08.12.1997

BIOGRAPHIENKopernikus der Triebe

Der „Kinsey Report“, 1948 erschienen, entrümpelte die Moralvorstellungen in den USA. Eine neue Biographie enthüllt nun Alfred Kinseys privates Doppelleben: Der penible Sexualforscher ließ seinem homosexuellen und sadomasochistischen Triebleben insgeheim freien Lauf.
Vor dem Haus des New Yorker Fotografen William Dellenback warteten einige hundert junge Männer. Sie waren dem Aufruf eines Zoologie-Professors aus dem US-Staat Indiana gefolgt, der zu einem ungewöhnlichen Experiment einlud: Es galt, mittels Filmdokumentation herauszufinden, ob beim Mann während der Ejakulation die Samenflüssigkeit "unter Druck herausgeschleudert" werde oder ob sie "tröpfelnd herausquillt".
Der New Yorker Filmtermin im Jahre 1948 war typisch für das unerschrockene Vorgehen eines Wissenschaftlers, den die US-Illustrierte "Life" als "charmant, gebildet und arbeitsam" charakterisierte. Wenige Monate zuvor hatte er der amerikanischen Gesellschaft eine 804 Seiten starke "soziale Atombombe" ("Look") auf die Nachttische gelegt: "Das sexuelle Verhalten des Mannes", verfaßt von Alfred Charles Kinsey, kam am 5. Januar 1948 in die US-Buchhandlungen, die ersten 200 000 Exemplare waren innerhalb weniger Wochen verkauft, 9000 Besucher kamen 1949 zu einem Kinsey-Vortrag in der Basketball-Halle der University of California Berkeley.
Aus seitenlangen Statistiken und nüchternen Kommentaren erfuhren die Leser des "Kinsey Reports", wann, mit wem und wie oft der amerikanische Mann masturbiert, beischläft, oral oder anal koitiert, ob das im Ehebett, auf Nachbars Couch, in den Klappen der Schwulenszene von Chicago, mit Prostituierten in den Puffs von Indianapolis oder mit Tieren auf den Farmen des Mittelwestens geschieht.
Kinseys Zahlenreihen, Ergebnis einer Befragung von rund 15 000 Männern, Frauen und Jugendlichen, entlarvten die scheinheilige Doppelmoral der weißen, überwiegend protestantischen US-Gesellschaft. "Hinsichtlich ihrer sexuellen Vorstellungen und Praktiken" brandmarkte Kinsey seine Landsleute als "verstohlen, selbstgerecht, unobjektiv und intolerant", wie damals das Fachblatt "Science Illustrated" resümierte.
Erst jetzt kommt ans Licht: Auch Kinsey selbst, der aufklärerische Forscher, der distanziert und penibel in 7985 Interviews seinen Gesprächspartnern intimste Einzelheiten ihres Sexuallebens entlockte, führte ein sorgfältig geheimgehaltenes Doppelleben. Belege dafür liefert in großer Zahl die neueste Kinsey-Biographie, die - rechtzeitig zum 50. Jahrestag des ersten Kinsey Reports - soeben in Amerika erschienen ist*.
Mit Kinseys "öffentlich/privatem Leben", so der Untertitel des drei Pfund schweren Buchs, hat sich Biograph James Jones ein Vierteljahrhundert beschäftigt. Jones, der an Kinseys Wirkungsstätte, der Indiana University, promovierte und derzeit an der University of Houston Geschichte lehrt, hat Hunderte von Zeitzeugen, ehemalige Kinsey-Mitarbeiter, Vertraute und Studenten des Professors einvernommen. Er durchforstete ein Dutzend Archive von Universitäten und Forschungseinrichtungen nach einschlägiger Fachliteratur. Er las Zehntausende von Briefen an Amerikas "Hohenpriester der sexuellen Befreiung" (Jones) - und oft auch die Antwortschreiben des Professors an die Ratsuchenden.
