17.09.2012

SCHAUSPIELERMuschi auf Toast

Til Schweiger sehnt sich nach der Anerkennung des Feuilletons. In seinem neuen Film spielt er deshalb einen Afghanistan-Veteranen. Zur Uraufführung ist er zu den deutschen Soldaten geflogen. Er wollte wissen: Wie war ich? Von Marc Hujer
Wollt ihr sehen, was ich gekauft habe?", fragt Til Schweiger und hält seine Einkäufe in die Luft, eine Zeitschrift und eine Deutschlandfahne.
Er war noch einmal eben in der Tankstelle, die er auf dem kurzen Weg von seinem Bonner Hotel zum Flughafen entdeckt hatte. Schweiger läuft an einer Staatslimousine vorbei, die ihm Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière geschickt hat, einem schwarzen Mercedes mit Fahrer. Der Fahrer soll ihn zum Militärflughafen Köln-Wahn bringen und ist schon etwas nervös, wegen der Zeit. Aber Schweiger geht mit langsamen Schritten auf den Kleinbus zu, in dem seine Leute warten. Sein Geschäftspartner, sein Assistent, seine Kameraleute. Seine Eskorte auf dem Weg nach Afghanistan. Til Schweiger ist unterwegs ins Bundeswehrcamp in Masar-i-Scharif.
Er stellt sich vor den Bus und streckt mit beiden Händen das Titelblatt der neuen "St. Pauli Nachrichten" nach oben. Er lässt den Moment einwirken, damit jeder versteht, dass er sich da gerade ein Männermagazin gekauft hat. Vielleicht bedeutet das Männermagazin, dass er über den Dingen steht. Dann steigt er in die Limousine, lässt das Fenster einen Spalt heruntersurren und klemmt die Deutschland-fahne fest. Jetzt ist er so weit. Von ihm aus kann es losgehen.
Til Schweiger hat gerade seinen neuen Film gedreht, er heißt "Schutzengel". Schweiger spielt darin einen deutschen Afghanistan-Veteranen, der für die Polizei im Zeugenschutzprogramm arbeitet und in Berlin für ein 15-jähriges Mädchen verantwortlich ist, das zufällig Zeugin eines Mordes geworden war.
Schweiger ist bei diesem Film alles in einem, Regisseur, Produzent, Drehbuchschreiber, Hauptdarsteller. Es ist sein Film. Er wollte diesmal keine romantische Komödie drehen, sondern "emotionales Actionkino", wie er es nennt, weniger Klamauk. Im Verlauf des Films kämpft er einen komplexen Kampf; gegen ein Heer von Killern; gegen ein korruptes System; gegen seine Erinnerungen und sein schlechtes Gewissen einem Kameraden gegenüber, der die Beine verloren hat; und gegen den Schmerz einer gescheiterten Liebe.
Nun wird er an den Hindukusch fliegen, um von den Soldaten zu erfahren, wie er war. Ob er richtig geschossen hat. Wie glaubwürdig er über den Krieg gesprochen hat, seine Ängste, die Schuldgefühle. Ob ein Happy End besser sei oder ein tragischer Schluss. Wahrscheinlich will er von ihnen auch wissen, was er von allen wissen will: ob sie ihn mögen.
Er sitzt im Flugzeug auf einem Fensterplatz und holt sein iPhone hervor, er möchte etwas vorlesen. Lena, seine Putzfrau aus Weißrussland, hat ihm eine SMS geschickt. Sie hat ihm schon viel erzählt aus ihrer Heimat. Einmal sagte sie, dass ihm die Russen "die Kleider vom Leib reißen" würden, so beliebt sei er da.
Lena hat gerade den Trailer von "Schutzengel" gesehen und sofort geschrieben. Schweiger hält das iPhone vor sein Gesicht und liest vor, seine Stimme bekommt die Melodie der russischen Tundra. "Til, ich muss Dir eine SMS schreiben. Til, meine russische seele hat sich so ausgebreitet, dass sie den Weg in ihren uhrsprunglichen zustand nicht finden kann oder will. Alle Russen werden das gleiche wie ich fühlen DAS WIRD EIN HAMMER FILM!" Er macht eine kurze Pause. Dann fährt er fort. "Nachher wollte ich dir noch FUCK 10 Mal schreiben. Was glaubst du, viele rus. frauen habe ihre freunde im afganistan verloren. Jeder von uns sucht einen schutzengel und fühlt sich fast allein in diese verfickte welt unter sogenannte freunde!"
