17.09.2012

Ein Abgrund von Lüge

Von Bönisch, Georg und Wiegrefe, Klaus

Geheimakten belegen, wie die Bundesregierung vor 50 Jahren versuchte, den SPIEGEL mundtot zu machen. Die dramatischen Ereignisse im Herbst 1962 gerieten zum Testfall für die Pressefreiheit.

Die Woche beginnt freundlich in Hamburg. Nebelschwaden, die vom Wasser her hochziehen, lösen sich bald auf. Von Osten weht ein leichter Wind, sieben Stunden lang wird die Sonne scheinen, das Thermometer klettert auf 17 Grad. Es ist Montag, der 8. Oktober 1962, 11 Uhr, im Pressehaus am Speersort 1, sechster Stock, Konferenzraum der SPIEGEL-Redaktion.

Rudolf Augstein, 38, ist wieder fit, das passt zum guten Wetter. Er leitet, wie immer, diese Konferenz. In der Woche zuvor hatte der Herausgeber mit Schwindelanfällen zu kämpfen, schon als Jugendlicher litt er daran. Er war bei seinem Hausarzt und kurzzeitig im Krankenhaus - und deswegen kaum im Büro.

Aber der Laden läuft auch ohne ihn. Augstein hat zwei tüchtige Chefredakteure und einen ebenso tüchtigen Verlagsdirektor an seiner Seite. Das Blatt ist seit gut 15 Jahren auf dem Markt, die Auflage wächst beständig. Sie nähert sich der Marke von 500 000 Exemplaren.

Der SPIEGEL ist keck, forsch, oftmals schnoddrig im Ton, er enthüllt große und weniger große Skandale, er legt sich, ganz im Gegensatz zur meist staatsgetreuen Tagespresse, gern mit Politikern an.

Auf dem Tisch liegt die Ausgabe 41/1962, 118 Seiten stark. Das Titelbild zeigt einen älteren Herrn in Uniform, der den Kopf leicht nach rechts dreht und lächelt, als hätte er soeben ein nettes Kompliment bekommen. Das Haar ist streng gescheitelt, über der sauber gebundenen Krawatte trägt der Mann das Eiserne Kreuz: Friedrich Foertsch, 62, ist Generalinspekteur der Bundeswehr, Deutschlands ranghöchster Soldat.

Die Titelgeschichte beginnt auf Seite 32. "Bedingt abwehrbereit" heißt sie. In nüchtern-sachlichen, für SPIEGEL-Verhältnisse ungewohnt zurückhaltenden Worten beschreibt sie den Zustand der jungen Bundeswehr. Der Armee von Offizier Foertsch und der von Franz Josef Strauß, dem Verteidigungsminister im vierten Kabinett Adenauer. Strauß ist Vorsitzender der bayerischen CSU, jung, alert, schneidend intelligent - und überzeugt davon, dass nur er Konrad Adenauers geborener Nachfolger sein könne. Genau das sucht Augstein zu verhindern. Seit 1961, wird er später erklären, habe er einen "Kampf" gegen Strauß geführt. Dessen Problem ist die Bundeswehr.

Im Kriegsfall, dies hatte das Nato-Manöver "Fallex 62" wenige Wochen zuvor drastisch gezeigt, fehlte es an allem: Waffen, Gerät und Soldaten. Und der Kriegsfall liegt bedrohlich nahe. Berlin ist geteilt, vor kurzem noch standen sich am Checkpoint Charlie russische und amerikanische Panzer gegenüber. Fallex 62 hat auch deutlich gemacht, dass das westdeutsche Sanitätswesen unmittelbar nach Beginn eines Krieges zusammengebrochen wäre, ebenso die Lebensmittelversorgung.

Deshalb stellten die Nato-Oberen der deutschen Truppe und deren Befehlshabern ein miserables Zeugnis aus: "zur Abwehr bedingt geeignet". Das war die schlechteste Note überhaupt. Die beste hieß: "zum Angriff voll geeignet".

Und da das Fallex-Planspiel von einem Atomkrieg in Mitteleuropa ausging, berichteten die Autoren der Titelstory von ganz frischen und ganz brisanten Überlegungen im Verteidigungsministerium, wie ein solcher Krieg aussehen würde. Auch die Zahl der Opfer war kalkuliert worden, und der SPIEGEL druckte sie: Bis zu 15 Millionen westdeutsche Bürger würden im nuklearen Feuer oder danach sterben. Eine schreckliche Übungsbilanz.

Augstein nimmt in der Konferenz das Heft, hält es hoch und schaut in die Runde. Spöttisch fragt er: "Hat wohl keiner gelesen?"

Wer das Militärwesen und die Militärpolitik regelmäßig verfolgt, der erfährt in der Tat kaum Neues, und deshalb ist Conrad ("Conny") Ahlers, wie sein Boss Augstein einst Offizier im Zweiten Weltkrieg und nun einer der beiden Verfasser des über 8000 Wörter zählenden Stücks, kaum stolz darauf. "Eine mühsame Lektüre", gibt er gegenüber den Kollegen zu, "nur für besonders interessierte Leser verdaulich."

Mühselig, schwer verdaulich, kaum News - die wenig schmeichelhaften Etikettierungen stehen im Kontrast zu dem Echo, das der Artikel auslösen wird.

Denn 18 Tage später schlägt die Staatsmacht gegen den SPIEGEL los, in Hamburg, in Bonn, in Düsseldorf. Dutzende Polizisten, Beamte des Bundeskriminalamts und Soldaten des Militärischen Abschirmdienstes durchsuchen Redaktionsräume und Privatwohnungen von SPIEGEL-Leuten, nehmen nach und nach sieben Redakteure (darunter Augstein) und Verlagsmitarbeiter fest, versiegeln das Archiv, schüchtern Sekretärinnen ein - "das ganze Besteck", wie sich später ein Fahnder erinnerte. Es sind Maßnahmen, wie sie in der noch jungen Republik nie zuvor gegen ein Presseorgan gewagt wurden.

Denn mit jener Titelstory soll der SPIEGEL Landesverrat begangen haben. Im "Dritten Reich", an das sich alle Beteiligten noch gut erinnern, verlor man dafür leicht sein Leben, und auch nun, in Zeiten des Kalten Krieges, riskiert man 15 Jahre Zuchthaus.

Die Fahnder suchen verräterische Unterlagen, wollen das Informantennetz des SPIEGEL ausheben, besetzen wochenlang Teile von Verlag und Redaktion, was ein weiteres Erscheinen des Blattes unter normalen Umständen ausgeschlossen hätte; zum Glück helfen andere Verlagshäuser aus.

Sie hatten es, sagte Augstein im Oktober 2002, kurz vor seinem Tod, "auf die Vernichtung des SPIEGEL abgesehen". Sie, das ist die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die das Verfahren betreibt, das ist Verteidigungsminister Strauß, der sich der Freiheitsberaubung schuldig macht, weil er Titelautor Ahlers widerrechtlich in Spanien festnehmen lässt, und das ist Kanzler Adenauer, der das Verfahren gutheißt und öffentlich zum Anzeigenboykott gegen das Magazin aufruft.

Adenauers restaurative Politik war länger schon in Agonie gefallen; den Wertewandel, den er überall bemerkte, begriff er nur als Werteverfall. Noch war seine Bundesrepublik ein verknöchertes Land, in dem Beamte die Bürger wie Untertanen behandelten, Frauen das Einverständnis ihres Ehemanns benötigten, wenn sie arbeiten wollten, Studenten sich siezten.

Aber der Beginn einer neuen Ära ließ sich nicht übersehen, die Zeit der Autoritäten wilhelminischer und hitlerscher Prägung ging bereits zu Ende. Und so provozierte die Überreaktion des Staates eine landesweite Protestwelle, die sich zur größtmöglichen Sympathiekundgebung für den SPIEGEL ausbreitete.

