17.09.2012

Unrühmliche Rolle

Von Bönisch, Georg; Latsch, Gunther; Wiegrefe, Klaus

Der Bundesnachrichtendienst hält bis heute seine Unterlagen zur SPIEGEL-Affäre geheim. Aus anderen Quellen liegen dem SPIEGEL die wohl wichtigsten Papiere nun vor: Danach hat der BND jahrelang die Redaktion bespitzelt und zu manipulieren versucht.

Der knorrige Patriarch im Kanzleramt pflegte einen robusten Umgang mit den Kabinettskollegen, und so erstaunt nicht, dass Konrad Adenauer, damals 86, seinen Justizminister Wolfgang Stammberger, 42, in striktem Ton von einer Dienstreise nach Bonn zitierte. Stammberger wandte ein, er habe noch in Karlsruhe zu tun. Doch Adenauer blieb hart: "Das ist egal, Herr Stammberger, kommen Sie sofort und bringen einen Bundesanwalt mit."

Es war der 12. November 1962, und den "Alten" trieb die SPIEGEL-Affäre um. Seit gut zwei Wochen waren Redaktionsräume des Hamburger Magazins besetzt, wichtige Redakteure, darunter Herausgeber Rudolf Augstein, saßen in Haft. Die Bundesanwaltschaft warf ihnen vor, mit einer kritischen Titelgeschichte über den Zustand der Bundeswehr Landesverrat begangen zu haben.

Doch die Ermittler kamen nicht voran, und der stets misstrauische Adenauer witterte Verrat. Jemand musste die SPIEGEL-Leute vor der Razzia gewarnt und ihnen die Möglichkeit verschafft haben, das angeblich landesverräterische Material verschwinden zu lassen.

Adenauers Verdacht fiel auf Reinhard Gehlen, den Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND). Dessen Mitarbeiter Oberst Adolf Wicht unterhielt nämlich Kontakte zum SPIEGEL. Und so ließ der Kanzler neben Stammberger auch Gehlen und dessen engste Mitarbeiter ins Palais Schaumburg kommen.

Als Stammberger und Bundesanwalt Albin Kuhn eintrafen, eröffnete Adenauer dem verdutzten Justizminister: "Herr Stammberger, Sie müssen den Herrn Gehlen verhaften. Er hält sich in einem Nebenzimmer auf und ist dort greifbar."

Rückfrage Stammberger: "Warum soll ich den Herrn Gehlen festsetzen?"

Darauf Adenauer: "General Gehlen hat die Vorbereitungsmaßnahmen gegen den SPIEGEL dem Oberst Wicht mitgeteilt, und der hat sie dem SPIEGEL verraten."

Aber das war selbst Stammberger zu viel: "Herr Bundeskanzler, wenn wir keine harten Beweise haben, stellt uns kein Bundesrichter einen Haftbefehl aus." Und da Bundesanwalt Kuhn sich ebenfalls weigerte, gab Adenauer grollend nach. "Ich bin auch einmal Staatsanwalt gewesen, früher war das aber ganz anders", klagte er.

Immerhin erklärte sich Kuhn bereit, Gehlen zu vernehmen.

Die Szene im Kanzleramt sprach sich herum und zählt zu den größten Demütigungen in Gehlens Karriere. Nie wieder sollte er Adenauers Vertrauen zurückgewinnen.

Welche Rolle der Bundesnachrichtendienst in der SPIEGEL-Affäre wirklich spielte, das ist bis heute unklar. Obwohl BND-Präsident Gerhard Schindler wie auch sein Vorgänger Ernst Uhrlau erklärten, man wolle in historischen Fragen Transparenz üben, weigert sich der Geheimdienst bislang beharrlich, Unterlagen zu diesem Thema offenzulegen.

Da manche BND-Mitarbeiter bei ihrem Abschied vom Dienst jedoch Kopien von Akten zum SPIEGEL-Komplex mitnahmen, fanden einige der geheimen Papiere den Weg nach draußen. Nachzulesen sind inzwischen auch jene Aussagen, die BND-Leute bei den Vernehmungen durch Bundesanwalt Kuhn und Kollegen machten. Außerdem berichtete der BND stets der vorgesetzten Behörde, dem Kanzleramt; auch diese Unterlagen sind auf Antrag des SPIEGEL jetzt freigegeben.

