24.11.1997

PROSTITUTIONLieber gratis gaffen

Seit mehr als 40 Jahren arbeitet in Stuttgart ein Musterbordell. In dem kuriosen Haus findet der ambulante Lustvollzug in pietistischer Liebe zu Sauberkeit und Ordnung statt.
Mittags haben die Nutten die Wahl. "Rheinischer Sauerbraten, selbst eingelegt", steht in dieser Woche auf der Schiefertafel, außerdem handgezupfte Schupfnudeln, die in Stuttgart auch "Bubenspitzen" heißen. Zum Kaffee gibt es Blechkuchen; nach dem Essen räumen gute Geister in adrett gestärkten Rüschenschürzen das klobige Porzellan ab.
Das "Dreifarbenhaus" in der Stuttgarter Altstadt ist Deutschlands vermutlich kuriosester Puff. Die Kantine im Keller ist eine Heimstatt altdeutscher Einrichtungskunst, mittendrin im Sündenpfuhl: resopalbeschichtete Tische, Stühle aus Holzimitat, braungeblümter Frotteevorhang. Die Prostituierten gehen gediegen wie die Dauercamper zum Essen, in T-Shirt-Kleid, Bademantel oder Trainingshose. Grüppchenweise lassen sie sich in den Sitzecken nieder, schnatternd und schwatzend, als seien sie Schülerinnen. Keine Dessous, keine nackte Haut.
In diesem Puff ist der Lustbetrieb schwäbisch-pietistisch geregelt. 1956 suchten Bürger, Behörden und Kirchen trickreich nach einem Weg, die Trümmerhuren aus Stuttgarts Straßenbild verschwinden zu lassen. Zwei "Dirnenwohnheime" sollten sittliche Ordnung in die schwäbische Sittenlosigkeit bringen.
Eines der Bordelle wurde erst gar nicht gebaut, das andere, das Dreifarbenhaus, mit kommunaler Unterstützung errichtet. Drei private Gesellschafter erhielten das Altstadt-Grundstück am Bebenhäuser Hof 2-4, bauten dort das Musterbordell und ließen es blau-weiß-rot streichen - die Trikolore sollte wohl französische Sinnenfreude und Sündhaftigkeit signalisieren.
Grundsolide wie der Neutralseifengeruch in den hellgelb gefliesten Fluren sind die Bedingungen, unter denen die Frauen arbeiten: kein Alkohol, keine Drogen, keine Zuhälter - jede Frau, die mit Pulle, Koks oder einem Luden erwischt wird, fliegt raus. Auch einen Kontakthof gibt es nicht - die Kunden müssen durch lange Flure laufen und selbst nachschauen, welche Dirnen hinter den 67 numerierten Zimmertüren sitzen und ihnen gefallen.
Derzeit allerdings kommt die Mehrheit der Männer nicht, um Liebesdienste zu kaufen, sondern um zum Nulltarif zu gaffen. Rund 90 Prozent der Besucher, schätzt Alfons Nastold vom Ordnungsamt, treibt nur die kostenneutrale Neugierde zu den Nutten. Im Gewerbe herrscht Rezession. Eine halbe Stunde kostet immerhin 150 Mark, und die Zeiten, in der begehrte Huren im Dreifarbenhaus 15 000 Mark Monatslohn hatten - also 25 Freier pro Woche -, liegen schon Jahre zurück.
Lisa Krone*, die Verwalterin, hat schon zahlreiche ähnliche Flauten erlebt. Fast 70 Jahre alt ist sie und im Puff angestellt, seit es ihn gibt. Damals, vor 41 Jahren, hatte sie gerade geheiratet, ihr Mann verwaltete, sie kochte; als er vor 14 Jahren starb, übernahm die Ehefrau seinen Job gleich mit. Seitdem zupft sie nicht nur Bubenspitzen, sondern kauft auch jede Zutat dafür ein. An einem Holzbrett in ihrem Büro direkt gegenüber der Kellerkantine hängen die rostigen Schlüssel zu den numerierten Zimmern.
Krone vermietet die Räume, verhandelt mit dem Ordnungsamt, führt Buch über alles, was im Freudenhaus passiert, und sucht die Liebesdienerinnen aus, die
* Name von der Redaktion geändert.
sich mit Foto und Lebenslauf bei ihr vorstellen müssen. Vorbestrafte haben keine Chance.
"Manchmal glaube ich, ich hätte mehr Anerkennung im Leben bekommen, wenn ich ein Restaurant eröffnet hätte", sagt die Frau, die sich meist in klinisches Weiß kleidet. In ihrem Schwarzwalddorf weiß niemand, was die alte Dame tagsüber tut. "Es würde doch sowieso keiner verstehen." Einmal, als jemand sie beim Schlachter erkannte, mußte sie sich verleugnen, schrecklich sei das gewesen, diese Angst vor sozialer Ächtung.
Ein anderes Mal habe der eigene Bruder sie verraten und der Mutter erzählt, die Liesl arbeite im Puff. Die Liesl gab es zu. "Da hat die Mutter die aufgeplatzten Hände angeschaut und war beruhigt." Ihre Tochter arbeitete hart, wie sich das gehörte.
