30.12.1996

Faust ans Kinn

Komiker Wigald Boning über die deutsche Partygesellschaft

SPIEGEL: Auf welchen Festen lassen Sie sich am liebsten sehen?

Boning: Privatpartys von Freunden. So''n Quatsch wie die ganzen Fernsehpreise muß man eher notgedrungen über sich ergehen lassen.

SPIEGEL: Keiner zwingt Sie ...

Boning: ... aber ich kann die Trophäen gut gebrauchen. Der Bambi hat sich bei mir zu Hause als Buchstütze bewährt, der Bayerische Fernsehpreis ist als Salzstreuer hervorragend geeignet, während der Grimme-Preis leider nur zum Schneebesen taugt.

SPIEGEL: Ist die Aufrüstung der eigenen Küche der einzige Pluspunkt?

Boning: Wenn ich gesehen werden will, gehe ich ins Kaufhaus. Da ist in der Regel auch das Angebot an Speisen und Getränken besser. Ich bin kein Freund dieser dünnen Baguettescheibchen, die auf öffentlichen Partys herumgereicht werden.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich dort selbst als Dekoration?

Boning: Diese Rolle ist unsereinem zugedacht. Schlimm wird es, wenn der Abend nur aus Dekoration besteht. In Berlin besuchte ich einen dieser Medientreffs und schüttelte rund 200 wichtigen Leuten die Hand mit der auf beiden Seiten gängigen Eingangsfloskel: "Toll, daß ich Sie mal kennenlerne. Ich hab'' neulich Ihre Sendung gesehen ..."

SPIEGEL: Beim zweitenmal müßten Sie sich einen neuen Einstieg überlegen.

Boning: Deshalb geh'' ich auch nicht mehr hin. Da stehen immer dieselben Leute herum, die offensichtlich keine andere Freizeitbeschäftigung finden.

SPIEGEL: Heißt das, Sie mögen den Wanderzirkus nicht?

Boning: Im Gegenteil. In Deutschland gibt es immer noch zu wenige solcher Partys, Bälle und Galas. Die Vorstellung ist doch bestechend, daß auch Orte wie Delmenhorst oder Pinneberg dann endlich in den Genuß von ein bißchen Glamour kämen.

SPIEGEL: Haben Sie sich jemals um eine Einladung bemüht?

Boning: Nein, eher bemühen sich andere um mich. Wenn bei einer der zahllosen Premieren die zu erwartende Prominenten-Decke zu dünn ist, wird man schon mal mit Schecks und der Aussicht gelockt, alle Reisekosten erstattet zu bekommen.

SPIEGEL: Treten Sie nie gegen Bezahlung auf?

Boning: Die Anfragen kommen täglich. Aber eine Schuhfiliale zu eröffnen würde der gesellschaftspolitischen Aufgabe, der ich mich verpflichtet fühle, nicht gerecht ...

SPIEGEL: ... brächte jedoch viel Geld.

Boning: Sicher. Ein Unternehmer aus Gütersloh wollte mich für sein Geburtstagsfest engagieren und schickte meiner Managerin einen Blankoscheck mit den Worten: "Füllen Sie ihn bitte selbst aus!"

SPIEGEL: Nicht schlecht, wenn man bedenkt, daß Sie beim Boxkampf zwischen Maske und Rocchigiani als B-Prominenter nicht mal Zugang zur Top-VIP-Lounge hatten.

Boning: Als Rocchigiani-Anhänger war ich ohnehin auf der Verliererseite. Dort lernte ich immerhin René Weller kennen. Und jedesmal, wenn uns Fotografen ablichten wollten, hielt mir Weller die Faust ans Kinn. Seine Party-Professionalität hat mich gerührt.

* Mit Arbeitsminister Norbert Blüm und "Doofen"-Kollege Olli Dittrich bei der Bambi-Verleihung.

DER SPIEGEL 1/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 1/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Faust ans Kinn