Somit lässt sich erstmals die Sicht des BND auf den SPIEGEL 1962 beschreiben. Die Quellen legen den Verdacht nahe, dass der Geheimdienst sein Archiv vor allem deshalb nicht öffnet, weil er seinerzeit eine unrühmliche Rolle spielte.

Schon im Kerngeschäft - der Nachrichtenermittlung - zeigte sich der BND Anfang der sechziger Jahre erschreckend ahnungslos. Ernsthaft verbreitete er, Moskau und Ost-Berlin hätten die SPIEGEL-Affäre generalstabsmäßig konzipiert, um Strauß zu stürzen - doch leider sei ihnen der britische Geheimdienst zuvorgekommen und hätte "wesentliche Teile dieser Planung von sich aus aufgegriffen". Das soll angeblich der sowjetische Botschafter in Bonn intern erklärt haben.

Noch peinlicher ist das, was Gehlen später als "Panne" bezeichnete: dass BND-Leute dem SPIEGEL im Rahmen ihrer Pressearbeit indirekt halfen, den kritischen Titel über die Bundeswehr zu erstellen - ihrem Chef davon aber nicht berichteten. So bestärkte ein ahnungsloser Gehlen den Verteidigungsminister Franz Josef Strauß darin, gegen ebenjenen Artikel juristisch vorzugehen. Prompt glaubte Strauß, von jeher Verschwörungstheorien zugetan, Gehlen habe ihn und den SPIEGEL gegeneinandergehetzt.

Am schwersten wiegt bei der Beurteilung des BND jedoch, dass er den Akten zufolge jahrelang drei "konspirative Linien" in den SPIEGEL unterhielt, also unter den Hunderten Mitarbeitern des Verlags einige als Agenten geworben hatte. Juristisch war das ein Rechtsbruch. Der Dienst sollte Erkenntnisse über das Ausland sammeln - und nicht in Redaktionen herumschnüffeln, um die PR für die Bundesregierung zu verbessern.

Genau das aber hatte Gehlen seinen Mannen befohlen, wie der für Pressekontakte zuständige BND-Direktor Kurt Weiß (Deckname "Winterstein") vor der Bundesanwaltschaft aussagte. Man habe SPIEGEL-Artikel über "politische Persönlichkeiten in der BRD vorher erfassen" wollen, um Veröffentlichungen "abzuändern bzw. überhaupt zu verhindern".

Die Spitzelei erreichte einen Höhepunkt während der SPIEGEL-Affäre. Pullach sammelte nicht nur Erkenntnisse darüber, wo angeblich die Informanten des Blatts für die Titelgeschichte zu finden seien (in "Schleswig-Holstein/Hamburg") und wie man an die Namen kommen könne (über die Reisekostenabrechnungen). Der Dienst trug auch zusammen, was seine Schnüffler aus Gesprächen mit Juristen des SPIEGEL und der Familie Augstein lieferten.

Nach Aktenlage erwog die BND-Führung, ihre Erkenntnisse der Bundesanwaltschaft für deren Ermittlungen zuzuleiten. Ob Gehlen das am Ende tat, ist ungeklärt.

Sympathisch war dem steifen Gehlen, Jahrgang 1902, das freche Blatt aus dem Norden nie. Der Thüringer hielt nach eigenen Angaben Verbindungen nur zu "honorigen" Journalisten. Die SPIEGEL-Leute zählte er ausdrücklich nicht dazu.

Dennoch wurde das Magazin zum Lieblingsobjekt des Nachrichtendienstes, der sich Anfang der fünfziger Jahre noch "Organisation Gehlen" (Org Gehlen) nannte und quasi eine Behörde der amerikanischen Besatzungsmacht war.

Es herrschte Kalter Krieg, und der konservative Nationalist Gehlen witterte überall "trojanische Pferde des Bolschewismus", welche die Bundesrepublik "für eine subversive Machtergreifung durch die Kommunisten aushöhlen".