Schweiger packt das iPhone weg und drückt sich in seinen Sitz. "In Russland", sagt er, "bin ich ein Superstar."
Unter ihm liegt jetzt Deutschland und wird immer kleiner. Seine Filme sind in Deutschland erfolgreich, keine Frage. "Keinohrhasen" sahen über sechs Millionen Kinobesucher, "Zweiohrküken" und "Kokowääh" jeweils mehr als vier Millionen. Das Problem ist, dass ihn das, was er unter dem deutschen Feuilleton versteht, nicht ernst nimmt. Hier wird er als Klamaukkönig abgeheftet, als Mann der billigen Gags, der Rülpser, der Fürze, der Happy Ends. Kein Bambi hilft ihm da, kein Filmpreis, auch nicht seine neue Rolle als "Tatort"-Kommissar.
Es tut ihm so gut, mal rauszukommen. Mit einem Airbus der Bundeswehr, mit Leuten, die ihm zu Diensten sind, mit Kurznachrichten seiner weißrussischen Putzfrau und richtigen Soldaten, die mit ihm in den Krieg nach Afghanistan fliegen und ihr Leben riskieren.
Vor einigen Jahren hatte Til Schweiger Deutschland verlassen und war nach Amerika gezogen. Dort hatte er mit Sylvester Stallone und Burt Reynolds gedreht, sogar Steven Spielberg wollte ihn für "Der Soldat James Ryan" haben, aber er sagte ab, weil er keinen Nazi spielen wollte. Es sollte ein Neuanfang werden, auch seiner Familie zuliebe. Aber er stellte schnell fest, dass Amerika kein Land war, in dem er sich wohl fühlte, zu unverbindlich, zu schwatzhaft, zu künstlich war es ihm da. So ging er 2004 wieder nach Deutschland zurück, in das Land, das ihn in "Manta, Manta" kennengelernt hatte, seinem ersten Kinofilm. Er hieß darin Bertie und hatte die blonde Friseuse Uschi zur Freundin.
Vergangenheit. Schweiger hat die Augen geschlossen und denkt an das, was kommt. Er hat Flugangst. Normalerweise hat er Kopfhörer auf den Ohren und hört laut Musik, wenn er fliegt. Er hat einmal, als es bei einem Flug technische Probleme gab, schon Abschieds-SMS verfasst, die er dann aber nicht abschickte.
"Ist das geil, Alter!", habe Moritz Bleibtreu gerufen, als ihm Schweiger von seiner Reise erzählte. Aber als er dann fragte, ob Bleibtreu mitkomme, war der plötzlich ganz still. Schweiger ist nun der einzige Schauspieler des gesamten "Schutzengel"-Ensembles, der sich getraut hat.
Zumindest in diesem Flugzeug bekommt er Anerkennung dafür. Manchmal laufen Soldaten nach vorn und erzählen ihm von ihrem Leben im Krieg, sie zeigen ihm die Bilder von ihren Einsätzen, die sie auf ihrem Handy gespeichert haben. Diese Bilder, sagen sie, wolle zu Hause niemand sehen, nicht einmal ihre Verwandten. In solchen Momenten sind sich Til Schweiger und deutsche Bundeswehrsoldaten sehr nah. Sie vermissen Respekt.
Neulich stand wieder so ein hässlicher Text in der Zeitung. Es war der erste über "Schutzengel", Schweiger hatte zuvor sein Ensemble präsentiert: Heiner Lauterbach, Moritz Bleibtreu, Hannah Herzsprung, Karoline Schuch, seine älteste Tochter Luna und sich selbst. Es lief eigentlich gut. 70 Journalisten waren gekommen. Aber in der "Berliner Zeitung" stand, dass hinter dem großen Auftritt eigentlich nur Schweigers Kleinmütigkeit stecke. Er habe seinem Freund Matthias Schweighöfer die Show stehlen wollen, der am selben Tag zur Premiere seines Films "Russendisko" eingeladen hatte.
