17.09.2012

FUNDAMENTALISTENDer Preis der Freiheit

Ein Betrüger aus Kalifornien und drei weitere religiöse Hetzer haben mit einem Film auf YouTube die islamische Welt in Brand gesetzt. Tausende demonstrieren, Islamisten griffen die deutsche Botschaft im Sudan an.
Die Anzeige erschien im Hollywood-Branchendienst "mooncasting.com": Ein Regisseur, der sich Alan Roberts nannte, suchte Schauspieler für ein "historisches Wüsten-Drama". 18 Tage lang wollte er in Los Angeles drehen, "Wüstenkrieger" sollte sein "Indie-Film" angeblich heißen.
"Diverse nahöstliche Charaktere, bärtig", brauchte der Regisseur, aber auch viele Frauen, vor allem eine gerade mal volljährige Schauspielerin, die "jünger aussehen muss, zierlich, unschuldig". Und natürlich suchte er jemanden für die Hauptrolle: "George" sollte sein arabischer Krieger im Film heißen, "ein Führer, romantisch, charismatisch".
Ein Trailer dieses Trash-Films, fast 14 Minuten lang und auf YouTube zu sehen, erschüttert seit Dienstag vergangener Woche die Welt. Denn aus "George" wurde im fertigproduzierten Film Mohammed, der Prophet des Islam. Aus der jungen Schauspielerin wurde ein Kind, über das sich der Film-Mohammed hermacht - genauso wie über einige der anderen Frauen. Auch ein Esel spielt eine Rolle. Und die bärtigen Männer in den Nebenrollen mimen Mohammeds Getreue, die im Film Menschen quälen und massakrieren, bis Hollywood-Blut von den Schwertern rinnt. "Die Unschuld der Muslime" heißt der Film - ein zynischer Titel, voller Hohn, die maximale Provokation.
Brutaler als durch diesen Film wurde der Islam wohl selten geschmäht. Wer so etwas auf YouTube stellt, will echtes Blut sehen. Und echtes Blut fließt jetzt. Denn der Film hat Teile der islamischen Welt in einen Hexenkessel verwandelt. In Ägypten, im Jemen, aber auch in Ländern wie Tunesien oder Bangladesch demonstrierten in der vergangenen Woche aufgebrachte Gläubige.
Besonders heftig begann die neue Schlacht in Libyen. Ausgerechnet in Bengasi, das ja unter anderem die Amerikaner vom Regime Muammar al-Gaddafis befreit hatten, demonstrierte ein Mob vor dem US-Konsulat. Einige schwerbewaffnete Extremisten griffen schließlich mit Panzerfäusten und Sturmgewehren an, der Botschafter und drei weitere Amerikaner starben.
Und vieles spricht dafür, dass es so weitergehen könnte. Am Freitag attackierten Islamisten in der sudanesischen Hauptstadt Khartum die deutsche Botschaft, die Bundesregierung schloss aus Angst vor Gewalt ihre Vertretungen in mehreren islamischen Ländern. Die Amerikaner ziehen Mitarbeiter ab und haben Lenkwaffen-Zerstörer vor die libysche Küste entsandt, möglicherweise auch um die Täter zu jagen.
Der politische Schaden ist immens: Die fragilen Regierungen der Staaten des Arabischen Frühlings wanken noch stärker als zuvor. Der Westen verliert nun viel von dem Kredit, den ihm sein Einsatz gegen die Diktatoren Gaddafi oder Mubarak eingebracht hat.
Und es scheint keine Lösung zu geben in dem großen Konflikt, der alldem zugrunde liegt: Für die säkularen Staaten im Westen, aber auch für säkulare Muslime ist Freiheit lebensnotwendig, die Meinungsfreiheit, die Freiheit der Kunst, die Freiheit der Religion. In manchen islamischen Ländern aber verwischen sich die Grenzen zwischen Religion und Politik. Und viele Menschen haben in den Armenvierteln von Kairo, Sanaa oder Khartum wenig, worauf sie stolz sein könnten, nur ihren Glauben.
Es ist einfach, die Ungebildeten mit einer Gotteslästerung tödlich zu beleidigen. Und es ist noch einfacher geworden, seit es das Internet gibt. So einfach, dass nur ein Muslim-Hasser irgendwo in Amerika auf einen Button klicken muss, dann geht ein Video an YouTube, und auf der anderen Seite des Globus explodiert die Gewalt. Dieser neue Kampf der Kulturen wird von Extremisten auf beiden Seiten geführt, die gegeneinander hetzen - Extremisten wie Sam Bacile.
