigerianer." Dann häuften sich Festnahmen von kolumbianischen Körperschmugglern, und nun, neuerdings, haben sich die Drogenbosse auch darauf eingestellt - "mehr Karibik, Venezuela oder deutsche Sozialhilfeempfänger, denen jemand ein Ticket nach Bolivien zahlt". Stolz führt der Beamte zum Drogenklo, einer Spezial-Toilette, die als Errungenschaft gefeiert wird: erhöhte Kloschüssel, dahinter ein Metallkasten mit Bürste und Gummiarm-Manschette, durch die der Diensthabende den Kot von den Rauschgiftbehältern schrubbt. Die wachsüberzogenen Kapseln oder Fingerlinge, die man ja als Beweismittel braucht, fallen dann desinfiziert durch eine Röhre ins Freie.

Die eindrucksvollsten Röntgenbilder aus der Frankfurter Flughafenklinik hat der Fahnder aufgehoben: "Hier, schauen Sie, ein Schlucker, der war bis zur Halskrause voll. Der hier war ein Schieber, das war Heroin. Oder diese da, bei der sieht man im Bild sehr schön die Ringe an den Fingern, wie sie den Reißverschluß ihrer Jeans offenhält. Und wenn man genau hinschaut, kann man ganz deutlich erkennen: Die Frau trägt eine Spirale."

Manchmal irren die Beamten gewaltig, "bei dem hier etwa, da denkt man, der hat was drin. Dabei hatte der nur sehr harten Stuhl". Ein andermal retten sie Leben. So wie bei einer Frau aus Kolumbien, vor ein paar Monaten, die fast gestorben wäre. 2 der 84 Päckchen Kokain waren im Körper geplatzt. Sie kam durch, weil zufällig Hubschrauber und Krankenwagen in Alarmbereitschaft standen: Am Flughafen wurde eine defekte Maschine erwartet, für die eine Notlandung vorbereitet war.

Mulis wie diese Frau oder der peruanische Bauer sind die niedrigste, elendste Stufe der Drogenhierarchie. Sie verdienen ein paar hundert Dollar und riskieren ihr Leben. Sie wissen nichts und gelten nichts. Schickt man zehn Kuriere los, dann macht es überhaupt nichts aus, wenn der Zoll einen erwischt.

Niemals würde ein Top-Mann in der Rauschgiftbranche so ein Risiko eingehen. Die Konzernspitze bleibt sowieso im Ausland. Die reisenden Manager und Gebietsverwalter achten streng darauf, daß sie nicht mit Drogen oder Drogengeld in Berührung kommen: Sie sind Geschäftsleute, pflegen Kontakte, besitzen vielleicht ein paar Häuser, Kneipen oder Import-Export-Unternehmen und sorgen dafür, daß das Geld diskret nach Kolumbien, Rußland oder in die Türkei geschafft wird. Auffällig werden meist bloß die niederen Chargen, die Kuriere und die Kleindealer in Hamburg St.-Georg oder in Berlin-Kottbusser Tor.

Was tun? Die Geldwäsche, verkündet die Bonner Regierung, soll jetzt strikter bekämpft werden. Wer künftig mit einer Plastiktüte voll Bargeld über die Grenze will, muß Rechenschaft ablegen, falls die Summe 30 000 Mark übersteigt. Schon ein "einfacher Verdacht" auf Drogengeschäfte genügt dann, um das Geld zu konfiszieren. Aber wer klug ist, stückelt eben die Beträge oder verstaut sie körpernah im Spezial-Anzug, und undurchschaubare Bankverbindungen gibt es nach wie vor.

Soll man Drogen legalisieren? Schließlich plädieren mittlerweile sogar Polizeipräsidenten für die Heroinabgabe an Süchtige, die Schweiz hat mit ihrem Modellversuch beste Erfahrungen gemacht. Was Haschisch betrifft, sind viele Polizeipraktiker ohnehin für die Freigabe. Er wäre glücklich darüber, sagt einer der Hamburger, "wenn wir das wenigstens von der Backe hätten - mit dem harten Zeug haben wir genug zu tun".

