30.12.1996

Selbstmörder

Was wissen wir denn?

Der blutige Selbstmord einer Frau in Frankfurt versetzt das Land in Schrecken. Warum riß sie andere mit in den Tod?

Früher trug sie ihre blonden, glatten Haare fast hüftlang. Wenn sie mit dem Fahrrad durch Sindlingen fuhr, flatterte die Mähne im Wind. "Sie war so eine Bilderbuchfrau", erinnert sich eine frühere Bekannte, "intelligent und kreativ, geschmackvoll angezogen und immer bester Laune."

Doch Nachbarn erzählten auch von Streit und Aggression. 1987, nach der Geburt ihrer Tochter, mußte Heidrun J. in psychiatrische Behandlung. Zwei Jahre später stürzte sich ihr geliebter Sohn Andreas, damals 18, mitten im Ort vor einen fahrenden Zug. Die Familie suchte offenbar einen Neuanfang und zog in einen anderen Stadtteil Frankfurts.

Nun, sieben Jahre später, an Heiligabend, kehrte Heidrun J. zurück - und brachte den Tod in den verschlafenen Arbeitervorort vor den Toren des Chemieriesen Hoechst. Mitten in der Christmette der evangelischen Kirche zündete die vermutlich psychisch kranke Frau am vergangenen Dienstag zwei Handgranaten.

Sie tötete sich und zwei in ihrer Nähe sitzende Schwestern, 59 und 61 Jahre alt, 13 weitere Menschen wurden durch die Wucht der Explosion und die umherfliegenden Splitter zum Teil schwer verletzt. "Wie Geschosse", so ein Polizeisprecher, seien die Splitter durch die Kirche geflogen.

Die behagliche, kleine graue Steinkirche verwandelte sich in eine Szene des Grauens: Leichenteile, Blut und Knochensplitter zwischen den Kirchenbänken, überall zerfetzte Kleidungsstücke, zerschlagene Brillen, zerrissene Gesangbücher.

Das Blutbad am Heiligen Abend versetzte ganz Deutschland einen Schock. Bundespräsident Roman Herzog äußerte "Entsetzen und Trauer". Durch die Wohnzimmer mit den geschmückten Christbäumen zog ein Frösteln.

Ein Gegensatz, wie er krasser kaum sein kann - der geschützte Raum der Kirche, wo die Menschen gerade zu Weihnachten Frieden und Geborgenheit suchen, bringt Tod und Verwüstung. Mitten im Lied "Es ist ein Ros'' entsprungen", als der Organist Jürgen Pleines gerade das zweite Register dazugeschaltet hatte, "um den Jubel des Liedes voll auszukosten", fiel in Sindlingen die Hölle vom Himmel.

Spektakulär ist nicht nur der Ort, sondern auch die Art des Selbstmords, den Heidrun J. wählte. Die meisten Frauen, die sich töten, so haben Untersuchungen der Kriminologischen Forschungsstelle in München ergeben, nehmen Gift, erhängen oder ertränken sich.

In den spektakulären Fällen der letzten Jahre, bei denen sich Selbstmörder mit Sprengstoff töteten, handelte es sich hingegen um Männer:

* Nach einem Familienstreit schloß sich ein 28jähriger Arbeitsloser im Juni 1995 im Badezimmer seines Elternhauses im hessischen Lohfelden ein und zündete eine Handgranate.

* Im Oktober 1995 zerfetzte sich ein 32jähriger Mann in Nürnberg mit einem selbstgebastelten Sprengsatz in seiner Mietwohnung. Möbelteile wurden bis auf die Straße geschleudert, nur durch Zufall wurde kein Passant verletzt.

* In den Münchner Isar-Auen wurde im Dezember 1995 die Leiche eines verstümmelten Mannes gefunden. Der 22jährige Student hatte sich einen selbstgebastelten Sprengsatz um den Kopf gebunden und dann gezündet.

* Offenbar aus enttäuschter Liebe wollte ein 27jähriger Maschinenbaustudent im November 1994 im niedersächsischen Ricklingen sich und eine Kommilitonin in die Luft sprengen. Die Frau konnte sich losreißen, kurz bevor die Handgranate explodierte.

So widersinnig es klingt - Heidrun J., die Selbstmörderin von Sindlingen, hatte nach erster Einschätzung der Polizei nicht die Absicht, andere Menschen mit in den Tod zu reißen. Sie habe, so ein Polizeisprecher, "die Wirkung der Handgranaten wahrscheinlich völlig unterschätzt". Auch die Frankfurter Pröpstin Helga Trösken glaubt, daß es der Frau, die das tödliche Fanal inszenierte, "nur um sich selbst ging".

Kann das sein, wo doch schon Kinder die verheerende Wirkung von Handgranaten kennen? Muß sie nicht gewußt haben, daß sie in den engen Kirchenbänken auch andere treffen würde?

"Was in psychisch Kranken vorgeht", sagt der Münchner Polizeipsychologe und Selbstmord-Experte Manfred Langer, "entbehrt jeder Logik." Solche Taten seien mit herkömmlicher Vernunft nicht faßbar. Langer: "Wissen wir denn, ob sie sich verfolgt fühlte, ob sie Stimmen hörte, in welcher Wirklichkeit sie lebte?"

Möglich, daß in einer solch anderen Welt schon eine Fernsehsendung ein Auslöser sein kann. So mutmaßte jedenfalls der Dekan des Kirchensprengels, Burkhard Sulimma, Heidrun J. habe vielleicht auch eine Folge aus der ZDF-Krimi-Reihe "Rosa Roth" Mitte November gesehen. Darin setzt ein verfolgter Bankräuber seinem Leben ein Ende - indem er sich in einer Kirche mit Handgranaten in die Luft sprengt. Aber erklärt das etwas?