Unter diesem Namen zumindest stellte jemand schon im Juli das Video auf YouTube, in einer englischen Version. Wochenlang passierte nichts. Doch vor zehn Tagen kam eine arabische Version hinzu. Nun erst verbreitete sich der Schmähfilm, und die Menschen im Nahen Osten verstanden, was es mit Mohammed, dem Esel und dem kleinen Mädchen auf sich hat. Als der Aufstand begann, wurde Reportern der Nachrichtenagentur Associated Press von Informanten eine Telefonnummer zugesteckt.
Und tatsächlich meldete sich ein Mann und behauptete, er sei Sam Bacile, der Regisseur des Films. "Der Islam ist ein Krebsgeschwür", sagte er und erzählte, er sei ein israelischer Jude und habe nur die Wahrheit über den Islam verbreiten wollen. Rund 100 Juden hätten ihm Geld dafür gegeben, fünf Millionen Dollar angeblich. Wer so etwas sagt, nimmt nicht nur ein paar Tote in Kauf, der zieht zumindest aus Sicht vieler Muslime den Staat Israel mit hinein.
Doch den Journalisten kam die Geschichte merkwürdig vor. Sie fanden die passende Adresse zur Handy-Nummer heraus. Der Mann, der ihnen in einer Sackgasse von Cerritos bei Los Angeles öffnete, bestritt, Bacile zu sein. Er sei nur für die Logistik des Filmteams zuständig gewesen, sagte er und zeigte ihnen seinen Führerschein. Dabei hielt er den mittleren Namen mit einem Finger bedeckt. Den Namen Nakoula Nakoula konnten die Journalisten lesen - der Rest war Recherche. Denn dieser Nakoula ist gerichtsbekannt als Bankbetrüger: 790 000 Dollar Schadensersatz musste er nach einem Richterspruch aus dem Jahr 2010 zahlen, dazu kamen 21 Monate Freiheitsstrafe.
Nun wussten die Reporter, dass er Nakoula Basseley Nakoula hieß, ein koptischer Christ aus Ägypten mit US-Staatsbürgerschaft - nach den Strafakten führt er mindestens 14 Alias-Namen. "Basseley" klingt fast wie "Bacile". Amerikanische Ermittler glauben, dass Sam Bacile, Nakoula Basseley Nakoula und der Regisseur ein und dieselbe Person sind.
Die rund 80 Schauspieler des Films wussten offenbar nicht, worum es ging. Sie fühlen sich nun "vom Produzenten hintergangen" und "grob getäuscht", so ein gemeinsames Statement. Sie glaubten die Geschichte vom Wüstenfilm. Aber die entscheidenden Stellen - in denen aus "George" der Prophet Mohammed wurde - wurden nach den Drehtagen wohl mit anderen Sprechern neu vertont. Die Lippenbewegungen passen zwar nicht zum Ton, das ganze Video ist aber sowieso derart amateurhaft zusammengeschnipselt, dass es wie eine Karikatur wirkt. "Jetzt sind Menschen gestorben für einen Film, in dem ich bin, das macht mich krank", so eine der Schauspielerinnen.
Andere wussten sehr wohl Bescheid. Der Amerikaner Steve Klein zum Beispiel hat den Filmemacher beraten, etwa bei den Dialogen. Klein ist ein christlicher Extremist, ein notorischer Islam-Hasser. Mitgebaut an der Bombe hat auch Morris Sadek, ein radikaler Kopte, aus Ägypten vertrieben. Er hat das Video auf seiner Website, die in islamischen Ländern gelesen wird, erst bekanntgemacht.
Der dritte Hetzredner im Team ist der amerikanische Pastor Terry Jones. Er droht immer wieder damit, Koran-Exemplare öffentlich zu verbrennen, und warb ebenfalls im Internet für "die Unschuld der Muslime". "Der Film ist zwar nicht in Hollywood-Qualität gedreht", so Jones zum SPIEGEL, den Inhalt aber wollte er weiter verbreiten. Jones erzählt, er telefoniere jetzt täglich mit dem Filmemacher, den er nur "Sam" nenne: "Wir wollen ihm helfen, einen Ort zu finden, wo er sich verstecken kann."
