Von Doerry, und Haller,
Ende des Sommersemesters 1997, ein Mittwoch im Juli, 4.30 Uhr in der Frühe: Die ersten Studenten trudeln vor dem Geographischen Institut der Berliner Humboldt-Universität ein, manche haben einen Schlafsack dabei. Der Beginn einer Institutsbesetzung? Keineswegs, es geht um die Anmeldung für ein Seminar, das vier Monate später beginnt.
Wer lieber im eigenen Bett schläft als vor dem Verwaltungszimmer Nummer 215, hat Pech gehabt. Um 7 Uhr ist der kleine Flur schon hoffnungslos überfüllt. Eine Liste macht die Runde, auf der die Reihenfolge der Wartenden festgehalten wird. Neuankömmlinge haben keine Chance mehr und ziehen resigniert ab.
Erst um 9 Uhr dürfen sich genau 25 Studenten für das Seminar "Thematische Kartographie" des Wintersemesters einschreiben. 25 Plätze für rund 300 Bewerber. Das nervt, und doch dreht niemand durch - die Überlast an den Hochschulen ist zur Dauerlast, die Dauerlast längst Alltag geworden.
Laut Hochschulstatistik hat jeder Professor inzwischen 50 Studierende zu betreuen. Vor 100 Jahren waren es 5, vor 30 Jahren erst 20. 1,9 Millionen Studenten drängen sich derzeit auf 970 000 Studienplätzen an Universitäten und Fachhochschulen. Jeder zweite verbringt seine sechs Studienjahre an einer der Massenuniversitäten, eingezwängt zwischen 20 000 bis 40 000 Kommilitonen, in Köln und München sind es sogar 60 000.
Diese Erfahrung prägt. Da wächst eine Generation von Akademikern heran, die das klassische Ideal der Alma mater bestenfalls noch vom Hörensagen kennt. Eine Generation, die sich in Provisorien einrichtet, mit Mißständen arrangiert und die den Glauben an eine grundlegende Reform der Hochschulen längst verloren hat - eine in jeder Hinsicht desillusionierte Generation.
Wer mit Hunderten, ja auch Tausenden zusammen durch Seminare und Übungen irrt, läßt jede Hoffnung fahren, einmal zur gesellschaftlichen Führungsschicht der Republik zu zählen; den Begriff Elite mag schon gar niemand aussprechen.
Daß sie in einen Massenbetrieb eintauchen würden, haben sie alle vorher gewußt; die Hochschulen sind schließlich seit Jahren überlastet. Aber daß sie ihre Professoren häufig tagelang nicht zu Gesicht bekommen und ihre Kommilitonen auch nach Wochen nicht kennen, enttäuscht dann doch viele Jungstudenten.
Während sich ihre Altersgenossen in den USA oder Großbritannien mit ihren Colleges und Universitäten identifizieren, sie sogar als ein Stück Heimat betrachten, leben und arbeiten deutsche Studenten in anonymen Wissensfabriken - mit meist veralteten technischen Standards. Aber auch damit haben sich die Studenten arrangiert. Für sie steht die Uni einfach nicht mehr im Mittelpunkt ihres Alltags, das Studium läuft eher nebenher.
Nur gelegentlich, wie jetzt zu Beginn des Wintersemesters, entstehen Proteste gegen die Sparpolitik an den Hochschulen. Ob sich daraus ein Massenstreik, womöglich über Wochen und Monate, entwickelt, ist jedoch mehr als fraglich; da sind Scheine zu machen, Prüfungen vorzubereiten. Und wozu auch protestieren: Welcher Finanzminister rückt schon die nötigen Milliarden heraus, nur weil die Studenten demonstrieren?
Das erklärt auch, warum dem akademischen Nachwuchs längst der Glaube an den Sinn studentischer Hochschulpolitik abhanden gekommen ist. In den glorreichen sechziger Jahren waren die Organe der Selbstverwaltung noch umkämpft, heute liegt die Wahlbeteiligung für die Allgemeinen Studentenausschüsse im Schnitt unter zehn Prozent.