Wenige Tage nachdem der Artikel erschienen war, bekam Schweiger für seine Rolle in "Kokowääh" den Jupiter-Publikumspreis verliehen, der Chef von Warner war auch da. Als Schweiger in den Saal kam, entdeckte er einen Mann mit Vollbart und Bierbauch.
Und vergaß alles andere. Den Preis, den Warner-Chef, die ganzen Arrangements zu seinen Ehren. Er bremste seinen Schritt und nahm Kurs auf den dicken Mann, es war der Schreiber von der "Berliner Zeitung". Schweiger beugte sich über ihn wie ein hungriges Tier. Augenzeugen sagen, er habe ihn "Arschloch" genannt. Schweiger autorisiert den Begriff "Fettbacke".
Nach sechs Stunden ist das Flugzeug in Usbekistan gelandet, Til Schweiger steht im VIP-Bereich der Bundeswehr in Termes. Er hat ein Budweiser-Bier geöffnet.
"Toll, dass ich hier sein darf", schreibt Schweiger ins Gästebuch. Dahinter setzt er einen Smiley. Er blättert ein wenig im Gästebuch herum, und als er den Eintrag des deutschen Außenministers entdeckt, ruft er seinen Leuten zu: "Hey, schaut mal, vor vier Tagen war der Guido erst hier." Er wächst mit jeder Etappe, die ihn weiter von Deutschland entfernt.
Die Bundeswehr hat ein volles Programm zusammengestellt. Er soll das Militärkrankenhaus besuchen, den Ehrenhain für die gefallenen Soldaten, er soll zu Mittag essen in der deutschen Kantine, Panzer fahren mit dem Schützenpanzer "Marder" und eine Übersicht bekommen über selbstgebastelte Landminen und andere Sprengsätze der Taliban. Die Bundeswehr hätte ihn mit dem Hubschrauber auch gern ins OP North in Baghlan geflogen, den gefährlichsten Outpost der Bundeswehr in Afghanistan, aber das war ihm zu viel, schon der Flugangst wegen.
Viermal wird er den Soldaten den Film zeigen, am ersten Abend in Usbekistan, dem Logistikzentrum der Bundeswehr, dann jeden Abend in Masar-i-Scharif. Sein Kamerateam ist immer dabei, es soll eine Art Dokumentarfilm entstehen, der Til Schweiger in der Wirklichkeit des Krieges zeigt. Der Film soll seine Waffe werden, er wird sie auf alle richten, die ihn nicht ernst nehmen.
Er ist voll ausgerüstet für diesen Trip. In Berlin hat er sich im Outdoor-Geschäft eingedeckt, mit einem dunkelgrauen Safarihemd, einer Che-Guevara-Kappe, einer Taschenlampe und einem Feldmesser, mit dem er im Nahkampf bestehen könnte. Es ist mehr, als eigentlich nötig ist für das VIP-Programm der Bundeswehr. Aber er hat eine Schwäche für Panzer, Hubschrauber und Waffen. Er hat sich schon häufiger mal gefragt, woher das kommt. Ist sein Elternhaus schuld?
Er kam darauf, als ihn vor kurzem seine Eltern besuchten, in seiner Familienvilla im Niendorfer Gehege im Norden von Hamburg, diesem "riesigen weißen Haus", wie er sagt, das jeder dort als die "Schweigervilla" kenne. Er hat da mit seiner Frau Dana gewohnt, vor der Trennung, und wäre gern geblieben, auch in einem geteilten Haus. Aber nun wohnt Dana hier mit den vier Kindern, Valentin, Luna, Lilli und Emma. Für ein paar Tage ist er zu Besuch, wohnt zusammen mit den Kindern wie früher, weil Dana gerade in Amerika ist. Seine Freundin Svenja Holtmann ist auch da. Sie warten auf seine Eltern. Aber die stehen noch im Stau.