Doch für die DEA und die Uno sind solche Versuche des Teufels. Und auch deutsche Konservative wie Bayerns Innenminister Günther Beckstein fordern immer noch "alle gebotene Härte" im Kampf gegen das Kraut: "Auch wegen drei oder fünf Gramm Haschisch", findet er, sei durchaus "eine Hausdurchsuchung notwendig". Mit der Bundesregierung ist ohnehin nicht zu rechnen. Die hält sich seit Jahren den CSU-Scharfmacher Eduard Lintner als Drogenbeauftragten. Und der predigt lieber, als die Abhängigen per Heroin-Rezept ins normale Leben zurückzuholen: "Abstinenz, Abstinenz, Abstinenz".

Also Fixer vertreiben, Kleindealer arretieren, eben nehmen, was man kriegt? "Junkie-Jogging" heißt so etwas im Straßenjargon. Da wird die Drogenszene vom Hansa-Platz in Hamburg St.-Georg zum Hauptbahnhof und von dort zum Schanzenpark vertrieben und dann wieder zurück; ein bißchen lästig werden können die Polizisten, Stammdealer zur Wache mitnehmen und gelegentlich sogar dem Haftrichter vorführen, doch ernsthaft behindern können sie die Geschäfte nicht.

"Wir nehmen sie mit und lassen sie wieder laufen", erklärt frustriert ein Polizeiobermeister, der dieses Spiel seit Jahren treibt. Meistens ist bei den Dealern kein Stoff mehr zu finden, wenn man sie schnappt: Die Kokainkugeln im Mund sind schnell verschluckt oder ausgespuckt, größere Mengen Rauschgift liegen im versteckten Depot. Und wenn doch mal einer mit "beweiserheblichen Mengen" erwischt wird, kann er noch lange nicht abgeschoben werden.

Er sei jünger als 14, behauptet ein Profidealer dann, weil er weiß, daß er in diesem Fall nicht bestraft werden kann. "Da gibt es 14jährige mit grauen Haaren und Bart", seufzt Jörg-Peter Unger, Hamburgs oberster Rauschgiftfahnder. Zwar ließe sich über eine Röntgenaufnahme der Handwurzelknochen das echte Alter bestimmen. Aber das ist ein körperlicher Eingriff, auch dafür braucht man die Zustimmung eines Richters. Die gibt es nicht so leicht.

Papiere haben die meisten Frontdealer nicht oder nur falsche, also ist schwer zu ermitteln, wohin man sie fliegen soll. Und wenn das bekannt ist, dann weigert sich eben das Herkunftsland, seinen Staatsbürger zurückzunehmen. Also bleibt er hier.

Bayerns Innenminister Beckstein setzt auf Druck gegenüber den Botschaften dieser Länder und ist stolz auf seine Ausländerbehörden, die bereit sind, "fast unzumutbare Schwierigkeiten zu überwinden, um derartige Fälle zu lösen". Sein Hamburger Kollege Hartmuth Wrocklage hat sich nun eine Lösung ausgedacht, die Beckstein sehr begrüßt: Er will die Betroffenen, wenn schon nicht in die Heimat, dann eben in irgendeinen "sicheren Herkunftsstaat" abschieben, der dafür Geld bekommt. Doch selbst wenn dieser Menschenhandel rechtlich möglich gemacht wird, eine Antwort auf das Problem ist er nicht. Deutschland bleibt verlockend für junge Nigerianer oder Senegalesen, und wer hier ist, muß schleunigst Geld verdienen - schon, um seinen Schlepper zu bezahlen.

Wer die unterste Ebene bekämpft, hat noch lange nicht gewonnen. "Wir brauchen die Hintermänner, die Strukturen", sagt LKA-Mann Unger. Das aber ist enorm schwierig. Vor allem die türkischen oder kurdischen Organisationen arbeiten grundsätzlich nur mit Familienmitgliedern, denen sie trauen, oder Leuten, die ihnen durch Schulden oder Erpressung verpflichtet sind. Die Organisationen operieren streng konspirativ, und wer zur Polizei geht, überlebt womöglich nicht lange, so wie der Kurde Cemal, ein Hamburger Straßendealer, 16 Jahre alt. Man fand ihn tot in einem Straßengraben, mit vier Kugeln im Leib.