Das von Jones entwickelte Kinsey-Porträt (mit Quellenangaben auf 119 Seiten) zeigt einen Mann, der zeitlebens auf sein öffentliches Image bedacht war: ein bescheidener empirischer Forscher und besessener Sammler von wissenschaftlichen Daten, deren Analyse er kühl und objektiv
* James H. Jones: "Alfred C. Kinsey". W. W. Norton, New York; 940 Seiten; 39,95 Dollar.
der Öffentlichkeit präsentierte. Besuchern und Freunden gegenüber, so Jones, "reihte er sich ohne Zögern in die Ahnengalerie wissenschaftlicher Pioniere ein wie Galilei, Kopernikus oder Sigmund Freud".
Doch Kinsey war auch ein von Schuldgefühlen "tief gequälter Mann" (Jones) - geprägt von homosexuellen und masochistischen Neigungen, der sich in der Badewanne eigenhändig die Vorhaut abschnitt und sich, nach Pfeifenreinigern und Bleistiften, schließlich eine Zahnbürste, das Borstenende voran, in die Harnröhre einschob.
Sein später bis zur Besessenheit gesteigertes Interesse an der gesamten Bandbreite sexueller Spielarten hatte sich bei Kinsey früh gezeigt. Der blondgelockte Sohn eines puritanischen, tyrannischen Collegelehrers aus South Orange (New Jersey) befummelte mit acht Jahren die Genitalien seiner Mitschüler, mit zwölf stellte er das eigene einer kirchlichen Jugendgruppe zur Schau.
Zwei Jahre später trat er den Boy Scouts bei, die Erziehung zur "wahren Männlichkeit" versprachen und gegen die "Sünde des Masturbierens" zu Felde zogen. Bei Wochenendausflügen und in Ferienlagern entwickelte Kinsey, der bis ins hohe Jugendalter von 26 Jahren bei den Pfadfindern blieb, seine Neigung zum lustvollen Beobachten. Er prägte sich die Namen von Pflanzen und Vögeln ein und sah zu, wenn seine Mitcamper um die Wette onanierten.
Kinsey-Biograph Jones fand keinerlei Hinweise, daß Kinsey sich in der High School, im College oder später als Student der Zoologie an der Harvard University nachdrücklich für Frauen interessiert hätte. Seine wahren sexuellen Phantasien und Neigungen zu tarnen, hatte der angehende Wissenschaftler allerdings jeden Grund: Homosexualität galt nach der damals vorherrschenden Moralvorstellung als "sündhaft und kriminell", Masochismus als "pathologisch" (Jones).
Ungeschickt und ohne heterosexuelle Erfahrungen stolperte der mit glänzenden Harvard-Noten bedachte Jungprofessor an der University of Indiana in die Ehe. Die Chemie-Studentin Clara Bracken McMillen, wie Kinsey Sproß einer Lehrerfamilie, teilte mit ihm das Interesse für Camping, Getier und Landschaft. Als Weihnachtsgeschenk erhielt die vier Jahre jüngere Mrs. Kinsey von ihrem "Prok", wie sie ergeben und bewundernd ihren Ehemann Professor Kinsey nannte, die Grundausstattung für eine Hochzeitswanderung: Jagdmesser, Kletterschuhe und Kompaß.
Mit dem Vollzug der Ehe ließen sich die Jungvermählten Zeit; zuerst mußte bei Clara, die beim Koitus Schmerzen hatte, die Klitoris operativ aus einem Hautsack freigelegt werden.
Unauffällig verliefen die ersten Ehejahre, steil die Karriere des Ostküsten-Intellektuellen im provinziellen Bundesstaat Indiana. Kinsey schrieb Biologiebücher und wurde weltweit berühmt als Experte für Gallwespen. Über fünf Millionen Exemplare dieser wenige Millimeter großen Hautflügler umfaßte seine Sammlung, 35 000 davon untersuchte er selbst und nahm an ihnen 700 000 einzelne Messungen vor.
Die Faszination der großen Zahl kennzeichnet auch sein Lebenswerk, die Sexualstatistik. Zwar verfehlten Kinsey und die auf striktes Stillschweigen eingeschworenen Vertrauten seines 1947 gegründeten "Institute for Sex Research" das hochgesteckte Ziel, insgesamt 100 000 Amerikaner nach ihren Sexgewohnheiten zu befragen. Doch die enorme Datenmenge von rund 18 000 individuellen Sexual-Reports ist in der Geschichte der Erforschung des menschlichen Sexualverhaltens bis heute einmalig.
