01.12.1997

MEDIKAMENTEEnde des Jammers

Mindestens drei Millionen Deutsche leiden an einer behandlungsbedürftigen Schwermut. Welche Medikamente haben sich bewährt?
Leicht vornübergebeugt, kraftlos und langsam in allen Bewegungen, mit leiser, monotoner Stimme schildern die Depressiven ihr Leid: dieses Gefühl der inneren Leere, den Verlust von Energie, Interesse und Lebensfreude; den verzweifelten Versuch, mit dem letzten Rest an Kraft vor den anderen Menschen die Fassade aufrechtzuerhalten; und schließlich den wiederkehrenden Zwang, sich das Leben nehmen zu wollen - "in gänzlicher Verlassenheit, im Bewußtsein des Nichts", wie es der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers beschrieben hat, "denn dem Einsamen ist der freiwillige Untergang wie eine Heimkehr zu sich selbst".
Depression, so sagen die Ärzte, sei "die Krankheit der Epoche", dazu ein "Chamäleon", getarnt durch tausend Masken. Jeder fünfte Europäer erlebt wenigstens eine Phase behandlungsbedürftiger Schwermut, niemand ist gegen Depression gefeit.
"Jammern und Weinen", erinnert sich der Schweizer Psychiater Roland Kuhn, 85, das sei der Alltag depressiver Patienten gewesen damals, 1939, als er noch Oberarzt an der kantonalen Thurgauischen Psychiatrischen Klinik Münsterlingen war. Vor 40 Jahren, im Herbst 1957, wendete sich das Blatt: Kuhn führte in die Behandlung des jahrtausendalten Menschheitsübels als erster eine wirksame Arznei ein.
Das Medikament, eine Chemikalie namens "Iminodibenzylderivat (G 22355)", später "Imipramin" (Markenname Tofranil) genannt, wird am kommenden Wochenende in Frankfurt am Main gewürdigt; "alle Psychiater in leitender Position an Universitäten und Krankenhäusern" sind dazu eingeladen. Professor Kuhn, ein vitaler Grauschopf, hält den Festvortrag. Sein Fazit: In der "Behandlung depressiver Erkrankungen begann 1957 ein neues Kapitel".
Bis dahin waren die Depressiven mit allen möglichen Drogen und Methoden - Opium, Brom, Weckaminen, warmen Bädern, Elektroschocks - eher traktiert als therapiert worden. Erst Roland Kuhns weißes Pulver, von der Pharmafirma Geigy in Basel synthetisiert, hellte die Seele der Trübsinnigen auf.
Noch vier Jahrzehnte später ist Kuhn voller Begeisterung: "An den beiden ersten Patienten, die das Präparat erhielten, war rasch und eindeutig zu erkennen, daß es sich um etwas vollkommen Neues handelte, um eine Wirkung, die bisher noch nie gesehen worden war." Schon wenig später hatte Tofranil die Welt umrundet.
Das "Antidepressivum" wurde bald zentnerweise verschrieben und eröffnete, gemeinsam mit den Baseler Novitäten Librium (Werbeslogan: "Sonnenbrille für die Seele") und dem Beruhigungsmittel Valium, das Zeitalter der Psychopharmaka: Alle lästigen, gefährlichen oder bedrückenden Schwingungen der Seele erschienen plötzlich behandelbar - erfolgreich und zu moderaten Kosten. Mittlerweile gibt es allein in Deutschland rund 100 verschiedene Antidepressiva zu kaufen. Die Gesamtzahl wirksamer Psychopharmaka-Präparate, die deutsche Apotheken vorrätig halten, beträgt mehr als 300, darunter die umstrittenen Neuroleptika, chemische Keulen, die den Wahnideen wehren.
In den Labors der Arzneimittelindustrie wird schon an den Antidepressiva der "vierten Generation" gearbeitet. Tofranil gilt in dieser Rechnung als die Primärsubstanz, Roland Kuhn als ihr "Entdecker und Vater" (so der Frankfurter Gastgeber, Psychiatrieprofessor Konrad Maurer).
Trotz des offenkundigen Nutzens ist es vor allem in Deutschland Mode, sich eher kritisch und abfällig über Psychopharmaka zu äußern. Niemand kann bestreiten, daß die Medikamente den Gehirnstoffwechsel der Patienten im erwünschten Sinne beeinflussen - doch alle lösen auch mehr oder weniger häufig unerwünschte Nebenwirkungen aus; einige machen süchtig. Zudem ist selbst unter Experten strittig, wie und wo genau die Drogen in den Stoffwechsel der Nervenzellen eingreifen.