Allein in Hamburg zogen Tausende zu dem Untersuchungsgefängnis, in dem Augstein einsaß, und skandierten, "SPIEGEL tot - die Freiheit tot". Es sei "schwierig, das öffentliche Interesse an der Affäre zu überschätzen", notierte am 2. November der US-Generalkonsul in der Hansestadt, sie werde "überall diskutiert, in Restaurants, in Straßenbahnen usw.".

Dass das Magazin den Generalangriff auf die Freiheit der Presse überlebte, lag weniger am SPIEGEL selbst als vielmehr am öffentlichen Aufbegehren der Deutschen, die inzwischen gelernt hatten, ihre Demokratie zu lieben.

Monatelang kam es zu Protesten, Demonstrationen, studentischen Sitzstreiks. Die großen liberalen Blätter der Zeit wie "Stern", "Zeit", "Süddeutsche Zeitung" oder "Frankfurter Rundschau" stellten sich hinter den SPIEGEL und gegen Adenauer.

Die SPIEGEL-Affäre gewann ihre Brisanz auch durch diese "neuartige Mobilisierung der Öffentlichkeit, die spontane Solidarisierung mit dem SPIEGEL, die schroffe Polarisierung zwischen Linksliberalen und Rechtskonservativen", wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler schreibt. Eine innere Opposition formierte sich, die einem Machtwechsel zustrebte, der dann 1969 mit der Wahl Willy Brandts zum Kanzler tatsächlich erfolgte.

Und ein neues Staatsverständnis breitete sich aus. Die zweite deutsche Demokratie erlebte im Spätherbst 1962 einen "kräftigen Liberalisierungsschub" (Historiker Heinrich August Winkler); wer fortan Politik von oben nach unten konzipiert, muss mit breitem öffentlichem Widerstand rechnen; die Staatsräson verlor den ihr bis dahin zugesprochenen Vorrang vor Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.

Am Ende kamen die SPIEGEL-Mitarbeiter wieder frei, am längsten blieb Augstein in Haft: 103 Tage. Strauß hingegen musste gehen, er hatte das Parlament über seine Rolle ebenso belogen wie Adenauer, der von seinem Koalitionspartner FDP gezwungen wurde, verbindlich seinen Rücktrittstermin zu benennen.

Der SPIEGEL jedoch wurde einflussreicher und auflagenstärker denn je. Eine Ironie der Geschichte, auf die schon der Zeithistoriker Norbert Frei verwiesen hat: Ausgerechnet die regierenden Gegner des SPIEGEL hatten diesem das "größte Geschenk" seiner Geschichte zuteilwerden lassen. Der SPIEGEL wurde zum Symbol der Pressefreiheit.

Ein halbes Jahrhundert nach diesen aufregenden, von der SPIEGEL-Affäre ausgelösten Zeiten hat sich ein Redakteursteam darangemacht, die Ereignisse zwischen 1961 und 1967 zu rekonstruieren. Tausende Blatt bis dato unbekannter Akten wurden ausgewertet - im Bundesarchiv, im Hamburger Staatsarchiv, im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen und bei der Bundesanwaltschaft, die das Verfahren mit Verve betrieb; hinzu kamen Akten des Bundeskanzleramtes, des Justizministeriums und des Verteidigungsministeriums, allesamt freigegeben auf Antrag der SPIEGEL-Redaktion. Gesichtet wurden auch Vermerke des Bundesnachrichtendienstes, des Parlamentarischen Vertrauensmännergremiums und der US-Botschaft in Bonn.

In aller Regel unterlagen diese Papiere den höchsten Sekreturen: "geheim" oder "streng geheim". Und dies durchaus zu Recht, denn ihre Inhalte sind in vielfacher Hinsicht brisant.

So lässt sich zum Beispiel nun deutlicher als zuvor nachweisen, dass Verteidigungsminister Strauß und etliche seiner höchsten Militärs tatsächlich riskanten Plänen nachhingen. Sie wollten schon dann taktische Atomsprengköpfe zünden, wenn sie glaubten, ein sowjetischer Angriff stehe unmittelbar bevor - und diesen nicht erst abwarten. Was in der historischen Bewertung bislang als Gedankenspiel galt, als reine Analyse, war offenbar mehr: ein konkretes Szenario, das im Verteidigungsministerium favorisiert wurde.

In der atlantischen Allianz lösten die nuklearen Ambitionen von Strauß beispiellose Befürchtungen aus. So schrieb Henry Kissinger nach einem Treffen mit Strauß am 10. Mai 1961 in einem bislang unbekannten Vermerk an die US-Regierung, diese müsse dringend dafür sorgen, die amerikanischen Atomwaffen und deren Lager in der Bundesrepublik so zu sichern, dass es "physisch unmöglich" werde, die Nuklearwaffen "zu nehmen oder einzusetzen ohne unsere Zustimmung". Strauß sei in einer Krisensituation zuzutrauen, "die Waffen einfach zu nehmen", also US-Atombomben zu stehlen, wenn er das im Interesse der Bundesrepublik für notwendig erachte.

Erstmals lässt sich auch belegen, was immer vermutet wurde: dass der Verteidigungsminister das Verfahren gegen den SPIEGEL zwar nicht initiierte, wohl aber nur darauf wartete, gegen das Magazin loszuschlagen. Sein Staatssekretär Volkmar Hopf wird später bei einem vertraulichen Mittagessen mit dem US-Gesandten Brewster Morris einräumen, dass sein Ministerium und auch die Bundesanwaltschaft den SPIEGEL "schon lange" im Visier gehabt hätten - wegen des immer wieder aufkeimenden Verdachts, die Hamburger würden brisante Informationen zur "militärischen Sicherheit" enthüllen.

Auch die Bundesanwaltschaft hatte den SPIEGEL seit Wochen auf dem Kieker - und schreckte dabei sogar vor illegalen Praktiken nicht zurück. Denn laut BND-Chef Reinhard Gehlen bat sie den Geheimdienst um "Einwirkungen auf nachrichtendienstlichen Wegen" in der SPIEGEL-Redaktion; zwar durfte er nicht in Redaktionen schnüffeln, aber er tat es trotzdem. Die BND-Leute wollten die "zweifellos vorhandenen Ostverbindungen des SPIEGEL klären", doch sie fanden nichts, was die Bundesanwälte gegen das Magazin ins Feld führen konnten.

Wäre es nach der Bundesanwaltschaft gegangen, hätte es am Ende etliche Anklagen mehr gegeben: gegen SPIEGEL-Journalisten, gegen Offiziere, die Strauß kritisch gegenüberstanden, gegen Bundestagsabgeordnete der SPD, auch gegen Helmut Schmidt, damals Innensenator in Hamburg.

Überall nämlich witterten die Ermittler Verrat, auch bei kritischen Militärs wie Johann Adolf Graf von Kielmansegg, nachmalig Oberbefehlshaber der Nato-Landstreitkräfte in Mitteleuropa, oder Wolf Graf Baudissin, der mit Kielmansegg das Bild vom "Staatsbürger in Uniform" entworfen hatte. Oder bei Ulrich de Maizière, später Generalinspekteur der Bundeswehr. Bundesanwalt Albin Kuhn, 52, hatte eine "weit verzweigte, gegen die Verteidigungspolitik gerichtete Verschwörung" ausgemacht, die "auf Bekämpfung" dieser Politik mit kriminellen Mitteln ausgerichtet sei: durch Verrat.

In Wahrheit war der SPIEGEL weder das Sprachrohr von Verschwörern, noch gefährdete er die junge Demokratie - vielmehr ging die Gefahr von den angeblichen Beschützern der Republik aus.

Den "Abgrund von Landesverrat", wie Adenauer die SPIEGEL-Story genannt hatte, gab es nicht. Jedoch hat sich auch die Perspektive mit den Jahren und mit den Inhalten der jetzt einsehbaren Dokumente verändert. Dies zeigt sich bei Betrachtung der Antagonisten Strauß, 47, und Augstein, 38.

