01.12.1997

„Ich bin ein Wolf geblieben...“

Sechsundzwanzig Jahre lang bemühte sich der deutsche Dichter Heinrich Heine, verborgen zu halten, daß er ein Jude war. Das gelang ihm in erstaunlichem Maße, obwohl natürlich nicht ganz.
Mit seinem Geburtsnamen Harry konnte er sich nie so recht anfreunden. Seine Mitschüler hänselten ihn, weil ein vorüberfahrender Lumpensammler, der "Dreckmichel", seinen Esel mit dem Ruf "Haarüh!" antrieb. In der Schule, "wenn nur irgend von einem Esel die Rede war, schielte man nach mir", berichtet Heine in seinen Memoiren, "der eine frug den anderen: XWie unterscheidet sich das Zebra von dem Esel des Barlaam, Sohn Boers?'' Die Antwort lautete: XDer eine spricht zebräisch und der andere sprach hebräisch.''" Der Vater hatte den Namen ausgesucht, weil ein befreundeter Tuchhändler den Namen Harry führte.
Zuweilen haßte er das Judentum, das "Urübelvolk, das aus Ägypten, dem Vaterland der Krokodile und des Priestertums, kam und außer den Hautkrankheiten und den gestohlenen Gold- und Silbergeschirren auch eine sogenannte positive Religion mitbrachte".
Als das neue Israelitische Hospital in Hamburg 1842 eingeweiht wurde, konnte man von Heine lesen: *___Ein Hospital für arme, kranke Juden, Für Menschenkinder, welche ____dreifach elend Behaftet mit den bösen drei Gebresten, Mit ____Armut, Körperschmerz und Judentume! *___Das schlimmste von den dreien ist das letzte, Das ____tausendjährige Familienübel, Die aus dem Niltal mitgeschleppte ____Plage, Der altegyptisch ungesunde Glauben. *___Unheilbar tiefes Leid! Dagegen helfen Nicht Dampfbad, Dusche, ____nicht die Apparate ____ ____Der Chirurgie, noch all die Arzeneien, Die dieses Haus den ____siechen Gästen bietet.
Stimmt es nun, was Martin Walser schrieb: "Heine brachte es in seinem Leben zu zwei Identitäten: zu der eines deutschen Dichters und zu der eines Juden"? Oder ist es so, daß man Marcel Reich-Ranicki recht geben müßte, Heines Dichtung sei von seiner Existenz als Jude nicht zu trennen?
Die Verwirrung reicht bis heute, sonst hätte eine bereits gedruckte und ausgelieferte Serie von Heine-Briefmarken nicht eingestampft werden müssen. Der Künstler hatte heidnische Runen auf den Rand gesetzt. Ergebnis: Zum Geburtstag keine Briefmarke für Heine.
Ein erster Höhepunkt des Streits um Heines Identität begann nach Gründung des deutschen Kaiserreiches gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Der Judengegner Heinrich von Treitschke schob vieles, was man Heine anhängen konnte, auf dessen jüdische Herkunft. Daß Juden diskriminiert wurden, namentlich in Preußen, ist unbestreitbar.
Aber Fritz Reuter, Urheber des "Onkel Bräsig", war nicht als Jude sieben Jahre eingesperrt, und Heine mußte Deutschland nicht verlassen, weil er ein Jude, sondern, weil er ein Dichter und Schriftsteller war.
Ein aufmüpfiger dazu. Der rechte Platz für diesen "Exzentriker aus Trotz" (Reich-Ranicki) konnte nicht Deutschland sein. Er liebäugelte schon lange mit Paris. Die Thronbesteigung des Bürgerkönigs Louis Philippe im Jahre 1830 war ihm willkommener Anlaß, in die prachtvolle französische Hauptstadt zu ziehen, wo er freier atmen konnte und schon einen Namen hatte.
Sich in Deutschland eine bürgerliche Existenz zu schaffen, dafür war er nicht gemacht, obwohl er, da ja getauft, für einen Lehrstuhl in München empfohlen worden war. Daß er den nicht bekam, lag nicht an seiner jüdischen Herkunft, sondern weil er in seinem "Vernichtungskrieg" gegen August Graf von Platen-Hallermünde dessen Homosexualität öffentlich gemacht hatte, bis dahin ein Tabu. Ob der Konflikt zwischen Platen und Heine ein Streit zwischen eifersüchtigen Dichtern war oder zwischen einem diffamierten Juden und einem diffamierten Homosexuellen, darüber kann man lange diskutieren.
Der Dramatiker Carl Zuckmayer ("Der Hauptmann von Köpenick") ist als Literaturkritiker mit Marcel Reich-Ranicki wohl nicht zu messen. Er geht jedoch in einer nicht gehaltenen, aber 1972 in der "Zeit" veröffentlichten Rede davon aus, Judentum und jüdische Herkunft seien "für Heine niemals" ein zentrales Problem gewesen. Dies eben aber behauptet Reich-Ranicki.
Dem steht der international anerkannte Wiener Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich, 88, entgegen, der sagte, es habe nicht nur in seiner Familie "eine gewisse Unklarheit" darüber gegeben, "was es heißen sollte, ein Jude zu sein". Dies habe seine eigenen Vorfahren dazu bewogen, den Weg der Assimilation zu gehen. Man habe nicht geahnt, daß sie von den "christlichen Nebenmenschen" trotz aller assimilatorischen Anstrengungen als Juden betrachtet wurden. Auf diesem Weg der Assimilation habe sich keineswegs eine jüdische Kultur - etwa die jüdische Aufklärung - herausgebildet. Dies sei vielmehr durch Goethe und die in der deutschen Klassik entstandene Bildungsidee geschehen.
Heines Kindheit und Jugend war geprägt von ebendieser Assimilationsbereitschaft seines Elternhauses. Dies war schwierig. Die preußischen Regierungsbezirke hatten Namenreferenten, die diskriminierende jüdische Namen großzügig änderten, aber Friedrich Wilhelm III. bestand darauf, daß "keinem Juden ein christlicher Vorname beigelegt werden dürfe". Söhne reicher Juden sollten nicht Reserveoffiziere werden können.