Im SPIEGEL vermutete Gehlen, der bei jeder Wetterlage Sonnenbrille trug, eine "kommunistische Spionagezelle". Doch alle Versuche, ausreichend belastendes Material für ein Verfahren gegen das Magazin zusammenzutragen, scheiterten an dem "außerordentlich geschickten, stets auf journalistische Anliegen begründeten Verhalten" der SPIEGEL-Redakteure, wie Gehlen verärgert notierte.

Das Misstrauen bestand freilich beiderseits. Augstein schätzte Geheimdienste gering - was ihn nicht davon abhielt, wohl aus historischem Interesse, Kontakt zum BND-Vorläufer zu pflegen. Gehlen hatte während des Kriegs eine Abteilung im Generalstab geleitet, die Analysen über die Rote Armee verfasste; er galt als Kenner des Sowjetreichs.

Im SPIEGEL-Archiv finden sich zwei Anfragen von Augstein an die Org Gehlen, ob Hitlers Angriff auf die Sowjetunion 1941 für diese überraschend gekommen sei - und ob der sowjetische Meisterspion Richard Sorge als Leutnant aufgetreten sei.

1951 lernte Augstein Gehlen persönlich kennen. Sie trafen sich bei Bremen, und der Journalist machte sich später darüber lustig, dass ihm Gehlen eine Zigarre Marke "Geheimdienst" anbot.

Die Verbindungen zwischen den Klandestinen und der SPIEGEL-Spitze liefen über den zeitweiligen Chef des Ressorts "Internationales/Panorama" des Magazins: Horst Mahnke, später jahrelang enger Mitarbeiter Axel Springers und Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger. Vom BND wurde er unter dem Decknamen "Klostermann" geführt.

Mahnke, ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer, zählte zu den besonders zweifelhaften Figuren des deutschen Nachkriegsjournalismus. Er hatte im Reichssicherheitshauptamt, der Terrorzentrale des Hitler-Staates, in der Marxismus-Abteilung mitgetan. Beim SPIEGEL arbeitete er von 1951 bis 1959.

Augstein und der spätere Chefredakteur und Verlagsdirektor Hans Detlev Becker zögerten damals nicht, auch einige ehemalige Nazis zu beschäftigen - frei nach der Devise "entnazifiziert war entnazifiziert", wie Becker inzwischen einräumt. Er zeigt Verständnis dafür, dass sein damaliges Vorgehen Kritik hervorruft (SPIEGEL 2/2007).

In der Redaktion war bekannt, dass Mahnke vorübergehend der Einsatzgruppe B angehört hatte, die für schwerste Verbrechen im Holocaust verantwortlich war. Doch Augstein und Becker machten für ihn die Unschuldsvermutung geltend. Als Mahnke später für Springer arbeitete, wurde ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ohne Ergebnis eingestellt.

Mehrere Dutzend von Mahnkes SS-Kameraden fanden bei Gehlen Unterschlupf, insbesondere bei der Bremer Außenstelle, die zunächst für den SPIEGEL zuständig war. Da neben Mahnke eine Handvoll weiterer Männer aus dem Totenkopforden bei dem Magazin untergekommen war, steht heute die - freilich unbewiesene - Vermutung im Raum, dass ehemalige SS-Männer bei der Org Gehlen unter ehemaligen Kameraden beim SPIEGEL Informanten warben.

1953 startete die Org Gehlen eine "nachrichtendienstliche Operation" gegen Augsteins Blatt. Unter "Wahrung größtmöglicher Sicherheitsmaßnahmen und schärfster interner Abschirmung" (Gehlen) wurden drei sogenannte Gegenspionage-Verbindungen in die Redaktion hergestellt, also Spitzel angeheuert.

Das Interesse in Pullach war evident. Die Ausnahmestellung der Org Gehlen konnte nicht von Dauer sein. In absehbarer Zeit würden die USA die Behörde in deutsche Hände geben. Da wollten die Geheimen sichergehen, dass sie nicht abgewickelt würden. Gehlen fürchtete eine kritische Berichterstattung des SPIEGEL und behauptete, dessen Journalisten sei Stasi-Material über seine Behörde zugespielt worden, gegen das er sich schützen müsse.