Ausgerechnet Strauß, das "Kraftwerk ohne Sicherung" (Helmut Schmidt), hatte in entscheidenden politischen Fragen richtiggelegen. Strauß förderte die Bindung der Bundesrepublik an den Westen, er war für die Nato, für die europäische Integration - und selbstverständlich für die Bundeswehr.

Augstein hingegen bekämpfte erbittert die adenauersche West-Integration, weil er fürchtete, sie könnte irgendwann ein Hindernis sein für die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Eine Zeitlang sympathisierte er sogar mit jenem rechten Flügel der FDP, deren Repräsentanten die Nähe ewiggestriger Wähler suchten. In der SPIEGEL-Affäre trat dann freilich Strauß die Werte des Westens mit Füßen, der einstige Nationalliberale Augstein wurde hingegen zur Symbolfigur für die Pressefreiheit.

Ein besorgter Oberst plaudert

Bensberg, das Tor zum Bergischen Land, ist eine beschauliche Kleinstadt mit gut 31 000 Einwohnern, nach Bonn sind es rund 40 Kilometer. Nicht weit vom prächtigen Schloss entfernt befindet sich, im Ortsteil Moitzfeld, ein weniger hübsches Gebäude. In dem früheren Kinderheim ist eine Dependance des Verteidigungsministeriums untergebracht - der "Stab für Nato-Übungen".

Ende 1961, kurz vor Weihnachten, trifft sich hier eine Reihe hochrangiger Offiziere. Ihr Auftrag: ein "verbindliches Kriegsbild" zu entwerfen. Wie also ein künftiger Krieg, der dritte Weltkrieg, verlaufen könnte - und welche Rolle der jungen Bundeswehr dabei zugedacht werden müsse. Vor allem aber soll untersucht werden, welche "Überlebenschancen" die "gesamte Nation (militärisch und zivil)" habe.

Die Zeit drängt, die neue US-Regierung unter John F. Kennedy will einen Paradigmenwechsel in der Verteidigungspolitik. Statt die Sowjetunion durch Androhung eines massiven Atomschlags abzuschrecken, will Washington durch eine Verstärkung der herkömmlichen Streitkräfte beeindrucken: mehr Soldaten, mehr Gewehre, mehr Panzer und Kanonen, mehr Schiffe, mehr Flugzeuge.

So denkt auch der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt, in der SPD gilt er bereits damals als einer der fähigsten Köpfe. Eine "Aufrechterhaltung" des "allgemeinen nuklear-strategischen Vergeltungskonzepts ist töricht", schreibt der Ostfrontsoldat von 1941/42 in einer vielbeachteten Studie: "Die These von der Unvermeidbarkeit nuklearer Verteidigung ist tödlicher Unfug." Auch Augstein gefällt die Idee der Amerikaner. Eine konventionelle Verstärkung, sagt er, könne der "Anfang von einem atomaren Disengagement in Mitteleuropa sein".

Franz Josef Strauß hingegen hängt an der alten Nuklearstrategie. Ein Atomsprengkopf, tönt er, ersetze eine ganze Brigade Soldaten und sei zudem billiger. Er muss vielleicht so reden, weil sein Ministerium es nicht schafft, aus Soll-Stellen Ist-Stellen zu machen. "You are nuclear obsessed", er sei von Atomwaffen besessen, raunzt ihn Henry Kissinger an, der spätere US-Außenminister.

Diese Obsession teilt Strauß mit etlichen Spitzenkräften des Verteidigungsministeriums. Sein Sprecher Gerd Schmückle schreibt in der konservativen Zeitung "Christ und Welt", es werde in Europa "keinen konventionellen Krieg mehr geben, da beide Seiten atomar bewaffnet sind. Auch dort, wo nur mit konventionellen Waffen geschossen wird, sind die Truppen gezwungen, die Taktik der atomaren Kriegführung anzuwenden".

Etliche Offiziere im Strauß-Ministerium denken ganz anders, vor allem die des Heeres. Einer von ihnen ist Oberst Alfred Martin aus dem Führungsstab des Heeres. Fast drei Jahre lang saß er bei Shape, dem Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa; im Krieg verlor er einen Unterschenkel, immer wieder plagen Martin starke Entzündungsschmerzen.

Prinzipiell ist der Oberst kein Gegner von A-Waffen - jedoch ein strikter Gegner der Strategie des "vorbeugenden Atomschlags". Im März 1960 hatte er dem SPIEGEL einen Brief geschrieben, aus Sorge, die militärpolitische Konzeption der Amerikaner und der Deutschen könne "in Dissonanz geraten". Ein mutiger Schritt, heraus aus dem Geheimbereich Bundeswehr. Eine Antwort bekam Martin von der Redaktion nicht.

Der Stabsoffizier ist in Bensberg nicht dabei. Albert Schnez, der Stabschef der Bundeswehr, kippt den ursprünglichen Plan, alle möglichen Formen eines Krieges zu untersuchen. Stattdessen weist Schnez an, so berichtet später ein Teilnehmer den ermittelnden Bundesanwälten, dass sich die "Untersuchung nur auf den nuklearen Krieg" erstrecke.

Erarbeitet wird ein Szenario A: "Die Sowjets beginnen den Krieg mit einem atomaren Überfall" (O-Ton Schnez).

Und ein Szenario B: "Der Westen schlägt atomar zuerst zu 1. gegen einen bereits laufenden, jedoch mit herkömmlichen Waffen geführten sowjetischen Großangriff (entsprechend der damals gültigen Nato-Doktrin -Red.) 2. Pre-emptive, d. h. gegen einen einwandfrei erkannten feindlichen Großangriff ganz kurz bevor dieser losbricht."

Alles "rein analytisch", sagt Schnez: "Keine strategische Planung." Die Analyse ergibt, dass die Bundesrepublik bei der angenommenen Lage A so gut wie ausradiert wird. Im Fall B errechnen die Experten eine "geringere Schadensquote".

Erstmals taucht damit der Begriff "preemptive strike" in einer Strategiediskussion unter Bundeswehr-Oberen auf, und Augstein ist sich später sicher, dass dieser Begriff das "Schlüsselwort der SPIEGEL-Affäre" gewesen sei.

Was in Bensberg besprochen wurde, beherrscht schon bald den Flurfunk des Verteidigungsministeriums. Das Offizierskorps scheint geteilt: hier die Strauß-Leute, dort eine Fronde gegen die Atompläne des Ministers. Zudem wissen einige Militärs, dass ein "preemptive strike" sich fundamental unterscheidet vom sofortigen Atomwaffeneinsatz, den die Nato-Strategie im Konfliktfall vorsieht.

Auch Oberst Martin sieht darin einen "eklatanten" Verstoß gegen den Geist der Nato-Verträge, die Bundeswehrstrategie würde "auf Misstrauen und Ablehnung" bei den Verbündeten stoßen und "Zweifel an unserer Glaubwürdigkeit hervorrufen".

Der Offizier malt ein finsteres Bild: Der Schlag "würde hauptsächlich deutsches Land, deutsche Kultur und deutsche Bevölkerung beiderseits des Eisernen Vorhangs der Vernichtung aussetzen". Der "wohl entscheidendste Punkt" für ihn: Dem Bundeskanzler, davon ist er überzeugt, sei eine "entschärfte Fassung" der Pläne vorgelegt worden.

Oberst Martin handelt.

Er wendet sich an einen Bekannten, der zu den Mandanten des Rechtsanwalts Josef Augstein zählt, des älteren Bruders des SPIEGEL-Herausgebers. Und schon bald kommt es in Hamburg zu einem Treffen mit Rudolf Augstein und dessen Redakteur Ahlers.

Martin trägt vor, und Augstein ist schnell überzeugt, mit diesen Informationen erstmals eine "Gesamtschau der strategischen Entwicklung zwischen West und Ost" veröffentlichen zu können. Die "fehlt einfach in Deutschland", während sie in den USA, Frankreich und Großbritannien "publizistisch bekanntgegeben" würde.