Das Außenseitertum Heines als künstlerische Triebfeder wird von dem Schriftsteller Ernst Pawel vor allem in dessen über Jahre fortschreitender Krankheit gesehen, und Wolf Biermann glaubt wohl eher an die zwei Identitäten Heines: *___Der vaterlandslose Gesell in Paris War jüdischer als mancher ____Jud überdies ... Viel deutscher als all diese Deutschen.
Es ist erstaunlich, daß Heinrich Heine nun zu seinem 200. Geburtstag immer noch nicht das Festmahl bekommt, das er verdiente. Vielleicht liegt es daran, daß die Leute ihn nicht nur nicht kennen, sondern auch nicht einzuordnen wissen. Das ist bei Heine auch besonders schwierig, er ist zu zwiespältig.
Auffallend ist, daß von 90 deutschen Schriftstellern anläßlich einer Umfrage 1972, die in dem Sammelband "Geständnisse. Heine im Bewußtsein heutiger Autoren" veröffentlicht wurde, viele erkennen ließen, daß Heine ihnen überhaupt nicht bekannt oder zumindest gleichgültig war. Es gab in den Nachwehen der 68er-Bewegung, als man Heine nach Zeiten der Bücherverbrennung und Verdrängung allmählich wieder mehr Beachtung zu schenken schien, immer noch keinen Bedarf für ihn.
Heute versucht man, sich diesem Dichter wieder zu nähern. Ob man ihn mag oder nicht, er ist und bleibt ein Stück Weltliteratur.
Friedrich Nietzsche, selbst ein begabter Meister der Sprache, auch lyrisch angehaucht, aber wenig humorvoll, sagte über Heine, er habe ihm "den höchsten Begriff vom Lyriker gegeben". Will man dem Exzentriker Heine übelnehmen, daß er sich selbst für den größten deutschen Lyriker hielt? Das war er ja wirklich, obwohl er wußte, daß es vor ihm Goethe gegeben hatte. Heine sah in dem größeren Goethe seinen Widerpart. Der Geheime Rat hatte dem jungen Mann im Jahr 1824 nur wenige Minuten gewidmet. In sein Tagebuch schrieb er unter dem 2. September "Heine von Göttingen".
Die Prosa war nicht gerade Heines Stärke, was er selbst erkannt haben muß. Das Fragment "Der Rabbi von Bacherach", veröffentlicht im Jahre 1840, zerklirrt in zwei gegenläufige Stücke. Den epischen Ton konnte der Dichter nicht durchhalten.
Bis heute weiß der mittelmäßigste deutsche Schriftsteller oft nicht, daß durch seine Poren Heine auch bis zu ihm gedrungen ist. Das Motiv der Trommel und des Trommlers zum Beispiel wird bei Heine so oft verwandt, daß selbst Günter Grass bei der Niederschrift seines berühmtesten Romans "Die Blechtrommel" unbewußt durchaus von Heine genascht haben könnte. Reich-Ranicki will jetzt von Heines Einfluß auf den früher größten Erzähler Grass nichts mehr wissen.
Der am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geborene Heine machte um dieses Datum viel Schnokus, weil er der Erstgeborene des anbrechenden 19. Jahrhunderts sein wollte. Heute nimmt man allgemein den 13. Dezember 1797 als Geburtsdatum an. Sein Vater Samson wurde, wie der Literarhistoriker Klaus Briegleb herausfand, von seinen Brüdern Salomon und Henry in Geldgeschäften über den Löffel balbiert, so daß er am Ende tatsächlich geschäftsunfähig war. Eine Epilepsie kam hinzu. Für die Brüder war es leichtes Spiel, Samson entmündigen zu lassen.
Heinrich Heine scheint seinem Vater gegenüber ("In seinem Gemüthe war beständig Kirmes") eine Art Wiedergutmachungszwang gehabt zu haben. In einem seiner Testamente von 1843 erwähnt er neben seinem "armen Weibe" vor allem seinen "seligen Vater". "Nichts" habe er so sehr geliebt.
Heine studierte Jura in Berlin, Bonn und Göttingen, das damals zum Königreich Hannover gehörte. In Göttingen machte er das, was er im "Wintermärchen" "ein sehr gelindes Examen" nennt. Eine Anstellung fand er nicht. Ob dies nun tatsächlich daran lag, daß er Jude war oder an seinem exzentrischen Charakter, darüber läßt sich nur spekulieren.
Um zu vertuschen, daß er dem Judentum "Valet" gesagt wissen wollte, nicht zuletzt, um Karriere zu machen - Heine hoffte auf die Professur in München -, sah er sich 1825 nach einer nicht in Göttingen gelegenen Taufmöglichkeit um.
Er fand sie in der evangelischen Gemeinde zu St. Martin in Heiligenstadt im Hinterzimmer des Pfarrers, der ihn auf den Namen Christian Johann Heinrich taufte. Aus einem Bericht von Gottlieb Christian Grimm an die Erfurter Regierung geht hervor, daß Heine sich immer für einen Christen ausgegeben und immer dafür gegolten habe. Die Taufe wünschte er deshalb "in aller Stille". Als zweiten Grund für die Geheimhaltung gab Heine an, daß er "die bedeutende Unterstützung eines seiner israelitischen Verwandten verlieren würde, wenn es zur Kenntnis desselben gelangte, daß er dem Glauben seiner Väter entsagt habe".
Es war damals nicht unüblich, zum Christentum überzutreten. In Berlin konvertierte ein guter Bekannter Heines, der Rechtswissenschaftler Eduard Gans, mit dem er gemeinsam jüdische Forschungen betrieben hatte, zum Protestantismus , damit er Professor werden konnte. Heine kritisierte ihn deshalb mit einem Gedicht: *___Und du bist zu Kreuz gekrochen Zu dem Kreuz das du verachtest ____Das du noch vor wenig Wochen in den Staub zu treten dachtest! *___O das thut das viele Lesen Jener Schlegel, Haller, Burke. ____Gestern noch ein Held gewesen, Ist man heute schon ein Schurke.
Diese Verse schrieb Heine, ohne mitzuteilen, daß er denselben Schritt schon ein halbes Jahr zuvor getan hatte.
