DER SPIEGEL



Da wird eine Existenz vernichtet

Von Kerbusk, Klaus-Peter und Tuma, Thomas

Der Konzertveranstalter Fritz Rau über seinen inhaftierten Partner Marcel Avram, die wachsende Geldgier der Superstars und die Konkurrenz des Fernsehens

SPIEGEL: Herr Rau, Ihr Kompagnon Horst Lippmann ist im Frühjahr verstorben, Ihr Partner Marcel Avram mußte sich wegen angeblicher Steuerhinterziehung in Untersuchungshaft verabschieden. Wie lange wird es den Konzertveranstalter Mama Concerts & Rau noch geben?

Rau: Ich hoffe, noch sehr lange, denn Avram hat sich nicht verabschiedet, er ist weiterhin Hauptgesellschafter unserer gemeinsamen Firma. Er ist zur Zeit nur unabkömmlich.

SPIEGEL: Und wenn Avram schuldig gesprochen wird, machen Sie dann allein weiter?

Rau: Da er der wichtigste Mann des Unternehmens ist, könnte es am Ende darauf hinauslaufen, daß sich die Firma auflöst. Denn ich fühle mich zu alt und gesundheitlich angeschlagen, um sie alleine weiterführen zu wollen. Aber ich hoffe immer noch, daß Avram bald wieder frei ist.

SPIEGEL: Einige Leute haben bereits das sinkende Schiff verlassen.

Rau: Wer ging, war nicht wichtig.

SPIEGEL: Der Geschäftsführer Klaus Böhnisch ...

Rau: ... wird uns Ende des Jahres verlassen, ja. Na und? Dann wird eben ein neuer kommen. Deshalb geht Mama Concerts bestimmt nicht unter.

SPIEGEL: Wie oft sehen Sie Avram?

Rau: Ich besuche ihn jede Woche in der Haftanstalt München-Stadelheim, denn er ist ziemlich krank. Er hat 20 Kilo abgenommen und wurde an Zwölffingerdarm und Prostata operiert, angekettet ans Krankenbett - als ob der Mann fliehen wollte.

SPIEGEL: Hat die Haft ihn verändert?

Rau: Er ist noch kämpferischer geworden. Und er wird sich nicht einfach ergeben, wenn am 1. Dezember der Prozeß in München beginnt. Nicht nur die Firma braucht ihn. Gerade besuchte ihn der Manager von Barbara Streisand, um ihre Europa-Tournee mit ihm zu besprechen. Vorher kamen schon Peter Maffay und Michael Jackson zu ihm ins Gefängnis.

SPIEGEL: In Stadelheim ist schwer was los.

Rau: Ich wünsche keinem, daß er da sitzt. Da wird eine Existenz vernichtet. Ich weiß nicht, woher dieser Haß kommt und wer dafür verantwortlich ist. Vielleicht sehe ich zu schwarz. Aber immerhin soll einer der Staatsanwälte gesagt haben, was Leute wie Avram leisten, habe mit Kultur nichts zu tun. Wir stehen da wie Sittenverderber.

SPIEGEL: Jetzt stilisieren Sie einen banalen Steuerstreit zum Kampf zwischen Rock und Establishment hoch.

Rau: Das will ich doch gar nicht. Aber wenn Peter Graf verhaftet wird, spielt Steffi weiter. Avram dagegen ist der Kopf und Motor von Europas größter Konzertagentur, er ist der einzige deutsche Veranstalter, der weltweit wirksam ist. Und dieser Mann wird nun behandelt wie ein Schwerverbrecher. Da wird eine 30jährige Kulturarbeit zerstört, die sich fernab hochsubventionierter Staatstheater etablierte.

SPIEGEL: Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft sind doch gravierend: Avram soll mehr als neun Millionen Mark Steuern hinterzogen haben. Warum soll es ihm besser gehen als Peter Graf?

Rau: Und warum geht es ihm nun weitaus schlechter als all den Vorständen von deutschen Großbanken, die mit ihren Steuersparmodellen in teuren Taunus-Villen sitzen und gelassen auf ihre Prozesse warten?