Zwei koptische Christen, zwei fundamentalistische Christen - für die christlichen Minderheiten im Nahen Osten eine fatale Entwicklung. Vielleicht 14 Millionen Christen leben hier, etwa 8 Millionen Kopten in Ägypten. Am Freitag vergangener Woche landete Papst Benedikt XVI. im Libanon, sein Besuch sollte zeigen, dass die Christen zum Nahen Osten gehören, er wollte einen Dialog führen.
Hilfe und Dialoge können vor allem die koptischen Christen in Ägypten gebrauchen. Seit Jahrzehnten werden sie unterdrückt, erniedrigt, immer wieder brennen muslimische Extremisten Kirchen nieder. Und seit die Demonstranten des Tahrir-Platzes Husni Mubarak stürzten, seit der Griff des Diktators nicht mehr für Ruhe sorgt, leiden sie noch mehr: Im Oktober vergangenen Jahres starben 24 Kopten, als nach einem Kirchenanschlag Armeepanzer demonstrierende Christen überrollten.
Nakoula Basseley Nakoula hat die Kopten nun in noch größere Gefahr gebracht. Am Samstag vorvergangener Woche begann das Gift seiner Propagandisten zu wirken. Auf dem ägyptischen Fernsehkanal al-Nas führte Talkmaster Chalid Abdullah Passagen aus der arabischen Version des Videos vor: das kleine Mädchen, den Esel, den lächerlichen Propheten. Chalid Abdullah ist genauso ein Brandstifter wie der Kopte Nakoula. Er steht nur auf der anderen Seite und hetzt am liebsten gegen Kopten.
Am Montag danach rief Aiman al-Sawahiri, Chef der Qaida, pünktlich zum Jahrestag des 11. Septembers alle Muslime, aber besonders alle Libyer auf, sich an den Amerikanern zu rächen - für den Tod von Abu Jahja al-Libi. Eine US-Drohne hatte die Nummer zwei der Qaida im Juni in Pakistan getötet.
Am vergangenen Dienstag, dem Jahrestag der 9/11-Anschläge, begannen die Krawalle vor der US-Botschaft in Kairo: Demonstranten bewarfen Polizisten mit Steinen, die antworteten mit Tränengas, die Bilanz bis Freitagabend: über 220 Verletzte.
Im Jemen stürmten Hunderte Randalierer die amerikanische Vertretung in der Hauptstadt Sanaa, Wachen feuerten in die Menge, wohl vier Menschen starben.
Und im Sudan marschierten am Freitag 5000 Demonstranten vor die deutsche und die britische Botschaft. Sie legten Feuer, sie johlten, sie tanzten, schwarze Rauchwolken wälzten sich in den Himmel. Statt der deutschen Flagge hissten die Muslime ein schwarzes Banner.
Die deutschen Diplomaten waren gewarnt worden, sie brachten sich rechtzeitig in Sicherheit. Denn sie wurden nicht zufällig zum Ziel der Wut: Sudans Außenminister Ali Ahmed Karti attackierte im Staatsfernsehen Angela Merkel persönlich, sie habe eine antiislamische Demonstration vor dem Bundestag zugelassen: "Die deutsche Kanzlerin begrüßte unglücklicherweise diese Beleidigung des Islam und verletzte damit die Grundsätze religiöser Koexistenz." Tatsächlich hatte ein Berliner Gericht eine Demonstration der rechtsextremen Initiative "Pro Deutschland" genehmigt - die nun auch das Hetzer-Video auf ihrer Internet-Seite zeigt.
Der Angriff auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi schockierte nicht nur die Supermacht: Zum ersten Mal seit 1979 starb ein US-Botschafter bei einem Anschlag: Chris Stevens, der den libyschen Rebellen geholfen hatte, Bengasi von den Truppen Muammar al-Gaddafis zu befreien. Ein Mann, ohne den die Revolution vielleicht anders ausgegangen wäre. Als den "unbekanntesten Helden" bezeichnet ihn einer seiner Kollegen.
Bis Freitagabend war nicht zu klären, wie und wann Stevens starb, wahrscheinlich war eine Rauchvergiftung die Ursache. Es gibt ein Bild von Stevens aus dieser Nacht, sein T-Shirt ist rußverschmiert, ein Mann schleift ihn über den Boden, es sieht aus, als würden sie ihn evakuieren.
