24.11.1997

SOZIALDEMOKRATENVerwehte Träume

Linksliberale Intellektuelle wie Klaus Staeck und Günter Grass wollen die Sozialdemokraten im Wahlkampf unterstützen. Die sind mäßig begeistert.
Auf der Bühne wahrt Dieter Hildebrandt Äquidistanz. Seine feingesponnenen Bosheiten widmet er nicht nur der Regierung und natürlich Helmut Kohl, sondern auch der "Schmalzstullenpartei" SPD und deren mutmaßlichem Kanzlerkandidaten: "Das einzig Neue ist die neue Frau von Schröder."
Privat hat der Kabarettist mit den verspotteten Sozialdemokraten durchaus Erbarmen, schon aus Wehmut. "Die Zeit ist reif für den Wechsel!" ist ein Aufruf überschrieben, den Hildebrandt, 70, und andere vorwiegend ältere Koryphäen aus Literatur, Wissenschaft und Kunst unterzeichnet haben. Günter Grass, 70, ist wieder dabei und auch Hanns Dieter Hüsch, 72, Walter Jens, 74, läßt sich herab und selbstverständlich auch der Atommanager Klaus Traube, 68.
Zehn Monate vor der Bundestagswahl rappeln sich viele wieder auf, die schon in den Sechzigern und Siebzigern die SPD unterstützt haben. Da waren sie in ihren besten Jahren, die SPD auch, und Willy Brandt war ihr bewunderter Heros. Näher waren sich Geist und Macht in der Nachkriegsrepublik nie, und lange währte die Eintracht auch nicht.
Seit Wochen telefonieren und faxen die beiden Initiatoren des Aufrufs, der Heidelberger Grafiker Klaus Staeck, 59, und der Schriftsteller und Ex-Juso-Chef Johano Strasser, 58, quer durch die Republik, um die alte Truppe wieder zu versammeln. Der Regisseur Volker Schlöndorff, 58, Bestseller-Autor Johannes Mario Simmel, 73, und der Politologe Kurt Sontheimer, 69, vernahmen den Ruf und sind bereit zum Mitmachen.
Die Veteranen träumen davon, daß aus dem bescheidenen Appell eine richtige SPD-Wählerinitiative wird, ganz wie damals 1972: als Promis aus Kunst, Literatur und Fernsehen zum triumphalen Wahlsieg der SPD - 45,8 Prozent - beitrugen.
Verwehte Träume. Die Zeiten des "selbstverständlichen mentalen Kontakts" (Peter Härtling, 64) sind lange vorbei. Die Symbiose währte nur kurz, weil allein Willy Brandt sie herstellen konnte. Für seine Ostpolitik, für "Mehr Demokratie wagen" warfen sich die linksliberalen Intellektuellen ins Getümmel.
"Ihm gelang es auf einmalige Weise", schwärmt der Schriftsteller Dieter Lattmann, 71, der in den siebziger Jahren für die SPD im Bundestag saß, "die Mimosenhaftigkeit und das Konkurrenzdenken, das unserem Berufsstand eigen ist, zu überwinden."
Für Brandt entstanden Wahlkampftexte, man tüftelte Strategien auf gemeinsamen Spaziergängen aus, Golo Mann sandte Hinweise für die Reden des Kanzlers Brandt.
Schon im Wahlkampf 1976, für den Kanzler Helmut Schmidt, wollten nicht mehr so viele Prominente werben. Das unter dem Kürzel "BGL" (Böll, Grass, Lenz) zuvor am häufigsten gebuchte Trio fiel auseinander. Heinrich Böll mochte nur noch im stillen sympathisieren, Grass und Siegfried Lenz traten seltener auf.
"Von da an bröckelte die Unterstützung kontinuierlich ab", erinnert sich die frühere Geschäftsführerin der "Sozialdemokratischen Wählerinitiative", Heinke Jaedicke. Bis 1993, zuletzt kaum noch öffentlich bemerkt, verwaltete die gelernte Filmcutterin Erinnerungsstücke im Bonner Büro der Wählerinitiative jahrelang in von Grass gespendeten alten Möbeln.
Mittlerweile stehen sich die Genossen aus der Partei-"Baracke" und die aus den Bücherstuben zuverlässig fremd gegenüber. Was sollen die Intellektuellen mit einer Partei anfangen, die - wie Hildebrandt zürnt - längst nicht mehr "die Rechte der kleinen Leute und der Unterprivilegierten wahrt"? Auch Jens hält von der heutigen SPD wenig. Für den Rhetorik-Professor im Ruhestand hat sich die SPD "in einer Weise an konservative Positionen angepaßt, daß sie kaum noch unterscheidbar ist".