Ahlers geht ans Werk, mehrfach trifft er sich im Lauf des Frühjahrs und des Sommers mit Martin und anderen hohen Offizieren. Auch Helmut Schmidt, einen Studienfreund, befragt Ahlers und schlachtet dessen aufsehenerregende Studie aus. Seine Erkenntnisse fasst er in einem elfseitigen Exposé zusammen, aufgeteilt in drei Kapitel. Zum "preemptive strike" notiert Ahlers, dieser sei geplant mit "rund 350 Einsätzen" von Jagdbombern, bestückt mit Sprengkörpern, deren Vernichtungskraft in etwa dem 20fachen der Hiroshima-Bombe entspricht.

Rudolf Augstein ist entsetzt und informiert den SPD-Bundestagsabgeordneten Gustav Heinemann. Der SPIEGEL-Chef schreibt, dies alles müsse doch "völlig unglaubhaft und geradezu haarsträubend erscheinen". Dieser Brocken, so Augstein, hänge "über uns", und keinesfalls wolle er darauf verzichten, "ihn durch eine Dynamitladung abzusprengen".

Ahlers schreibt die Geschichte auf, sie soll am 26. September als Titel erscheinen. Doch Augstein verschiebt die Veröffentlichung. Er lässt eine andere Strauß-Story drucken, sie trägt die Überschrift "Onkel Aloys". Es geht um die angebliche Vetternwirtschaft des Bayern. Einerseits ist die Verschiebung redaktioneller Taktik geschuldet - wenn "Onkel Aloys" zuerst erscheint, würde Strauß es kaum wagen, gegen das Militärstück zu schießen. Das würde, so die Hoffnung, als billige Retourkutsche verpuffen.

Andererseits will er Ahlers und Hans Schmelz, dem Co-Autor, mehr Zeit für Sorgfalt geben. Er scheint zu befürchten, dass ansonsten das Ministerium die Gelegenheit hätte, "uns einen Geheimnisverrat zu unterstellen".

Landesverrat ist nämlich in Redaktionen landauf, landab ein allgegenwärtiges Thema. Max Güde, bis 1961 Generalbundesanwalt, hatte darüber vor dem Deutschen Presserat referiert, und der Text des Vortrags war Anfang 1962 beim SPIEGEL verteilt worden. Güde warnte nachdrücklich, durch zu große Offenheit das "Wohl der Bundesrepublik zu beeinträchtigen". Es ist die hohe Zeit des Kalten Krieges, und selbst halbwegs liberale Köpfe wie Güde wittern überall Verrat.

Auf der jährlichen Korrespondententagung weist die Chefredaktion ausdrücklich darauf hin, bei allen Themen zu Strauß und zur Militärpolitik akribisch zu sein. Augstein: "Kinder, passt auf! Die hängen uns noch mal was an."

Allerdings ist die Rechtslage so, dass politische Autoritäten durchaus mit geheimen Dokumenten spielen können. Landesverrat ist definiert als der Verrat von "Staatsgeheimnissen", und was ein Staatsgeheimnis ist, definiert die Bundesregierung gern selbst. Wenn es dem Verteidigungsminister gelegen kommt, zitiert er bedenkenlos aus Geheimpapieren.

Titelautor Ahlers sichert sich ab, indem er sich mit Jürgen Brandt, Major an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, austauscht. Das Thema Geheimschutz kommt auch zur Sprache, als Ahlers am Ende seiner Recherchen noch einmal das Urteil von Helmut Schmidt einholt und ihm das Manuskript zu lesen gibt.

Schmidt macht Kreuze am Rand, unterstreicht das eine oder andere Wort. "Na, Conny", sagt er, "ist denn das nicht geheim? Das muss aber geprüft werden."

Auch dies tut die Redaktion. Sie wendet sich an den Bundesnachrichtendienst in Pullach, zu dem SPIEGEL-Verlagsdirektor Hans Detlev Becker gute Kontakte pflegt. Die BND-Agenten sind schon deswegen hilfsbereit, weil sie hoffen, auf diese Weise an das Manuskript heranzukommen. Aus der Redaktion erhalten sie aber nur zwei Listen mit 13 Fragen - in 7 Fällen Fachfragen, in den anderen geht es um Geheimnisverrat.

Ahlers fragt, ob er schreiben dürfe, dass "Atomwaffenlager in den Aufmarschräumen der Nato-Truppen versteckt sind". Das hält der BND für unproblematisch. Die Geheimdienstler geben auch die Formulierung frei, die Kriegsbildstudie trage in sich den "Gedanken eines ,vorbeugenden Schlages' der Nato gegen sowjetische Raketen-Abschussbasen". Nur einmal reklamiert Pullach "Geheimschutz", und Ahlers folgt dem Hinweis.

Bubacks folgenschweres Telefonat

Karlsruhe, ein neobarocker Palast in einer Grünanlage, ehedem das Schloss des letzten badischen Großherzogs Friedrich II. - und seit Anfang der fünfziger Jahre Sitz des Bundesgerichtshofs und des Generalbundesanwalts. Es ist der 8. Oktober 1962, in den Geschäften liegt seit den Morgenstunden der SPIEGEL mit dem Foertsch-Titel aus.

In einem fensterlosen Saal verhandelt der 3. Strafsenat; Bundesanwalt Kuhn vertritt die Anklage. In einer Verhandlungspause wird ihm zugeraunt, der SPIEGEL habe einen kritischen Artikel veröffentlicht. Der Ankläger lässt sich das Heft bringen und liest. Sein erster Eindruck: Die Autoren müssen etliche Gespräche mit Informanten geführt haben. Aber er fragt sich, so hat er es in einer späteren Vernehmung formuliert, ob diese Details wirklich "geheimhaltungsbedürftig" seien.

Also will er sich schlaumachen. Kuhn bittet einen Kollegen, den Ersten Staatsanwalt Siegfried Buback, in Bonn anzurufen, beim Justitiar im "Amt für Sicherheit der Bundeswehr", das zum Verteidigungsministerium gehört. Es ist ein folgenschweres Telefonat für den SPIEGEL - weil Buback um die Erstellung eines Gutachtens bittet. Bei jener Behörde, die im Artikel so heftig attackiert wurde; und die alle militärischen Vorgänge am liebsten in Panzerschränken wegsperrt.

Zuständig für Expertisen solcher Art ist der Oberregierungsrat Heinrich Wunder, 38, ein Franke, knapp drei Jahre lang war er Soldat im Zweiten Weltkrieg.

Kuhn und Buback kennen Wunder, schließlich hat er einmal bei der Bundesanwaltschaft gearbeitet. Und er scheint genug Erfahrung zu besitzen, wohl 30 Gutachten hat er bereits formuliert. Nun jedoch muss Wunder sich mit einem Fall beschäftigen, bei dem es "um hoch diffizile strategische Fragen" geht, und sich, so sagt er später aus, mit dem "Problem der Vorveröffentlichungen" befassen. Was schon einmal beschrieben wurde, kann naturgemäß nicht mehr verraten werden.

Wunder bittet die Pressestelle seines Ministeriums zu klären, "ob die in dem Artikel erwähnten Einzelheiten in vollem Umfang" bereits publiziert worden seien. An das Bundespresseamt und das Archiv des Deutschen Bundestags, weitaus besser sortiert, wendet er sich nicht - "wegen der angeordneten Geheimhaltung".

Die Pressestelle liefert Krümelkram, nur zehn ausländische Zeitungen werden hier ausgewertet. Und da Wunder zwar viel von Strafrecht und von seinem Promotionsthema Zollrecht versteht, aber nichts von internationaler Militärpolitik, sucht er sich im Organigramm des Verteidigungsministeriums einen Spezialisten als Helfer heraus: den Oberst im Generalstab Hans-Joachim von Hopffgarten.

Der glühende Strauß-Bewunderer ist als Referent beim Führungsstab der Bundeswehr zuständig für Strategie-Themen - und "erschrocken" über die SPIEGEL-Story: "Ich hatte sofort den Eindruck, dass hier jemand geheimste Dokumente fotografiert und zur Verfügung gestellt haben musste. Die Quelle musste ein militärischer Fachmann aus einem hohen Führungsstab sein."