Die Sorge erwies sich als übertrieben: 1956 wurde die Org Gehlen nicht aufgelöst, sondern zu einer regulären Bundesbehörde. Eigentlich hätte der BND-Chef damit die SPIEGEL-Operation abblasen können, doch die Verlockung war groß, die einmal angeworbenen Agenten zu nutzen. Und so machte es sich der BND zur Aufgabe, in der Redaktion auch dann "präventiv einzugreifen", wenn es nicht um eigene Belange ging, sondern um die Interessen anderer Behörden.

Offenbar störte sich in der jungen Adenauer-Republik niemand an dem Rechtsbruch. Gehlen erklärte später, sein Dienst habe "Einwirkungen auf nachrichtendienstlichen Wegen" auf Wunsch "der verschiedensten Behörden, darunter Bundeskanzleramt, Verteidigungsministerium, auch Bundesanwaltschaft" vorgenommen, den SPIEGEL also bespitzelt und zu manipulieren versucht.

Wer die nun vorliegenden neuen Dokumente oberflächlich liest, könnte den Eindruck gewinnen, der Geheimdienst habe das Magazin an der kurzen Leine geführt. So prahlte etwa Gehlen, ihm sei es gelungen, "unerwünschte Veröffentlichungen zu verhindern, abzuschwächen oder durch Spielmaterial in eine andere Richtung zu lenken". 1959 beispielsweise habe der BND angeblich einen Artikel über die Stasi durch die "Einstreuung (von) lanciertem Material" beeinflusst oder einen Artikel über Korruption "im persönlichen Bereich" des späteren Kanzlers Ludwig Erhard verhindert.

Das SPIEGEL-Archiv gibt dazu nichts her. Zeitungsredaktionen sind keine Behörden, die ihr eigenes Tun für die Nachwelt dokumentieren wollen oder müssen.

Aber Zweifel an Gehlens Version sind angebracht. Schließlich stammen die von ihm präsentierten Erfolgsbilanzen aus dem Herbst 1962, als der BND-Präsident seine Politik gegenüber dem SPIEGEL rechtfertigen musste. Dass der Oberspion zur Aufschneiderei neigte, legt zumindest ein BND-Papier nahe, das Maßnahmen gegen den SPIEGEL aus den Jahren 1953 bis 1962 auflistet. Danach galt schon als Spionage-Erfolg, wenn der BND herausfand, dass das Magazin einen bestimmten Artikel ins Englische übersetzen wollte. Auch behauptete Pullach, den SPIEGEL von Recherchen in Franz Josef Strauß' Verwandtschaft über dessen Finanzgebaren abgebracht zu haben. Der Hinweis, das sei "abwegig", soll schon genügt haben.

Ein Staatssekretär aus dem Verteidigungsministerium schimpfte jedenfalls, dass es dem Dienst "niemals" gelang, "den Inhalt einer SPIEGEL-Ausgabe am Vorabend des Erscheinungstages zu beschaffen". Intern bewertete der BND seine drei Verbindungen in die Redaktion als nur "mehr oder weniger" tragfähig.

Einen konkreten, offiziellen Kontakt zwischen Pullach und SPIEGEL gab es immerhin: Er entwickelte sich 1954, als die Führung der Org Gehlen fürchtete, das Magazin könne deren Zukunft als Bundesbehörde "entscheidend stören". So erinnerte sich jedenfalls BND-Mann Weiß.

Der Strauß-Sympathisant fuhr mit einem Kollegen nach Hamburg und lud die Redaktion ein, über den fast unbekannten Geheimdienst zu berichten.

SPIEGEL-Mann Becker hatte während des Kriegs als Unteroffizier bei der Funkabwehr gedient und seitdem ein Faible für Geheimdienstthemen. Er nahm dankend an und reiste ins Isartal nach Pullach. Man präsentierte ihm Karten, Berichte und Unterlagen, die alle belegen sollten, wie großartig sich doch die Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) während des Zweiten Weltkriegs geschlagen hätte. FHO - das war jene Geheimdiensteinheit, die Gehlen bis April 1945 geleitet hatte und die den Kernbestand der Organisation Gehlen bildete.

