17.11.1997

„Bei Louis Armstrong weinen wir“

Die Rockstars Angus und Malcolm Young über ihre Band AC/DC und die Kunst des einfachen, lauten Rock'n'Roll
SPIEGEL: Mr. Angus Young, Mr. Malcolm Young, als amerikanische Truppen im Jahr 1989 in Panama einmarschierten, beschallten sie die Kirche, in die General Noriega geflohen war, mit sehr lauter Musik, um ihn zur Aufgabe zu zwingen. Der AC/DC-Klassiker "Highway to Hell" kam auch zum Einsatz. Fühlten Sie sich geehrt?
Angus Young: Angeblich hat es Noriega sogar gefallen. Wirklich gelitten haben nur die Kirchenleute, die haben bei den Amerikanern angerufen und gefleht: Wenn ihr die furchtbare Musik abstellt, könnt ihr den Mann sofort haben.
Malcolm Young: Nach dem Golfkrieg schrieb ein britischer Reporter: "Was für eine Zeitverschwendung! Hätte man AC/DC in den Irak geschickt, wäre die Angelegenheit nach einem Tag geregelt gewesen."
SPIEGEL: AC/DC hatten immer den Ruf, irgendwie gefährlich zu sein.
Angus Young: Ein altes Mißverständnis. Wir sind frech, respektlos und manchmal dreist, aber nie gewalttätig.
SPIEGEL: Können Sie es sich erklären, daß Sie seit fast 25 Jahren als böse Buben der Rockmusik gelten?
Malcolm Young: Schauen Sie uns doch an: Ich und mein Bruder Angus sind klein. Kleine Jungs müssen viele böse Scherze ertragen: Hey, du Zwerg, wie ist denn das Wetter da unten? Da lernst du ganz schnell die passenden Antworten: Komm doch her, ich zeig dir, wie das Wetter hier unten ist, wenn du neben mir im Dreck liegst.
SPIEGEL: Wie groß sind Sie?
Angus Young: Ein Meter und 57 Zentimeter.
Malcolm Young: Ich auch.
Angus Young: Wir wachsen mit den Stadien. Deswegen mag ich auch alte Hollywood-Gangsterfilme so sehr. Die großen Bösewichte waren alle Zwerge: Humphrey Bogart, James Cagney oder Edward G. Robinson.
Malcolm Young: Und die Stars von heute sind immer noch klein: Sylvester Stallone, Robert De Niro - sogar Arnold Schwarzenegger ist nicht so groß, wie alle glauben.
SPIEGEL: Bevor Sie in Stadien spielten, sind Sie in den Rock''n''Roll-Clubs wegen Ihrer Größe sicher oft verspottet worden. Wie wehren sich kleine Menschen?
Angus Young: Sie tun sich zusammen. Zwei Kleine können einem Großen Angst einjagen.
SPIEGEL: Wie kommt es, daß Sie alte Songs wie "Whole Lotta Rosie", "TNT" und "Highway to Hell" auch heute noch fast unverändert spielen?
Malcolm Young: Meistens ist eine einfache Idee auch eine gute Idee. Aber weil die meisten Leute gar keine Idee haben, fangen sie an, ihre dürftigen Songs mit Mist zu beladen. So etwas geht mir auf die Nerven.
SPIEGEL: Keith Richards hat gesagt, er halte nicht viel von moderner Musik; er möge eigentlich nur AC/DC. Ist Richards Ihr wichtigster Konkurrent im Wettstreit um die besten Gitarrenriffs des Rock''n''Roll?
Angus Young: Meine Frau sagt, sie erkennt ein Riff der Rolling Stones sofort an den klassischen drei Akkorden. Sehr schön, sag'' ich dazu, aber viel zu aufwendig. AC/DC benötigen nur ein Riff: Dä Dä Dä! "Highway to Hell" oder "Back in Black" basieren auf einem Riff. So muß es sein, so erreicht man die Leute.
SPIEGEL: Ist Minimalismus harte Arbeit?
Malcolm Young: Richtig harte. Und diese Arbeit besteht vor allem aus einem: Wegschmeißen. Für unsere Arbeit brauchen wir außer unseren Gitarren vor allem einen großen Mülleimer. Bis man ein Riff hat, das einen Song wie "Highway to Hell" trägt, sind tausend andere in den Abfall gewandert.
SPIEGEL: Als Sie die Band 1973 gründeten, beherrschten Bombast-Rocker wie Emerson, Lake & Palmer den Markt. Hat es Sie gereizt, den Kampf dagegen aufzunehmen?
Angus Young: Eine schlimme Zeit. Kunststudenten, Abiturienten und Doktoren hatten den Rock''n Roll fast erledigt. Sie hatten eine Operette und eine Wissenschaft aus ihm gemacht.
SPIEGEL: Was hat Sie damals beeindruckt?
Malcolm Young: Als ich zum erstenmal The Who hörte, habe ich laut geschrien vor Glück. "My Generation" hat mich direkt ins Herz getroffen. Ein unglaubliches, wunderbares Gefühl. Du kriegst Gänsehaut, springst auf und ab und jubelst, daß da endlich jemand ist, der dich versteht.