Die Bundesanwaltschaft will ein "erschöpfendes, umfassendes Gutachten", und so simulieren Wunder und Hopffgarten einen Prozess. Wunder versucht, sich als Advocatus Diaboli in die "Stellung eines der Richter zu versetzen", die in einem Prozess gegen SPIEGEL-Journalisten und deren Informanten urteilen müssen.

Am Ende akzeptiert Wunder jeden Hinweis Hopffgartens, schließlich komme es auf "zwei Probleme" an: "Was wird geheim gehalten? Was ist zum Wohle der Bundesrepublik geheimhaltungsbedürftig?" Am 13. Oktober erstattet er bei Kuhn in Karlsruhe einen mündlichen Zwischenbericht, drei Tage später sitzt Wunder in einer Runde bei Strauß, der gerade aus dem Frankreich-Urlaub nach Bonn zurückgekehrt ist.

Strauß fragt, angeblich: "Warum denn ein Gutachten überhaupt?" Die Bundesanwaltschaft müsse doch "von sich aus wissen, dass es hier um wichtige Dinge geht". Er akzeptiert aber das geplante Vorgehen. Der Einwand eines Generals, bei einer Hauptverhandlung werde "alles auffliegen", die "echten Planungen" der Bundeswehr und der Nato, wird vom Tisch gewischt.

Während Wunder an seinem Gutachten arbeitet, liefern Aufklärungsflugzeuge der US-Luftwaffe den Nachweis, dass im Westen von Kuba, weniger als 4oo Kilometer vom amerikanischen Festland entfernt, Abschussrampen für sowjetische Mittelstreckenraketen aufgebaut werden. Die Kuba-Krise steuert ihrem Höhepunkt entgegen, ein Atomkrieg droht. In den Fluren des Bonner Verteidigungsministeriums patrouillieren Feldjäger, die Atmosphäre ist aufgeladen. Die Angst vor Spionen nimmt bizarre Züge an.

Am 18. Oktober legt Wunder ein bombastisches Papier vor, der Stempel "STRENG GEHEIM" prangt auf jeder der 25 Seiten. Der Oberregierungsrat listet 41 Stellen aus der SPIEGEL-Titelgeschichte auf, die er für "geheimhaltungsbedürftig im Sinne des § 99, 1 StGB" hält - weil sie "Staatsgeheimnisse" seien. Und er behauptet, "jeder gegnerische Nachrichtendienst" werde nach Lektüre "unbedingt drei Konsequenzen ziehen: a) Er erfährt Tatsachen, die bisher angestellte Vermutungen bestätigen; b) Er gewinnt völlig neue Erkenntnisse und wird Aufträge gezielt verteilen; c) Es werden ihm Probleme eröffnet, die ihm bis jetzt fremd waren".

Wunders Fazit: "Der zweifellos unter Mitwirkung maßgeblicher Geheimnisträger begangene Verrat und der erfolgte Einbruch in den Geheimbereich der Bundeswehr muss als außergewöhnlich schwerwiegend beurteilt werden."

Am Abend informiert Strauß den Kanzler. Dieser soll, so der Minister, ihn bestärkt haben: Er möge "ohne Ansehen von Namen und Person vorgehen".

Die Lügen des Staatssekretärs

Zwei Tage später, Karlsruhe, Bundesanwaltschaft, ein Sonnabend. Bundesanwalt Walter Wagner, 61, ein rundlicher, kleiner Mann, der im Zweiten Weltkrieg Oberstaatsanwalt beim Sondergericht in Posen war, bereitet sich aufs Wochenende vor. Sein Chef ist für ein paar Tage weg, er hat Wagner für die Zeit vom 19. bis zum 23. Oktober die "Vertretung in erstinstanzlichen Sachen übertragen". Der SPIEGEL-Fall ist eine solche erstinstanzliche Sache, deshalb tauchen Kuhn und Wunder bei ihm auf. Wagner liest erst den Artikel, dann das Gutachten - und plötzlich erscheint Volkmar Hopf, 56, Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Er will Wagner von einem notwendigen Schlag gegen den SPIEGEL überzeugen und zieht alle Register. Amerikanische Dienststellen, auch Robert McNamara, US-Verteidigungsminister, und Maxwell Taylor, Kennedys Generalstabschef, hätten sich beschwert beim Kanzler und "nicht nur die Verteidigungsfähigkeit, sondern auch die Bündnisfähigkeit in Frage gestellt".

Stimmt nicht. Die Amerikaner erklären später offiziell, dass der Artikel in Ordnung sei.

Der Staatssekretär erwähnt, ein hochrangiger deutscher Nato-Offizier habe Generalinspekteur Foertsch in einem Schreiben brisante Informanten mitgeteilt, so brisant, dass Foertsch es sofort vernichtet habe. Und doch seien Einzelheiten im SPIEGEL erwähnt.

Stimmt so nicht.

Hopf legt nach. Er wisse, dass Augstein "nach der Rückkehr von einer kürzlichen Reise nach Frankreich geäußert" habe, so kritisch sei für ihn der Grenzübertritt "noch nie gewesen". Soll heißen: Augstein habe zu diesem Zeitpunkt verdächtige Papiere am Mann getragen, die bei einer "rechtzeitigen Durchsuchung" hätten entdeckt werden können.

Kann so nicht stimmen. Augstein war in den Wochen zuvor nicht in Frankreich.

Bundesanwalt Wagner scheint beeindruckt, und doch ist er erst einmal der nachdenkliche Jurist. "Schwerpunkt für unsere Aufgabe" könne doch "nicht die Verlautbarung des SPIEGEL" sein, sagt er. Eher doch die "Verratsquelle im Bundesverteidigungsministerium", das Rubrum eines Verfahrens dürfe nicht heißen: "gegen Augstein und andere, sondern gegen X und andere, darunter Augstein und Ahlers". Und er warnt, ein Strafverfahren gegen den SPIEGEL werde "zu falschen Vorstellungen der Öffentlichkeit führen". Der Konflikt Augstein-Strauß sei doch hinreichend bekannt.

Der Staatssekretär entgegnet, er habe seinen Minister "völlig aus der Sache" herausgehalten - noch eine Lüge. Es könne also von einer Replik des Ministers gegen das Magazin keine Rede sein.

Wagner, der alsbald die Verantwortung wieder abgeben wird, gibt schließlich seine Zustimmung zum bis dahin spektakulärsten Verfahren der bundesdeutschen Geschichte. Das Wunder-Gutachten hat ihn überzeugt, und Hopfs Erklärungen, die Amerikaner seien "bestürzt", legen die "Dringlichkeit eines Einschreitens" nahe.

Dem Bundesanwalt liegt noch eine Sache am Herzen. "Nach den Bestimmungen" sei er gehalten, das Bundesjustizministerium zu informieren, seine vorgesetzte Dienststelle. Hopf sagt, er selbst werde seinen Kollegen Walter Strauß in Kenntnis setzen, Wagner brauche dies nicht zu tun. Strauß, ein CDU-Mann, ist seit 1949 Justizstaatssekretär und, so sagen es viele, der wirkliche Macher im Ministerium.

Der Justizminister selbst, Wolfgang Stammberger, weiß tagelang von nichts. Dass er nicht eingeweiht wird, hat einen Grund: Stammberger ist Freidemokrat, genau wie Augstein. Die Ausschaltung des zuständigen Ministers ist der erste politische Skandal in der sich anbahnenden Staatsaktion. Und wenn es zutrifft, was Strauß später intern behauptet hat, dann hat Adenauer vorher sogar zugestimmt, dass Stammberger einfach übergangen werden sollte.

Die Chefs unterschätzen die Gefahr

Bonn, dieses Hauptstadt-Provisorium, ist kein diskretes Pflaster. Politiker, Diplomaten, Militärs, Journalisten treffen sich beim Tennis, auf dem Markt, in der Kneipe, da sind Geheimnisse ganz schnell keine mehr.