Mitarbeit in den Gremien der Uni-Selbstverwaltung gilt als mega-out. "Wer in den Semesterferien ein Praktikum nach dem nächsten durchzieht, wird bewundert. Wer seit Jahren im Fachschaftsrat mitarbeitet, muß sich für blöd halten lassen", berichtet eine Journalistikstudentin in Hamburg. "Wer sich engagiert, gilt als weltfremder Idealist", hat auch die Volkswirtschaftsstudentin Cordula Eubel, 24, erfahren. Seit dreieinhalb Jahren ist sie in diversen Gremien tätig: Mitglied in zwei Hamburger Fachschaftsräten, für die Frauenliste im Studentenparlament und Angehörige des Konzils, des zentralen Gremiums ihrer Hochschule.
Viele halten die ganze Uni-Politik ohnehin für einen Jux. Bei den jüngsten Wahlen zum Hamburger Studentenparlament kandidierten Witzbolde wie das Team Arehucas, die Come Together Party und eine Liste namens St. Pauli. "Reine Spaß- und Chaoslisten nehmen ihre Mandate oft gar nicht wahr", klagt Hamburgs Asta-Vorsitzende Jeanette Paulsen, 27.
Die Studenten sind dabei nicht wirklich unpolitisch. Der Zulauf zu Greenpeace und Amnesty International hält unverändert an. Aber die Kadergruppen von ehedem, Maoisten und Leninisten, führen nur noch ein Schattendasein. Und ihre mehr oder weniger undogmatischen Nachfolger bieten nun einmal nicht den attraktiven Charme einer radikalen Sekte.
Dafür erklären die Studentenvertreter der einzelnen Fächer, die Fachschaftler, ihren Kommilitonen, wann sie welche Klausuren schreiben sollten, um zügig durchs Studium zu kommen. Anstatt flammende Reden zu halten, backen Fachschaftler heute Kuchen für desorientierte Erstsemester oder karren Bierkästen für die Party ran. Den Nutznießern solcher Service-Leistungen sei oft nicht einmal klar, daß Fachschaftsarbeit ehrenamtlich ist. "Manche Leute denken, wir bekämen dafür Geld", ärgert sich Cordula Eubel.
Aber der Gedanke liegt auch durchaus nahe. Denn das Jobben gehört heute ebenso selbstverständlich zum Studium wie vor hundert Jahren die Mensurfechterei. Wenn nur noch 15 Prozent der Studenten Bafög bekommen, muß der große Rest sein Geld eben auf dem bunten Markt der Neben- und Hilfstätigkeiten verdienen.
Während sich das Jobben jedoch früher auf die Semesterferien beschränkte, wird heute das ganze Jahr über gearbeitet, fast immer auf Teilzeitbasis. Die Flensburger Pädagogikstudentin Regine, zum Beispiel, arbeitet jeden Montag acht Stunden in der telefonischen Bestellannahme der Beate-Uhse-Zentrale. Inzwischen weiß die angehende Hauptschullehrerin mehr über Kondome, Gleitcremes und Potenzverstärker als über mittelhochdeutsche Minnelieder - ein guter Job, wie sie findet, "die Chefin ist sehr nett".
Ihr Kommilitone Andreas, ein 26jähriger BWL-Student, macht derweil ein ausgedehntes Praktikum in der Finanzbuchhaltung desselben Unternehmens - so sieht das Jobben im Idealfall aus: Da wird nicht nur Geld verdient, sondern auch Berufserfahrung gesammelt.
Oder der 20jährige Axel Großmann in Hamburg. Jede Woche dienstags und freitags, wenn der angehende Betriebswirt ein paar Aufgaben zum "Zwangsvollstreckungsrecht" erledigt und für das Kolloquium "Unternehmensplanspiele" gebüffelt hat, schwingt er sich aufs Rad und saust auf die Baustelle.
Im abgewetzten Overall und mit dem von alter Farbe steifgetrockneten Käppi auf dem Kopf führt er Pinsel und Spachtel wie ein Profi. Axel und drei andere Maler restaurieren derzeit in einem Hamburger Jugendstilhaus die Stuckdecke. Nach Feierabend sitzt Axel als Buchhalter in einer kleinen Softwarefirma; der Job wird ihm gleich auch als Praktikum bescheinigt. "Das bringt mir mehr als mein Studium", sagt Axel. Auf seiner Visitenkarte ist sein Studentenstatus nicht vermerkt, dafür aber die Handynummer und eine E-Mail-Adresse.
