17.09.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH

Joe, du musst jetzt leben, bis du stirbst

Von Oehmke, Philipp

Salman Rushdie über die Zeit im Versteck

SPIEGEL: Mr. Rushdie, Sie haben Ihre Biografie nach Ihrem Decknamen benannt, den Sie während der Zeit der Verfolgung angenommen hatten.

Rushdie: Ja. Das war mit das Erste, was die Polizisten mir gesagt hatten: Ich brauche einen Decknamen. Es mussten geheime Häuser gemietet werden, ich brauchte ein falsches Bankkonto, falsche Schecks, und außerdem brauchten meine Personenschützer einen Decknamen, wenn sie über mich redeten. Aber versuchen Sie mal, sich einen auszudenken. Ich habe tagelang überlegt.

SPIEGEL: Und sich dann ausgerechnet für "Joseph Anton" entschieden?

Rushdie: Die Namen zweier Lieblingsdichter von mir: Joseph Conrad und Anton Tschechow. Zuerst wollte ich den Namen einer Figur nehmen, die ich für einen neuen Roman entwickelt hatte. Die Figur war geistig leicht verwirrt, ebenfalls Schriftsteller und hieß Ajeeb Mamouli. Das schien passend. Ajeeb heißt "merkwürdig", Mamouli "normal". Er war also Herr Merkwürdig Normal, ein wandelnder Widerspruch. So fühlte ich mich.

SPIEGEL: Und?

Rushdie: Na ja, der Name gefiel meinen Personenschützern nicht. Zu schwer zu merken, zu schwer auszusprechen, viel zu asiatisch. Unsere Feinde könnten schließlich auch eins und eins zusammenzählen, sagten sie. Dann habe ich andere Lieblingsdichter kombiniert, Marcel Beckett, Vladimir Joyce, Franz Sterne. Alles lächerlich.

SPIEGEL: Joseph Anton fanden Ihre Beschützer gut?

Rushdie: Den liebten sie. Von da an war ich Joe, zehn Jahre lang. Hey Joe. Ich habe es gehasst. Wenn ich allein mit ihnen im Haus war, habe ich gesagt: Mann, könnt ihr mal kurz aufhören, mich Joe zu nennen? Es ist keiner da, und wir alle wissen doch, dass ich Salman bin. Half nichts. Ich habe mir dann gesagt: Joe, du musst jetzt leben, bis du stirbst.

SPIEGEL: Als Ihr Personenschutz dann 1999 eingestellt wurde, starb auch Joe?

Rushdie: Ja. Ich war froh.

SPIEGEL: Und trotzdem lassen Sie ihn jetzt wiederauferstehen.

Rushdie: Weil ich vermitteln wollte, was für eine sehr verstörende Erfahrung es ist, in einer Welt zu leben, in der einem befohlen wird, seinen Namen aufzugeben.

SPIEGEL: Vor anderthalb Jahren haben Sie uns in einem SPIEGEL-Gespräch gesagt, dass diese Zeit Sie emotional und psychisch sehr beschädigt hat. Hat es Ihnen nun geholfen, über diese Zeit zu schreiben?

Rushdie: Lange Zeit habe ich mich emotional nicht in der Lage gesehen, die Realität von damals wieder zu betreten. Ich wollte nicht. Ich dachte: Ich bin aus diesem dunklen Tunnel herausgekommen und habe es irgendwie geschafft, die Tür hinter mir zuzuschlagen. Lass die Tür bloß zu! Aber ich wusste immer, dass ich irgendwann darüber schreiben würde. Fast vom ersten Tag an habe ich ein Journal geführt.

SPIEGEL: Jeden Tag?

Rushdie: Fast jeden Tag. Manchmal nur kurze Einträge, manchmal längere Geschichten. Es wurden Tausende Seiten, ein komplettes Chaos. Die Emory University in Atlanta hat sie für mich katalogisiert. Plötzlich hatte ich mein Leben unter der Fatwa vor mir liegen, Tag für Tag. Das war ein ziemlicher Schock. Die Einträge reichen vom Herbst 1988, als "Die satanischen Verse" in England erschienen, bis 2003.

SPIEGEL: Wussten Sie, dass Sie irgendwann darüber schreiben? Oder war es eine Art Selbsttherapie?

Rushdie: Ich habe geschrieben, damit ich mich erinnern konnte. Die Macht der Ereignisse war so intensiv, und alles geschah mit solch einer Geschwindigkeit, dass ich wusste, ich würde mich daran nicht erinnern können. In diesen sehr einsamen, isolierten Tagen war das Schreiben manchmal das Einzige, was blieb.

