DER SPIEGEL



Ein paar werden absaufen

Von Klein,

Radiowerbung um Studenten, Wettbewerb der Institute, Bildung als Exportartikel: Mit Phantasie haben einige Universitäten Wege aus der Hochschulmisere gefunden.

Zuerst kamen die Lockrufe aus dem Osten. Mitte vergangenen Jahres schaltete die Dresdner Universität Anzeigen: "Studenten, kommt nach Dresden". Es würden geboten: "High-Tech, High-Life" und vor allem "High-Teach".

Mecklenburgische Hochschulen taten es den Sachsen nach. In Fotoanzeigen warben attraktive Frauen, man möge ihnen folgen zum Studieren in das leere nördliche Land. Vor Beginn dieses Semesters sendete auch der Südwestfunk im Westen Radiospots: "Sie wollen studieren? Uni Kaiserslautern einfach anrufen."

Die Hochschulen in Sachsen, Mecklenburg und der Pfalz gelten manchem Experten als Vorboten einer neuen Zeit: Bildung könne möglicherweise bald auch in Deutschland werden, was sie in den USA, in England und Holland längst ist: ein Markenartikel. Der Wettbewerb um staatliches Geld verwandelte die Universitäten dort in Dienstleistungsunternehmen, die ihre Produkte genauso absetzen müssen wie Fernsehsender oder Reisebüros.

Auch Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, glaubt, in der sonst starren Hochschullandschaft erste Zeichen eines tiefgreifenden Wandels der deutschen Universitäten erkennen zu können.

Können Hochschulen, die der Präsident der Wissenschaftsakademie Dieter Simon "im Kern verrottet" nannte, sich münchhausengleich aus ihrer Misere befreien? "Kulturrevolutionäre Eingriffe" verlangt Peter Glotz, Gründungsrektor der Universität Erfurt. "Man muß die Boote aus dem Hafen scheuchen und riskieren, daß ein paar absaufen." Auch der Hochschulpolitische Sprecher der Grünen, Matthias Berninger, fordert: "Wettbewerb!"

Der hat schon eingesetzt. Als im vergangenen Sommer die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) eine Liste der zehn erfolgreichsten Hochschulen veröffentlichte, waren die Dekane alarmiert: Ziehen die Erstplazierten, die beiden Münchner Universitäten sowie Aachen und Heidelberg, dem Mittelfeld bereits davon? Existieren tatsächlich schon jene "akademischen Slums in Deutschland", von denen das US-Fachblatt "Science" schrieb?

Immerhin war es den Aachenern gelungen, bei der DFG zehnmal mehr Geld einzuwerben als die Kollegen in Passau. Die Erregung über die Liste steigerte sich noch, als sich die zehn Anführer öffentlich als "Liga der Top-Universitäten" priesen.

Durchweg handelt es sich um Hochschulen, die sich selbst aus der Bedrängnis geholfen haben: Ihre Dozenten verließen sich nicht auf die knappen Etats; sie suchten andere Geldgeber und warben dort "Drittmittel" ein. Erfolg dabei hat nur, wer schon Erfolge herzeigen kann und zugleich fähig ist, sich der Welt außerhalb des Elfenbeinturms anzupassen.

Schwer ist das selbst für die Willigen. "Die Universitäten sind überall gefesselt", klagt Hauke Trinks, Präsident der Technischen Universität Hamburg-Harburg, vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gerade für Reformerfolge ausgezeichnet. Die kleinsten Änderungen habe er durchkämpfen müssen gegen starre Gesetzeswerke und das "vorauseilende Mißtrauen von Verwaltung und Politik".

Aber die Universitäten werden sich freistrampeln, glaubt Trinks, und dann kämen echte Reformen heraus - allerdings nicht von der Art, wie sie sich die in Bonn nach mehr Geld rufenden Studenten vorstellen.