Die ersten Heine-Gedichte wurden im Februar 1817 in der Zeitschrift "Hamburgs Wächter" unter dem Namen "Sy. Freudhold Riesenharf" gedruckt. Diesen Namen hatte Heine aus "Harry Heine Düsseldorf" zusammengesetzt. Damals war er noch Lehrling im Hamburger Bankhaus Heckscher & Co., an dem sein Onkel Salomon beteiligt war. 1826 veröffentlichte dann "H. Heine" bei dem Buchhändler und Verleger Julius Campe in Hamburg eine Sammlung aus verschiedenen literarischen Stücken, Reiseberichten, feuilletonistischen Skizzen, Gedichten und Essays. Dieser Band "Reisebilder I" machte schnell Furore und verhalf dem jungen Dichter zu einem ersten Einkommen. Dichter und Verleger erwarteten sich keine Reichtümer, Heine tröstete sich mit dem Ruhm, den dieser Erstling ihm verschaffen sollte. Die Rechte an diesem Buch hatte er Campe geschenkt, der ihm dafür allerdings eine alte Schuld von 50 Louisdor erließ.
Heine hielt viel von sich, aber was er wirklich wert war, konnte er damals noch nicht wissen. Das Metternichsche System lag wie Eishauch über den deutschen Landen, und kein anderer Verleger hätte für Heine soviel tun können, wie Campe es tat. Campe verkaufte seit dem Erscheinen im Jahre 1827 in zehn Jahren nur 5000 Exemplare der ersten Auflage, 1837 wagte er sich an eine zweite.
Natürlich mißbilligte sein reicher Hamburger Onkel Salomon die Wege des Neffen. Obwohl nicht getauft, war Salomon Heine in der Hansestadt höchst angesehen. Geiz, wie es oft geschieht, kann man ihm nicht unterstellen. Nach dem Brand von Hamburg 1842 erwies er sich als königlicher Kaufmann. Darüber hinaus hatte er etliche andere Verwandte zu versorgen, was Neffe Heinrich nicht einsehen wollte. Man kann diesem Onkel eine gewisse Gutmütigkeit nicht absprechen, denn er unterstützte den Neffen auch dann noch, als der ihm schrieb: "Das Beste, was an Ihnen ist, besteht darin, daß Sie meinen Namen tragen." Angesichts der Genialität Heines kommen Salomon Heine und Julius Campe im Urteil der Nachwelt meist zu schlecht weg.
Wie wohlwollend der Onkel dem schon in Paris befindlichen Neffen gegenüber auftrat, läßt sich in einem Brief vom 26. Dezember 1843 nachlesen: *___An den Mann, der gefunden, daß daß beste was an mir ist, daß ____ich sein Name führe - *___... nun will ich Deine Frau, zu dem heiligen Krist, was schencken ____ich schicke ihr f 400. Auf Rothschildt, an die Order Mathilde ____Heine, warum auf Rothschild, damit Rothschildt sehn soll, wie ____wir ein Arsch, und ein Kuchen sind.
Heines Feinde behaupteten, die einzig echten Tränen habe er nach dem Tode des
Onkels bei der Nachricht vergossen, daß er in dessen Testament nahezu übergangen worden war.
Erscheint der Verleger Campe manchmal als gewissenloser Profitmacher, so erwies auch Heine sich durchaus als guter Geschäftsmann. Sicher, Heine spielte die Diva, aber das wußte Campe von Anfang an. Der normale Geschäftsverkehr war nichts anderes als der zwischen Dichter und Verleger, und zwar bis zum letzten Tag.
Nach wie vor gibt es keine wirkliche Erklärung, warum Campe dem 1848 darniederliegenden Dichter auf mindestens ein Dutzend Briefe aus Paris keine Antwort gegeben hat, als der eine 18bändige Gesamtausgabe plante. Das grausame Schweigen erklärt Ernst Pawel damit, daß Heine, als Campe mit 54 Jahren zum erstenmal Vater wurde, den Verleger beleidigte, indem er ihn mit ständigem Verschieben des Tauftermins hinhielt. Am Ende schickte er als Paten nur einen Vertreter. Campe, an die jahrelangen Klagelieder Heines gewöhnt, mochte an den schlechten Gesundheitszustand seines Stardichters nicht glauben.
Was Heines finanzielle Verhältnisse angeht, so hätte er allein von seiner Schriftstellerei bequem leben können. Sie machte aber nur ein Drittel des Gesamteinkommens aus, da er sich andere Geldquellen durchaus zu erschließen verstand. Er spekulierte an der Börse mit Hilfe von James Rothschild und Benny Goldschmidt, er ließ sich auf riskante Geschäfte mit Ferdinand Lassalles Schwager Ferdinand Friedland ein, was zu jahrelangen Auseinandersetzungen führte.
Trotz ständiger Klagen, er hat niemals Not gelitten. 1850, schon bettlägerig, beschwerte er sich, daß er "wegen der Februar-Revoluzion" den "gewohnten fürstlichen Aufwand" nicht mehr führen könne; gleichwohl könnten einige deutsche Dichterfamilien in seinem Einkommenshaushalt Platz finden.
Obwohl Onkel Salomon ihm vergleichsweise wenig hinterlassen hatte, erhielt Heinrich von seinem Vetter Carl Heine über die ausgesetzte Familienpension hinaus jährlich noch mehrere tausend Francs. Umgerechnet auf die heutige Zeit, müßte man fast 20 000 Mark monatlich aufwenden, um das Leben Heinrich Heines, das zuletzt ein "Unleben" war, in Paris führen zu können.
Das bekannteste Gedicht Heinrich Heines ist und bleibt die "Loreley", 1824 geschrieben, Erfinder des Namens der Sagengestalt "Lore Lay" war Clemens Brentano. Das kunstvoll gefertigte Poem Heines hätte seinen Riesenerfolg aber wohl kaum errungen, wenn nicht Friedrich Silcher 1838 die Musik dazu geschrieben hätte. (Es gibt inzwischen über 300 verschiedene Vertonungen, davon in Japan allein fast 50.) Diese Ballade wurde derart volkstümlich, daß bis heute deutsche Gesangvereine an das Grab des Dichters auf dem Montmartre-Friedhof pilgern, auch Japaner singen mit.