SPIEGEL: Wie waren diese Tage?

Rushdie: Ich habe am Tag, als die Fatwa veröffentlicht wurde, am 14. Februar 1989, mein Haus in London verlassen und nicht gewusst, dass ich für Jahre nicht zurückkehren werde. Am folgenden Tag begann die Operation Malachit, so nannte die für mich zuständige Special Branch der Londoner Polizei meinen Fall. Sie haben mich dann in den ersten Monaten umhergeräumt: Hotels, merkwürdige Pensionen von Polizisten in Rente, Apartments von Freunden, später kurzfristig gemietete Wohnungen und Häuser. Die Tage begannen damit, dass man morgens im Schlafanzug seine Beschützer in der Küche traf.

SPIEGEL: Wie viele Personenschützer hatten Sie?

Rushdie: Ich hatte über die ganzen Jahre immer zwei Personenschützer rund um die Uhr bei mir. Außerdem zwei Fahrer sowie zwei gepanzerte Autos, einen alten Jaguar und einen noch älteren Landrover. Das zweite Auto fuhr immer mit, falls das erste eine Panne hatte.

SPIEGEL: Kann man sich daran gewöhnen?

Rushdie: Ja, natürlich. Aber es gab eine Stimme in meinem Kopf, die sich weigerte. Ich wollte mir nicht erlauben, dies als mein Leben zu akzeptieren. Über die ganze Zeit hinweg habe ich versucht, es zu beenden.

SPIEGEL: Sie haben öffentlich gekämpft. Sie haben sich verteidigt, Sie haben versucht, Iran dazu zu bewegen, die Fatwa zurückzunehmen: Sie haben sich aufgerieben und sich durch diesen Kampf immer mehr Feinde gemacht. War das richtig?

Rushdie: Ich wollte es mir nicht gestatten, mein eigenes Bild von der Welt aufzugeben. Und stattdessen das Sicherheitsbild der Polizei zu übernehmen. Denn dann wird man zu deren Kreatur. Dann muss man tun, was die sagen. Ich habe sehr geschätzt, wie ich beschützt wurde, ich verstand, dass es sehr wichtig war, und einige der Personenschützer sind zu Freunden geworden. Aber meine öffentliche Kampagne sowie die Verhandlungen mit dem Sicherheitsapparat zielten stets darauf, ein normales Leben wiederzubekommen.

SPIEGEL: Was hätte denn unter den Umständen ein normales Leben sein können?

Rushdie: Allein mal die Möglichkeit zu haben, Leser zu treffen, wenn ein Buch herauskam. Eine einzige Lesung zu machen. Die Personenschützer wollten das nicht. Deren Vernunft bestand aus reinen Risikoabwägungen. Sie waren stolz darauf, dass sie noch nie einen "Principal" - so nannten sie die Leute, die sie beschützten - "verloren hatten". Sie wollten, dass das so blieb. Zwar verstanden sie die Grundbedürfnisse eines Lebens: dass ich meine Frau treffen kann, auch meinen Sohn oder sogar hin und wieder zu Freunden zum Essen gehen kann. Aber eine verdammte Buchlesung? Der Sicherheitsaufwand dafür stand für meine Bewacher in keinem Verhältnis. Irgendwann konnte ich sie überzeugen, es mal zu versuchen. Sie hatten Tausende Demonstranten erwartet, aber keiner kam. Beim nächsten Mal war es einfacher. Solche Kämpfe gab es viele. Daraus bestand mein Leben.

SPIEGEL: Wissen Sie heute, wie real und konkret die Bedrohung gegen Ihr Leben tatsächlich war?

Rushdie: Als ich meine Personenschützer am Tag nach der Veröffentlichung der Fatwa kennenlernte, sagten sie noch, sie würden mich jetzt ein paar Tage in einem Hotel verstecken und beschützen, bis sich "die Sache geklärt" habe. Daraus wurde nichts. Und später gab es dann Vorfälle, die die Bedrohung spürbar machten: Ein Mann in einer billigen Absteige in Paddington hat sich selbst in die Luft gesprengt beim Versuch, eine Bombe zu basteln. Es stellte sich heraus, dass er auf mich angesetzt war. Dann gab es die Anschläge auf zwei meiner Übersetzer und meinen norwegischen Verleger. All diese Attacken kamen nicht von Amateuren, sondern von professionellen Killern, die vermutlich das iranische Regime angeheuert hatte.