Den Unmut über zu breit gestreute Psychopharmaka äußern mit Vorliebe Diplompsychologen und Heilpraktiker - beide Berufsgruppen dürfen die kritisierten, der ärztlichen Rezeptpflicht unterliegenden Medikamente nicht verordnen. Daß der einst massenhafte Verbrauch von Tranquilizern wie Valium in den letzten zehn Jahren um rund 40 Prozent zurückging, wird allerdings auch von Schulmedizinern begrüßt.
Insgesamt werden Psychopharmaka heute gut doppelt so oft verordnet wie noch vor zehn Jahren. Deutliche Marktverschiebungen gab es durch die Einführung neuer Medikamente gegen die Schwermut: Eine Droge taugt nicht für alle Kranken. Manche Antidepressiva wirken schlaffördernd, andere antriebssteigernd, einige stimmungsaufhellend. Ein unerfahrener Arzt, der einem ängstlich-unruhigen Depressiven ein hemmungslösendes Medikament verordnet, das auch noch den Antrieb steigert, gibt dem Kranken womöglich die Kraft zum lange geplanten Freitod.
Dämpft der Doktor jedoch sicherheitshalber alle Aktivitäten seines Patienten, so verurteilt er den Depressiven zu einem Leben auf Sparflamme, eingezwängt in eine chemische Zwangsjacke. Die richtige Auswahl unter den verschiedenen Antidepressiva zu treffen, ihre Dosierung und die Dauer der Anwendung möglichst optimal zu gestalten gilt deshalb als die eigentliche Kunst unter Nervenärzten, das "A und O" des Handwerks, wie Psychiater Maurer sagt.
Das Verschreiben von Antidepressiva (Jahresumsatz in Deutschland: 250 Millionen Mark) ist ein Hauptgrund für den Rückgang der Zahl psychiatrischer Krankenhausbetten. Die "Verwahrpsychiatrie", die einstmals den Depressiven oft monate- oder gar jahrelang vor seinen selbstzerstörerischen Impulsen schützen mußte, ist dank der chemischen Drogen sehr viel seltener erforderlich.
Überschattet wird der Siegeszug des jetzt in Frankfurt gewürdigten Geistbesänftigers durch eine neue Suchtwelle, die schon seit Jahren die US-Gesellschaft heimsucht: Ganze Kleinstädte greifen dort nach Prozac, um ihre Psyche aufzuhellen. Gegen die wirklich lebensbedrohlichen Formen der Schwermut vermag der Wirkstoff Fluoxetin, in Deutschland als Fluctin auf dem Markt, wenig oder nichts.
Fluctin-Prozac ist ein sehr mildes Antidepressivum, seine US-amerikanischen Propagandisten empfehlen den lebenslangen Gebrauch, eine Kapsel pro Tag kostet gut vier Mark. Sie macht, heißt es, heiter und gelassen, dämpft sogar den großen Hunger.
Ob das Präparat wirklich so nebenwirkungsarm ist, wie seine Konsumenten hoffen, wird von Kritikern bezweifelt. Vom weltweiten Markt der Antidepressiva - jährlich rund sechs Milliarden Dollar - profitiert Fluctin-Prozac jedenfalls am meisten.
Zur großen Überraschung der "New York Times" schwimmt Deutschland auf der Fluctin-Prozac-Welle gar nicht in vorderster Reihe mit. Im Land von Alraune und Rübezahl geben die Menschen ihr Geld lieber für ein Präparat aus Gottes Garten hin, das unschuldige Johanniskraut ("Hypericum perforatum").
In diesem Jahr werden Johanniskraut-Antidepressiva im Wert von gut 120 Millionen Mark in Deutschland über den Tresen gereicht, viermal soviel, wie hier für den Prozac-Hit aus den USA erlöst wird. Psychologen und Heilpraktiker spenden Beifall, denn das Kraut unterliegt nicht der Rezeptpflicht.
Noch vor wenigen Jahren wurde Hypericum innerlich nur gegen eine träge Verdauung und gegen Gase im Leib, äußerlich als Öl gegen Gicht und Rheuma empfohlen. Ob der Wirkstoff den Trübsinn überhaupt beeinflußt, gilt unter Pharmakologen als ungewiß.
Doch haben vor allem leichte Depressionen die erfreuliche Eigenschaft, gegen Abend erträglicher zu werden und sich nach einiger Zeit auch ohne Therapie ganz von allein zu verflüchtigen.
Von diesem Effekt profitieren auch die Psychiater. Und neben ihren nützlichen und geliebten Antidepressiva empfehlen sie in den dunklen Monaten des Winters den Trübsinnigen eine regelmäßige Dosis helles Licht aus der Steckdose.
Tausend Lux 30 Minuten lang, das hilft auch gegen manche Schwermut.
* Selbstporträt mit verbundenem Ohr, 1889.
Von Halter und

DER SPIEGEL 49/1997
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