Auch wer den Angriff anführte, steht noch nicht fest. Ein wütender Mob, von radikalen Islamisten unterwandert? Oder waren es doch Mitglieder von al-Qaida, die den Anschlag als Racheakt geplant hatten? Der in London ansässige Libyer Noman Benotmann, ein ehemaliger Gefolgsmann Bin Ladens, der sich vor zehn Jahren von der Terrorgruppe lossagte, äußerte als erster diesen Verdacht. Der Anschlag sei von knapp 20, mit RPG-7-Panzerfäusten ausgerüsteten Kämpfern verübt worden, so Benotmann, und habe in zwei Wellen stattgefunden.
Der Tod des Botschafters stürzt Libyen in eine tiefe Krise, am Tag nach dem Angriff wählte der Nationalkongress einen neuen Premier. Dass der Technokrat Mustafa Abu Schaghur sich eindeutig gegen Islamisten positioniert, wird nun von den Ereignissen überschattet.
Am vergangenen Mittwoch tat US-Außenministerin Hillary Clinton viel, um die Muslime zu besänftigen: "Die Regierung der Vereinigten Staaten hat absolut nichts mit diesem Video zu tun", sagte sie, "für uns, für mich persönlich, ist das Video widerlich und verwerflich."
Seltsam hilflos wirkte sie, während auf allen Fernsehkanälen Amerikas die Bilder der Krawalle liefen. Sie hätte sagen können, dass auch in den USA die Meinungsfreiheit ihre Grenzen habe, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden - so wie Präsident Barack Obama schwor, er werde die Mörder des Botschafters in Bengasi jagen lassen.
Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hatte sich noch am Abend der ersten Ausschreitungen zu einer vorschnellen Kritik an der Obama-Regierung hinreißen lassen. Deren Verhalten bezeichnete er als "beschämend", Obama müsse "amerikanische Werte" verteidigen. Romney bezog sich dabei auf eine Stellungnahme der US-Botschaft in Kairo, die den Film als Werk "törichter Individuen, die die religiösen Gefühle von Muslimen verletzen", verurteilt hatte.
Die Debatte um Freiheit und freie Meinungsäußerung war spätestens da eröffnet. Nebenbei hatte sich Romney in Rekordgeschwindigkeit disqualifiziert, indem er das Drama für Wahlkampfattacken missbrauchte.
Natürlich ist Clinton wie Obama gefangen im Dilemma des Westens, wo auch Brandstifter sagen können, was sie denken. Sie kann nicht einmal den Google-Konzern zwingen, das Video von seiner Plattform YouTube zu nehmen. In Libyen und Ägypten sperrten die Firmenmanager es, ansonsten verstoße es nicht gegen die Hausregeln.
In manchen Ländern existieren zwar Gesetze, die Blasphemie unter Strafe stellen oder die Aufstachelung zum Rassenhass. Wirklich effektiv sind die wenigsten. Und in den USA dürfen Rechtsextremisten selbst den Holocaust leugnen.
Doch ist es richtig, die Freiheit von Männern wie Nakoula hochzuhalten, die sie dann missbrauchen? Ist das der Preis der Freiheit? Oder muss man Nakoulas Redefreiheit sogar gerade deshalb schützen, weil den meisten Menschen sein Treiben zuwider ist? Weil das die hehren Werte der Freiheit besonders zeigen würde? Stellt der Westen sich dann nicht in die Nähe unbeugsamer Islamisten, die auch einen Krieg anfangen würden wegen eines Bildes von Mohammed mit einem Esel?
Eine bequeme Antwort vieler Politiker ist, dass Wörter nicht töten, Bilder niemanden erschlagen. Erst wo Gewalt ins Spiel komme, höre die Meinungsfreiheit auf.
Aber auf dem YouTube-Forum unter dem unsäglichen Film schreibt ein "Khalidbaby": "Manche Amerikaner denken, dass sie die Freiheit haben, dass sie tun können, was sie wollen. Aber Freiheit enthebt euch nicht der Verantwortung für das, was ihr tut."
Schon der bittere Streit um die Beschneidung jüdischer und muslimischer Jungen in Deutschland zeigt, was religiöse Menschen als ebenso schlimm empfinden können wie Gewalt. Selbst aufgeklärten deutschen Juden ist das Stückchen Haut als Symbol ihres Glaubens so wichtig, dass sie darüber nachdachten, Deutschland zu verlassen.