SPIEGEL: Hat man Sie über den Stand der Bedrohung stets informiert?

Rushdie: Die Polizisten haben mir gesagt, wenn die Bedrohung stieg, und ein- oder zweimal im Jahr wurde ich in die Zentrale des britischen Geheimdienstes zu den für mich zuständigen Offizieren gebracht. Die haben mir imponiert. Das waren No-Bullshit-Leute, die wussten, wovon sie sprachen.

SPIEGEL: Sie schreiben aber auch in dem Buch, dass es auf den höheren Ebenen bei der Polizei eine Reserviertheit Ihnen gegenüber gab.

Rushdie: Diese Haltung gab es. Der zufolge gehörte ich nicht zu der Sorte Person, die es verdiente, beschützt zu werden. Der Minister für Nordirland? Okay, kapieren wir. Aber ich war nicht wie die anderen, die Bewachung verdienten, weil sie etwas für das Land geleistet hatten. Ich war einer, der beschützt wurde, weil er Ärger gemacht hatte. Es sei doch meine eigene Schuld, dass die Muslime hinter mir her waren. Einige bei der Polizei verstanden nicht, wie man bereit sein konnte, sich wegen eines so abseitigen Themas derartigen Ärger einzuhandeln. Wenn mein Buch wenigstens von England gehandelt hätte.

SPIEGEL: Die Kritik kam nicht nur von Polizei und Muslimen, sondern mehr und mehr auch von Kollegen und Intellektuellen. Ihr vielleicht schärfster Kritiker, John le Carré, hat Ihnen damals vorgeworfen, Sie hätten einen bekannten Feind angegriffen, der erwartungsgemäß reagiert habe, woraufhin Sie "Foul" schrien.

Rushdie: Ich glaube, le Carré bereut heute vielleicht, was er damals gesagt hat. Denn es würde ja bedeuten, dass alle Intellektuellen, die sich je gegen Tyrannei ausgesprochen haben, ihre Strafe verdienen. García Lorca wusste, wie brutal Franco war. Osip Mandelstam wusste, was ihn von Stalin erwartete. Hätten die besser ihren Mund halten sollen? Sich gegen bekannte Feinde zu erheben, genau das haben Schriftsteller zum Glück in der Literaturgeschichte immer wieder getan. Wenn le Carré sagt, die Repressionen, die daraus resultieren, sei ihr eigener dummer Fehler, ist das im besten Fall naiv.

SPIEGEL: Eine Religion anzugreifen ist aber womöglich etwas anderes, als eine Diktatur zu kritisieren.

Rushdie: Ich bestehe auf dem Recht der Meinungsäußerung - auch gegenüber Religionen.

SPIEGEL: So wurden Sie für die einen ein "Meinungsfreiheits-Märtyrer", wie John Updike es einmal ausgedrückt hat, für die anderen ein Querulant, der ohne Not Millionen Muslime beleidigt hatte. Dieser öffentliche Druck kam zu Ihrer Bedrohung noch dazu. Kann man das ausblenden?

Rushdie: Nein. Aber Günter Grass hat mir einen wertvollen Tipp gegeben. Er hat ja ein ähnliches Problem mit seiner Reputation. Für ihn gab es irgendwann zwei Personen. Da war der Günter, den er kannte, den seine Freunde kannten und seine Familie. Und dann gab es den Grass, der in die Welt hinausging und Ärger machte. Er sagte mir einmal: Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich den Grass zum Rabatzmachen losschicken kann, während Günter still und friedlich zu Hause bleibt.

SPIEGEL: Also gab es bei Ihnen den Joe, das war der Mann, den Ihre Personenschützer bewachten. Dann gab es Joseph Anton, der Häuser mietete und Schecks unterschrieb. Dann gab es Rushdie, das war der Querulant, und Salman war der Schriftsteller, der einsam in seinem Versteck saß. Da kann man irre werden.

Rushdie: So verrückt war es. Es gab einen riesigen Graben zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und meiner eigenen privaten Wahrheit. Ich glaube, je prominenter Sie sind, desto größer wird dieser Graben. Ich bin mir zum Beispiel sicher, Madonna hält sich selbst nicht für die Person, für die wir sie halten. Jedenfalls habe ich sie mal getroffen, und … na ja, sie schien, ehrlich gesagt, ziemlich konventionell. Sie hat von Grundstückspreisen geredet. Was Madonna interessierte, waren Quadratmeterpreise in der Marble-Arch-Gegend in London.