Auch Franz Josef Strauß plaudert gern, besonders dann, wenn er viel getrunken hat. Bei einem Empfang am 24. Oktober auf Schloss Brühl verliert er die Contenance. Helmut Schmidt sei reif für das Zuchthaus, krakeelt Strauß, und auch den SPIEGEL verwünscht er. Irgendwann kotzt er in die gepflegte Gartenlandschaft des berühmten Schlosses.

Die Ausfälle des Verteidigungsministers machen die Runde, auch SPIEGEL-Journalisten hören davon. Dass sich gegen ihr Magazin etwas zusammenbraut, weiß die Chefredaktion bereits seit dem 9. Oktober.

Augstein sollte am folgenden Tag an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. Bei der Vorbereitung für diesen Auftritt sitzt er neben Helmut Schmidt. Man tafelt im feinen Hotel Vier Jahreszeiten, und der Senator frotzelt, der SPIEGEL sei bei der Fallex-Geschichte "ja tüchtig rangegangen". Bundeswehr-Offiziere in der Ermekeil-Kaserne seien der Ansicht, der Artikel offenbare "eine Menge Staatsgeheimnisse", dies habe ihm Staatssekretär Hopf am Telefon erzählt.

Für Schmidt ist klar: Die Strauß-Leute würden "immer verrückter". Und Augstein glaubt nach dem Gespräch mit dem Innensenator zu wissen, was gegen ihn und seine Leute vorliegen könnte: Verdacht auf Landesverrat.

Doch die Redakteure des Magazins nehmen die Nachricht nicht wirklich ernst. Als SPIEGEL-Informant Oberst Martin eine gute Woche später Ahlers anruft und ihn warnt, die Lawine sei ins Rollen gekommen, man suche "einen gewissen A. und seinen Hintermann", entgegnet Ahlers gelassen, dass er davon erfahren habe. Aber jetzt wolle er erst einmal in den Urlaub nach Spanien fliegen. Martin wünscht eine gute Reise und fügt hinzu: "Seien Sie vorsichtig!"

Die Führungskräfte des Hamburger Blattes unterschätzen die Lage. Verlagsdirektor Becker glaubt, die Justiz könne nur auf Antrag des Verteidigungsministeriums den SPIEGEL verfolgen. Einen solchen Antrag hält Becker jedoch für unwahrscheinlich, weil sich Strauß dadurch "politischen Missdeutungen aussetzen" würde.

Unruhig wird Becker erst nach einem Besuch des Hamburger BND-Residenten. Der Auslandsgeheimdienst, der ja Fragen von Ahlers beantwortet hatte, fürchtet, in die Ermittlungen gegen den SPIEGEL hineingezogen zu werden. Bis dahin war Becker davon ausgegangen, es gebe nur "irgendwelche dienstlichen Untersuchungen im Bundesverteidigungsministerium". Nun erfährt er, dass die Bundesanwaltschaft eingeschaltet ist.

Am folgenden Tag ruft Becker Titelautor Ahlers und die Anwälte des Verlags zusammen. Eine Sprachregelung wird vereinbart. Ahlers solle im Fall einer Vernehmung erklären, dass er die Passagen zu Fallex ins Manuskript erst hineingeschrieben habe, nachdem andere Medien über das Manöver berichtet hatten. Ansonsten solle er die Aussage verweigern.

Noch immer glaubt niemand ernsthaft an einen staatlichen Zugriff. Nur Ahlers trifft Vorsorge: Er gibt vor dem Abflug nach Spanien einer Sekretärin Unterlagen zu "Bedingt abwehrbereit". Sie möge die Papiere doch aufbewahren, "außerhalb des SPIEGEL-Verlags".

Der falsche Augstein

Dienstag, 23. Oktober, Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. In seinem Büro tippt Buback eigenhändig die Anträge auf Haftbefehle und Durchsuchungsbeschlüsse auf seiner Schreibmaschine - kein Kanzleibeamter, keine Sekretärin soll etwas mitbekommen. Der Fall ist hochgeheim. Am selben Tag noch stimmt der zuständige Ermittlungsrichter allem zu: Durchsuchungen seien, ergänzt er, "auch zur Nachtzeit zulässig".

Das heißt: Zugriff ohne jegliche Beschränkung. Schlafende Kinder, Einbruch in die Intimsphäre, alles egal.

Der Richter akzeptiert auch, dass der Durchsuchungsbeschluss im Fall Augstein nicht nur "der Person, der Wohnung und der sonstigen Räume des Beschuldigten sowie seiner sämtlichen Geschäftsräume in Hamburg und Bonn und seines Archivs" gilt. Augstein sei "ferner verdächtig", "Beamte oder Mitglieder der bewaffneten Macht … durch Geldgeschenke … zur Verletzung ihrer Amts- und Dienstpflichten" verleitet zu haben.

Bestechung also. Der Verdacht liefert den Grund, die Buchhaltung des Unternehmens auf den Kopf zu stellen: Mit diesem Trick wird versucht, das im Gesetz verankerte Redaktionsgeheimnis auszuhebeln; ein Journalist darf schweigen, um Informanten zu schützen - nicht aber Bestochene.

Für Bestechung gibt es keinerlei Beleg, und es wird ihn auch nie geben. Wahrheitswidrig schwadroniert ein Sprecher der Bundesanwaltschaft kurz darauf: "Der Verdacht der Bestechung hat sich erheblich verstärkt."

Mit Wagner war besprochen worden, den Bundesnachrichtendienst ("ungeklärte Beziehungen zwischen SPIEGEL und BND") ebenso herauszuhalten wie das Bundesamt für Verfassungsschutz ("Der Kreis der Mitwisser soll möglichst klein gehalten werden"). Und auch die Polizei, weil viele Beamte "geschwätzig" seien. Zwei Behörden hingegen genießen das Vertrauen: die in Bad Godesberg bei Bonn ansässige "Sicherungsgruppe" (SG) des Bundeskriminalamts und der Militärische Abschirmdienst (MAD) des Verteidigungsministeriums.

Die Sicherungsgruppe, so bestimmt eine Dienstanweisung, habe "keine eigene Exekutivgewalt", deswegen dürften "alle Dienstgeschäfte in Ermittlungsverfahren nur in Zusammenarbeit mit den örtlich zuständigen Behörden der Kriminalpolizei durchgeführt werden". SG-Fahnder reklamieren im Fall der SPIEGEL-Razzia jedoch die Exekutivgewalt einfach für sich - und schweigen den örtlichen Kollegen gegenüber in den entscheidenden Stunden. Ein Vorgehen, das zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Länderbehörden und Bonn führt.

MAD-Soldaten werden mit der Ausspähung von Verdächtigen beauftragt. Das anrüchige Vorgehen tarnt der Abschirmdienst als "Gefechtsübung" - "Sabotage" heißt deren sinnreiches Codewort. Ein Oberst erstellt eine "Sprechtafel" für den Funkverkehr, die "nach Abschluss der Übung zu vernichten" sei.

Fünf Observationsgruppen stehen bereit: "Einstein", "Zweifel", "Dreifuß", "Viertakt" und "Fünfkampf". Die Hamburger SPIEGEL-Redaktion trägt den Tarnnamen "Hans", die Bonner Dependance heißt "Gretel", Ahlers ist "Fliege" und Augstein "Libelle".

Am 24. Oktober machen sich drei SG-Beamte mit dem Auto auf den Weg Richtung Norden, und in den folgenden Tagen schwärmen die Observationsgruppen des MAD aus. Die Order lautet bei Augstein und Ahlers: Zugriff, wenn deren "Anwesenheit am Wohnort festgestellt" sei.

"Einstein" jagt "Libelle", aber Augstein ist nicht in seiner Wohnung; gerade eben noch war er kurz in seinem Büro, aber das hat das Observationsteam nicht mitbekommen. Die Fahnder des Strauß-Ministeriums graben eine weitere Adresse Augsteins aus, in Düsseldorf. Sie galt, als er auf der nordrhein-westfälischen Landesliste der FDP für den Bundestag kandidieren wollte: im Jahr 1957.

