01.12.1997

SPIONAGESuche Panzer, biete Lada

Kaum waren die hehren Worte zum Abzug der sowjetischen Armee aus Deutschland verklungen, organisierten deutsche und amerikanische Geheimdienste einen staatlich abgesegneten Raubzug. Mit D-Mark und Westwaren beschafften sie High-Tech-Kriegsgerät.
Die feierliche Zeremonie gehört zu den Wendemarken der neueren deutschen Geschichte. Im Gobelinsaal des Palais Schaumburg griff zunächst der Kanzler zum goldveredelten Füller "Montblanc Meisterstück" und paraphierte das Werk. Dann signierte Michail Gorbatschow die Vereinbarung zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Das Abkommen vom 9. November 1990 trägt den Titel "Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit".
Einen Monat zuvor hatte Moskau bereits den endgültigen Abzug aller sowjetischen Truppen aus der ehemaligen DDR zugesagt. Bevor Kohl den sowjetischen Staatspräsidenten zum Saumagen-Essen in die heimische Pfalz einlud, versprach der Kanzler ergriffen, man wolle alles tun, damit sich "die sowjetischen Soldaten und ihre Familien in der verbleibenden Zeit ihres Hierseins wohl fühlen".
Mit dem Abzug der Sowjetmacht beschäftigt sich noch ein weiteres, nicht so feierliches Dokument. Das "Memorandum of Understanding", geschlossen zwischen der "United States Army Europe" und dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND), gilt bis heute als Staatsgeheimnis - aus gutem Grund.
Denn das Vertragswerk vom 7. Mai 1991 beschreibt in einem knappen Dutzend Artikeln nebst Anlagen präzise die Modalitäten eines staatlich geplanten Raubzuges. Geplündert wurde die modernste Armee des zerfallenden kommunistischen Reiches - die Westgruppe der Sowjetstreitkräfte in der ehemaligen DDR. Die 338 800 Rotgardisten waren mit all jenen High-Tech-Erzeugnissen aus sowjetischer Produktion ausgestattet, die schon immer die Neugier der westlichen Dienste geweckt hatten.
Operation "Giraffe" tauften die BND-Oberen die Aktion, und sie zählt bis heute nach den Maßstäben des Gewerbes zu den erfolgreichsten des Dienstes. Das Schurkenstück, vom Kanzleramt in Bonn ausdrücklich abgesegnet, konterkarierte die Sonntagsreden der Politiker aufs trefflichste: Es folgte streng den alten Regeln des Kalten Krieges.
Hunderte streng geheimer Militär-Dokumente und massenweise High-Tech-Kriegsgerät wurden beschafft, Dutzende sowjetische Offiziere als Quellen geworben. Manche von ihnen arbeiten immer noch für die Deutschen.
Trotz des Erfolgs - wie kaum eine Operation zuvor hat "Giraffe" den Bundesnachrichtendienst erschüttert. Mindestens zwei russische Offiziere sitzen bis heute in Straflagern ein, Schlamperei und Mißmanagement beim BND hatten zu ihrer Enttarnung geführt. Präsident Konrad Porzner trat 1996 im Zorn zurück: Der überforderte BND-Obere hatte im nachhinein schwerwiegende Pannen und Eigenmächtigkeiten während des Raubzuges moniert.
Und jetzt muß Pullach auch noch fürchten, daß in einem Münchner Gerichtssaal intime Einzelheiten der politisch pikanten Operation zur Sprache kommen: Gegen drei deutsche Geheimdienstler erhob die Staatsanwaltschaft München II Anklage wegen Betruges, Unterschlagung und Bestechlichkeit. Sie sollen auf eigene Rechnung russische Beutestücke an den englischen Geheimdienst MI 6 weiterverkauft haben.
Der Wettlauf um die Geheimnisse der sowjetischen Streitkräfte hatte schon 1990 begonnen. Agenten der in Berlin stationierten Militärmissionen und BND-Beamte waren in den letzten Monaten der DDR ausgeschwärmt, um Beute zu machen. Sogar die Müllkippen der Russen durchstöberten die Nachrichtendienstler auf der Suche nach Brauchbarem.
Nach der Einheit wurde aus dem Gelegenheitsklau ein stabsmäßiger Raubzug. Aus dem Personal der US-Militärmission und Beamten der aufgelösten DDR-Referate des Pullacher Dienstes formten die Allierten eine neue Dienststelle. "Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung" stand an der Pforte der Villa im Föhrenweg 19 bis 21 in Berlin-Dahlem.
Ein Novum in der immerhin 50jährigen deutsch-amerikanischen Geheimdienst-Entente: Im Keller und im ersten Stock saßen die Amerikaner von "Hortensie II", wie der Militärgeheimdienst DIA in Pullach genannt wird. Im zweiten Stock und unter dem Dach residierten 30 BNDler. Ganz diskret wurden auch die Partnerdienste "Farn" und "Wicke" - Engländer und Franzosen - eingeladen, sich "an dem Vorhaben zu beteiligen", wie es im Memorandum heißt.