SPIEGEL: Wenn man so angegriffen und abgeschirmt wird, erschafft man sich seine eigene Wirklichkeit? Und nimmt man sich zu wichtig?

Rushdie: Ja. Es gab immer die Gefahr, solipsistisch zu werden. Deswegen habe ich versucht, aus meiner Sicherheitsblase, in der ich gefangen war, auszubrechen. Das wurde mir in England aber nicht erlaubt. Deswegen wurde Amerika so wichtig für mich. Dort durfte ich meine eigenen Entscheidungen darüber treffen, wie ich leben wollte. Anders als in England, wo ein Sicherheitsnetz über mich geworfen wurde. Und nach und nach gelang es mir, die Blase um mich herum zum Platzen zu bringen. Als ich 1998 "Der Boden unter ihren Füßen" schrieb, konnte ich drei Monate lang in einem Haus auf Long Island leben. Ohne Polizisten um mich herum. Ich konnte mein eigenes Auto fahren. Wir konnten essen gehen. Das war mein größtes Glück.

SPIEGEL: Gab es vorher Zeiten echter Depression?

Rushdie: Mir ging es zeitweilig schlecht. Heute weiß ich das besser als damals. Als ich jetzt für das Buch meine Journale und Aufzeichnungen durchging, erkannte ich an einigen Stellen: Oh ja, dem Typen, der das schreibt, geht es gerade nicht gut. In den ersten zwei bis zweieinhalb Jahren war ich sehr unausgeglichen. Und später gab es immer wieder Depressionsanfälle.

SPIEGEL: Sie schreiben über sich in den Memoiren nicht in der Ich-Form, sondern in der dritten Person. Als wollten Sie Distanz schaffen zu dieser Figur, die Sie da beschreiben.

Rushdie: Ich will mich nicht von mir distanzieren. So verrückt bin ich nun auch nicht. Ich habe am Anfang versucht, es in der ersten Person zu schreiben. Aber ich konnte die Erzählstimme nicht finden. Sie klang entweder narzisstisch oder weinerlich. Also habe ich aufgehört, an dem Buch zu schreiben. Es machte mir keinen Spaß. Irgendwann kam mir die Idee: Was wäre, wenn ich die Geschichte erzählte, als wäre sie nicht mir passiert, sondern jemand anderem? Wenn ich meine Figur auf die Stufe der anderen Figuren heben und sie ein bisschen objektiver und aus verschiedenen Blickwinkeln schildern würde. Plötzlich wusste ich, wie ich das Buch schreiben musste.

SPIEGEL: Die Schilderungen werden dadurch weniger emotional.

Rushdie: Aber die Geschichte hat genügend Kraft. Hier hat man mal einen Plot, den man wirklich nicht hochschreiben muss. Sonst wäre es eine Oper geworden.

SPIEGEL: Gehörte zu Ihrem Objektivitätsanspruch auch, dass Sie manche Figuren, vor allem Ihre Ex-Frauen, ziemlich hässliche Dinge über Sie sagen lassen?

Rushdie: Ja. Das offene Visier war die einzige Möglichkeit, und natürlich gibt es Verhaltensweisen an mir, Aspekte meiner Persönlichkeit, die mir überhaupt nicht gefallen. Die kommen vor. Die Wahrheit ist doch, dass wir Schriftsteller uns ständig selbst durchleuchten. Der Beruf bedeutet, immer wieder auf sich selbst zu starren. Darin liegt, glaube ich, der Grund, warum ich in all der Zeit, obwohl es mir nicht gutging, nie das Gefühl hatte, psychiatrische Hilfe zu brauchen. Schreiben ist eine interne Ermittlung der Seele.

SPIEGEL: Sie seien ein selbstsüchtiger Mensch, der durchs Leben gehe und die Leben anderer zerstöre, lassen Sie Ihre dritte Frau Elizabeth West in dem Buch sagen. Sie hat mit Ihnen den Großteil der Fatwa-Zeit durchlebt, bis Sie sie für das indische Model Padma Lakshmi verlas-

sen haben. War an ihrer Einschätzung möglicherweise etwas dran?

Rushdie: Ich habe es nicht so gesehen. Doch ich musste ihre Sicht zulassen. Sonst wäre das Buch nur polemisch und selbstgerecht. Aber ich will es dreidimensional haben, wie einen Roman. Ich will der Welt zeigen, dass ich durchaus in der Lage bin, mich selbst so darzustellen.