Heute, nach jahrzehntelanger historischer Forschung, ist bekannt, dass die FHO ein eher erfolgloser Haufen war. Doch damals machte die scheinbar geballte Kompetenz mächtig Eindruck auf Besucher Becker. Er traf sich mit einem etwas lustlosen Gehlen zum Essen, später schenkte der General ihm eine antiquarische Ausgabe der Memoiren des einstigen Generalstabschefs Helmuth von Moltke.

Becker sagte später, er habe Gehlen nicht sehr beeindruckend gefunden, aber das von ihm geschriebene Porträt war ein für den Geheimdienstboss und seine Truppen schmeichelhafter Text ("Des Kanzlers lieber General"). Das Werk gab auch die offizielle Version wieder, derzufolge der Geheimdienst weitgehend frei von Leuten aus dem Imperium von SS-Chef Heinrich Himmler sei.

Beim Dienst klopfte man sich auf die Schulter. Man habe dem SPIEGEL "irreführende Angaben zugeschoben" und alle Punkte ausgeräumt, die "die Schlagkraft" der Organisation hätten lähmen können.

Ein Desinformationserfolg, der nicht lange währte. Anfang der sechziger Jahre wurde eine Seilschaft von Ostspionen im BND enttarnt - alles ehemalige Himmler-Leute.

Der Dienst blieb über den späteren SPIEGEL-Verlagschef Becker nach dessen Titelgeschichte im steten Kontakt. Beckers Ansprechpartner war Adolf Wicht, der Hamburger Resident des Bundesnachrichtendienstes.

Wicht kam von der Bundeswehr. Wortkarg, zurückhaltend, ein Pflichtmensch. Offiziell gab er sich als Journalist aus. Seine Berichte über die Treffen mit dem pedantisch wirkenden Preußen Becker legte er in einer Akte unter dem Decknamen "Rotweiß" ab, offenkundig in Anlehnung an das SPIEGEL-Cover.

Nach Notizen von Hans Detlev Becker empfing der SPIEGEL-Mann den BND-Residenten und dessen Kollegen zwei- bis dreimal im Jahr in seinem Büro: Manchmal hätten die Geheimdienstler "Material zur Veröffentlichung mitgebracht, manchmal wollten sie auch irgendetwas erfahren". Vor der Bundesanwaltschaft sagte Rudolf Augsteins engster Mitarbeiter später aus, der Kontakt sei "vertrauensvoll" gewesen.

Die Redaktion hatte ein professionelles Interesse an einem dauerhaften Kontakt zum Auslandsnachrichtendienst, um sich besser über Geheimdienstliches informieren zu können. Das Risiko, geleimt zu werden, nahm man in Kauf.

Insgesamt sieben oder acht Artikel habe Becker im Laufe der Jahre ganz oder teilweise "zur Prüfung" vorgelegt, so sagte Wicht vor Bundesanwälten aus, zumeist sei es um die Streitkräfte des Warschauer Paktes gegangen: "Wir sollten zum Bild über den Osten beitragen."

Journalisten standen in der jungen Bundesrepublik schnell im Verdacht, Landesverrat zu begehen. Auch vor Veröffentlichung der Titelgeschichte über den miserablen Zustand der Bundeswehr kam Becker daher einer Aufforderung der Bundesanwaltschaft nach, sich im Zweifelsfall bei den "Geheimnisträgern des Staates" rückzuversichern. Er übergab Wicht zwei Listen mit insgesamt 13 Fragen. In der einen ging es ums Fachliche ("Wie gliedern sich die Streitkräfte der Nationalen Volksarmee?"), bei der anderen um Geheimschutz ("Darf man sagen, dass die Zahl der Bundeswehr-Reservisten über 500 000 Mann beträgt?").

Wicht versuchte im Gegenzug, von Becker den Artikel vorab zu erhalten. Der SPIEGEL-Mann lehnte ab, das Manuskript sei nicht fertig. Dennoch beantwortete der BND die Fragen prompt, und die Informationen wurden im Artikel berücksichtigt.

Wichts Ansprechpartner in Pullach war allerdings BND-Pressemann Weiß, und dieser versäumte es, ihren gemeinsamen Chef Gehlen zu informieren. So gaben es BND-Leute später vor Staatsanwälten und dem Geheimdienst-Ausschuss des Bundestags zu Protokoll, und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln.