Ebenso berühmt ist ein Gedicht, ausnahmsweise von Heine nicht sehr sorgfältig durchgearbeitet, das seine Bekanntheit einem schlichten Irrtum verdankt. Der Dichter sorgte sich darin nicht um Deutschland ("ein kerngesundes Land"), sondern um seine Mutter, die in der Nähe des Hamburger Dammtors ihr Häuschen mit Garten hatte. So wird man dieses Gedicht "Denk ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht" nur mit Phantasie unter die politischen Gedichte Heines einreihen können. Allerdings, ganz unpolitisch ist es auch wieder nicht, durch die "Fenster bricht Französisch heitres Tageslicht". Und sein "Weib, schön wie der Morgen, lächelt fort die deutschen Sorgen".
Hat Heine in Deutschland kein "heitres Tageslicht" durch die Fenster dringen sehen? Was die politischen Verhältnisse anging, die Verwirklichung seiner Dichtkunst, mag es manchmal düster ausgesehen haben. Sein Liebesleben hingegen wußte er durchaus hell und fröhlich zu führen, in Deutschland wie in Frankreich. Franz Grillparzer, damals 45 Jahre alt, besuchte Heine in Paris. Er war etwas verwundert, ihn mit zwei Grisetten sich munter tummeln zu sehen. Trotzdem, er beschrieb den Deutschen als geistreich und intelligent.
Fanden Heines erotische Gelüste gegenüber hochgestellten Damen der Gesellschaft meist im Kopf statt, so scheint er nach Ansicht seines anfänglich ja guten Freundes Ludwig Börne auf der niederen Ebene des Guten oder vielmehr des Schlechten zuviel getan zu haben: Daß "Lüderlichkeit", wie Börne sich ausdrückte, zu Krankheiten führen konnte, wußte man damals sehr wohl. Dennoch scheint Heine es ausgiebig mit Straßenmädchen getrieben zu haben, und es ist möglich, daß er an einer Geschlechtskrankheit zugrunde ging.
Ferdinand Lassalle schrieb Anfang Juli 1855 an Karl Marx: *___Heine, bei dem ich auch erst einmal war, ist äußerst herunter. ____Sein Geist aber so hell und scharf wie je, nur etwas gegen die ____Welt verbittert, wie es mir schien. Er freute sich sehr, mich ____zu sehen und rief nach der ersten Begrüßung gleich aus (auf ____seinen Schwanz weisend): "Sehen Sie, welcher Undank! Diese ____Partie, für die ich soviel getan habe, hat mich so weit ____gebracht."
Die Syphilis wird bis heute gern als Ursache für Heines langes Sterben angesehen. Es fällt aber auf, daß sein "Weib, schön wie der heitre Morgen" und sinnlich dazu, sich in all den Jahren ihres Zusammenlebens nicht angesteckt hat und daß Heine nahezu bis zur letzten Sekunde bei vollem Verstand blieb. Letzteres ist bei Syphilis ungewöhnlich. Es gibt andere Erklärungen, keine ist beweisbar.
Mathilde Heine, geboren als Augustine Crescence Mirat, war Schuhverkäuferin, als Heine sie bei einem seiner häufigen Spaziergänge durch die Pariser Straßen kennenlernte. 1836 nahm er die lebenslustige 21jährige in seinen Haushalt auf, einen Haushalt lernte sie allerdings nie zu führen. Die Heines zogen 16mal innerhalb von Paris um. Bis auf einen Schreibtisch gab es kaum eigene Möbel.
Das Verhältnis war ein anderes als das zwischen Goethe und seiner Christiane. Mathilde tat, was sie wollte, er lachte darüber. Den Wert des Geldes schien sie nicht zu kennen. Er jammerte über ihre Verschwendungssucht und nannte sie seine "Verbrengerin".
Gleichzeitig erfreute sie ihn damit auch, so, als er schon schwer krank darniederlag und sie sich für teures Geld ein Kaschmirtuch kaufte. Heinrich notierte: "Sie hat das ganze Kapital ihrer Ersparnisse zu einem Kaschemir verwendet; dieser Schawl kleidet sie ganz vortrefflich und gibt ihrem dicken Hintern einen sehr imposanten Anblick."
Das Paar hatte nicht viel gemeinsam. Daß Mathilde ihren Papagei "Cocotte" mehr geliebt hat als ihren Mann, das kann wohl sein. Er jedenfalls war so eifersüchtig, daß er das Tier nach und nach vergiftete. Sie schrie, er spottete nur.
"Es ist als Hauptvorzug an Mathilde zu rühmen", pflegte Heine zu erklären, "daß sie von der deutschen Literatur nicht das Geringste weiß, und von mir und meinen Freunden und Feinden kein Wort gelesen hat". Mathilde nun wiederum: "Die Leute sagen, daß Heinrich ein sehr geistreicher Mann sei und schöne Bücher geschrieben haben soll, ich merke aber nichts davon und muß mich begnügen, es auf''s Wort zu glauben."
Heine schickte sie auf ein Pensionat. Sie gab sich dort auch einige Mühe, Deutsch lernte sie bis auf drei Sätze nicht. Sie ist zweifellos wegen seines Standes und seines Geldes bei ihm geblieben, und er konnte die Ahnung, ihr sinnlich nicht zu genügen, dichterisch verarbeiten. Daß er seine Geliebte zunächst nicht heiratete, war im damaligen Paris gesellschaftlich nichts Ungewöhnliches. Da er sie stets als Madame Heine vorstellte, war sie auch Madame Heine. 1841 heiratete er sie, und zwar auf ihren Wunsch nach katholischem Ritus, um die naiven religiösen Gefühle seiner Frau nicht zu verletzen.
Heine verstand nichts von Musik. Daß er schon zu Lebzeiten der wohl meistvertonte Lyriker war, wußte er nicht und kannte auch nur wenige dieser Kompositionen. Marmorkunst und Malerei blieben ihm immer nur Anlässe, um auf die Reaktion der Beschauer zu verweisen. Die Qualität eines Eugène Delacroix konnte er nicht beurteilen; er konnte nur sehen, was der Künstler dargestellt hatte und wie die Betrachter darauf reagierten.