Und wie schnell manche Muslime auf Provokationen mit Gewalt reagieren, ist spätestens seit den Mohammed-Karikaturen bekannt. Extremisten im Orient wie im Okzident kennen die wunden Stellen. Bei den Muslimen schüren selbsternannte Dschihadisten, auch Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida, die Unruhen.
Die Mauern der US-Botschaft in Kairo sprechen jetzt ihre Sprache: "Oh Obama, wir sind alle Enkel von Osama", steht da. Und natürlich tauchten in Ägypten schnell Karikaturen auf, die den US-Präsidenten als Marionette der Zionisten zeigen, daneben die bekannte Krake mit dem Davidstern, darüber die Flagge Saudi-Arabiens und die schwarze der Islamisten, der Qaida: "Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet."
Unter den Protestlern waren denn auch ein Bruder des Qaida-Chefs Sawahiri und einige Söhne des blinden Scheichs Umar Abd al-Rahman, der in den USA wegen Verschwörung im Zusammenhang mit dem ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 in Haft sitzt.
Wo religiöse Fanatiker auf einen Anlass warten, genügt schon ein Funke: Im vergangenen Monat mussten in Pakistan Christen aus Häusern in einem Armutsviertel von Islamabad flüchten. Ein geistig zurückgebliebenes Mädchen war in den Verdacht geraten, Koranseiten verbrannt zu haben. Hassprediger riefen nach Rache.
Der Erste, der den Glauben so öffentlichkeitswirksam instrumentalisierte, war wohl der iranische Ajatollah Chomeini. Sein Opfer war 1989 der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 145). In seinem Buch "Die satanischen Verse" hatte Rushdie sich - in den Augen vieler Muslime - an der Ehre des Propheten vergangen, weil er mehrere Huren in seinem Werk unter den Namen der Frauen Mohammeds auftreten ließ. Barrikaden brannten, bis heute sind auf Rushdies Kopf Millionen ausgesetzt.
Rushdie konnte sich jahrelang vor islamistischen Killern verstecken, der niederländische Künstler Theo van Gogh hingegen musste mit dem Leben dafür zahlen, dass er sich an den Koran herangewagt hatte. Sein Kurzfilm "Submission", sechs Jahre nach den satanischen Versen veröffentlicht, zeigte eine nackte Muslimin, scheinbar kalligrafiert mit Koranversen über Keuschheit und Unterwerfung.
Zwei Monate später, im November 2004, schoss ein Niederländer mit marokkanischen Wurzeln den Filmemacher nieder. Van Gogh wusste, was er lostreten würde. Er wollte die Provokation, er wollte für die Kunstfreiheit kämpfen, mit der schärfsten Waffe, die er hatte.
Ein Jahr danach löste die dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" die bislang massivsten Unruhen aus. Zwischen Asien und Afrika starben 150 Menschen - weil die Zeitung zwölf Karikaturen des Propheten gedruckt hatte, darunter ein Werk des Zeichners Kurt Westergaard. Es zeigte Mohammeds Kopf mit einem Turban, an dem eine Lunte glimmt. Westergaard selbst entkam Anfang 2010 nur knapp einem Anschlag.
Erst wenige Monate vor dem Karikaturen-Streit hatten amerikanische Soldaten im Hochsicherheitstrakt von Guantanamo ihre muslimischen Gefangenen erniedrigt. Ein Koran wurde durch den Urin eines US-Soldaten besudelt. Danach gingen Muslime in Nordafrika, Pakistan und Indonesien auf die Straße.
Und im Februar dieses Jahres verbrannten Soldaten in der afghanischen US-Basis Bagram versehentlich mehrere Dutzend Koranausgaben. 41 Menschen starben bei den prompt einsetzenden Protesten - obwohl sich Präsident Obama öffentlich bei seinem Kollegen Hamid Karzai entschuldigt hatte.
Diesmal wird der politische Schaden weit größer sein. Denn der Arabische Frühling hat zwar Diktaturen weggefegt. Doch kann ein Video wie das aus Los Angeles die Extremisten in den fragilen Staaten gefährlich stärken.
In Libyen stehen zwei ideologisch unterschiedliche Gruppen gegeneinander, die noch dazu einen territorialen Zwist ausfechten. Manche Stämme Ostlibyens sind fundamentalistischer als jene Tripolitaniens. Dass die relativ säkularen Kräfte aus Tripolis die Wahl gewonnen haben, ist für diese Stämme um Bengasi ein Problem. Die Machtverhältnisse, die unter Gaddafi bestanden, wurden somit eher bestätigt als überwunden. Die Wahlsieger selbst hingegen wissen um die leichte Entflammbarkeit ihrer Brüder im Osten.