Seit 41 Jahren führt die Freudenhausmeisterin, die das Wort "Babystrich" noch nie gehört hat und nicht glauben will, daß süchtige Teenager in Hamburg auf der Straße anschaffen, ein Doppelleben. Als ihre Tochter, die einst Nonne werden wollte, mit 20 Jahren den Arbeitsplatz ihrer Eltern kennenlernte, war sie fassungslos. "Habt ihr wirklich keine andere Arbeit gefunden nach dem Krieg?"
Die Ablehnung der Tochter bewegte die Mutter mehr als alle Diskriminierungen der Saubermänner um sie herum: "Das Arbeitsamt hat mir keine Putzhilfen vermitteln wollen, weil dieses Haus hier keiner Frau zuzumuten sei. Und im letzten Winter weigerte sich eine Firma, Streusalz an unsere Adresse zu liefern."
Doch Ordnung muß sein, und, davon ist auch die Verwalterin fest überzeugt, was man angefangen hat, bringt man zu Ende. Allen Anfeindungen zum Trotz, obwohl sie längst in Rente gehen könnte.
Die meisten Prostituierten sind dankbar für die schützende Intimität im Haus und profitieren sogar von der seltsamen Moral einer Umgebung, in der Nutten sich nicht ans Fenster stellen dürfen, weil der Juwelier gegenüber um seine Kundschaft fürchtet. Da scheint es für alle Beteiligten ideal, daß im Dreifarbenhaus der Liebesakt in ähnlichem Geist vollzogen wird wie die Kehrwoche in Stuttgarter Mietshäusern.
"Ich habe vorher auf dem Mannheimer Straßenstrich gearbeitet und hatte es satt, ständig wie Freiwild angestarrt zu werden", erzählt Ute, eine schwarzhaarige Domina "um die 30", die der nüchternen Grundausstattung ihres Dirnenwohnheimzimmers - ein Bett, ein Tisch, ein Waschbecken - mit roten Vorhängen, Peitschen und Handschellen ihre ganz persönliche Note gegeben hat.
Ute zahlt, wie alle anderen Frauen, 80 Mark Tagesmiete an die letzte noch lebende Gesellschafterin, jene 99jährige "Madame", von der es heißt, sie sei sehr auf Anonymität bedacht. Hinzu kommen täglich rund zehn Mark Steuern. Alle Dreifarbenhäuslerinnen sind mit festem Wohnsitz gemeldet.
Im Stockwerk über Ute liegt Tamara, 40, in BH und Slip auf ihrem Grundausstattungsbett. Der Fernseher läuft, in der Ecke kränkelt eine Zimmerpflanze, auf dem Regal stehen Stofftiere und Plastikspielzeug aus dem Überraschungsei. Tamara schafft hier an, weil sie den Kontakt zur Szene scheut. "Eigentlich kann man sagen, daß ich aus gutem Haus komme", sagt sie und zaubert ein Lächeln ins runde Gesicht, "geregeltes Familienleben, High-School-Austausch in New York, Abitur - aber als meine Mutter starb, habe ich meine Ausbildung nicht zu Ende gemacht." Mit 25 wurde sie eine Gewerbliche.
"Dann wollte ich wieder solide werden." Einen Amerikaner hat sie geheiratet und eine Konzertagentur gegründet. Der Mann ist weg, die Agentur pleite, und Tamara träumt von einem Blumenladen in der Pfalz. Seidenblumengestecke bastelt sie jetzt schon am Wochenende, wenn sie in ihrer Mietwohnung in Pirmasens nach dem Rechten sieht. Niemand darf dort wissen, daß sie eine Nutte ist. Leichte Mädchen haben nicht nur im Württembergischen einen schweren Stand.
Für Unruhe im Stuttgarter Dreifarbenhaus sorgte zuletzt, daß die Chefin seit einiger Zeit auch an Ausländerinnen vermietet. Es mangelt an einheimischen Bewerberinnen, und manche Deutsche, die anreiste, um sich niederzulassen, hielt es nicht lange aus in der wohlorganisierten Triebvollzugsanstalt. So zog eine Nutte aus dem rheinisch-sinnenfrohen Köln nach nur zwei Tagen wieder weg. Viel zu "piefig" sei ihr das alles gewesen.
Südamerikanische und asiatische Frauen gelten als gefragte Exotinnen. "Sie verderben die Preise. Wer weiß, was die alles Schweinisches machen", argwöhnen die deutschen Liebesdienerinnen, sie fürchten die Konkurrenz.
So haben sie denn bei der Verwaltung protestiert. Mit Erfolg: Neue Ausländerinnen werden künftig nicht akzeptiert, und die alten "werden nach und nach gehen".
Die schwäbische Toleranz hat auch im Dreifarbenhaus enge Grenzen.
* Name von der Redaktion geändert.
Von Thimm und

DER SPIEGEL 48/1997
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