Dies hinderte Heine natürlich nicht, sich mit vielen Künstlern anzufreunden, mit Chopin und Liszt, Berlioz und vor allem mit dem erfolgreichen Giacomo Meyerbeer, den wegen einer Kritik um Geld zu erpressen er sich nicht scheute. Er besprach nicht nur dessen Opern, sondern 1843 auch den "Don Pasquale" des kurz vor seinem syphilitischen Ende stehenden Gaetano Donizetti.
Der zunächst von ihm verehrte Ludwig Börne wurde von ihm sehr bald als Hauptkonkurrent in Paris angesehen. Beide waren sie von revolutionären Ideen begeistert. Diese Gemeinsamkeit war aber sehr schnell zu Ende.
Wie überhaupt Freundschaften bei Heine meist nach dem gleichen Muster verliefen - stürmische Gefühle, baldiges Erkalten. Noch 1828 schrieb Heine an Karl August Varnhagen von Ense: "Börne, wie ich höre, ist ja jetzt bey Euch. Er hat mich sehr lieb. Er ist viel besser als ich, viel größer - aber nicht so großartig. Seine Taubheit wird gewiß Frau von Varnhagen sehr geniren."
Börne, 1786 als Baruch Löb in Frankfurt geboren, war ein politischer, kein poetischer Mensch. Bald wurde er anerkannter Sprachführer, wenn es um deutsche politische Bestrebungen ging. Auch Börne hatte sich, wie Heine, taufen lassen. Er wandelte sich in seiner Pariser Zeit zum radikalen Demokraten, dessen Wort geglaubt wurde. Heine hingegen galt als Sybarit, der einen Schöpsenbraten einer politischen Versammlung vorzog.
Börne warf Heine Opportunismus und gesinnungsloses Ästhetentum vor, auch das Gesinnungspaar Talent und Charakter wurde umhergetragen.
Börnes Briefe über Heine lesen sich nicht immer angenehm. Sein Bestreben, ihn kleinzumachen, offenbarte er 1832 in einem Brief an seine Geliebte Jeanette Wohl: Heine "hat den schlechten Judencharakter, ist ganz ohne Gemüt und liebt nichts und glaubt nichts". Das war zwar privat geschrieben, aber seine wahre Meinung. Heine wußte darum. Er hielt sich offenbar für nicht stark genug, Börne mit der einzigen Waffe entgegenzutreten, die er beherrschte wie kein anderer, mit seiner Feder, die er gelegentlich sein "Schwert" nannte.
Das änderte sich nach dem Tode Börnes im Jahre 1837. Über den toten Börne verfaßte Heine seine heilloseste Schrift, "Heinrich Heine über Ludwig Börne". Sonst auf amouröse Leistungen stolz, spielte er darin den Moralischen. Es war bekannt, Börne hatte aus Frankfurter Zeiten eine Seelen- und Fleischesfreundin, Jeanette Wohl, die später mit dem Kaufmann Salomon Strauß verheiratet war.
Es gibt in der deutschen Literatur kaum etwas kleinlicheres, spießigeres, als Heine es gegen den toten Börne vorbrachte: Wie kann man nur zu dritt! Dem Gatten Strauß wird ein "bitteres Fleisch" unterstellt, das zumindest Heine nicht genossen haben kann, und der Gattin Madame Wohl eine "nicht sehr schöne und nicht sehr reinliche Hülle", die sie dem "rohen Gatten" widmete. Der ganze Haushalt beruhe "auf der schmutzigsten Lüge, auf entweihter Ehe und Heucheley, auf Immoralität".
Es kam zu einem Ohrfeigengefecht auf offener Straße, woraus am 7. September 1841 bei Saint Germain ein richtiges Duell wurde. Strauß blieb unverletzt, Heine erlitt eine starke Prellung an der Hüfte. Es scheint kein Zufall, daß er genau um diese Zeit seine "Verbrengerin" ehelichte.
Zwar speiste der tote Börne mit den Würmern, aber auch der lebende Heine lag am Boden. Die Zeitgenossen warfen ihm Gesinnungslosigkeit und Rachsucht vor. Julius Campe fürchtete zwar "Spectakel" und warnte, "das Buch ist einer Explosion gleich zu achten". Er nutzte die Situation aber aus, um Heine ein weiteres Manuskript abzulocken. Campe verwunderte sich in einem Brief an Heine, warum die Leute nur an dem mißlichen Teil des Textes klebten, statt von dem "vielen, herrlichen und Schönen, das in dem Buche wirklich ist", Notiz zu nehmen. Sie weilten nur "an der Schattenseite des Buches", und dies sei "ein böses Ding".
Ja, es gab diese "herrlichen" Stellen über Börne, und man muß nur eine einzige davon zitieren: "Die Pariser Briefe können in Beziehung auf Börnes Stil dennoch nur als eine Übergangsstufe betrachtet werden, wenn man sie mit seiner letzten Schrift XMenzel der Franzosenfresser'' vergleicht. Diese Schrift ist ein klarer See, worin der Himmel mit allen Sternen sich spiegelt, und Börnes Geist taucht hier auf und unter, wie ein schöner Schwan, die Schmähungen, womit der Pöbel sein reines Gefieder besudelte, ruhig von sich abspülend."
Mit seiner durch die abgeprallte Duellkugel wiederhergestellten Ehre konnte Heine, diesmal noch ohne Mathilde, 1843 eine Reise ins Vaterland unternehmen, die er im "Wintermärchen" beschrieben hat. Man muß Heines zwiespältigen Humor zu schätzen wissen, um dieses meisterhaft stilisierte Gedicht zu mögen. Seine Heimatliebe sticht hervor.
Wie dem altgriechischen Antäus immer wieder neue Kräfte zuflossen, wenn er die Erde berührte, so fühlt sich jetzt der Rückkehrer auf Zeit: *___Seit ich auf deutsche Erde trat, Durchströmen mich Zaubersäfte ____- Der Riese hat wieder die Mutter berührt, Und es wuchsen ihm ____neu die Kräfte.
Von dem seit 1840 regierenden Preußen-König Friedrich Wilhelm IV., dessen gotischem Geschmack er nichts abgewinnen konnte, nimmt er in diesem Epos unmißverständlich Abschied. Im Kölner Dom, dem Lieblingsprojekt des neuen preußischen Monarchen, möchte er "einen Stall für Pferde" eingerichtet wissen, es solle dort "fröhliche Kavallerie hausen".