Die Polizei konzentrierte sich nach tagelangen Ermittlungen bei der Suche nach einem Motiv für die Wahnsinnstat vergangene Woche immer stärker auf den Selbstmord des Sohnes. "Den Tod des Jungen hat sie wohl nie überwunden", so der Kriminalhauptmeister Manfred Feist. Deshalb sei sie vermutlich auch nach Sindlingen zurückgekehrt, wo das Unglück geschah.

Nach der Tat erinnerte sich eine Sindlingerin, sie habe am Nachmittag des Heiligen Abends in einer Mietshaus-Unterführung eine vermummte Gestalt gesehen, die sich offenbar umzog. War es Heidrun J.?

Die Unterführung liegt in der Nähe ihrer früheren Wohnung im Sindlinger Norden. Möglich, daß sie ihre Lebensstationen noch mal ablief - die Wohnung, die sie liebevoll mit viel Blumenschmuck hergerichtet hatte, den Bahndamm, wo ihr Sohn Andreas vor sieben Jahren, sechs Wochen vor Weihnachten, verblutete.

Offenbar war er für sie der wichtigste Mensch. "Sie sagte mir einmal vor der Geburt der Tochter, ein zweites Kind komme nicht in Frage, ihr Sohn brauche sie ganz allein", berichtet Waltraud Niebling. Die Söhne der beiden Frauen gingen zusammen in den Kindergarten.

Polizeipsychologe Langer ist überzeugt, daß es vorher Signale gegeben hat, Hinweise auf den bevorstehenden Selbstmord: "Die Frage ist nur immer: Registriert das jemand?"

Heidrun J. lebte seit etwa einem Jahr zur Miete im Taunus bei Usingen; allein, getrennt von ihrem Mann und ihrer neunjährigen Tochter. Nach wie vor war sie, so die Polizei, sporadisch in ärztlicher Behandlung. Woran sie litt, blieb zunächst unklar. Die Krankheit, ihre Krisen müssen sie sehr verändert haben. Die Sindlinger erkannten Heidrun J. zunächst nicht wieder, als die Polizeifotos der präparierten Leiche durch die Presse gingen.

Selbst ihre früheren Bekannten wie Waltraud Niebling konnten mit dem veröffentlichten Bild vom Kopf der Toten nichts anfangen. Aus den blonden Haaren waren dunkle geworden, das Gesicht aufgedunsen von den tödlichen Verwundungen. Der entscheidende

* Ausgestrahlt am 16. November 1996 im ZDF.

Hinweis auf die Identität kam vom Vermieter im Taunus.

Keine Spur auch mehr von der geschmackvollen Kleidung, die Waltraud Niebling früher an ihr bewundert hatte. Die Frau mit Kopftuch, die sich kurz vor Beginn der Christmette still in die drittletzte Kirchenbank drückte, trug ein dicht aufeinandergeschichtetes Gemisch von Kleidungsstücken - unter dem Mantel eine schwarze Windjacke mit gelbem Innenfutter und Kapuze, darunter einen Rollkragenpullover, darunter eine weiße Bluse, dazu eine Jeans-Latzhose und braune Cowboystiefel.

Ein Gemeindehelfer, der ihr ein Gesangbuch reichen wollte, erinnert sich, daß sie ihn nur kurz stumm anblickte, die Arme hielt sie an den Körper gepreßt. Andere Gottesdienstbesucher schilderten der Polizei, daß sie nach vorn gebeugt saß, vermutlich, weil sie die Handgranaten vom Typ M 52, ein jugoslawisches Fabrikat in russischer Lizenz, unter dem Mantel verbarg.

Woher die unbescholtene Frau die Sprengkörper hatte, blieb der Polizei noch Ende der Woche ein Rätsel. "Zu einem entsprechenden Milieu", so ein Polizeisprecher, "hatte sie jedenfalls keine Verbindung."

Daß die Sindlinger nun wissen, daß eine frühere Mitbürgerin das Inferno entfachte, macht es für sie nicht leichter. Im Gegenteil. Niebling: "In mir kommen jetzt die alten Bilder hoch, wie sie früher war, und die Frage, warum sie uns das jetzt angetan hat."

"Es gibt doch so viele Plätze in Frankfurt, warum hat sie sich gerade unsere Kirche ausgesucht?" fragt ein junger Gemeindehelfer. Pfarrer Hans Blum, der die Christmette hielt, stand nach Tagen noch immer unter Schock. Die Feier war einer seiner letzten Gottesdienste vor der Pensionierung.

In der Arche, der zweiten evangelischen Kirche, mußte am zweiten Weihnachtstag deshalb Pfarrer Bernd Wangerin an seiner Stelle den Gottesdienst halten. Die Lieder hatte Blum noch vor dem Anschlag ausgesucht, darunter "Fröhlich soll mein Herze springe ..."

Wangerin tröstet die Gemeinde, doch er versucht nicht, "die gemeinsame Sprachlosigkeit" zu verhüllen: "Ich habe auch keine anderen Worte als Sie", sagt der sichtlich erschütterte Pfarrer. "Uns singen wahrhaft die Engel nicht, und der Frieden unter uns ist verlorengegangen."

Auch die Angst ist noch nicht vorbei: Waltraud Niebling, stellvertretender Kirchenvorstand, berichtet, sie bekomme seit Wochen anonyme Anrufe bis hin zu Morddrohungen, vermutlich von einer Frau aus einem anderen Stadtteil.

Hintergrund ist angeblich ein Streit in der Kirchengemeinde. Niebling: "Wer garantiert mir, daß nicht wieder was geschieht?"

* Ausgestrahlt am 16. November 1996 im ZDF.

DER SPIEGEL 1/1997
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