Der BND führte die Truppe unter dem Dienstkürzel 12 YA, das Kommando vor Ort übernahm Oberstleutnant Ernst Assinger, einer der jetzt Angeklagten. Im Pullacher Hauptquartier wachten Oberst Karl Gigl, der Chef der Sowjet-Aufklärung, Wolbert Smidt und Volker Foertsch, Leiter der operativen Beschaffung, über die Aktion. Aufgaben und Kosten wurden geteilt. Die Deutschen beschafften Kriegsgerät und Dokumente. Die Amerikaner - Dutzende russischsprachiger US-Offiziere in Berlin warteten auf neue Beschäftigung - kümmerten sich um Übersetzung und Auswertung. Außerdem stellten sie die umfangreichen Datenbanken der Militärmission für das Projekt zur Verfügung.
Eine Zahlstelle in der Dahlemer Villa sorgte dafür, daß für die deutschen Aufkäufer stets genügend Bares im Haus war. Die Amerikaner erstatteten nach einem festgelegten Schlüssel die Kosten für die beschaffte Sore an Pullach. Für Hardware, die nach Übersee ging, übernahm Washington die volle Rechnung.
In den ostdeutschen Garnisonstädten suchten die Späher von 12 YA nach untreuen Sowjetgardisten. Weil Moskau der deutschen Seite einen detaillierten Abzugsplan hatte übermitteln müssen, konnten die Geheimen immer den geeigneten Zeitpunkt abwarten: Sie tauchten oft erst kurz vor der Heimreise bei den klammen Russen auf.
Mal gaben sich die BND-Mannen als Militariahändler, mal als Autoverkäufer oder Im- und Exporthändler aus. Pullach hatte eigens Briefkastenfirmen gegründet, "Beschaffungshelfer" bedienten die Telefone in den Klitschen. Auch in den Aufnahmelagern für osteuropäische Aussiedler in Lebach und Zirndorf durchforsteten Pullacher Beamte die Akten nach geeigneten russischen Helfern. Hier lockte der Dienst mit Geld und Unterstützung im Anerkennungsverfahren.
Die sowjetischen Offiziere wurden von den Geheimen in Kneipen oder auf den Trödelmärkten vor den Toren der Garnisonen angesprochen. Schon bald jammerten die Militärs über die bevorstehende Rückkehr und klagten, für den Aufbau einer neuen Existenz in Rußland dringend Geld zu benötigen. Die BND-Männer baten zum feinen Diner und signalisierten Hilfe - als Gegenleistung für ein paar geheime Dokumente oder High-Tech-Geräte. Die Agenten waren für die Gegengeschäfte bestens gerüstet: Das Bundesverteidigungsministerium in Bonn und das Washingtoner Pentagon hatten ihnen diskret lange Listen übermittelt, was aus den Beständen der hochgerüsteten Westgruppe von Interesse wäre.
Selbst bei der Beschaffung durften die Sowjetsoldaten auf die Hilfe der neuen kapitalistischen Freunde vertrauen. Der BND stattete seine russischen Helfer mit Miniaturkameras, kleinen Kopiergeräten und Videokameras aus - es konnte ja nicht immer alles mitgenommen werden.
In den "Giraffe"-Akten findet sich, penibel notiert, jedes Beutestück des Raubzuges: vom Bordcomputer des hochmodernen Kampfflugzeugs MiG-29 über das Freund-Feind-Erkennungssystem des Kampfhubschraubers Mi-24 bis zu Kampfstoffspürgeräten. Hunderte geheimer Dokumente schleppten die Sowjets aus ihren Kasernen: Disziplinarstatistiken, Codebücher, Strategien des Moskauer Generalstabs und detaillierte Personalregister.
Über die Hardware-Version oder durch technische Detailbeschreibung erfuhr Pullach auch Details der neuesten Errungenschaften sowjetischer Waffenschmieden: Die Funktion der lasergelenkten Panzerwaffen vom Typ 9K116 und 9M117 sind ihnen jetzt ebenso bekannt wie die modernsten Feuerleit- und Raketensysteme.
Sogar ganze T-80-Panzer, Stolz der russischen Landstreitkräfte, zerlegten untreue Offiziere, um sie an Pullach zu verhökern. Motoren, Zieloptik und neueste Waffensysteme gingen an die Deutschen. Manchmal blieb ein Tank nur deshalb in der Kaserne, weil die Geheimen so schnell keinen Tieflader auftreiben konnten.
Oft mußten die Beschaffer für die Top-secret-Geheimnisse des zerfallenen Ostblocks nicht einmal Cash zahlen - Westwaren taten es auch. Häufig wünschten sich die Rotarmisten Jacketkronen für die Offiziersgattin, Haushaltsgeräte, Hi-Fi-Anlagen oder Spielzeug für ihre Dienste.