Den Hamburger Heroinmarkt haben die kurdischen Clans fest im Griff, die Drahtzieher sitzen in den Städten Bingöl, Elâzig, Karakoçan und Palu, und dort wird das Drogengeld investiert. Bis zu 300 Millionen Drogenmark jährlich, schätzt Unger, fließen allein von Hamburg zurück in die Heimat der Familien.

Selten nur erhalten die Ermittler einen so tiefen Einblick ins Geschäft wie die Hamburger "Soko Kurden" zu Anfang der neunziger Jahre. 60 Polizisten setzte die Kripo an, 250 Verfahren waren die Folge, bislang 400 Jahre Freiheitsstrafe. Die Heroinmafia wurde so nervös, daß sie Ermittler am Telefon mit Mord bedrohte. Endlich einmal erwischten die Fahnder, da sind sie sicher, einen Mann aus der obersten Liga: den Drogenboß Fari Öztürk aus Elâzig, der eigens über Mailand eingereist war, um einen 35-Kilo-Deal zu überwachen. 1993 stand er vor Gericht und bekam zwölf Jahre. Zwar versuchte er auch vom Gefängnis aus, seine Geschäfte weiter zu betreiben, aber immerhin, er saß - ein rarer Erfolg.

Möglich geworden sei der, behauptet Kriminalrat Unger, "nur durch verdeckte Ermittlungsmethoden". Er will keine "Rauschgift-Fundsachen, für die wir eigentlich nichts können. Wir müssen in die Organisationen rein".

Längst schon hat sich in Ungers Gewerbe eine Ermittlungspraxis etabliert, die hauptsächlich auf Heimlichkeiten baut. Scheingeschäfte sind üblich, inszeniert durch V-Leute aus dem Milieu, oder Polizisten, die sich als verdeckte Ermittler mit gefälschter Biographie in der Szene bewegen. Wenn der Polizei größere Mengen Rauschgift in die Hände fallen, dann hat fast immer ein Informant die Hand im Spiel: "In neun von zehn Fällen", schätzt der Hesse Joe.

Nicht selten packt ein ertappter Dealer im Gefängnis aus. Es lockt § 31, der "kleine Kronzeugenparagraph". Aber das reicht den Ermittlern eben nicht. Sie wollen nicht nur die rückwirkende, sie wollen permanente Kooperation.

Und immer wieder macht jemand mit. "Schmetterling" zum Beispiel, eine türkische Kellnerin in Frankfurt, lieferte jahrelang Informationen über Heroingeschäfte: aus Haß, weil sie das Elend ihres heroinsüchtigen Bruders sah. Oder der Informant "Haus", ein Volksliedsänger, der wegen eines Ehrenhandels in Haft saß: Er war früher mal Rauschgiftfahnder in der Türkei gewesen. In der Haft fahndete er weiter, aus Prinzip. Oder kleine Gangster wie der junge Mehmet, der erst das große Geld im Drogengeschäft wittert, dann ein paarmal verhaftet wird und aussteigen will. Als er nicht darf und statt dessen verschleppt und verprügelt wird, ist er reif für vertrauliche Gespräche mit der Polizei.

Informanten anzuwerben sei nicht so schwer, sagt der Kripo-Mann Joe: "Die kriegen Vertrauen zu mir." Da sitzt also ein türkischer Heroindealer im Knast, und der hat einen völlig harmlosen und gesetzestreuen Bruder in der Türkei. Dem Bruder verpaßt jemand einen Knieschuß, als kleine Warnung an den Mann hinter Gittern. Und der? Wenn er "einer von den guten" ist, sagt Joe, einer von den Leuten, "die Charakter haben, dann wird er richtig sauer. Der setzt alles daran, diese Schweine zu erwischen. Und das ist dann mein Mann". Ein Informant wird nicht einen engen Verwandten verraten. Aber den Konkurrenten vom Verwandten vielleicht schon.