Die Studenten der späten neunziger Jahre erleben die Uni kaum noch als Hort der Sinnfindung, sondern als ein notwendiges Übel, einfach "weil man einen Abschluß haben muß"(Großmann). Einer aktuellen Studie des Bayerischen Staatsinstituts für Hochschulforschung zufolge sieht sich fast jeder dritte nurmehr als Teilzeitstudent. In Großstädten und Ballungsräumen liegt dieser Anteil sogar bereits bei 45 Prozent.
Schlendern, schludern und schwadronieren sie also nur, die deutschen Studis, anstatt ernsthaft zu büffeln? Müßten nicht endlich saftige Studiengebühren und strenge Prüfungsordnungen her, damit auch in Deutschland so schöne Verhältnisse herrschen wie in den USA, wo hochmotivierte Studenten nach nur vier Jahren als top konditionierte "Master of Arts" von den Universitäten ausgespuckt werden?
Doch der Vergleich mit Amerika trägt nicht weit. Für ein solches System fehlen in Deutschland fast alle Voraussetzungen: Deutsche Uni-Abschlüsse garantieren keineswegs einen reibungslosen Einstieg in den Arbeitsmarkt, weitere Qualifikationen wie praktische Erfahrungen, Computer- und Sprachkenntnisse sind gefordert. Insofern ist die Angst vor einem verpatzten Start in den Beruf hierzulande nur zu verständlich, das Hinausschieben womöglich sogar vernünftig.
Zugleich aber zeigt sich ein mentales Problem: Eine Generation, der ständig und überall nur bedeutet wird: "Wir brauchen euch nicht, das Boot ist voll", verschanzt sich auch zu einem guten Teil an den Unis vor der häßlichen Wirklichkeit. Da, wo die Hochschule zur behütenden Werkstatt wird, lähmt sie die Initiative, anstatt zu fordern und zu ermutigen. Wer doch nicht weiß, was einmal aus ihm werden soll, versucht sich eben in diversen Jobs und Studiengängen und drückt sich so vor dem Abschied von der Uni.
Sicherlich fügen sich nicht alle Studenten in dieses Bild. Der Sozialwissenschaftler Tino Bargel von der "Arbeitsgruppe Hochschulforschung" der Universität Konstanz befragte mit seinen Kollegen 10 000 Studierende in Deutschland, um so etwas wie eine Typologie des akademischen Nachwuchses aufzustellen. Demnach ziehen vier größere Gruppen Semester für Semester durch die Hochschulen:
* Im ersten Drittel marschieren Pragmatiker mit einer Art ÖTV-Mentalität. Sie sehen die Uni als Service-Betrieb und erfüllen ihr Pensum, haben aber keine höheren Ambitionen und auch mit der Forschung nichts im Sinn.
* Im zweiten Drittel schlendern die Wanderer zwischen den Welten. Sie sind nicht fixiert auf ein bestimmtes Berufsbild und führen ihr Leben etwa zu gleichen Teilen innerhalb wie außerhalb der Hochschule.
* Kaum mehr als jeder vierte Student steckt seine ganze Energie ins Studium, meist in eine Disziplin aus den klassischen Naturwissenschaften. Er forscht, promoviert und schlägt vielleicht auch die Uni-Laufbahn ein.
* Der Rest, gut fünf Prozent, sind Pro-forma-Studenten, Leute also, die zwar aus versicherungstechnischen Gründen noch immatrikuliert sind, aber schon lange kein Seminar mehr von innen gesehen haben.
Für die meisten Studenten ist das Studium damit zu einer mehr oder weniger lästigen Nebensache geworden. Und dieser Trend dürfte sich noch verstärken. Eine Umfrage der Technischen Hochschule Darmstadt unter Abiturienten des Jahrgangs ''97 zeigt, wie gering das Interesse an der akademischen Ausbildung inzwischen geworden ist. Demnach erwarten die jungen Leute von ihrem Studium in erster Linie "neue Bekanntschaften, persönliche Unabhängigkeit sowie die Chance, sich auf die eigenen Interessen konzentrieren zu können".