Gehlen war demzufolge ahnungslos, als er am 17. Oktober - eine gute Woche nach Erscheinen des Bundeswehr-Titels im SPIEGEL - einen Termin bei Strauß in Bonn hatte. Der Verteidigungsminister bat um Rat, ob er gegen das Blatt "Anzeige oder ein Verfahren veranlassen" sollte, wegen Landesverrats. Scharfmacher Gehlen riet zu. Nach Angaben von Strauß drängte der BND-Chef sogar darauf, gegen das Hamburger Blatt loszuschlagen.

Zurück in Pullach musste Gehlen tags darauf erfahren, dass ausgerechnet seine Mitarbeiter zu jenem Text beigetragen hatten, gegen den Strauß nun vorgehen wollte. Nach Aussagen von Zeugen vor der Bundesanwaltschaft war der Präsident "sehr erregt" und klagte, er sei in einer "sehr misslichen Lage", die zu einer "Vertrauenskrise" im Verhältnis zu Strauß führen könne. Auch BND-Mann Weiß bekam es mit der Angst zu tun. Würde die Bundesanwaltschaft ihn und seine Kollegen ins Visier nehmen, wenn herauskäme, dass sie dem SPIEGEL Fragen beantwortet hatten?

Weiß und Wicht hatten einander nie leiden können, der sechs Jahre jüngere CSU-treue Weiß hielt den mit einer Russin verheirateten Wicht für ein Sicherheitsrisiko. Nun waren sie aber aufeinander angewiesen. Hamburg-Resident Wicht übernahm nach eigener Darstellung den Auftrag, den BND aus der "Gefahrenzone herauszubringen". Er traf sich am 18. Oktober mit Becker und erklärte, der Dienst könne Verantwortung nur für seine Auskünfte übernehmen, nicht für den gesamten Artikel. Am liebsten wäre es den BND-Leuten gewesen, wenn Becker die Fragelisten samt Antworten herausgegeben hätte; dann wären beim SPIEGEL keine Beweise für eine Zusammenarbeit mehr zu finden gewesen. Doch ein solches Anliegen brachte Wicht nicht vor.

Nachdem acht Tage später die Redaktion besetzt worden war, geriet ein Becker-Vermerk in die Hände der Staatsanwälte, der die Interpretation zuließ, Wicht habe das Magazin vor Ermittlungen gewarnt und sei ein Landesverräter. Am 2. November wurden Wicht und Becker verhaftet.

Das Ansehen des BND war ramponiert, die Achse Adenauer-Gehlen auf immer zerbrochen. Da halfen auch nicht die Berichte der drei BND-Agenten im SPIEGEL: Die Texte waren - soweit sie vorliegen - nicht sonderlich gehaltvoll. Bei Augstein seien angeblich "Fotos mit sehr peinlichen Szenen beschlagnahmt worden", meldete "Quelle II", die es gern schlüpfrig mochte. Sie schwadronierte von "Erpresser-Briefen an verschiedene Minister und Abgeordnete", die beim SPIEGEL vorlägen.

Die letzten Dienstjahre verbrachte Gehlen in zunehmender Bedeutungslosigkeit und schied schließlich 1968 altersbedingt aus. Nur Hamburg-Resident Wicht musste den Dienst verlassen. Er kehrte zur Bundeswehr zurück, und obwohl das Verfahren 1965 gegen ihn (und Becker) eingestellt wurde, stockte seine Karriere. Um ihn dafür zumindest etwas zu entschädigen, beschäftigte der SPIEGEL-Verlag Wicht nach dessen Pensionierung für einige Jahre im Vertrieb.

Was aus den drei SPIEGEL-Leuten wurde, die ihre Kollegen verrieten, ist nicht bekannt. Der BND will die Namen bis heute nicht preisgeben.

Vielleicht wird er das bald müssen. Der SPIEGEL bereitet eine Klage vor.

"Herr Stammberger, Sie müssen den Herrn Gehlen verhaften. Er hält sich in einem Nebenzimmer auf und ist dort greifbar."

Adenauers Anweisung an den Justizminister, 12. November 1962

BND-Zentrale in Pullach 1960

BSTU


DER SPIEGEL 38/2012
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