SPIEGEL: Das Leben eines Schriftstellers sei wie ein umgekehrter faustischer Pakt, schreiben Sie in den Memoiren: Man will Unsterblichkeit erlangen und zahlt den Preis eines miesen Lebens. Ihr Leben war zeitweilig schwierig, aber Sie sind tatsächlich der berühmteste lebende Schriftsteller der Welt geworden.

Rushdie: Aus den falschen Gründen. Nicht wegen des Buchs, sondern wegen des Skandals. Ich fühle mich nicht so gut mit diesem Ruhm. Aber wenn ich heute einen Politiker anrufe, um für einen Schriftstellerkollegen, der bedroht wird, um Hilfe zu bitten, kriege ich den Politiker meistens an die Strippe. Anderen Schriftstellern gelänge das wahrscheinlich nicht.

SPIEGEL: Würden Sie "Die satanischen Verse" wieder genau so schreiben?

Rushdie: Ja. Zum Glück muss ich es nicht mehr.

SPIEGEL: Die strittigen Traumpassagen über den Propheten würden Sie drinlassen?

Rushdie: Oh ja. Ich finde, sie gehören zu den besten Passagen des Buchs.

SPIEGEL: Hätte es den Roman wirklich schlechter gemacht, wenn Sie die Huren in dem Bordell nicht ausgerechnet nach den Ehefrauen des Propheten Mohammed benannt hätten?

Rushdie: Ja. Es gibt einen Grund, dass ich das so geschrieben habe. Es geht um Haltungen gegenüber Frauen zu dieser Zeit. Es gab die Frauen des Propheten. Die waren sehr berühmt zu der Zeit, aber kein Mann konnte sie sehen, weil sie ausschließlich im Harem des Propheten waren. Nun gab es tatsächlich Bordelle, in denen Frauen den Namen oder sogar die Rolle einer Prophetengattin angenommen hatten. Dadurch wurden sie als erotische Phantasie zugänglich. Es geht in diesem Kapitel also nicht darum, den Propheten zu beleidigen, sondern um das Phänomen von Frauen mit Macht und die Natur der männlichen Sexualität, die davon angeregt wird, was sie nicht haben kann. Diese Passagen sind ernsthaft und legen an keiner Stelle nahe, dass die Frauen des Propheten sich unangemessen verhalten hätten.

SPIEGEL: Ein Kapitel in Ihren Memoiren heißt "Die verhängnisvolle Falle, geliebt werden zu wollen". Ist das Ihr Problem?

Rushdie: Darüber bin ich hinweg. Damals glaubte ich, wenn ich bloß einmal die Möglichkeit hätte, mich und "Die satanischen Verse" ordentlich zu erklären, dann würden die Menschen verstehen, dass es keinen Grund gibt, sauer auf mich zu sein, denn ich bin ein netter Kerl. Inzwischen habe ich verstanden: Es wird immer Menschen geben, die nicht mögen, was ich mache. Schade. Ich muss nicht mehr von jedem gemocht werden.

SPIEGEL: Gibt es heute noch eine Bedrohung für Sie?

Rushdie: Nein.

SPIEGEL: Vergangene Woche gab es wieder Angriffe auf US-Einrichtungen in Libyen, Ägypten und im Jemen. Auslöser war ein Film, der den Propheten Mohammed lächerlich macht. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Rushdie: Wir wissen nicht genau, was in Libyen passiert ist. Die amerikanische Regierung hat gesagt, es sei unklar, ob der Anschlag von Bengasi mit dem Video zusammenhänge. Vielleicht war es auch ein längst geplanter Islamisten-Angriff in Verbindung mit dem Jahrestag des 11. September.

SPIEGEL: Haben Sie keine Angst, dass es jetzt auch bei Ihnen wieder losgeht?

Rushdie: Wissen Sie, ich möchte Dinge nicht kommentieren, wenn ich nicht weiß, wovon ich rede. Das überlasse ich Mitt Romney. Nein, wir müssen aufhören, so zu denken. Das ist ein Denken der Angst. Im Übrigen: Dies ist meine Lebensgeschichte, ich würde mich von niemandem davon abbringen lassen, sie zu erzählen.

SPIEGEL: Mr. Rushdie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(*) Philipp Oehmke in London.

DER SPIEGEL 38/2012
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