Solche Auskünfte offenbaren nicht Ignoranz oder Provinzialismus, sondern einen für die älteren Generationen kaum faßbaren Realismus: Um für die ungewisse Zukunft gerüstet zu sein, nimmt man mit, was man gebrauchen kann, unter anderem auch ein Uni-Diplom. Wenn er sich nur auf sein Studium beschränken würde, würde er "arbeitslos", erklärt etwa ein Münchner Jurastudent. Schon jetzt arbeitet er deswegen regelmäßig für einen Münchner Lokalsender. "Vielleicht werde ich Reiseführer oder Radio-Moderator."
Bei soviel Unsicherheit entstehen ganz neue, sogenannte Patchwork-Biographien, die sich wie Flickwerk aus diversen Bruchstücken zusammensetzen. Die junge Generation müsse sich mehr als jede andere zuvor im Ziel- und Haltlosen zurechtfinden, schreiben die beiden Jung-Erwachsenen Johannes Goebel und Christoph Clermont in ihrem gerade erst veröffentlichten Buch "Die Tugend der Orientierungslosigkeit"*.
Die Patchwork-Jugend belächelt die Weltverbesserer der sechziger Jahre, die Müslikultis der siebziger und die Selbstverwirklicher der achtziger Jahre. Sie hat kein Programm und glaubt keiner Ideologie. Sie studiert ohne Überzeugung, unterbricht und experimentiert, jobbt hier und da.
Dafür, daß sich viele Studenten weder binden noch für die Zukunft festlegen mögen, sind auch die Professoren verantwortlich. Die einst von Fachautorität ge-
* Volk und Welt Verlag, Berlin; 206 Seiten; 30 Mark.
tragene, zuweilen geradezu väterliche Beziehung zwischen Hochschullehrer und Studenten ist vielerorts einem "von unterschwelliger Verachtung begleiteten Desinteresse" gewichen, gesteht ein Hamburger Erziehungswissenschaftler.
Manche Professoren erklären diese Entfremdung mit dem angeblich stetig sinkenden Niveau der Studenten. "Eine Katastrophe" seien Fremdsprachenkenntnisse und Rechtschreibung, schimpft etwa der Darmstädter Literaturwissenschaftler Rainer Erd. "Die allgemeine und literarische Bildung der Studenten hat enorm abgenommen", bestätigt der Frankfurter Germanist Hartmut Scheible. Die beiden Professoren berichteten auf der Fachtagung im vergangenen Mai von Studenten, die während ihrer Vorlesungen per Handy miteinander telefonieren.
Eine solche Verwilderung der akademischen Sitten mißfällt freilich auch vielen Studenten. "Die lesen Zeitung, schlafen oder malen, entwerfen Strickmuster, schreiben Briefe und nerven damit nicht nur die Dozenten, sondern auch die am Thema interessierten Kommilitonen", berichtet der Leipziger Germanistikstudent Thomas Bücher, 22. Doch ist das nur ein Ausdruck purer Rücksichtslosigkeit? Oder auch so etwas wie passiver Widerstand gegen die trostlose Langeweile der akademischen Didaktik?
Die pädagogische Eignung von Hochschullehrern wird nach wie vor schlicht vorausgesetzt, Karriere machen sie ausschließlich mit Erfolgen in der Forschung. Die Leipziger Germanistikstudentin Susan Kreller, 20, muß zum Beispiel im Grundstudium eine Literaturliste mit 80 Klassikern durchackern. In einer gesonderten Prüfung, die über die Zulassung zur Zwischenprüfung entscheidet, soll sie dann mit "stur auswendig gelerntem Wissen" (Kreller) glänzen, zum Beispiel: "Wie heißt bei Theodor Fontane der Hund von Effi Briest?"