Als er ein Junge war, sagt Schweiger, hat er sich immer eine Pistole gewünscht. Er wäre zum Fasching gern Cowboy geworden wie die anderen coolen Kids aus der Nachbarschaft. Aber seine Eltern sagten, es kämen ihnen keine Spielzeugpistolen ins Haus, und Cowboys mochten sie nicht, er und seine beiden Brüder durften sich immer nur als Indianer verkleiden. "Wir mussten als Jungs immer mit Flitzebogen und Plastiktomahawk rumrennen", sagt er, "weil - die Indianer waren ja die Guten."
Schweiger schaut auf die Uhr. Bevor sein Vater kommt, will er noch schnell eine Zigarette rauchen. Er möchte vermeiden, dass der ihn dabei sieht. Sein Vater rauchte zwar selbst einmal Kette. Wenn sie in den Urlaub fuhren, jeden Sommer nach Südtirol, bekam man in dem kleinen Simca-Kombi nur schwer Luft. Der Vater hörte mit dem Rauchen auf, als er 48 Jahre alt wurde, von einem Tag auf den anderen. Til Schweiger ist jetzt auch 48 Jahre alt, aber es fiel ihm schon immer schwer, das Gleiche zu tun wie sein Vater.
Herbert Schweiger war Oberschullehrer an der Herderschule in Gießen, an der auch Til war. Die Mutter war Geschichtslehrerin. Schule war für ihn überall. Er entwickelte früh eine Abneigung gegen gelehrtes Gerede, gegen alles Akademische, gegen politische Korrektheit,
Spießigkeit und Prüderie. Er hasste die Sonntagsspaziergänge, die regelmäßig mit einer Schokolade für 69 Pfennig von Aldi belohnt wurden, ihn nervte das Cola-Verbot, ihn nervte die Verklemmtheit seines Vaters. Der Vater hätte sich nie die "St. Pauli Nachrichten" gekauft. Als es beim regelmäßigen Sonntagsbrunch einmal um Verhütungsmethoden ging, erinnert sich Schweiger, sei der Vater angewidert aufgestanden und habe gesagt: "Das ist mir jetzt viel zu profan."
Jazz, gute Literatur, französische Lebensart und grobkörnige Filme, das waren die Währungen seiner Jugend, das fand Anerkennung im Hause Schweiger. Wahrscheinlich prägte es auch Til Schweigers Vorstellung vom deutschen Feuilleton. Die Bücherwand des Vaters war das Statussymbol der Familie.
Er las nicht, er machte Sport, er ging jeden Morgen vor der Schule in der Garage trainieren, boxte, machte Klimmzüge, wollte wie Arnold Schwarzenegger aussehen. Sport stand in der Welt seines Vaters für Oberflächlichkeit, es war etwas für Verlierer, ein Korrekturfach, wie es im Lehrerjargon hieß.
Herbert Schweiger hat eine Hüftoperation hinter sich und muss noch an Krücken laufen, aber er sieht blendend aus, mit vollen weißen Haaren und gebräunter Haut.
"Darf ich vorstellen, Papa", sagt Til Schweiger, "das ist der Mann vom SPIEGEL. Das sind doch die Guten, oder?" Er zieht ihn gern auf mit den Feindbildern, die seine Kindheit bestimmten, den alten Überzeugungen seines Vaters, die geprägt sind vom linken, friedensbewegten Bildungsbürgertum der siebziger Jahre, in dem die Sozialdemokraten die Guten waren und die Christdemokraten die Bösen. Für seinen Vater gehörte es zum guten Ton, den SPIEGEL und die "Frankfurter Rundschau" zu lesen.
"Ich lass euch dann mal allein", sagt Til Schweiger. Er will nicht dabei sein, wenn sein Vater über ihn redet.
Herbert Schweiger gießt sich ein Glas Rotwein ein. Er hat vorgeschlagen, sich ins Gästezimmer zurückzuziehen, damit man ungestört reden kann. Er vermisst jetzt, mit dem Rotweinglas in der Hand, die Zigaretten von früher, französische Gauloises, Gitanes, oder, das am allerliebsten, die Soldatenzigaretten De Troupes, die noch schwärzer waren als die Gitanes. Sie standen für etwas, für Mut, für Verwegenheit, für eine unbestimmte Sehnsucht nach einem anderen Leben, das er gern gelebt hätte.