Mit seinen - methodisch nicht mehr ganz unumstrittenen - repräsentativen Feldstudien über den amerikanischen Durchschnittsmann (und fünf Jahre später über die Amerikanerin) erzielte Kinsey nachhaltige Wirkung auf die US-Gesetzgebung und ebenso auf den individuellen Umgang mit Sexualität.
Daß der Forscher bei seinem unermüdlichen Einsammeln intimer Angaben über Penislängen, Vaginaltiefen und Orgasmushäufigkeit nicht nur von reformerischem Eifer getrieben wurde, macht Biograph Jones deutlich. Die Beschäftigung mit Sex, so Jones, sei für Kinsey auch "der Blitzableiter für seine inneren Konflikte" gewesen.
Offenbar nutzte Kinsey seine Studien auch zur Bestätigung und Befriedigung seiner eigenen sexuellen Neigungen. Hinter einer geschickt aufgebauten Fassade des um wissenschaftliche Wahrheit und Fakten bemühten Forschers, der an Wochenenden halbnackt, nur mit einem Strippen-Schurz bekleidet, seinen wilden "Naturgarten" bestellte, der klassische Musik hörte und selbst behende Piano spielte, der Teppiche knüpfte und bereitwillig, wenn auch eines Schotten würdige, Ratschläge über den mehrmaligen Gebrauch von Kondomen gab ("Auswaschen und in Alkohol aufbewahren"), verbarg sich ein Mann auf der "Suche nach seinem sexuellen Utopia" (Jones).
Einen Ausschnitt dieser Idealwelt fand Kinsey zum Beispiel in Chicago, wohin er "enteilte, wann immer der Druck zu groß wurde", wie Jones berichtet. In den "tea rooms", wie in der Chicagoer Schwulenszene die Pissoirs genannt wurden, holte sich der Professor aus der Provinz schnelle und anonyme Befriedigung.
Sein großer homosexueller Bekanntenkreis in Chicago und anderen US-Großstädten, in denen sich Kinsey durch seine Befragungsaktionen ein gut funktionierendes Network aufgebaut hatte, verschaffte ihm Kontakte mit Transvestiten und Sadomasochisten, mit Transsexuellen und Exhibitionisten.
Zu Hause, in Bloomington, unter dem Dach seiner geräumigen Natursteinvilla, empfing er homosexuelle Freunde zu SM-Spielen. Im Erdgeschoß organisierte er Gruppensex und Swingerpartys, an denen sich auch seine verschwiegenen Institutsmitarbeiter und deren Ehefrauen beteiligten.
Die Kinsey-Gattin, erinnert sich ein Beteiligter, "war wundervoll kooperativ" und eine "aufmerksame Gastgeberin". Jeweils nach Erreichen der Höhepunkte offerierte Clara frische Handtücher und zur Stärkung Kinseys Leibspeise: Dattelpflaumenpudding.
Zahlreiche Belege dafür, daß es bei den Kinseys hart zur Sache ging, fand Biograph Jones im Archiv von William Dellenback. Der New Yorker Fotograf hatte im Auftrag Kinseys ("zum Zweck der wissenschaftlichen Auswertung") die wilden Partnerwechselspiele ebenso gefilmt und fotografiert wie das "masochistische Masturbieren" seines Auftraggebers und Akte der Selbstbefriedigung bei dessen Frau Clara.
Von dem Fotografen Dellenback ließ sich Biograph Jones auch Einzelheiten jenes New Yorker Massen-Onanierens berichten, zu dem sich 1948 Hunderte von Freiwilligen eingefunden hatten. Dellenback erwog damals, das Vorhaben kurzerhand abzusagen - wegen der von ihm befürchteten Folgen der Versuchsanordnung: "Gnade, was passiert mit meinem Teppich?"
Zwei Lagen Papier, mit denen der Fotograf den Spannteppich in seinem Studio abdeckte, lösten das Problem.
* James H. Jones: "Alfred C. Kinsey". W. W. Norton, New York; 940 Seiten; 39,95 Dollar. * Hintere Reihe, sitzend: Fotograf Dellenback.
Von Rainer Paul und

DER SPIEGEL 50/1997
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