Nicht daß die Kenntnis dieser Werke der jungen Studentin schaden würde, aber Literaturwissenschaft auf Kreuzworträtsel-Niveau schien eigentlich mit dem Hinwegscheiden der DDR obsolet geworden zu sein; heute führen auch die Professoren aus dem Westen die alten Methoden gern weiter.
Die 68er Studenten hätten solche pädagogischen Verirrungen noch wütend bekämpft, ihre Kinder nehmen das stillschweigend in Kauf. Oder sie springen kurzerhand ab. "Die Studenten verlassen einfach das Seminar", berichtet der Berliner Soziologe Claus Offe, "die sagen gar nicht mehr, was ihnen nicht paßt."
Es ist die Universität als Ganzes, die der Patchwork-Generation nicht mehr paßt. Sie findet sich nicht zurecht in den wie Bunker betonierten Wissensfabriken der sechziger Jahre, sei es in Bochum, Dortmund oder West-Berlin. Wie in gigantischen Flughafen-Terminals eilen gehetzte Menschen an verschlossenen Türen vorbei, meist allein, seltener in kleineren Gruppen, mit schmalem Gepäck und einem vollen Terminkalender.
Vor der Vorlesung schnell ein Kaffee, später die Zigarette danach, und schon wird die Uni wieder zur Nebensache, weil es in der betonierten Ödnis nichts gibt, was ein Bleiben lohnend erscheinen ließe. "Morgen schau ich mal vorbei", lautet der gängige Gruß zum Abschied - nur zu oft eine bloße Floskel.
Wenn er an sein Studium denke, sagt der Hamburger BWL-Student Großmann, dann fühle er sich wie ein Bergsteiger oder ein Wüstenreiter: Bilder, die von Einsamkeit erzählen - und von einer fatalen Einzelkämpfermentalität: Eine Gesellschaft, die nur mit Teamarbeit erfolgreich sein kann, erzieht sich ein Heer von Solisten, die fernab der Uni-Seminare des Nachts und am Wochenende über ihren Büchern hocken.
Verschärft wird die akademische Isolation durch ein typisches Merkmal des deutschen Hochschulbetriebs: Während die klassische Universität noch mit den vier großen Fakultäten Jura, Medizin, Theologie und Philosophie auskam, bieten die heutigen Hochschulen nicht weniger als 1550 zugelassene Studiengänge. An den Universitäten reicht der Fächerkanon von Abfallentsorgung bis Zivilrecht, an den Fachhochschulen von Agrarhandel bis Zukunftsenergien. Und jedes Jahr kommen neue hinzu. Der Studiengang Tourismus darf ebenso belegt werden wie "Kulturmanagement". Und das alles nur, weil die Hochschulrektoren das Wort "Universitas" mit "Fächervielfalt" falsch übersetzen.
Die "Idee der Universitäten", von der der Reformer Henrik Steffens vor 190 Jahren schwärmte, erfüllte sich einst in der "organisierten Einheit des Wissens". Daraus ist ein bunter Basar beliebiger Einzeldisziplinen geworden - angeblich soll damit dem Bedürfnis des Arbeitsmarkts Rechnung getragen werden, tatsächlich aber dient die unheimliche Fächervermehrung vor allem den Profilneurosen und Karrierebedürfnissen der Hochschullehrer.
Weil viele Professoren die Praxis nicht kennen und ihnen die Planstellen für die Anstellung von Praktikern fehlen, zielen ihre Curricula an der Arbeitswelt vorbei. In diese Praxislücke stoßen vor allem Buchverlage, die mit vielversprechenden Ratgebern Kasse machen: "Personal-Manager sagen ihnen, was sie tun müssen", lautet der Untertitel eines Bestsellers. Die Personalchefs beschreiben, wie sie sich den optimalen Bewerber vorstellen:
* Examen in der knapp bemessenen Regelstudienzeit;
* fundierte Fachkenntnisse;
* Berufs- und Praxiserfahrungen;
* Auslandsaufenthalte;
* Englisch plus mindestens eine weitere Fremdsprache;
* EDV: Textverarbeitung, Datenbank und Tabellenkalkulation sowie Internet-Erfahrung.