Denn an den so umgebauten Hochschulen wird es unbequem. Einen Vorgeschmack bekamen die Maschinenbauer der Münchner TU: Im August rief der Hochschulkanzler Unternehmensberater ins Haus. Die grauen Herren schwärmten aus in Labors, Computersäle und Studierkämmerchen und verhörten jeden Mitarbeiter einzeln - ein unerhörtes Exempel von Erfolgsanspruch und Rechtfertigungszwang.

Künftig soll auch in anderen Fachbereichen die Leistung jedes Professors gemessen werden. Wer mehr Studenten betreut, mehr Prüfungen abnimmt oder mehr fremdes Geld einwirbt, wird besser aus dem Universitätsetat bedient als sein Nebenmann, der weniger bringt.

"Es gilt nicht mehr als unfein zu fragen, was ein Kollege macht und was er kostet", sagt Uni-Kanzler Ludwig Kronthaler. "Wie Bereichsleiter in der Industrie" müssen die Dekane künftig konkurrieren, und nach Art eines Konzerns will Kronthaler seine Hochschule auch führen. An die Spitze des Betriebs mit 9000 Mitarbeitern und 18 000 Studenten will er wie bei großen Aktiengesellschaften einen Vorstand setzen. Kronthaler sieht keine Alternative: Mehr Geld werde es nicht geben.

Wie ein kompromißlos auf Effizienz und Kosteneinsparung getrimmtes Hochschulsystem funktionieren kann, zeigt das Beispiel Holland. Dort hat der Staat die einst ähnlich wie in Deutschland maroden Universitäten umgekrempelt: An die Stelle der Humboldtschen Bildungsuniversität trat ein verschulter Ausbildungsbetrieb.

Die Dozenten haben ihre akademische Freiheit verloren, die in ein straffes Pensum eingebundenen Studenten kaum mehr Spielraum zur persönlichen Entfaltung. Das System ist hart, aber wirksam: Seit 1980 sank die mittlere Studiendauer von über sieben Jahren auf knapp fünf.

Finanziell werden Universitäten belohnt, die in kurzer Zeit viele Absolventen produzieren; Instituten, die durch viele Durchfaller, Bummler oder Abbrecher auffallen, werden die Etats gekürzt. Zudem überwacht die Regierung in Den Haag mit regelmäßigen Kontrollen die Qualität.

In Deutschland mit seinem föderalen Bildungssystem wären derart rigide, von oben verordnete Lösungen nicht durchzusetzen. Hier wird es vor allem die Konkurrenz ums Geld sein, die die Universitäten effizienter macht. Ganze Fakultäten werden dem zum Opfer fallen.

Die Heidelberger Universität hat mit dem Ausmisten schon begonnen. Unabhängige Experten durchleuchteten - nach dem Muster der "Evaluierung" in der Ex-DDR - einzelne Institute. Im Frühjahr beschloß der Verwaltungsrat dann, die Fakultät für Pharmazie zu schließen. Die Gutachter hatten Forschung wie Lehre als "qualitativ ungenügend" bewertet.

"Im Kampf um das Geld werden sich die Universitäten auf ihre Stärken konzentrieren", sagt Bruno Zimmermann von der DFG, die jährlich zwei Milliarden Mark Forschungsmittel verteilt. "Die Differenzierung ist in vollem Gange."

Die Hochschullandschaft wird dabei entlang zweier Achsen auseinanderfallen:

* Die Universitäten profilieren sich durch fachliche Schwerpunkte. Die akademischen Gemischtwarenhandlungen, die bisher alle Studiengänge von Archäologie bis Zoologie in gleich mittelmäßiger Qualität anbieten, werden verschwinden.

* Die Hochschulen suchen sich verschiedene Aufgaben: Forschungsorientierte Institute betreiben hochklassige Wissenschaft und werben dafür landesweit um die besten Studenten. Weniger renommierte Universitäten setzen auf attraktive Lehrangebote und konzentrieren sich in der Forschung auf die Bedürfnisse der Unternehmen ihrer Region.