Heine konnte nicht offen sagen, trotz der milder werdenden Zensur, daß er am liebsten die Häupter der Heiligen Allianz, den Zaren, den Kaiser und den Preußen-König, in den drei Käfigen sähe, "die hoch zu Münster hängen am Turm". Heine transportiert die Heiligen Drei Könige aus der Kapelle im Kölner Dom zur Lamberti-Kirche in Münster. Dort waren die drei Wiedertäufer-Tyrannen Bockelson, Knipperdolling und Krechting nach einem Jahr Schreckensherrschaft 1536 in drei Käfige eingesperrt worden, wo sie langsam verhungerten.
In Vorahnung seiner Matratzengruft preist er die deutschen Federbetten, "den vaterländischen Pfühl". *___Man schläft sehr gut und träumt auch gut In unseren ____Federbetten. Hier fühlt die deutsche Seele sich frei Von allen ____Erdenketten. *___Sie fühlt sich frei und schwingt sich empor Zu den höchsten ____Himmelsräumen. O deutsche Seele, wie stolz ist dein Flug In ____deinen nächtlichen Träumen!
Auch im "Wintermärchen" konnte Heine von seinem Lieblingshelden Napoleon nicht lassen. Er sah ihn aus dem Grabe steigen, nur hatten "die englischen Würmer" ihn doch zu sehr angenagt. Sie hatten "Aus ihm einen stillen Mann gemacht, Und er ließ sich wieder begraben".
Heine gefiel an den Engländern in London, wo er sich 1827 für einige Zeit aufhielt, rein gar nichts. Er verachtete ihre Sprache und nahm ihnen übel, daß sie Napoleon nach St. Helena geschafft hatten.
Schlafend vergleicht Heine sich mit dem angeschmiedeten Prometheus. Der preußische Adler hält ihn umklammert und frißt ihm "die Leber aus der Brust". Im Traum kann man Organe ja verlegen.
Mag Heine sich unter dem Einfluß von Marx und Engels auch als Revolutionär gefühlt haben, so wurde auch das wieder zu Poesie. Von all denen, die er in diesem Gedicht gezaust hatte, bewies nur Ferdinand Freiligrath Sinn für Humor. Vor Lachen, so berichtete er, sei er vom Stuhl gefallen. *___Der Schafpelz, den ich umgehängt Zuweilen, um mich zu wärmen, ____Glaubt mirs, er brachte mich nie dahin, Für das Glück der ____Schafe zu schwärmen. *___Ich bin kein Schaf, ich bin kein Hund, Kein Hofrat und kein ____Schellfisch - Ich bin ein Wolf geblieben, mein Herz Und meine ____Zähne sind wölfisch. *___Ich bin ein Wolf und werde stets Auch heulen mit den Wölfen - ____Ja, zählt auf mich und helft Euch selbst, Dann wird auch Gott ____Euch helfen!
Viel Phantasie gehört nicht dazu, um wahrzunehmen, daß Heine die Zensur mit der Beschneidung der Juden gleichsetzte: *___Die Schere klirrt in seiner Hand, Es rückt der wilde Geselle ____Dir auf den Leib - Er schneidet ins Fleisch - Es war die beste ____Stelle.
Am Ende des "Wintermärchens" kommt Heine auf seinen "Vater", den "seligen Herrn Aristophanes", zu sprechen, dessen "Frösche" in Berlin zu jener Zeit aufgeführt wurden. Heine: *___Der König liebt das Stück. Jedoch Wär noch der Autor am Leben, ____Ich riete ihm nicht sich in Person Nach Preußen zu begeben. *___Dem wirklichen Aristophanes, Dem ginge es schlecht, dem Armen; ____Wir würden ihn bald begleitet sehn Mit Chören von Gendarmen.
Preußen bis 1848 wäre tatsächlich keine günstige Heimstatt für Heine geworden. Für Metternich, den Drahtzieher des Systems, wollte er nur dann schreiben, wenn der ihm alle Huren schicken würde, wie Börne empört vermerkte. So etwas war von Heinrich Heine nie ganz scherzhaft gemeint.
Immerhin, Heine wußte von Varnhagen, daß Friedrich von Gentz, Metternichs wichtigster Adlatus, alle Heineschen Hervorbringungen in äußerster Heimlichkeit las.
Was immer Heine gewollt hat - sicher ist, er strebte nach allgemeiner Emanzipation, die Emanzipation der Frauen freilich blendete er aus. Er ergriff zwar in einem spektakulären Mordprozeß gegen eine Frau aus niederen sozialen Kreisen, die mit Hilfe eines vergifteten Kuchens nach jahrelanger unerträglicher Ehe ihren Mann umbrachte, deren Partei. Über George Sand beklagte er sich bei Freunden.
Wenn Heine sich als Revolutionär gesehen hat, so war das eine für ihn wichtige Selbsttäuschung. Unschwer kann man an der ersten Strophe seines Revolutionsgedichts "Doktrin" erkennen, daß mit den Mitteln der Poesie, zumal der Heineschen, keine Veränderung der Verhältnisse zu erreichen sein würde: *___Schlage die Trommel und fürchte dich nicht, Und küsse die ____Marketenderin! Das ist die ganze Wissenschaft, Das ist der ____Bücher tiefster Sinn.
Heine benutzt den Philosophen Hegel, bei dem er studiert hatte, nur noch als Garderobenständer, an dem sich Metaphern aufhängen ließen.