Nur rund ein Drittel dieser Anforderungen steuert das Studium bei. Alles übrige muß sich der Kandidat außerhalb der Hochschule selbst beschaffen: Berufsausbildung als Collage.
So kritisierten kürzlich Hamburger Unternehmensberater, daß der Management-Nachwuchs mit theoretischem Wissen nur so vollgestopft sei, aber keine Führungsfähigkeiten habe. Der Deutschland-Chef von McKinsey erklärte gegenüber dem "Manager Magazin", sein Unternehmen rekrutiere für seine deutschen Büros bereits 30 Prozent der Berufsanfänger im Ausland.
Manche Hochschulen sträuben sich gegen diesen verhängnisvollen Abstieg in die zweite Liga. So bekennt sich etwa die Universität Osnabrück zu dem lobenswerten Ziel, Geistes- und Sozialwissenschaftler "für Europa" auszubilden; verliehen wird hier der wohlklingende Titel "Magister Rerum Europae".
Doch schon die Aufzählung der "Ausbildungsschwerpunkte" zeigt, wie wenig schwerpunktmäßig hier studiert wird: Regierungssysteme, Verfassungsgeschichte der Neuzeit, Europarecht, Sozialrecht, Sozialstatistik, Volkswirtschaftslehre, Finanzwissenschaft, Umweltökonomie, Verlagswesen, Archivkunde, Fremdsprachen, Literatur und Medien. Und bei all dem steht auch noch "unter anderem".
Nicht Ausbau, sondern Umkehr ist nötig: Anstatt ihren Fächerkanon immer weiter auseinanderzuziehen, sollten die Universitäten denkerisches Know-how vermitteln, sagt der sozialdemokratische Hochschulexperte Peter Glotz. Sein Leitwort heißt Schlüsselqualifikation. Nicht mit bloßem Spezialwissen, sondern mit intellektueller Kompetenz könne sich der akademische Nachwuchs auch in noch unbekannte Wissensgebiete vorwagen und im Multimedia-Dschungel bestehen.
So wird die Universität Erfurt, die Glotz derzeit als Gründungsrektor aufbaut, keine Einheitsjuristen mehr ausbilden. Eine sozial- und staatswissenschaftliche Fakultät bündelt statt dessen die Fächer Ökonomie, Jura, Politik und Soziologie. Den Einwand "Wo finden die Absolventen denn einen Job?" entkräftet Glotz mit dem Hinweis auf die jetzt schon übliche Karriere von Juristen außerhalb des Staatsdienstes: "Die kommen ja auch überall unter."
Ein ähnliches Modell favorisiert Ortrun Bertelsmann vom Freien Zusammenschluß von StudentInnenschaften (fzs). Die Studentin der TU München fordert eine Modulhochschule. Dort würde nicht mehr nach Fächern oder Studiengängen studiert, sondern auf Themen und Projekte bezogen. "Das heißt, es wird nicht nur Fachwissen gelehrt, sondern auch gemeinsam über mögliche Folgen und Alternativen nachgedacht."
Viele jüngere Studenten übergehen die Vorschriften der Prüfungsordnungen schon heute und stellen sich ihr Studium nach diesem Leitbild neu zusammen: auch hier ein Patchwork-Verhalten. Und was sie eint, sind Erwartungen von "fast heroischem Zuschnitt", wie der Konstanzer Uni-Forscher Bargel urteilt: persönliche Bildung statt Paukschule, Förderung von Improvisationstalent statt fachspezifischer Verengung.
Vorbilder für sinnvolle Praxisprojekte gibt es längst. Günter Faltin, Professor für Wirtschaftspädagogik an der Freien Universität Berlin, spielte 1985 mit seinen Studenten die Marketing-Aufgabe durch, einen Teehandel in Schwung zu bringen. Die Studenten erkannten eine Marktlücke für Großpackungen, und statt Tee trinkend den Start ins Berufsleben abzuwarten, gründeten sie die "Teekampagne".
Die Firma mit rund 20 Mitarbeitern ist heute Deutschlands größtes Teeversandhaus und betreut mehr als 130 000 Kunden.
DER SPIEGEL 49/1997
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