"Ich habe meine Wünsche auf Til projiziert", sagt Herbert Schweiger.
Er hatte viel Albert Schweitzer gelesen, es war die große Sehnsucht seines Lebens, einmal Mediziner zu werden, aber er hatte eine "Blut-Aversion", wie er es nennt, und deswegen wurde er Lehrer. Til traute er zu, Arzt zu werden, man musste nie seine Hausaufgaben kontrollieren. Er drängte seinen Sohn ins Medizinstudium, und der fing, nach einem abgebrochenen Germanistikstudium, auch wirklich damit an.
Ein paar Jahre lang ging das gut, dann entglitt Til Schweiger den Projektionen seines Vaters. Er begann eine Ausbildung an der Schauspielschule im Kölner "Theater der Keller". Vom Dr. med. in irgendein Untergeschoss, das der Vater nicht kannte.
"Wir hatten eine harte Auseinandersetzung, nach zwei abgebrochenen Studiengängen. Ich habe gesagt: Bis zum 27. Lebensjahr finanzieren wir euch, danach seid ihr für euch alleine verantwortlich", sagt der Vater im großen weißen Haus und stellt dann das leere Rotweinglas ab. Für einen Moment ist es ganz still. Man kann sich in diesem Moment gut vorstellen, auf welche Temperatur die Familie Schweiger damals geregelt war.
Herbert Schweiger schickte seinem Sohn damals Zeitungsausschnitte von arbeitslosen Schauspielern. Er weigerte sich, die "Lindenstraße" anzusehen, Tils erstes Fernsehengagement, auch als die Nachbarn beeindruckt davon erzählten. Den Tiefpunkt erreichte die Beziehung, als Schweiger in seinem ersten Kinofilm "Manta, Manta" auftrat. "Das war schon so grenzwertig", sagt der Vater. "Für die Problematik mit den Autos hatten wir überhaupt keinen Sinn. Wissen Sie, als Geisteswissenschaftler ist man schon verwöhnt."
Mittlerweile liest Herbert Schweiger Skripte seines Sohnes Korrektur. "Manta, Manta" ist lange her, danach kamen ja immerhin Filme wie "Der bewegte Mann" oder "Inglourious Basterds". Der Vater hat gelernt, Respekt zu haben vor dem, was der Sohn macht. Als der nach Afghanistan aufbrach, schickte er ihm eine E-Mail hinterher, um ihn vor der Reise zu warnen. Er solle sich bloß nicht von der Bundeswehr instrumentalisieren lassen.
Til Schweiger ist nun schon den zweiten Tag in Afghanistan. Er ist Panzer gefahren, hat Gespräche geführt, und er hat seinen Film im Atrium gezeigt, dem Hauptplatz in Masar-i-Scharif. Es kamen gut tausend Soldaten. Sie haben sich angestellt, um ein Autogramm zu bekommen und um vor der Kamera nette Sätze über den Film zu sagen.
Die Kamera hat sie während der Vorführung immer dann gefilmt, wenn Schweiger es wollte. Er wusste genau, wann sie lachen würden, er hat die Szenen ja im Kopf, den Witz über die laktosefreie Milch, den Furz in der dritten Szene, den Scherz, dass Bleibtreu zu fett ist, um von ihm getragen zu werden, und, nicht zu vergessen, den Moment, als seine Tochter Luna einen schmierigen Hotelportier mit dem Satz beleidigt: "Muschi auf Toast."
"Muschi auf Toast", das ist der Satz, der bei den Soldaten hängengeblieben ist. Sie rufen ihn jetzt, wenn sie jemanden beleidigen wollen, sie werden ihn rufen, wenn sie ein Fußballspiel schauen und ein Gegner am Boden liegt. Muschi auf Toast. Es ist alles perfekt gelaufen, findet Til Schweiger.
Er hat sich nach der Vorführung kurz hingelegt, das Programm war hart, und draußen waren es 40 Grad. Nun tritt er erfrischt vor das "Ingotel", wie hier die VIP-Herberge heißt, und vor ihm auf der Terrasse sitzen zwei SPD-Bundestagsabgeordnete, ein Langer, Burkhard Lischka, rechtspolitischer Fraktionssprecher, und ein Kleiner mit Bauch, Ullrich Meßmer, Mitglied im Verteidigungsausschuss. Sie sind zufällig zur selben Zeit hier.
