30.12.1996

GeldRussische Ehre

Spekulanten und Flohmarktliebhaber jubeln: Nach 80 Jahren will Rußland für die Schulden aus der Zarenzeit bezahlen.
Neunzig Jahre ist er alt, doch André Kostolany wird nicht müde, öffentlich die Vorzüge von Aktien zu preisen.
Privat hält es der Börsenaltmeister und Finanzpublizist am liebsten mit einer Sorte von Wertpapieren, die unter Spekulanten als langweilig gelten. Kosto, wie ihn seine Freunde nennen, bevorzugt Staatsanleihen.
Mit solchen Papieren hat er nach dem Krieg ein Vermögen gemacht. Damals kaufte er billig Schuldverschreibungen des Deutschen Reiches in ausländischer Währung, darunter kiloweise sogenannte Young-Anleihen aus den dreißiger Jahren. Bundeskanzler Konrad Adenauer, so hoffte er, würde die Schulden zurückzahlen, um Deutschlands Kreditwürdigkeit wiederherzustellen.
Die Spekulation ging auf, und Glück kam dazu. Im Krieg wurde die französische Währung extrem abgewertet. Aber Adenauer, der die Vision einer deutschfranzösischen Freundschaft vor Augen hatte, entschied, die Anleger dort nicht schlechter zu stellen als die in Großbritannien und den USA. Und so kassierte Kostolany statt der erhofften 1000 Francs pro Stück am Ende 35 000 Francs.
Sein Sinn für lukrative Investments beschert Kostolany jetzt erneut einen Sensationserfolg. Ende November erklärte sich die russische Regierung bereit, nach fast 80 Jahren die Inhaber von Anleihen aus der Zarenzeit zu entschädigen. Einer der Profiteure ist Kostolany, der sich Ende der achtziger Jahre mit solchen Papieren eingedeckt hatte. "Damals haben mich meine Freunde ausgelacht."
Umgerechnet 600 Millionen Mark will Moskau in den kommenden Jahren nach Paris überweisen. "Man muß seine Schulden bezahlen", begründete Ministerpräsident Wiktor Tschernomyrdin bei seinem Besuch in Paris den späten Schritt: "Es geht um die Ehre Rußlands."
Tatsächlich geht es vor allem darum, daß sich das Land nun erstmals nach der Oktoberrevolution wieder Geld von internationalen Privatanlegern borgen will. Im November plazierten Investmentbanken eine russische Auslandsanleihe im Volumen von rund einer Milliarde Dollar. Weitere Emissionen sind geplant.
Auf diese Gelegenheit hatte in Frankreich eine Interessengemeinschaft von Inhabern alter russischer Anleihen nur gewartet. In Zeitungsanzeigen warnte die Organisation davor, den Russen jemals wieder Geld zu leihen.
Die Geschädigten aus der Zarenzeit verfügen in Frankreich seit jeher über eine mächtige politische Lobby. Die russischen Schuldverschreibungen aus der Zeit um die Jahrhundertwende gelten noch heute als Paradebeispiel für Betrug an Sparern.
Es waren vor allem kleine Leute, die zwischen 1888 und 1914 etwa 15 Milliarden Goldfrancs in Schuldverschreibungen investierten. Sie galten damals in Frankreich als Witwen-und-Waisen-Papiere, eine sichere Geldanlage mit attraktiven Zinsen.
Die französische Regierung setzte große Hoffnungen auf die Zarendiktatur. Und die französischen Sparer gaben bereitwillig Kredite für den Bau der Eisenbahnlinie Moskau-Kiew, für die Erschließung kaukasischer Ölquellen und der Kohlevorräte im Donez-Becken.
Der Traum von den Gewinnen im goldenen Osten endete mit der Oktoberrevolution 1917. Lenin, der neue Herrscher, weigerte sich, die Schulden der Zaren zu übernehmen. Viele der somit wertlosen Anleihen landeten in den folgenden Jahrzehnten auf Speichern und im Müll.
Erst Michail Gorbatschows Perestroika ließ die Erben der Anleihezeichner wieder Hoffnung schöpfen. Immer noch wurden die Papiere in geringem Umfang an der Pariser Börse gehandelt. Bei Tiefstkursen von wenigen Francs pro Anleihe im Nennwert von 500 Francs deckten sich dort vornehmlich Flohmarkthändler und Sammler mit den dekorativen Stücken ein.
Anfang der neunziger Jahre ließen weitsichtige Aufkäufer wie Kostolany die Kurse der Papiere erstmals wieder steigen - der Zusammenbruch der Sowjetunion machte aus den Schrottanleihen wieder Hoffnungswerte.
Nach der Entschädigungsankündigung vom November warten Erben und Spekulanten nun gespannt darauf, wie hoch die Tilgung ausfallen wird.
Die Russen haben keine Quote, sondern einen Festbetrag zugesagt. Wieviel davon auf die einzelnen Anleiheinhaber entfällt, hängt davon ab, wie viele der Zarenpapiere heute noch im Umlauf sind - was keiner so genau weiß. Deren Verbände schätzen die Zahl der noch existierenden Papiere auf vier Millionen Stück. Damit ergäbe sich pro Anleihe ein Entschädigungsbetrag von 500 Francs.
Marktkenner wie Guy Cifré, ein Pariser Händler historischer Wertpapiere, sind skeptischer: "In jeder französischen Familie gab es damals diese Papiere. Ich glaube, da ist heute noch viel mehr da, als die Leute denken." Bei Privatverkäufen, berichtet Cifré, lägen die Kurse derzeit bei 200 Francs.
Börsenfuchs Kostolany kann ruhig abwarten. Er hat seine Papiere für fünf Francs das Stück gekauft. Aus den umgerechnet 40 000 Mark, die er dabei einsetzte, ist in jedem Fall ein Millionenvermögen geworden. Das dessen Auszahlung sich über mehrere Jahre hinziehen wird, stört ihn nicht.
Vielleicht, so hofft der alte Mann, werden unterdessen auch Chinas Kommunisten weich. In seinem Depot hat Kostolany noch etliche Stapel chinesischer Anleihen aus den zwanziger und dreißiger Jahren gebunkert. Auch bei denen hofft er nun auf eines - die Rückzahlung.

DER SPIEGEL 1/1997
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