Unbestrittener Renner in der Pullacher Angebotspalette aber waren gebrauchte Lada-Limousinen. Gleich ein paar Dutzend beschaffte der Dienst, sogar in der gewünschten Lackierung. "Das hat uns die irresten Erfolge gebracht", erinnert sich einer, der dabei war.
Euphorisch bewertete der BND das Material aus Berlin mit den Bestnoten "wichtige" oder "herausragende Erkenntnisse". Wechselseitig hängten sich die stolzen Geheimen höchste amerikanische und deutsche Orden um.
Nur in einem Punkt versuchte der BND eifersüchtig, die US-Freunde von "Hortensie II" herauszuhalten. Aus Fernmeldebrigaden und dem Hauptquartier im brandenburgischen Wünsdorf beschafften korrupte Offiziere das bestgehütete Geheimnis der Roten Armee: Codebücher, Schlüsseltafeln, das Frühwarnsystem "Parol" und Chiffriergeräte. Per Sonderkurier ging das Material direkt an die Fernmeldeaufklärer und Chiffrierexperten des Dienstes. Die Codes wurden geknackt - fortan lasen die Deutschen auch die streng geheimen Nachrichten der Russen mit.
Mit einer festlichen Parade und freundlichen Worten verabschiedeten Kanzler Kohl und Präsident Boris Jelzin am 31. August 1994 den letzten Gardisten aus Berlin. Derweil knallten im Föhrenweg in Dahlem die Sektkorken.
Obwohl der Auftrag abgeschlossen war, durfte die Erfolgstruppe weitermachen. Sie sollte künftig die während der Jahre angeworbenen Russen als Quellen am Sprudeln halten. 12 YA zog in die Nürnberger Infanteriekaserne an der Tilly- straße um. Im Gebäude 507 firmierte der Trupp als "Koordinierungsstelle für Wehrtechnik".
Doch von nun an ging es nur noch bergab.
Mindestens zwei der Pullacher Agenten wurden verhaftet, sie sitzen bis heute in Straflagern ein. Major Wladimir Lawrentjew wurde 1995 vom Obersten Gericht in Moskau zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er spionierte seit 1991 für den BND.
Quelle V-77848, Deckname "Küstennebel", wurde im September 1995 festgenommen. Der Offizier der 40. Funktechnischen Brigade in Samara wurde ein Opfer deutscher Schlamperei. "Offensichtlich schwerwiegende operative Sicherheitsmängel", notierte der BND, hätten zu seiner Verhaftung geführt. Das Schicksal von "Küstennebel" ist bis heute unklar.
Die Deutschen tun wenig für ihre enttarnten Agenten. Zumindest hat Moskau intern zugesichert, Bonns Agenten nicht mehr hinzurichten.
Vollends zum Fiasko wurde die Operation "Giraffe" im August 1995. Der BND alarmierte den Generalbundesanwalt: Drei Mann der Dahlemer Truppe stünden im dringenden Verdacht, als Agenten für den britischen Geheimdienst zu arbeiten. An die stellvertretende Berlin-Residentin des Londoner Geheimdienstes MI 6, Rosalyn Sharpe, seien streng geheime Dokumente aus der Beutemasse der Westgruppe verscherbelt worden.
Die Interna der Zusammenarbeit mit den Briten mochte Pullach allerdings erst auf hartnäckige Nachfrage offenlegen. Nach kurzer Ermittlung gab der Generalbundesanwalt den Fall an die Münchner Staatsanwaltschaft ab - statt des Spionagevorwurfs blieb nur der Verdacht gewöhnlicher Schacherei. Die drei sollen - was sie bestreiten - auf eigene Rechnung an London verkauft haben.
BND-Präsident Porzner dämmerte, daß in Berlin wohl noch manches andere schief- gelaufen sein mußte. Günther vom Hagen, heute Leiter der Pullacher Verwaltung, wurde beauftragt, die gesamte Operation noch einmal zu untersuchen.
Das Ergebnis war verheerend: Der Klau in Ostdeutschland sei durch die Zentrale kaum kontrolliert worden, so hätten die Amerikaner vor Ort das Kommando übernommen. Zudem bestehe der Verdacht, daß der Dienst beim Transport der Beute aus den Kasernen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen habe.
Porzner verlangte im Kanzleramt, die beiden Vorgesetzten der Berliner Truppe, Wolbert Smidt und Volker Foertsch, in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen. Bonn lehnte ab. Daraufhin trat der erboste Porzner zurück.
Das Problem mit dem heiklen Dossier hat Pullach auf ganz eigene Art gelöst. Der Fall "Giraffe" wurde einfach noch einmal neu untersucht. Ergebnis: tadel-lose Ausführung und keinerlei Gesetzesverstöße.
* Mit dem Oberkommandierenden der Westgruppe, General Matwej Burlakow.
Von Mascolo und

DER SPIEGEL 49/1997
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