Und die Observanten scheinen Glück zu haben. Sie entdecken einen Mercedes 220 mit dem Kennzeichen HH-CE 552. Ein SPIEGEL-Fahrzeug, abgestellt auf einem Parkplatz an der Königsallee. Also Augstein. Die MAD-Beobachter halten ein Foto von ihm in den Händen und melden den Kollegen des BKA, dass der Mann, der gerade den Wagen besteigt, "identisch" sei mit der "von ihnen überwachten Person".

Die Person hat gerade für den Sonntagsschmaus eine Ente gekauft: Erich Fischer holt für den SPIEGEL und die Illustrierte "Constanze" Anzeigen herein, ist 15 Jahre älter als Augstein - und sieht ihm so ähnlich, wie Adenauer und Strauß sich ähnlich sehen.

Gegen 20 Uhr klärt sich die kaum erklärbare Verwechslung auf. Und Staatsanwalt Buback, der nun fürchtet, dass Fischer seinen Arbeitgeber warnt, gibt von einer Telefonzelle in Hamburg-Langenhorn aus den Befehl: Zugriff.

Es ist Freitagabend, Produktionszeit, etwa 60 Redakteure, Dokumentare und Sekretärinnen feilen an der Ausgabe 44/1962, als zunächst acht Männer ins Verlagsgebäude marschieren. Bubacks Befehl lautet: Alle Personen "entfernen", Zimmer versiegeln. Doch Chefredakteur Claus Jacobi weigert sich, seine Leute abzuziehen. "Dann räumen wir mit Gewalt", tönt ein Beamter - und fordert das Hamburger Überfallkommando als Verstärkung an. Das fährt zwar vor, der Einsatzführer lehnt es aber ab, die Kollegen physisch zu unterstützen: Er teilt nur Wachen ein.

Erst der Hinweis eines leitenden Redakteurs, es gebe doch gar keinen Räumungsbeschluss, wird akzeptiert. Buback lässt die Redaktion weiterarbeiten - bis um 2.45 Uhr. Alle Druckfahnen werden gelesen, an der Seite eines jeden Mitarbeiters steht ein Polizist. Telefonate und Fernschreiben sind untersagt, der Fahrstuhl ist zeitweise lahmgelegt. Am frühen Morgen macht die Staatsmacht dann dicht: die Büros der Redakteure, das Archiv, die Toiletten, die Kaffeeküche. Selbst die Besenkammer.

Fast 3000 Quadratmeter Verlagsfläche sind nun besetzt, im Archiv, mit 5,5 Millionen Blatt Papier und 10 000 Meter Mikrofilm eines der am besten sortierten weltweit, werden Tausende Dokumente beschlagnahmt. Es gilt ja die Weisung des Verteidigungsministeriums, jeder Informant müsse enttarnt werden.

Was in dieser Nacht geschieht, urteilt später der Stuttgarter Oberlandesgerichtspräsident Richard Schmid, sei ein Aufeinandertürmen von "Dummheiten, Blamagen und Verlegenheiten des Staates und der Justiz" gewesen.

In Ahlers' Haus tragen Beamte die gehbehinderte Tante ins Souterrain, wo die Kinder schlafen: Fräulein Wildhagen will dabei sein, wenn im Zimmer ihrer Nichten und ihres Neffen herumgewühlt wird.

Und bei den Jacobis durchkramen die Fahnder sogar das Stroh im Ponystall. Ein Notizbuch des Chefredakteurs mit Krakeleien seines sechsjährigen Sohnes wird sichergestellt.

Augstein und Ahlers bleiben verschwunden. Der SPIEGEL-Herausgeber isst mit dem Ehepaar Becker und seiner späteren Ehefrau Maria zu Abend, der Titelautor genießt den spanischen Herbst.

Strauß' ganz kleiner Dienstweg

Vermutlich hätte die SPIEGEL-Affäre einen anderen Verlauf genommen, wäre da nicht an jenem Tag dieses Telefonat von Ahlers' Ehefrau Heilwig mit ihrer Tante gewesen - das eine Ereigniskette in Gang setzte, an deren Ende der Sturz von Franz Josef Strauß stehen würde.

Die Damen plaudern nämlich über die Pläne für die kommenden Tage, und Heilwig Ahlers erzählt, dass sie und ihr Mann eine Schulfreundin in Marokko besuchen wollen, am nächsten Morgen solle es losgehen. So berichtet es Fräulein Wildhagen den SG-Fahndern.

Und für die gibt es nur einen Gedanken: Ahlers, der vermeintliche Landesverräter, setzt sich nach Afrika ab.

Gegen Mitternacht erreicht diese Botschaft Staatssekretär Hopf - und der hat eine originelle Idee: Die Sicherungsgruppe, quasi die Leibwache der Bundesregierung, solle sich doch der Sache annehmen. Als deren Chef den Einsatz unter Hinweis auf fehlende Zuständigkeit ablehnt, raunt Hopf, das Verteidigungsministerium werde dann "auf eigenem Weg versuchen", Ahlers dingfest zu machen.

Das Vorhaben erweist sich allerdings als überaus kompliziert. Zwar gibt es mit der Franco-Diktatur in Spanien ein Auslieferungsabkommen. Das Delikt Landesverrat wird davon jedoch nicht abgedeckt. So bleibt nur die Möglichkeit, darauf zu hoffen, dass die Spanier im Falle von Ahlers' Festnahme ihn als unerwünschten Ausländer abschieben - oder er freiwillig in die Bundesrepublik zurückkehrt.

Doch so denkt Franz Josef Strauß in dieser Nacht der Nächte nicht, vielleicht kann er es auch gar nicht. Er hat vermutlich zu viel getrunken, als er nachts von einer Veranstaltung kommend im Büro eintrifft.

Seinem Adjutanten befiehlt er, ihn sofort mit der deutschen Botschaft in Madrid zu verbinden. Von nun an wird der ganz kleine Dienstweg beschritten.

Im Verteidigungsministerium ist bekannt, dass Ahlers und der Militärattaché in Madrid, Achim Oster, einander gut kennen. Auch Strauß ist mit Oster per du. Der Sohn des von Hitler ermordeten Widerstandskämpfers Hans Oster hatte einige Jahre in der CSU-Landesgeschäftsstelle gearbeitet.

Als die Leitung nach Spanien steht, weist Strauß einen erstaunten Diplomaten in Madrid an, innerhalb der folgenden 30 Minuten dafür zu sorgen, dass Oster in Bonn anrufe. Das sei ein dienstlicher Befehl - und er fügt hinzu: "Ich handle in diesem Augenblick auch im Auftrag des Herrn Bundeskanzlers und des Herrn Außenministers."

Die Aussage ist doppelt dreist. Erstens kann Strauß einem Diplomaten nichts befehlen. Und zweitens ist Christdemokrat Gerhard Schröder, der Außenminister und schärfste Rivale im Kampf um die Adenauer-Nachfolge, nicht informiert. Ausdrücklich nicht.

Achim Oster wird auf einer Party aufgetrieben, er rast in die Botschaft, gegen 1.30 Uhr kommt das Telefonat mit Strauß zustande. Oster hat das denkwürdige Gespräch, in dem Strauß zwischen privatem "Du" und dienstlichem "Sie" schwankt, aus der Erinnerung notiert; der bislang unbekannte Vermerk findet sich in seinem Nachlass in der Freiburger Dependance des Bundesarchivs.

Strauß: "Hier geht das Gerücht, dem Ahlers vom SPIEGEL sei in Spanien durch Vermittlung des BMVtdg Quartier gemacht worden. Bist Du daran beteiligt? Dein Name ist in Verbindung damit genannt worden."

Oster: "Nein, ich habe kein Quartier gemacht. Ahlers ist in der vorigen Woche hier durchgekommen. Ich habe ihn und seine Frau bei der Durchreise gesehen."