Schweiger hat sich das Bruderband der Soldaten um das rechte Handgelenk gelegt, er trägt Sonnenbrille, seine Che-Guevara-Kappe und das Safarihemd. Die Bundeswehr hat ihm sogar ein Namensschild angefertigt, mit der deutschen Fahne, daneben der Name in lateinischer und arabischer Schrift. Als er es bekam, sagte er: "Ich glaube, ich bin der Einzige, der so ein Namensschild hat." Gleich darauf besorgte er sich noch Soldatenstiefel im German PX, dem Militärshop im Camp. Til Schweiger sieht jetzt so aus wie ein richtiger Soldat.
Die Bundestagsabgeordneten sind gerade aus dem OP North zurückgekehrt, dem Ort, an den Schweiger sich nicht traute. Sie haben traditionelle afghanische Gewänder mitgebracht, die lässig über ihren Schultern hängen. Schweiger guckt die beiden Politiker mit zusammengekniffenen Augen an.
Seid ihr mit dem Hubschrauber geflogen?
Ja, mit dem "Black Hawk".
Aber nur mit dem Sani-"Black Hawk"?
Nein, mit dem richtigen "Black Hawk".
Aber ohne Gewehr?
Doch, mit Gewehr.
Und dann müssen die Männer schon wieder los, sie fliegen nach Kunduz, bevor sie am nächsten Tag mit derselben Maschine wie Schweiger nach Deutschland zurückfliegen wollen. Schweiger guckt ihnen einen Moment lang hinterher. Zwei richtige Krieger, die afghanische Trachten davontragen wie zwei Trophäen.
Ein paar Tage später ist Til Schweiger zurück in Deutschland, und direkt nach der Landung auf dem Militärflughafen Köln-Wahn macht er sich auf den Weg nach München, wo ihm im Hotel Bayerischer Hof der Deutsche Entertainment-Preis Diva für ein unvergessliches Œuvre verliehen wird. Er könnte das eigentlich als Anerkennung verbuchen.
Aber Deutschland kommt ihm jetzt, nachdem er im Krieg war, noch mal eine Nummer kleiner vor. Es ist alles so profan, so oberflächlich. Er hat keine Lust auf den roten Teppich, über den er jetzt laufen muss, er ahnt, was für Fragen kommen, hirnlose Fragen zu seinem Leben, seiner Ehe, seiner neuen Freundin. Es sind keine Fragen, die das Feuilleton drucken würde.
Die Reporter halten ihm ihre Mikrofone vor den Kopf wie Schusswaffen. Sie wollen wissen, ob seine neue Freundin Svenja Holtmann eine Diva ist, weil der Preis, den er bekommt, ja so heißt, sie wollen wissen, wie er es findet, dass Thomas Gottschalk nun mit Dieter Bohlen eine Fernsehsendung macht.
Niemand wollte etwas über Afghanistan wissen, nicht mal Iris Berben, die die Laudatio hielt. Er muss alles selber machen. Als er schließlich oben auf der Bühne steht, spricht er von seiner Reise, von den Soldaten und von Mut. Er spricht zu denen, die ihn in den Krieg begleitet haben, er sagt: "Danke, meine Kameraden."
Schweiger setzt jetzt auf ein Treffen mit Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière, mit dem er in Berlin einen Termin hat. Er wird mit dem Minister über die Front sprechen. Und er wird ein Versprechen einlösen, das er den Soldaten in Masar-i-Scharif unter großem Jubel gegeben hat. Es geht ihm um ein anderes Kantinenessen. Nicht immer nur Kartoffeln und Nudeln, stattdessen mehr Nutella und hartgekochte Eier. Til Schweiger fordert einen "Eier-und-Nutella-Bomber" für Afghanistan.

Er holt sein iPhone heraus und liest eine SMS seiner weißrussischen Putzfrau vor.

(*) Mit Til Schweigers Sohn Valentin in Südtirol, um 2008.
Von Marc Hujer

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