24.11.1997

VERSICHERUNGENAnitas Hilferuf

Mit der Übernahme einer Pariser Versicherung würde die Allianz zum Weltmarktführer. Konzernchef Schulte-Noelle überzeugte durch Bescheidenheit.
In der Münchner Zentrale der Allianz geht es normalerweise preußisch zu. Bayerisches Bier am Arbeitsplatz gehört sich nicht, in der Vorstandssitzung des Versicherers ist Rauchen streng verboten.
Doch einen Baron Edouard de Rothschild interessieren solche Regeln nicht. Er steckte sich genauso wie sein Halbbruder David genüßlich eine dicke Zigarre an. Schließlich begann auch ein Allianz-Vorstand zu qualmen.
Den Gästen des Allianz-Chefs Henning Schulte-Noelle sollte es an nichts fehlen. Bei der Übernahme des zweitgrößten französischen Versicherers, der Assurances Générales de France (AGF), waren atmosphärische Störungen unerwünscht.
Bald nach dem Treffen meldeten die Akteure Vollzug. Die Investmentbanker von Rothschild, Berater der Allianz, und die Finanzprofis von Goldman Sachs, die für die Franzosen arbeiten, teilten der Pariser Börse mit: Die Allianz will den französischen Konzern übernehmen - und zwar
im gegenseitigen Einvernehmen. 9,1 Milliarden Mark wollen die Münchner für 51 Prozent des Aktienkapitals zahlen. Die Allianz wird, wenn alles klappt, größter Versicherer der Welt.
Allianz-Chef Schulte-Noelle verdankt den "Megadeal" ("Business Week") vor allem seiner Bescheidenheit. Die Franzosen, von einer feindlichen Übernahme durch die italienische Gesellschaft Generali bedrängt, riefen den Macher aus München regelrecht zu Hilfe.
Schulte-Noelle, der auch seine Aufsichtsratsmandate ohne öffentliches Getöse wahrnimmt, hält nichts vom Machtgehabe anderer Konzernfürsten. "Der Eindruck, daß wir ständig an irgendwelchen Fäden ziehen, ist genauso schmeichelhaft wie falsch", sagt er gern.
Ohne ihn wäre der Handel mit Paris wohl nicht zustande gekommen. Denn vor einem Jahr noch lehnten die Franzosen jede Zusammenarbeit ab.
Damals war der Münchner Finanzvorstand Diethard Breipohl nach Paris gereist, um für eine Minderheitsbeteiligung an der AGF zu werben. Deren Präsident Antoine Jeancourt-Galignani wollte davon nichts wissen, er warnte den Emissär vor einer feindlichen Übernahme.
Dann kam der 13. Oktober, und plötzlich sah die Welt ganz anders aus. Generali, der größte italienische Versicherer, machte den Aktionären der AGF das Angebot, ihre Wertpapiere 20 Prozent über dem damaligen Kurs zu kaufen.
Drei Tage später, ohne mit den Italienern gesprochen zu haben, klassifizierte Jeancourt den Übernahmeversuch als "nicht akzeptabel". Seither suchte die bedrängte Konzernspitze einen ihr genehmen Partner.
Die französischen Finanzinstitute winkten ab, ihnen fehlt schlicht das Geld, um das Angebot der Italiener überbieten zu können. Also machte sich der AGF-Chef am 24. Oktober auf nach München, zum Abendessen mit Schulte-Noelle. Der Allianz-Hauskoch gab sein Bestes - vorneweg kalte Entenbrust, mariniert, danach Fischfilet mit Safran und Reis.
Doch den Gast aus Paris beeindruckte die unscheinbare Firmenzentrale des Finanzriesen. Nichts deutet in dem vierstöckigen Fünfziger-Jahre-Bau auf Großmannssucht. Der kleine Park im Hinterhof verleiht dem Firmensitz etwas Verträumtes.
Zwar hatte Jeancourt schon gehört, daß die ausländischen Tochtergesellschaften der Allianz weitgehend autonom bleiben. Der eigene Augenschein machte die Einflüsterungen der Rothschilds, die Schulte-Noelle als Berater engagiert hatte, glaubwürdig.
Wann immer der Franzose eine Forderung erhob, Schulte-Noelle zeigte sich flexibel. Jeancourt soll weiter Präsident bleiben, die AGF weiter an der Pariser Börse notiert sein. Selbst im Aufsichtsrat wird der Mehrheitsaktionär Allianz nicht die Mehrheit der Mitglieder stellen.
Nach dem harmonischen Gespräch der beiden Chefs schlug die Stunde der Investmentbanker. Um die Konkurrenz nicht vor der Zeit aufzuschrecken, wurden Codenamen vereinbart. Die Allianz hieß Alexandra, die AGF war Anita, die ganze Aktion lief unter dem Tarnnamen "Triple A".
Die Unterhändler wurden auf unauffälliges Verhalten eingeschworen. Sie durften im Flugzeug zwischen Paris und München nie nebeneinander sitzen, auch Chauffeure und protzige Firmenlimousinen waren verboten. Der Allianz-Chef verlangte ein Arbeiten ohne Scheinwerferlicht und ohne Nebengeräusche.
Der Scoop gelang, die Öffentlichkeit blieb ahnungslos. Schulte-Noelle konnte wie gewünscht in aller Stille nach Paris reisen, um sein Übernahmeangebot zu begründen.
Natürlich ließ er dem Franzosen am vergangenen Dienstag das erste Wort. "Antoine, vielen Dank für deine Bemerkungen." Es sei für ihn, schmeichelte Schulte-Noelle seinem neuen Duzfreund, "eine große Freude, heute in einer der großen Städte der Welt zu sein".
Die französische Öffentlichkeit honoriert den bescheidenen Auftritt des deutschen Geldmanagers. Die Übernahme sei der Preis für die Europäisierung, erklärt "Le Monde" ihren Lesern einfühlsam. Selbst die linksliberale "Libération" verteilte Lob für die Manager aus München: "Nicht dumm, diese Deutschen."
* Am Dienstag vergangener Woche.
Von Pauly und

DER SPIEGEL 48/1997
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