SPIEGEL: Im anstehenden Prozeß geht es auch grundsätzlich um die Praktiken der Konzertbranche. Es scheint bei deutschen Veranstaltern gang und gäbe zu sein, daß sie die Welt-Tourneen ihrer Stars über ausländische Firmen abrechnen.

Rau: Das kommt vor. Aber man muß doch fragen dürfen, ob ein Jackson-Konzert, das in Honolulu stattfindet, in München versteuert werden muß, nur weil von Bayern aus Telefongespräche geführt wurden.

SPIEGEL: Auch andere Steuergesetze passen Ihnen offenbar nicht. Als vor zwei Jahren die Künstlersteuer auf 25 Prozent erhöht wurde, schrie die ganze Branche auf.

Rau: Zu Recht, denn es handelte sich um eine Bruttosteuer ohne die Möglichkeit, Ausgaben abzusetzen. Nehmen Sie das Beispiel Michael Jackson: Ein normales Konzert bringt 3,3 Millionen Mark Einnahmen. Da sind dann 231 000 Mark Umsatzsteuer fällig, 1,5 Millionen gehen für Stadionmiete, Polizei, Absperrungen, Aufbau, Helfer und so weiter drauf. Rund 150 000 Mark verdient der Veranstalter. Bleiben Jacko 1,4 Millionen, von denen er 360 000 Mark Steuern zahlen sollte. Weil seine Show ihn aber rund 1,2 Millionen Mark kostet, müßte er rein rechnerisch 160 000 Mark zuschießen. Das ist unsinnig. Deshalb wurde das Gesetz wieder geändert. Jetzt kann man damit leben.

SPIEGEL: In Ihrer Branche regiert die Inzucht. Marek Lieberberg hat mit Avram einst Mama Concerts aufgebaut, bevor Avram mit Ihnen fusionierte. Matthias Hoffmann, der Promoter der "Drei Tenöre" und jetzt ebenfalls in Haft, war zwei Jahre lang bei Mama. Kennt jeder die schmutzige Wäsche des anderen?

Rau: Ich verzichte dankend darauf, daß Hoffmann vor mir die Hosen runterläßt.

SPIEGEL: Es heißt, daß Hoffmann und Avram sich gegenseitig bei den Steuerbehörden diffamiert haben.

Rau: Davon weiß ich nichts. Aber im Fall Hoffmann scheint es ja um mehr als die Ausländerbesteuerung zu gehen.

SPIEGEL: War Avram ein harter Gegner, bevor Sie sich mit ihm verbündeten?

Rau: Er war der härteste Konkurrent und ist nun ein guter Freund. Damals warb auch Lieberberg um mich und stiftete sogar das Feuerwerk zu meiner zweiten Trauung. Aber Lieberberg ist ein Kaviarfreund und Lebemann, Avram ist ein malochender Leberwurstbrot-Esser.

SPIEGEL: Was essen Sie denn?

Rau: Auch Leberwurst. Deshalb passen wir besser zusammen, obwohl nach der Fusion der absurde Vorwurf aufkam, es sei eine mafiaähnliche Machtballung.

SPIEGEL: So stark können Sie nicht sein, wenn Ihnen jetzt ein kleinerer Veranstalter Ihr früheres Zugpferd, die Rolling Stones, vor der Nase wegschnappt. Spielen persönliche Beziehungen nur noch eine untergeordnete Rolle im Showgeschäft? Entscheidet allein die Höhe des Angebots?

Rau: Es scheint so, wenn ich höre, daß der Berliner Veranstalter Peter Schwenkow 42 Millionen Mark für acht Rolling-Stones-Konzerte bezahlen will. Das ist doch irre. Wir hatten das Angebot auch auf dem Tisch, aber für uns hat es sich nicht mehr gerechnet. Solche Summen verderben außerdem die Vorstellungskraft unserer anderen Künstler.

SPIEGEL: Dahinter steckt der Stones-Vermarkter Michael Cohl ...

