17.09.2012

ERFINDUNGENSchwimmende Klokugel

Ein amerikanischer Ingenieur erkundet die Kultur geschichte der Patentzeichnungen - er diagnostiziert eine Kunstform im Niedergang.
Kevin Prince hat einen eigenen Weg gefunden, sich der Schönheit dieser Welt zu nähern. Anderen mag sich der Geniefunke menschlicher Schöpferkraft beim Betrachten eines Gemäldes mitteilen. Prince genügt dazu jene Zeichnung, die zu Patent Nummer 7909975 gehört und folgende Erfindung illustriert: "System zur Gewinnung von Gas, das durch Elektrodialyse produziert wurde".
"Ob da jemand durchblickt oder nicht", schwärmt Prince, "solche Werke machen Spaß und sind voller Charakter." Da spricht ein echter Liebhaber.
In Verzückung versetzt ihn auch die zeichnerische Umsetzung des Patents mit dem Titel "Schnelle Erkennungsprozesse und verwandte Anordnungen": "Es bereitet Vergnügen, sich einfach zurückzulehnen und auszumalen, wofür das wohl gut sein könnte", freut sich Prince.
Der Freund des wohlgesetzten Zeichenstrichs, ein gelernter Ingenieur, arbeitet in den Vereinigten Staaten als Patentanwalt; er ist mithin in einer an sich humorlosen Branche tätig, in der es um geistiges Eigentum und mitunter viel Geld geht. Prince jedoch hat dem Gegenstand seines Wirkens ein heiteres Denkmal gesetzt(*).
In seiner Kulturgeschichte der Patentzeichnung feiert er etwa die Schönheit einer Maschine zur Herstellung von Glaswaren aus dem Jahr 1898. Die Darstellung der Apparatur gibt kaum Einblick in deren Funktionsweise, doch egal: "Das Kunstwerk zu betrachten ist Belohnung genug."
Dass Prince die bizarren Seiten des Fachs zu schätzen weiß, ist auch seinem Vater Paul zu verdanken, der selbst 26 Patente einreichte. 1976 wollte Prince senior etwa mit einer im Wasser schwimmenden Klokugel reüssieren, die das Geräusch des Urinstrahls dämpft. "Hat nicht so ganz funktioniert", resümiert der Sohn, der seinem Vater aber bescheinigt, "überaus produktiv" gewesen zu sein.
Der Erfolg eines Patents ist ohnehin keine Voraussetzung, damit sich Prince dafür erwärmen kann. Zwar entwickelte sich die Zahnbürste mit eingebautem Pastenspender aus dem Jahr 1966 nicht zum Verkaufsschlager; dennoch feiert der Autor das mit sieben Abbildungen versehene Patentblatt als Klassiker. "Die Zahnpasta wird als sandige Substanz abgebildet, die man geradezu schmecken kann, wenn sie durch die Büschel der Borsten gedrückt wird", schreibt Prince.
Sein Werk dokumentiert freilich auch den Niedergang einer Kunstform. Das Patent D538820 aus dem Jahr 2007 präsentiert eine neue Form von "Mediengerät"; nüchtern und lieblos fällt die zugehörige Zeichnung aus: Sie zeigt eine Nano-Variante des iPod von Apple.
Die Patentzeichnung zum Gerät belegt, dass Apple-Gründer Steve Jobs seine Kraft lieber in die Entwicklung seiner Produkte investierte, als damit auf dem Patentamt zu glänzen - eine Haltung, die Prince nicht behagt.
Früher hätten Erfinder noch gemäldeartige Illustrationen geschaffen, um ihre Schöpfungen gebührend zu würdigen. Herausragendes Beispiel seiner Zeit sei etwa der Flugapparat eines Amerikaners aus Delaware gewesen, der am 5. Oktober 1869 Patentreife erlangte. Ungeklärt ist, ob das Gerät jemals einen Menschen sicher in die Höhe gehoben hat. Doch auf dem Papier trägt der Gleiter in vollendetem Detailreichtum einen schnauzbärtigen Abenteurer durch die Lüfte.
Todesverachtung verlangte auch jener Taucheranzug seinem Träger ab, den das U. S. Patent and Trademark Office im Jahr 1810 patentierte. Auf dem Bild blickt ein Taucher recht zuversichtlich; doch das entsprang wohl der Phantasie des Zeichners. In Wahrheit dürfte nur ein Lebensmüder in der engen Tauchkammer in die Tiefe hinabgeglitten sein.
Weit entspannter, aber künstlerisch nicht minder formvollendet geht es in einer Patentschrift aus dem Jahr 1830 zu: Ein unbekannter Faulenzer lümmelt sich samt Pfeife auf einem Diwan. Der sanft Dösende hat nichts anderes zu ertragen, als dass ihm ein Fächer Frischluft zuwedelt. Ein komplex anmutender Mechanismus betreibt die Vorrichtung. Hübsch anzusehen ist das Ensemble allemal; ob das Gerät wirklich funktionsfähig war, spielt da schon keine Rolle mehr.
"Patentzeichnungen durchzusehen gleicht einer Reise mit einer Zeitmaschine", meint Kenner Prince. Als wegweisend erwies sich 1895 etwa die Patentzeichnung 543215 der amerikanischen Erfinderin Bridget Mann: Sie zeigt eine mechanische Variante der Geschirrspülmaschine.
"Was für ein Fortschritt das damals war", begeistert sich Prince - "und was für ein Glück, dass wir dieses Gerät heute nicht mehr benutzen müssen."
(*) Kevin Prince: "The Art of the Patent". Glassko Press, San Juan Capistrano; 212 Seiten; 24,99 Euro.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 38/2012
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