Manche, glaubt Joe zumindest, "tun das mir zuliebe. Die mögen mich". Aber eine große Rolle spielt eben auch Geld, 3000 Mark kriegt ein Tipgeber zur Zeit für ein beschlagnahmtes Kilo Kokain - nicht soviel wie auf dem Drogenmarkt, aber immerhin einigermaßen legal verdient.

Ohne V-Leute oder verdeckte Ermittler wären wichtige Szene-Figuren wie der Koks-König Miehling oder der Heroinboß Öztürk wohl nie aufgeflogen. Vo n selbst wird ja kaum ein Deal bekannt. Schließlich gibt es meist keinen "Geschädigten" wie bei Einbruch oder Raub. Kein Mensch geht zur Polizei und sagt: "Ich wurde gezwungen, mir eine Nase voll Koks reinzuziehen."

Doch wer mit V-Leuten aus der kriminellen Szene arbeitet, geht oft kaum beherrschbare Risiken ein: Immer wieder laufen welche aus dem Ruder, animieren als Lockspitzel eher harmlose Bürger zu schmutzigen Geschäften oder betreiben heimlich, auf eigene Rechnung, verbrecherische Jobs.

Nachdenklich werden viele Fahnder erst, wenn sie sich selbst in ihrer Konspiration verstricken. Es weiß ja nicht immer jede Dienststelle, was die andere tut. In Deutschland agieren das Bundeskriminalamt, die Landeskriminalämter, Zollfahnder und DEA-Agenten, und auch Europol ist bald noch dabei; da kann es schon vorkommen, daß bei einem Scheingeschäft der Undercover-Agent der einen Behörde auf den Undercover-Agenten der anderen Behörde trifft und ihn verhaften will. In Hamburg beispielsweise prallten zwei Offiziere der amerikanischen DEA mit einem V-Mann und einem verdeckten Ermittler der Hamburger Kripo zusammen - und alle witterten, jeweils auf der anderen Seite, Vertreter eines finsteren Verbrechersyndikats.

Die Kripo muß ja sogar damit rechnen, daß ein V-Mann sich als Trojanisches Pferd erweist, daß er Doppelspionage betreibt und die Drogenszene über den Stand der Ermittlungen informiert - alles schon passiert. Auf jede Fahndungsmethode, das wissen Profis wie der Bayer Heribert Baumann, "stellt sich die Drogenmafia in rasender Geschwindigkeit ein".

Am Grenzübergang Waidhaus, wo die Autobahn von Prag nach Nürnberg führt, blickt Zolloberamtsrat Baumann auf die einreisenden Lastwagen, die sich zum üblichen Stau versammeln, und weiß nicht, ob er stolz sein soll: Sein Erfolg ist sein Fluch.

Seit Mitte der siebziger Jahre ist Baumann im Geschäft, hat sich vom Zöllner hochgearbeitet zum gefragten Experten für Grenzkontrollen. Oft fährt er nach Tschechien, Ungarn oder Rumänien, um Grenzer über Taktiken und technische Errungenschaften zu informieren. Dort pflegt er Kontakte, dort hat man ihm gesagt, was man in Schmugglerkreisen so spricht: "In Waidhaus ist schwarze Halle für Lastwagen. Die suchen gut. Da geh nicht hin."

Früher fielen den Fahndern in Waidhaus, Fürth oder Schirnding regelmäßig Großlieferungen Heroin in die Hände, doch seit zwei Jahren etwa bleiben sie aus. Immer häufiger schrauben Baumanns Sondereinheiten, die "S-Trupps", im dunkel getünchten Lkw-Schuppen erfolglos an Trucks aus Tirana oder Bukarest herum, schnüffelt der Rauschgifthund vergeblich an Reifen, Radkappen und Tanks: Die Drogenmafia hat ihre Taktik geändert, Baumann und seine Kollegen bekommen das zu spüren.