Rau: ... ein mächtiger Mann, der aus dem Merchandising-Business kommt. Früher bekam ich ein Fax von Mick Jagger, ließ alles stehen und liegen und fuhr nach New Orleans oder London, um mit ihm zu reden. Heute rechnet mir Cohl vor, was wir europaweit verdienen werden und präsentiert uns daumendicke Tournee-Verträge mit Garantiesummen für die Künstler.

SPIEGEL: Wurden Sie schon oft von Ihren Künstlern enttäuscht?

Rau: Ich bin sogar von meiner zweiten Frau enttäuscht worden, na und? Bei Mick Jagger beklagte ich mich mal über all die Anwälte und Rechtehändler. Wir seien doch Freunde. Wir könnten das doch unter uns auskarteln. Mick sagte nur: Du kannst unsere Forderungen nicht begrenzen, nur unsere Gagen. Das ist das Spiel. Und ich spiele es gern.

SPIEGEL: Sind die Stars gieriger geworden?

Rau: Es gibt gute und schlechte. Wenn ein Tourneeveranstalter soviel Geld bietet, dann kann der Berater eines Künstlers doch nicht sagen: Behaltet es bitte!

SPIEGEL: Selbst belanglose Details, etwa welches Getränk der Künstler nach seinem Auftritt bekommt, werden heute vertraglich geregelt. Sind die Stars anspruchsvoller geworden?

Rau: Die Stars waren zu allen Zeiten anspruchsvoll. Ich selbst habe die speziellen Catering-Listen für die Verpflegung der Künstler erfunden, um nicht plötzlich von Sonderwünschen überrascht zu werden. Ich habe damit angefangen, als Janis Joplin fünf Minuten vor ihrem Auftritt unbedingt einen Tequila mit Salz haben wollte. Wo sollte ich in der Jahrhunderthalle in Frankfurt so schnell einen herkriegen? Seitdem frage ich immer vorher, wer was will. Und du lernst: Charlie Watts wollte Liebfrauenmilch, Mick Jagger mochte Jack Daniels, andere bestehen auf Cherry-Cola.

SPIEGEL: Sie haben die vertraglich gesicherte Versorgung der Stars standardisiert?

Rau: Nein, individualisiert. Alice Cooper staunte nicht schlecht, als ich sein Lieblingsbier Budweiser parat hatte. Schlimm war immer die Entourage, die jetzt anfängt, Enthüllungsbücher zu schreiben über angebliche Sex-Partys, auf denen ich - ehrlich gesagt - immer einschlief, weil ich gerade vom Abrechnen kam.

SPIEGEL: Einer Ihrer Kollegen behauptet, daß Tourneeveranstalter heute schon bei der Vertragsunterzeichnung zum Betrug gezwungen werden.

Rau: Ich weiß, was der meint: Wer sich von der Gier hinreißen läßt, der Konkurrenz einen Topstar abzujagen, hat schon verloren. Die ursprünglichen Stones-Veranstalter German Tours bezahlten diese Gier auch prompt mit der Pleite.

SPIEGEL: Das erklärt noch keinen Zwang zu zwielichtigen Deals.

Rau: Es gibt nun mal eine schwarze Zone des nackten Betrugs, wenn man zum Beispiel zu viele Karten druckt. Aber es gibt auch eine graue Zone.

SPIEGEL: Was läuft dort?

Rau: Zum Beispiel die Abschöpfung von Vorverkaufsgebühren. Ich verdiene nur mit Konzerteinnahmen, nicht an irgendwelchen Nebeneinkünften.

SPIEGEL: Halten Sie sich deshalb aus Avrams Geschäften und Beteiligungen raus?

Rau: Ich wollte einfach nicht noch mehr Probleme wälzen, als ich ohnehin habe.

SPIEGEL: Ist das Konzertgeschäft inzwischen ein schwer durchschaubares Dickicht geworden?

Rau: Es wuchs vom biederen Handwerk zum Millionengeschäft. Heute haben Open-Air-Konzerte bis zu 100 000 Zuhörer.

SPIEGEL: Die besten Zeiten der Open-Air-Spektakel sind offenbar auch schon wieder vorbei.

Rau: Es hat sicher einige böse Flops gegeben. Aber Michael Jackson oder Maffay und Ramazzotti füllen immer noch die Stadien.