Wie eine Ausnahme wirkt ein anderes Gedicht, das er 1844 nach dem Aufstand der schlesischen Weber niederschrieb. Das war nicht derselbe, der sich mit Tambourstab und Marketenderin vergnügen wollte. Das war der Heine, der mit Marx und Engels verkehrte. So ein revolutionäres Pamphlet gibt es in der ganzen deutschen Literatur nicht. Man muß es zitieren: *___Im düstern Auge keine Thräne, Sie sitzen am Webstuhl und ____fletschen die Zähne: "Deutschland, wir weben dein Leichentuch ____Wir weben hinein den dreifachen Fluch - Wir weben, wir weben! *___"Ein Fluch dem Götzen, zu dem wir gebeten In Winterskälte und ____Hungersnöthen; Wir haben vergebens gehofft und geharrt, Er hat ____uns geäfft und gefoppt und genarrt - Wir weben, wir weben! *___"Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, Den unser Elend ____nicht konnte erweichen Der den letzten Groschen von uns ____erpreßt, Und uns wie Hunde erschießen läßt - Wir weben, wir ____weben! *___"Ein Fluch dem falschen Vaterlande, Wo nur gedeihen Schmach und ____Schande, Wo jede Blume früh geknickt, Wo Fäulnis und Moder den ____Wurm erquickt Wir weben, wir weben! *___"Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht, Wi r weben emsig ____Tag und Nacht - Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch, Wir ____weben hinein den dreifachen Fluch. Wir weben, wir weben!"
Heines revolutionäre Prosa ist hinreißend. Sosehr er die deutschen Eichen auch liebte, er wünschte sie sich als "Barrikaden für die Befreiung der Welt". Man kann sich den Dichter selbst hinter diesen Eichenbarrikaden nur sehr schwer vorstellen.
An Deutschland mag Heine in der Nacht wohl gedacht haben, um den Schlaf hat es ihn sicherlich nicht gebracht. Er kannte es schon zu lange nicht mehr. Was man das Deutschland des "Vormärz" nennt, die Spanne vor der Revolution 1848, davon wußte er wenig aus eigener Anschauung. Daß Heine sich für das "tolle Jahr 1848" nicht sonderlich interessierte, kann nicht wundernehmen, denn im Mai brach er zusammen und konnte seine jeweilige Wohnung nicht mehr verlassen.
Ein eigenes Kapitel könnte man Heine und Napoleon widmen. Die Zeitgenossen sahen in diesem Panoptikum jeweils Verschiedenes. Noch heute streitet man sich, ob die wenigen Neuerungen, die dieser Machtmensch im Gepäck mit sich führte, die Zahl der Toten und die Verwüstungen wert gewesen sind. Man versteht den Haß eines Gneisenau gegen dieses tyrannische Familienunternehmen nur zu gut.
Im Jahr 1807 besuchte Heinrich Heine noch die Normalschule des alten Franziskanerklosters in Düsseldorf. Durch Napoleon hatten Juden nicht alle, doch sehr viele Rechte bekommen. Nach Waterloo 1815 wurde ihnen aber manches wieder entzogen. Niemand beachtete sonderlich, daß 1822 Heines Gedicht "Die Grenadiere" in Druck ging ("Was schert mich Weib, was schert mich Kind, ich trage weit beßres Verlangen; Laß sie betteln gehen, wenn sie hungrig sind - mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!"). Daß dieses Gedicht überhaupt bekannt wurde, ist eher der Vertonung von Richard Wagner zuzuschreiben. Heine war damals 24 Jahre alt. Er wollte wohl zeigen, daß er kein Opportunist sei, sondern quasi mit dem Kaiser in der Kutsche aus Rußland zurückrase. Der "Weltgeist zu Pferde" (Hegel) war schließlich doch nur ein sterblicher Mensch, der im russischen Morast steckenblieb.
Äußerungen der deutschen Großliteraten über den großen Korsen lesen sich oft komisch, sowohl von Hegel, von Goethe, ja, auch von Heine. Der aber hatte wenigstens Grund zur übertriebenen Schwärmerei.
Die Sehnsucht Heines nach dem deutschen Vaterland, die er in seinen Gedichten und Schriften immer wieder ausdrückte, kann man durchaus ernst nehmen. Man kann sehr wohl verstehen, daß ein in Frankreich niemals völlig angenommener Dichter sich in ein Land zurückwünschte, das zwar noch nicht seinen Vorstellungen entsprach, in dem er aber seine widerborstigen Gedanken und Gefühle in seiner vertrauten Sprache ausbreiten durfte.
Es scheint nicht so, als ob die Franzosen mit Heines oft kauzigem, oft zwiespältigem Humor viel hätten anfangen können. Sie sahen in ihm den berühmten deutschen Dichter, der seine Heimat verlassen hatte, um unter ihnen zu leben. Er galt ihnen als Galionsfigur für französische Toleranz, für das Verhalten ihrer Regierung Ausländern gegenüber.
Die französische Sprache beherrschte Heine mit Akzent. Er konnte Stendhal und Balzac natürlich lesen, doch hat französische Literatur ihn nicht sonderlich beschäftigt. Es klingt ehrenvoll, hat aber wenig Substanz, daß auf ausdrücklichen Wunsch General de Gaulles 1966 die große Sammlung von Heine-Handschriften für die Pariser Nationalbibliothek erworben wurde mit der Begründung, Heine sei doch auch ein französischer Dichter gewesen.
Die Vermittlerfunktion zwischen Frankreich und Deutschland, die Heine sich vorstellte, konnte er nur eingeschränkt wahrnehmen. In dem Umfang, wie er es sich wünschte, brachte er in deutschen Zeitungen Artikel über die französische Politik und das Pariser Kulturleben nicht unter. Der tägliche Kleinkrieg mit den Zensoren in Deutschland war zermürbend. Ein Plan Börnes, gemeinsam eine zensurfreie Zeitschrift zu etablieren, scheiterte.
Heine hatte gegenüber Marx den Vorteil, aufgrund seines Geburtsdatums im damals französischen Rheinland aus Frankreich nicht ausgewiesen werden zu können. Marx, 1822 geboren, mußte 1845 auf Betreiben Preußens das Land verlassen.
Heines Sprachkunst hatte aus der Ferne oft Prophetisches, ausdeutbar, wie bei den alten Propheten auch. 1835 machten die Deutschen mit ihrem Ländergewirr nicht gerade einen bedrohlichen Eindruck. Heine aber warnte die Franzosen:
"Der Gedanke geht der That voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher, und ist nicht sehr gelenkig, und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht."