SPIEGEL: Kritiker haben Schwierigkeiten, Ihre Musik einzuordnen. Was spielen Sie denn nun wirklich - Hardrock, Heavy Metal oder Punk?
Angus Young: Eine schwachsinnige Diskussion. Zu Mozarts Zeiten hat auch keiner gefragt: Wolfgang, was komponierst du da eigentlich? Klassik? Gute Klassiker überleben auch ohne Stempel, weil man sie nach den ersten Tönen erkennt. Du hörst die ersten Akkorde vom "Walkürenritt" und denkst: Oh, Wagner! Du hörst die ersten Akkorde von "Thunderstruck" und erkennst: Donner. AC/DC!
SPIEGEL: Zu AC/DC und zum Rock''n''Roll überhaupt gehört das Gitarrensolo - viele Leute halten es trotzdem für einen Irrtum der Musikgeschichte.
Angus Young: Chuck Berry hat meiner Meinung nach das perfekte Solo gespielt. Er hat sich die Gitarre gegriffen und damit seinen Rücken gekratzt - genial. Auch wir wollen unser Publikum unterhalten, und wenn es bei "Highway to Hell" nicht mitgrölt, muß einer von uns krank sein.
SPIEGEL: Sie tragen, abgesehen von der Schuluniform, auch heute noch auf der Bühne die gleiche Kleidung wie Ihre Fans: alte Jeans und T-Shirt. Hat nie jemand versucht, Ihnen nette Anzüge anzuziehen?
Angus Young: Aber sicher. Wir hatten damals in Australien einen Manager, der sagte uns eines Tages: Jungs, ihr müßt aussehen wie Millionäre. Eure Kleidung ist viel zu schäbig. Malcolm antwortete ihm: In Ordnung, wir warten, bis die erste Million da ist, und dann sehen wir weiter.
SPIEGEL: Wer bestimmt, was AC/DC tun oder sein lassen? Malcolm oder Angus?
Malcolm Young: Angus und Malcolm. Dazu kommen eine Menge Manager, Fachleute und auch die Fans. Wir hätten natürlich schon vor langer Zeit sagen können: Was soll''s, wir liefern die Musik - macht damit, was ihr wollt. Aber das ist nicht unsere Art. Den Plattentitel "Highway to Hell" zum Beispiel hat die Plattenfirma zuerst entsetzt abgelehnt. Das sei teuflisch und böse, keuchten die Männer in ihren Anzügen. Dabei hatte der Titel nichts mit Satanismus zu tun, er beschreibt die Erfahrungen einer Rock''n''Roll-Band, die in einem kleinen Bus von Bühne zu Bühne zieht und morgens in Hotels aufwacht, die keinen Namen haben. Der Titel blieb, und danach war der Bus ein Flugzeug, und die Suiten waren so groß wie früher die Hotels.
SPIEGEL: Im amerikanischen Fachblatt "Rolling Stone" wurden die ersten drei AC/DC-Alben mit jeweils null Punkten bedacht. Hat Sie das geärgert?
Malcolm Young: Sie haben uns sogar zu einer der sechs schlechtesten Bands der Welt gewählt. Na und? "Rolling Stone" - die angebliche Bibel des Rock? Daß ich nicht lache. Jedes nackte Mädchen in der Zeitung beeindruckt mich mehr.
SPIEGEL: Ihr älterer Bruder George Young ist in den sechziger Jahren mit seiner Band The Easybeats und dem Hit "Friday on my Mind" berühmt geworden. Hat er Ihnen ein paar Überlebenstricks verraten?
Malcolm Young: Zu Hause waren wir sieben Brüder und eine Schwester. Angus und ich waren die jüngsten und die kleinsten. Unsere Brüder sind am Wochenende immer zum Camping gefahren. Die Gitarre war stets dabei, um die Mädchen zu beeindrucken. Das klappte erstaunlich oft. Und wenn es mal nicht so gut ausging, kamen sie mit einer zertrümmerten Gitarre zurück. Wir haben früh kapiert, daß man sich mit einer Gitarre Respekt verschaffen kann. Unsere Familie hatte es damals nicht leicht, als wir in Australien neu anfingen.
SPIEGEL: Was hatte Sie dorthin verschlagen?
Malcolm Young: Unser Vater war Anstreicher. Wir lebten in Schottland, es gab keine Arbeit. Er war 48, hatte acht Kinder zu versorgen und bekam immer wieder zu hören, daß er zu alt sei. Eines Tages bot man ihm an, dorthin auszuwandern, wo Fachleute noch benötigt wurden - nach Kanada oder Australien. Eine schwere Entscheidung. Er wählte Australien, weil der Flug für uns alle nur 20 Dollar kostete.
SPIEGEL: Wieso nur 20 Dollar?
Malcolm Young: Der Trick war, daß man dafür mindestens zwei Jahre bleiben mußte. Man konnte nur früher zurück, wenn man die vollen Reisekosten nachzahlte. Das bekam natürlich keiner zusammen.
SPIEGEL: Mit 14 und 16 haben Sie die Schule verlassen und gründeten eine Band, aus der später AC/DC wurde. Wie kamen Sie gerade auf diesen Namen?