Seit 1995, dem Ende des Jugoslawienkriegs, ist die klassische Balkanroute südlich von Tschechien wieder offen; jetzt kommt der Stoff häufiger über die Südgrenze via Österreich, wo vom 1. Dezember an die Zollkontrollen abgebaut werden sollen. Baumann sieht das gar nicht gern: "Die Österreicher", klagt er, "haben das mit den Kontrollen an ihren Außengrenzen noch nicht drauf." Oder über Polen, so daß der Transport in Brandenburg über die Grenze geht: "Nichts gegen die Kollegen dort. Aber die sind technisch einfach nicht so weit."

Obendrein hat sich die Mafia schon wieder neue Distributionsmethoden überlegt, die sicherer erscheinen und mit denen man elastischer auf Nachfrageschwankungen reagiert. Früher wurden 40, 50 Kilo Heroin in einen Lastwagen gepackt, und wenn der aufflog, waren sie verloren. Heute legen die Schmuggler Depots in Rußland, Ungarn oder Rumänien an, transportieren die Ware in kleinen Pkw-Portionen und suchen die Tarnung im Urlaubs- oder im kleinen Grenzverkehr.

"Es geht voran", sagt Baumann Tage später und versucht so auszusehen, als ob er es glaubt. Wie ein bekümmerter Weihnachtsmann steht er zwischen Büchern, Gipslöwen und Gitarren, zwischen lauter bösen Gaben voller Kokain und Heroin: Theo Waigel ist zu Besuch in der Nürnberger Oberfinanzdirektion, Baumanns oberster Chef. Von weißem "Thai-H" erzählt der Beamte seinem Minister, von Schluckern und Stopfern und zeigt drei eiergroße Kokainkapseln, die sich ein unglücklicher Afrikaner - "der war so mager, man glaubte das kaum" - ins Innere gerammt hatte. "Schrecklich, schrecklich", sagt Waigel.

Schöne Funde, ja sicher. Aber ob sie ausreichen, den "Kampf gegen den Drogenmißbrauch" zu gewinnen, jene "gewaltige Herausforderung für alle freiheitlichen Kräfte", von der der Bundeskanzler in seinem Nationalen Rauschgiftbekämpfungsplan sprach? Der Minister fragt lieber nicht, wieviel Prozent des Stoffs an den Grenzern wohl vorbeigeht. Wer das tut, kriegt von Baumann sowieso keine Antwort: "Da könnte man ja glauben", sagt er, "unsere Arbeit wäre umsonst."

Ein Fahnder darf das natürlich nicht so sehen, aber wer sich nüchtern die häßlichen Uno-Zahlen anschaut, der weiß: Der Drogenkrieg ist verloren. Um die Profite der Rauschgiftmafia ernsthaft zu gefährden, kalkulieren die Verfasser des Uno-Drogenreports, müßten 75 Prozent des Stoffs nicht bei der Kundschaft landen, sondern bei der Polizei. Zur Zeit, glauben sie, sind es beim Heroin rund 15 Prozent und beim Kokain rund 30 Prozent.

Die Hamburger sind pessimistischer. "Fünf, maximal zehn Prozent", schätzt Horst Schäfer, "nehmen wir vom Markt. Wenn es mehr ist, freuen wir uns schon ein Loch in den Bauch."

In den nächsten Heften

Südamerika - Unser Mann in La Paz

Afrika - Tropenschnee via Johannesburg

Asien - Opium-Highway nach Europa

Europa - Der Pate von Amsterdam

Deutschland - Trip eines Kokainkuriers

[Grafiktext]

Zielgebiet Deutschland: Schmuggelwege des Rauschgifts

Wichtige Herkunftsländer und Transportrouten für Opium/Heroin, Kokain

und Cannabis

Kokain

Heroin

Cannabis

LSD

Ecstasy

[GrafiktextEnde]


DER SPIEGEL 47/1997
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RAUSCHGIFT-REPORT I:
Der Drogenkrieg ist verloren