Strauß: "Weißt Du, wo er wohnt?"

Oster: "Ja, in Torremolinos, entweder Hotel Montemar oder Olympico."

Strauß: "Sehr gut. Glaubst Du, dass er dort gegen mich recherchiert?"

Oster: "Nein, ich hatte nicht den Eindruck. Er und seine Frau waren erholungsbedürftig. Er kommt am 4. 11. wieder zurück über Madrid. Im Gegenteil, Ahlers sagte mir, die Strauß-Campagne, die allein Augsteins ,Hobby' sei, sei nun abgeblasen - es würde Frieden gemacht."

Strauß: "Das hat er sich leider zu spät überlegt. Herr Oberst Oster, ich habe jetzt etwas durchzugeben, was Sie als einen dienstlichen Befehl aufzunehmen haben. Ich komme soeben vom Bundeskanzler, und dies ist zugleich eine Weisung des Bundeskanzlers. Seit heute Abend ist Haftbefehl gegen die Redaktion des SPIEGEL erlassen worden wegen des dringenden Verdachtes des Verrats militärischer Geheimnisse. Mehrere Redakteure sind schon festgenommen. Herr Augstein ist in Kuba. Leider muss ich auch annehmen, dass Offiziere meines Hauses beteiligt sind; gegen 12 Offiziere läuft zurzeit die Festsetzung. Auch gegen Conny Ahlers ist Haftbefehl erlassen. Es kommt darauf an, ihn in den nächsten Stunden, d. h. sofort, vorläufig festzunehmen. Der Generalbundesanwalt muss durch ihn erfahren, wo bei uns im Hause das Loch ist. Ich brauche Dir nicht zu sagen, was dieser Schlag jetzt im Augenblick der ernsten politischen Lage bedeutet. Unsere Sicherheit und die der Nato ist durch die unverantwortlichen Äußerungen im SPIEGEL auf das Ernsteste gefährdet. Ich gebe Dir den dienstlichen Befehl, die spanischen Stellen um Haftunterstützung (sic) zu bitten, um die Sicherstellung des Ahlers unverzüglich zu veranlassen, damit er nicht gewarnt wird und entwischt. Es handelt sich um einen eindeutigen Verdacht des Verrates militärischer Geheimnisse. Außerdem aber sind die Auslassungen im SPIEGEL dazu angetan, die Bevölkerung in der Bundesrepublik zu paralysieren … Diesen Leuten, die unsere Sicherheit in so verantwortungsloser Weise gefährden, muss das Handwerk gelegt werden. Bedenke unsere ernste Lage."

Strauß vermittelt am Telefon offenbar den Eindruck, er wende sich an den neben ihm stehenden Hopf. Später heißt es, er habe auf einer zweiten Leitung mit dem Staatssekretär telefoniert. Vermutlich hat Strauß einfach nur Theater gespielt - und Oster ließ sich täuschen. Denn der Attaché notierte:

"Dazwischen: Herr Hopf, der Haftbefehl gegen Ahlers liegt doch bereits vor?

Zu mir: Ja, der Haftbefehl liegt vor, er lautet auf Verrat militärischer Geheimnisse und auf aktive Bestechung. Ich wiederhole meinen Befehl, es kommt auf größte Eile an, wir bitten die Spanier um Amtshilfe. Ich erwarte Deine Meldung."

Oster: "Ich fürchte, ich werde bei den Spaniern nichts erreichen ohne Unterlagen, Haftersuchen, Haftbefehl, Übermittlung an spanische Stellen."

Strauß: "Haftbefehl ist da, der geht jetzt sofort an die spanischen Stellen. Es kommt uns darauf an, dass keine Zeit verloren wird und die vorläufige Festnahme bis morgen früh erfolgt, damit er nicht gewarnt wird. Hast Du verstanden?"

Oster: "Jawohl."

Offenkundig hält Oster alles für möglich: Augstein auf Kuba, ein Dutzend Offiziere in Haft, sein Freund Ahlers ein Verräter, der Haftbefehl schon unterwegs.

Die deutschen Diplomaten unterhalten gute Kontakte zur spanischen Polizei, der man versichert, der Haftbefehl werde jeden Augenblick eintreffen. Gegen drei Uhr morgens wird das Ehepaar Ahlers im Hotelzimmer in Torremolinos festgenommen und im nahen Málaga in eine Arrestzelle gesperrt.

Später wird die Staatsanwaltschaft Bonn feststellen, dass alle, der Minister, der Staatssekretär und Oster, sich "objektiv" der Amtsanmaßung und der Freiheitsberaubung schuldig gemacht hätten. Strauß versucht, alles unter der Decke zu halten. Sein Adjutant vereinbart mit Oster, so ein Vermerk des Militärattachés, über "die Gespräche in der Nacht völliges Stillschweigen zu bewahren".

Die Abgeordneten des Bundestags belügt Strauß ohne Hemmungen. Er behauptet, er habe mit Ahlers' Verhaftung nichts zu tun gehabt - und macht alles nur noch schlimmer. Wenig später tritt er zurück, es ist jener Knick in seiner Karriere, der ihn auch langfristig die Chance auf den Kanzlerjob kostet.

Nach einer Nacht im Polizeipräsidium in Málaga erklärt sich Ahlers bereit, nach Deutschland zurückzukehren. Seine Frau und er landen am 28. Oktober in Frankfurt am Main. Ahlers wird verhaftet.

Zu diesem Zeitpunkt ist sein Chef Augstein bereits einen Tag unter Kuratel der Staatsmacht, in Zelle 32 des Untersuchungsgefängnisses am Hamburger Holstenglacis. Der SPIEGEL-Gründer hat sich freiwillig gestellt und gibt sich bei den Ermittlungen kooperativ. Auf Bubacks Geheiß wird er in die Redaktion gebracht, wo er in seinem Büro den Safe öffnen soll.

Buback findet in dem Tresor eine Kopie des Ahlers-Exposés. In diesem Moment sei ihm klar gewesen, sagte Augstein später, dass die Ermittler in den einfach so hingeschriebenen Seiten nur eines sehen können: den Ersatz für einen "Schuldbeweis".

Lesen Sie auf den folgenden Seiten:

die Rolle des BND in der SPIEGEL-Affäre.

Lesen Sie im nächsten Heft:

Vier Wochen dauert die Besetzung der

Redaktion, Adenauer droht Hamburgs Bürgermeister, die Bundesanwaltschaft will Helmut Schmidt ins Gefängnis bringen.

"Die Affäre gewann ihre eigentliche Brisanz durch die neuartige Mobilisierung der Öffentlichkeit, die spontane Solidarisierung mit dem SPIEGEL, die schroffe Polarisierung zwischen Linksliberalen und Rechtskonservativen."

Historiker Hans-Ulrich Wehler

"Die weitere Aufrechterhaltung des allgemeinen nuklear-strategischen Vergeltungskonzepts ist töricht. Die These von der Unvermeidbarkeit nuklearer Verteidigung ist tödlicher Unfug."

Auszug aus Helmut Schmidts Nato-Studie 1961

"Diese Kriegsbildfassung war nur einem kleinen Personenkreis innerhalb des Verteidigungsministeriums bekannt. Allen anderen zur Mitentscheidung berufenen Organen einschließlich des Kanzlers sollte eine entschärfte Fassung vorgetragen werden."

Aussage von Oberst Martin vor der Bundesanwaltschaft im Dezember 1962

"Herr Oberst Oster, ich habe jetzt etwas durchzugeben, was Sie als dienstlichen Befehl aufzunehmen haben. Ich komme soeben vom Bundeskanzler, und dies ist zugleich eine Weisung des Bundeskanzlers."

Strauß-Telefonat mit dem Militärattaché Oster in Madrid

"Bei Becker werden zwei Aktenvermerke gefunden, die den dringenden Tatverdacht des Landesverrats gegen Becker und den Oberst Wicht verdichten."

Auszug aus der Handakte des Bundesanwalts Buback


DER SPIEGEL 38/2012
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