SPIEGEL: Mehr als drei große Konzerte pro Jahr kann sich doch kein Teenager leisten.

Rau: Ich bin sechsfacher Großvater und weiß, wieviel Geld die Kids heute zur Verfügung haben. Und das Angebot ist wunderbar breit: Die 13jährige bekommt bei den Backstreet Boys ein feuchtes Höschen, die Mutti bei Udo Jürgens feuchte Augen.

SPIEGEL: Und beide müssen schon ein Jahr vor dem Konzert zum Vorverkauf rennen.

Rau: Das sind extreme Auswüchse. Ich halte diese Vorverkaufszeiten für zu lang. Sechs Monate sind aber legitim, weil die Planung immer schwieriger wird ...

SPIEGEL: ... und Sie mit den Zinsen aus den Ticketeinnahmen arbeiten können.

Rau: Darum geht es doch gar nicht. Wir bieten zum Beispiel jetzt Karten für Konzerte im nächsten Frühsommer an. Nicht weil wir auf die Zinsen scharf sind, sondern weil Tickets auch schöne Weihnachtsgeschenke sind.

SPIEGEL: Überall wachsen neue Musical-Theater, und das Fernsehen bringt Michael Jacksons Bühnenshow gratis in jede Wohnstube. Welche Konkurrenz bedroht Sie am meisten?

Rau: Nichts von alledem. Fernsehen hilft uns sogar, denn es macht Lust auf das Live-Erlebnis. Open Air ist wie die Südkurve beim Fußball-Bundesliga-Spiel: unbequem, aber mittendrin. Live ist das Leben.

SPIEGEL: Haben Sie die Techno-Bewegung verschlafen, oder ist da für einen Impressario wie Sie kein Geld zu holen?

Rau: Die Love Parade interessiert mich genausowenig wie der Rosenmontagszug in Mainz. Beides sind Karnevals-Erlebnisse. Wenn ich Love machen will, gehe ich ins Bett. In meinem Alter kann man das ohnehin nicht mehr so oft.

SPIEGEL: Wann haben Sie zum erstenmal einen neuen Musiktrend nicht verstanden?

Rau: Das ging bei Punk los, als meine Tochter mir mit grünen Haaren gegenüberstand und die Sex Pistols verehrte. Denn für mich ist Musik immer noch ein Lebensmittel, aber keine Sterbehilfe. Dieser Trend zum Morbiden ging dann mit dem Grunge und dem Selbstmord Kurt Cobains von der Gruppe Nirvana weiter. Ganz schlimm wird es dann beim Fascho-Rock.

SPIEGEL: Sehnen Sie sich manchmal nach Ihrer alten Heidelberger Jazz-Kneipe zurück?

Rau: Nie. Erstens habe ich viel zuviel gesoffen damals. Zweitens war ich immer in Gefahr, mein Jura-Studium aufzugeben. Drittens habe ich nur für meine eigene Erbärmlichkeit gelebt - wenn auch mit der richtigen Musik.

SPIEGEL: Dann hat Ihnen der Aufstieg einen Zuwachs an Lebensqualität gebracht?

Rau: Nein, später wurde ich menschlich furchtbar. Da dachte ich, Privatleben sei das, was übrigbleibt. Es blieb aber nichts übrig. Einmal kam ich von einem Konzert zurück und schimpfte über den Lärm in unserem Haus. Bis ich erfuhr, daß meine Tochter gerade ihren 18. Geburtstag feierte. Was glauben Sie, wie man sich da fühlt?

SPIEGEL: Trotzdem haben Sie nie daran gedacht aufzuhören?

Rau: Nein. Als ich 1995 in Genf nach meiner Herzoperation mit sechs Bypässen auf der Intensivstation erwachte, kam als erstes ein Schreiben von Udo Jürgens: "Alter, werd gesund, denn ohne Dich geh'' ich nicht auf Tournee." Solange es solche Freunde gibt, mache ich weiter.

SPIEGEL: Herr Rau, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Klaus-Peter Kerbusk und Thomas Tuma.

DER SPIEGEL 49/1997
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DER SPIEGEL 49/1997

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