Das Internet wird einen Teil jener Angebote ersetzen, die beim Verschlanken verlorengehen. In Mannheim und Heidelberg sind Ansätze zu dieser virtuellen Hochschule schon Realität. Psychologiedozenten beider Universitäten haben Studenten zu einem Seminar über neue Formen des Lernens zusammengeschaltet. Referate flimmern über den Monitor; Seminararbeiten sind per Mausklick abzurufen.

Mit diesen Experimenten beginnen die badischen Cyber-Dozenten ihre Fühler ins Datennetz erst auszustrecken. Vom Stuttgarter Wissenschaftsminister gefördert, wollen sie weltumspannend die besten Studiengänge ihrer Institute in englischer Sprache anbieten. Die Studenten bekämen ihre Ausbildung in Multimediaseminaren; nur zu Praktika würden sie aus Linz oder Lima anreisen. In diesen internationalen Tele-Universitäten der Zukunft, wie Visionäre sie erträumen, wäre wenig Platz für jene weltfernen Grübler, die heute noch oft die deutschen Universitäten prägen.

Zudem lösen sich auch die klassischen akademischen Disziplinen auf. Die alten Teiche sind wissenschaftlich leer gefischt, sagt DFG-Geldverteiler Zimmermann: "Die spannenden Dinge geschehen an den Grenzen." Dort zum Beispiel, wo Archäologen und Physiker gemeinsam Keilschriftplatten entschlüsseln oder Chemiker mit Computerwissenschaftlern Speicherchips entwickeln.

Deshalb hat sich die Harburger Hochschule unter Präsident Trinks für einen radikalen Weg entschieden: Die Fachbereiche sind dort abgeschafft, die unsichtbaren Mauern zwischen Elektrotechnikern und Molekularbiologen gefallen.

So stehen den Studienanfängern, die weder ihre sich herausbildenden Interessen kennen noch den späteren Bedarf der Industrie, alle Wege der Ingenieurskunst offen. Nach zweijähriger Grundausbildung können sie Flugzeugbauer wie Materialforscher werden - oder in ein Managementprogramm wechseln, um später weiterzustudieren.

Zugleich versucht Trinks, mit Stipendien aus der Industrie, jeden seiner deutschen Studenten mindestens ein Semester lang ins Ausland zu schicken. Umgekehrt wirbt er in der Ferne. Auf der asiatischen Bildungsmesse in Jakarta hat Trinks Pavillons aufbauen lassen, um begabte Studenten nach Harburg zu locken. Ein Austauschprogramm mit Bangkok wurde organisiert - in den betreffenden Kursen ist Englisch Vorlesungssprache.

In den Labors am Rand der Lüneburger Heide versuchen sich nun Pakistaner, Inder und Thais neben ihren deutschen Kollegen an Robotern zur Krankenpflege; 17 Prozent beträgt der Ausländeranteil unter den Studenten. Trinks ist das noch zuwenig: Bildung müsse zum Exportprodukt werden, wie in Australien, wo die Universitäten inzwischen Studiengebühren in Höhe von 1,5 Milliarden Mark von ausländischen Studenten einnehmen.

Dergleichen muß auch in Deutschland möglich sein, glaubt Trinks. Er hat die Gebäude für eine Privatuniversität schon planen lassen, die er mit Industriegeldern neben der bestehenden Hochschule errichten will. Zahlungskräftigen Gästen aus Indonesien, Südafrika und China will er darin Schnellstudiengänge anbieten.

"Turbo-Master-Programme made in Germany", träumt er, könnten ein Exportrenner werden - und obendrein den deutschen Studenten an der Staatsuni nebenan kräftig einheizen.

Ein erstes Programm für Ausländer wurde jetzt in Harburg gestartet. Die 40 Studenten von weither wurden übers Internet angeworben.

* Mit Chirurgie-Roboter am Institut für Werkzeugmaschinenbau. * Demonstration des Impulserhaltungsgesetzes.

DER SPIEGEL 49/1997
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