Angus Young: Unsere Schwester entdeckte die vier Buchstaben auf ihrer Nähmaschine. Wir dachten, das ist so schön einfach wie gute Musik, außerdem kann sich jeder den Namen merken. Bei unserem ersten Konzert hieß es: Meine Damen und Herren, heute abend für Sie auf der Bühne: AB/CD. So kann man sich irren.
SPIEGEL: Und warum trugen Sie, Angus, Ihre Schuluniform, die zum AC/DC-Markenzeichen wurde?
Angus Young: Auch ein Einfall meiner Schwester. Sie sagte: Geh damit auf eine Bühne, und kein Mensch wird dich je vergessen. Ein Genie, unsere Schwester. Sie hat mich auch zu meinem ersten Konzert mitgenommen: Louis Armstrong. Seine Songs haben uns zu Tränen gerührt, da müssen wir bis heute weinen. Einfache Schönheit.
SPIEGEL: Und diese Schönheit schwebte Ihnen vor, als Sie mit dem inzwischen verstorbenen Sänger Bon Scott auftraten? Zur ersten Probe soll er zugekokst und mit zwei Flaschen Whiskey intus erschienen sein und das Höschen seiner Frau getragen haben.
Angus Young: Stimmt - und er sang absolut großartig. Ich sagte noch zu Malcolm: Wenn der so einen Meter gehen kann, wäre das eine Sensation.
Malcolm Young: Bon war über und über tätowiert. Aber nicht aus blöden Rock-Glamour-Gründen, sondern weil er auf einem Fischkutter gearbeitet hatte. Er hatte vorher in einer Popband gesungen und mußte die Tätowierungen mit Make-up übermalen. Bei uns zeigte er sich so, wie er aussah. Und alle haben es ihm nachgemacht.
SPIEGEL: Er war eine Art Rock''n''Roll-Vater für Sie?
Malcolm Young: Er war ein paar Jahre älter und hatte immer das Gefühl, für uns beide sorgen zu müssen. Nachts riß er schon mal unsere Hotelzimmertür auf, setzte zwei nackte Frauen auf unser Bett und rief: Für euch, Jungs. Viel Spaß.
SPIEGEL: Und?
Angus Young: Na ja, wir flehten: Nimm sie wieder mit, was sollen wir mit denen? Aber bei allen Exzessen hat er nie einen Job verpaßt. War immer in Form, wenn es drauf ankam. Der Mann konnte drei Flaschen Bourbon trinken und war am nächsten Morgen pünktlich im Studio.
SPIEGEL: Bis man ihn eines morgens in London im Auto fand - an seinem Erbrochenen erstickt.
Malcolm Young: Wir haben den toten Bon genommen und ihn mit dem Flugzeug zu seinen Eltern nach Australien gebracht. Wir haben ihn beerdigt und nach schottischer Art mit seinen Eltern ein paar Whiskey getrunken und gesagt: "Das war''s. Wir hören auf." Dann haben seine Eltern gar nichts gesagt, noch einen Whiskey eingegossen und gesagt: "So ein Unsinn, Jungs, Bon ist tot, und er will, daß ihr weitermacht."
SPIEGEL: Sie haben über 80 Millionen Platten verkauft. Was tun Sie mit dem Geld?
Malcolm Young: Es ist lustig, wir werden so oft gefragt, was wir mit unserem Geld tun. Nichts tun wir. Absolut nichts. Unser Hobby ist die Musik. Angus malt ab und zu.
Angus Young: Manchmal.
Malcolm Young: Nackte Mädchen kriegt er ziemlich gut hin. Vergiß den Sex, die Drogen, wir wollen nur den Rock''n''Roll.
Angus Young: Ich bin mal auf Hochzeitsreise gewesen. Nach zwei Jahren hatte mich meine Frau soweit. Irgendeine winzige Insel bei Tahiti, aber meine Gitarre durfte nicht mit. Es waren nur 14 Menschen da, und nach einem Tag dachte ich, es ist so langweilig, ich sterbe. Für 200 Dollar habe ich mir die einzige Gitarre auf der Insel gekauft. Meine Frau war ziemlich sauer, aber meine Flitterwochen waren gerettet.
SPIEGEL: Ihr Sänger hat mal gesagt: Auf der Bühne sind wir ein Team. Wenn einer tot umfällt, werden die anderen dafür sorgen, daß er ein anständiges Begräbnis erhält.
Angus Young: Wir sind wie die Wikinger. Wir halten zusammen. Und eines Tages treffen wir auch Bon Scott wieder.
SPIEGEL: Im Himmel oder in der Hölle?
Malcolm Young: In der Hölle. Keine CDs. Nur Gitarren. Und AC/DC sind Nummer eins: "Highway to Hell". Das wäre schön.
SPIEGEL: Mr. Angus Young, Mr. Malcolm Young, wird danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten SPIEGEL-Mitarbeiter Christoph Dallach und Redakteur Thomas Hüetlin in London. * Auf den Schultern des verstorbenen Sängers Scott.
Von Christoph Dallach und Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 47/1997
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