Wichtiger jedoch ist Ägypten. Dort geht es um den Frieden mit Israel, um eine zusammenbrechende Wirtschaft in einem Land, das die USA schon zu Mubaraks Zeiten mit Millionen Dollar pro Jahr unterstützen mussten. Es geht auch darum, wie sich die mächtige Muslimbruderschaft entwickelt, die politische Heimat des neuen Präsidenten Mohammed Mursi.
In Ägypten bekämpfen die radikalen Salafisten die weniger radikalen Muslimbrüder. Die Salafisten, von ihrem überraschend guten Abschneiden bei den Parlamentswahlen 2011/12 beschwingt, sind enttäuscht von der Wahl des in ihren Augen zu gemäßigten Mursi.
Und der Führungskreis um Mursi weiß, dass die Bruderschaft nur wenig Zeit hat, ihre Herrschaft in Ägypten zu legitimieren: Es muss ihr gelingen, Sicherheit zu schaffen - und zumindest eine Aussicht auf Wohlstand. Den Salafisten kann beides so gleichgültig sein, wie es Osama Bin Laden gleichgültig war - darin liegt die Gefahr.
So stehen in Libyen wie in Ägypten zwei Ängste gegeneinander - die vor der Machtübernahme der Gemäßigten und die vor dem Absturz der Radikalen in die Bedeutungslosigkeit.
Mursi muss versuchen, den radikalen Islamisten entgegenzukommen, das erklärt sein Schwanken in der vergangenen Woche. Erst sagte er 24 Stunden lang nichts zu den Krawallen. Dann garantierte er seinem Volk die "Freiheit zu protestieren". Gewalt gegen Botschaften aber werde geahndet.
Doch nach den Übergriffen auf die US-Botschaft sagte Mursi lange nichts, obwohl Washington das Land großzügig unterstützt. Stattdessen rief Jussuf al-Karadawi, Fernsehprediger und Meisterdenker der Muslimbrüder, jetzt in Katar zu weiteren "Demonstrationen islamischer Wut" auf.
Es geht darum, wer sich als bester Verteidiger der Ehre des Propheten profilieren kann. Das ist ein Spiel, bei dem die Radikalen leicht gewinnen. In Kairo, Tunis, Sanaa waren es immer die radikalsten Fundamentalisten, die zu den US-Einrichtungen zogen. Lange waren die Salafisten von der Politik ferngehalten worden. Seit acht Monaten, seit den ägyptischen Parlamentswahlen aber ist ihre "Partei des Lichts" Akteurin im parlamentarischen Spiel.
Auch im Westen wird der Film seine Spuren in der Politik hinterlassen: Politiker in den USA und Europa können sich in ihren Bedenken bestätigt fühlen, dass die Befreiung der arabischen Nationen eben auch die Islamisten befreit hat. Denn so lautete immer die Botschaft der Diktatoren: Wir sind keine Demokraten, aber wir sind das Bollwerk gegen die Dschihadisten.
Dabei war der Glaube jahrzehntelang der einzige Raum, den die Diktatoren nicht vollständig kontrollieren konnten. Das mag zu seiner politischen Radikalisierung beigetragen haben. Was sich jetzt immer wieder Bahn bricht, ist deshalb auch das Erbe dieser Diktaturen - selbst noch viele Monate nach ihrem Sturz.
Radikale Islamisten haben in Bengasi Botschafter Stevens umgebracht. Aber ebenso starb er für die Freiheit der christlichen Hetzer.
"Wir fühlen uns nicht verantwortlich", sagt der radikale Christen-Prediger Jones, "wir bedauern natürlich, dass jemand gestorben ist. Aber wir übernehmen dafür keine Verantwortung. Wir haben lediglich unser Recht auf freie Meinungsäußerung ausgeübt. Das Recht ist nur etwas wert, wenn man Dinge sagen kann, die die Leute nicht mögen."
Von Lazar Backovic, Dieter Bednarz, Clemens Höges, Marc Hujer, Juliane von Mittelstaedt, Christoph Reuter, Marcel Rosenbach, Alexander Smoltczyk und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 38/2012
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