Und auch an anderer Stelle sieht Heine drohende Gefahr: "Es wird vielleicht alsdann nur Einen Hirten und Eine Heerde geben, ein freyer Hirt mit einem eisernen Hirtenstabe und eine gleichgeschorene, gleichblökende Menschenheerde! Die Zukunft riecht nach Juchten, nach Blut, nach Gottlosigkeit und nach sehr vielen Prügeln. Ich rathe unsern Enkeln, mit einer sehr dicken Rückenhaut zur Welt zu kommen."
1848 begann für den Dichter eine Leidenszeit, die kein Sterblicher erleben möchte, die aber das Leben dieses Dichtermärtyrers krönte. Seine Qualen sind oft genug beschrieben worden, er hätte ihnen vielleicht mit Opium ein Ende machen können. Man weiß aber nicht, was den Menschen treibt, wenn er sich in einer schier ausweglosen Situation befindet. Den Gedanken, sich umzubringen, hegte er, aber seine Psyche ließ das offenbar nicht zu.
Es ist der Schmerzensmann Heinrich Heine, der Lazarus, dem wir die Schnurren, Humoresken, die todernsten Gedichte dieses Gesamtkunstwerks verdanken.
In eine ständig offen gehaltene Wunde am Hals wurde bei starken Schmerzen Opium gestreut. Er war so gelähmt, daß man ihn täglich mehrmals hin und her tragen und drehen mußte wie eine Puppe. Warum er das alles ertrug, weiß kein Gott, wohl auch nicht der alttestamentarische Gott, zu dem der kranke Heine zurückfand.
Heine wußte viel über Religion, und so schuf er sich seinen eigenen Jehova. Das für einen so Geschwächten erstaunlich lange Gedicht "Bimini" schildert die Ausfahrt eines kranken Ritters zur Insel Bimini, wo er sich Gesundheit erhofft. Das Epos endet traurig. Der Ritter findet das wahre Bimini, das Reich der Schatten, den Orkus. Man merkt, Heine kannte die Gespräche des Königs von Juda, Hiskia, mit seinem Gott Jehova. Nur wird König Hiskia gesund, während Heine bei der Niederschrift seines "Bimini" mit dem Tode rechnet.
Heines Arbeitspensum blieb bis zuletzt erstaunlich. Seine Gedichte gewinnen einen eindringlichen Ernst, so etwa das 1853/54 verfaßte "Lazarus"-Gedicht: *___Laß die heilgen Parabolen, Laß die frommen Hypothesen - Suche ____die verdammten Fragen Ohne Umschweif uns zu lösen. *___Warum schleppt sich blutend, elend, Unter Kreuzlast der ____Gerechte, Während glücklich als ein Sieger Trabt auf hohem Roß ____der Schlechte? *___Woran liegt die Schuld? Ist etwa Unser Herr nicht ganz ____allmächtig? Oder treibt er selbst den Unfug? Ach, das wäre ____niederträchtig. *___Also fragen wir beständig, Bis man uns mit einer Handvoll Erde ____endlich stopft die Mäuler - Aber ist das eine Antwort?
Heine fand die Antwort nicht und haderte nächtens mit seinem wiederentdeckten Jehova.
Eine junge Frau mit deutschem Namen, Elise Krinitz, in deutscher Familie erzogen, verschönte ihm die letzten Monate. Sie war die Empfängerin seiner letzten Gedichte, aber auch von Zeilen wie diesen: "Du bist nicht so dumm, wie Du aussiehst; zierlich bist Du über alle Maßen, und daran erfreut sich mein Sinn." "Mouche", wie er diese unerfüllte Liebe nannte, war die Geliebte des Schriftstellers Alfred Meissner, der ihm als Vorleser diente und sich auch sonst viel um ihn gekümmert hat.
Mathilde duldete diese Beziehung zu Mouche schweigend, doch nahm sie niemals gemeinsam mit ihr eine Mahlzeit ein. Sie konnte oder wollte ihrem Mann keine angemessene Pflege angedeihen lassen. Sie stellte Personal ein und wandte sich wieder dem Kauf ihrer Spitzen und Seidentücher zu. In einem Brief an Engels zitierte Marx ein Heinesches Gedicht: "Sie aber schon um achte, trank roten Wein und lachte." Der Briefschreiber weiter: Mathilde, "dies Saumensch", habe den "poor Heine" zu Tode gequält. Am 17. Februar 1856 erlitt Heine einen schweren Anfall, an dessen Folgen er starb (Mathilde starb 27 Jahre später, auch am 17. Februar).
Sie war nicht bei ihm, erschien auch nicht. Man munkelte, sie sei sofort mit einem guten Freund (Marx: "Der Maquereau der Mathilde") verschwunden. Nach zwei Monaten ohne ein Lebenszeichen traf sie dann wieder ein, um ihre Erbschaft anzutreten. Heine, fortwährend um ihre Zukunft besorgt, hatte ihr eine große Summe hinterlassen.
Die Beerdigung auf dem Montmartre-Friedhof, zu der von seinen berühmteren Bekannten nur Alexandre Dumas père und Théophile Gautier erschienen - Honoré de Balzac war schon tot -, verlief nach seinen schriftlich hinterlassenen Wünschen. An den kleinen Judenfriedhof dort dachte er nicht. Er wollte auf dem katholischen Teil liegen, damit "die irdischen Reste" seiner Frau, "die dieser Religion mit großem Eifer zugetan ist", einst neben den seinigen ruhen könnte. Reden wurden nicht gehalten.
Heine hatte einmal geschrieben: "Ich habe nie großen Wert gelegt auf Dichter-Ruhm und ob man meine Lieder preist oder tadelt, es kümmert mich wenig. Aber ein Schwert sollt Ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit."
Ein wirklich religiöser Mensch ist Heine nie gewesen. Er war ein Jude, gewiß. Es gehört auch viel guter Wille dazu, ihn für Frankreich zu reklamieren. Er war ein deutscher Dichter.
[Grafiktext]
Heines Leben
[GrafiktextEnde]
* Herren M. M. Warburg & Co. belieben gegen dieser Anweisung Zwanzig Stück Louisdor an Herrn Doctor Henry Heine für meine Rechnung zu bezahlen. Hamburg 2. April 1827. Salomon Heine. * Gemälde von Jacques Louis David, 1800. * Gemälde von Heinrich Lefler, um 1896.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 49/1997
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