Den Wechsel-Appell hat er dennoch unterschrieben - wie die anderen Granden vergangener Tage weniger aus Überzeugung denn aus einem nostalgischen Loyalitäts- und Pflichtgefühl. Eine Wählerinitiative aber dürfe, so Jens, nicht mit ihm rechnen. "Unverzeihlich" nennt der Rhetorik-Professor die Zustimmung der SPD zum Großen Lauschangriff. "Die Menschen in der DDR mußten 40 Jahre lang Lauschangriffe über sich ergehen lassen."
Der Kölner Kabarettist Richard Rogler vermißt "die zündende Idee, wie denn die Gesellschaft anders sein soll". Die Formel "Innovation und Gerechtigkeit", mit der die SPD in den Wahlkampf ziehen will, schreckt ihn zusätzlich ab. In den letzten Jahren, so Rogler, sei es ihm "immer schwerer gefallen, SPD zu wählen".
Von Enthusiasmus, der andere anstecken und die SPD an die Macht bringen könnte, ist im Westen wenig zu spüren - und in Ostdeutschland gar nichts. Die meisten Ost-Intellektuellen halten Distanz zu den Parteien. "Ich mich als Linke an eine Partei klammern? Nie mehr!" wehrt die Berliner Schriftstellerin Daniela Dahn ("Westwärts und nicht vergessen") ab. Wie viele ihrer Kollegen, vom Erfurter Kirchenmann Heino Falcke über den Chef der Berliner Volksbühne Frank Castorf bis zu dem Schriftsteller Ulrich Plenzdorf, hat Dahn lieber die "Erfurter Erklärung" unterschrieben.
Die Erfurter wollen nicht allein die SPD, sondern die Oppositionskräfte insgesamt stärken - bis hin zur PDS. Deshalb hat die Erklärung für viel Unmut bei SPD und Grünen gesorgt, die eine Koalition in Bonn mit der PDS ablehnen. "Wir lassen uns nicht von der SPD instrumentalisieren", meint Mitinitiator Lattmann stolz. Seit er als Stasi-IM angeschwärzt wurde, wollen die alten Freunde im Westen nicht mehr viel mit ihm zu tun haben, obwohl das Verfahren gegen ihn längst eingestellt ist.
Auch die SPD-Führung weiß nicht so recht, ob sie sich über den Staeck-Aufruf und die Wiederkehrer unter den Intellektuellen freuen soll. Verhalten nur reagierte die Partei, als Grass kürzlich sein neuerliches Bemühen ankündigte: "In den Grenzen meiner verbliebenen Kräfte", ließ der schnauzbärtige Romancier wissen, wolle er sich für Rot-Grün einsetzen. Das Angebot mache "zusätzlich Mut", reagierte SPD-Geschäftsführer Franz Müntefering ziemlich lahm. Auch Staeck und Strasser ist schon aufgefallen, "daß die in der Partei nicht gerade vor Freude in die Hände klatschen, wenn wir kommen". "Vielleicht haben die gemerkt", mutmaßt Hildebrandt, "daß sie mit uns keinen neuen Wähler gewinnen."
Um das linke Spektrum zu mobilisieren, das durch die Konkurrenz der Grünen vor allem im akademischen Milieu erheblich geschwächt ist, sind die großen alten Namen durchaus nützlich. Aber zum Wahlimage der Schröder-Sozialdemokraten - innovativ, fortschrittsfreundlich, wachstumsbewußt - passen eher Jung-Manager als intellektuelle Alt-Linke.
Die nächste Generation der Stars von Theater, Film oder Medien ist ohnehin für politisches Engagement schwerlich zu gewinnen. "Wir haben genug damit zu tun, die Theater zu retten", sagt Leander Haußmann, 38. "Ich bin Künstler, warum soll ich irgendeinem Parteibonzen an die Macht verhelfen?" Der Autor Matthias Altenburg, 39, beantwortete kürzlich in der "Woche" die Frage, ob Intellektuelle sich wieder stärker in die Politik einmischen sollten, mit einem knappen "Leckt mich!"
Der mutmaßliche Kandidat Schröder ist den alten wie den jungen Intellektuellen verdächtig: Die Sprache ist ihnen zu populistisch, die Positionen sind zu weit rechts. Nicht alle sagen es so unverblümt wie Hildebrandt, aber viele denken so: "Hinter Schröder schare ich mich nicht."
Wenn der smarte Niedersachse für die SPD ins Rennen geht, fürchtet denn auch der Berliner Politologe und bekennende Schröder-Anhänger Hartmut Jäckel, 67, "dann fallen als erste die Intellektuellen über ihn her".
* Mit Bernhard Wicki, Fritz Kortner, Hans Werner Henze, Karl Schiller, Agnes Fink, Ingeborg Bachmann und Rut Brandt im September 1965 auf einer Wahlparty in Bayreuth.
Von Großbongardt (Bonn) und

DER SPIEGEL 48/1997
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