17.09.2012

KARRIEREN

Die Lauten und die Leisen

Von Kühn, Alexander

"Wetten, dass #8230?"-Erfinder Frank Elstner, 70, kritisiert in seinen Memoiren seinen Nachfolger Thomas Gottschalk - und sich selbst.

SPIEGEL: Herr Elstner, Sie nennen sich selbst gern den "lieben Frank". In Ihrer Autobiografie sind Sie aber nicht immer besonders lieb.

Elstner: Als Unterhalter war es meine Rolle, nett zu sein. Heute verstehe ich mich als Journalist, auch durch meine SWR-Talkshow "Menschen der Woche". Ich erlaube es mir, manches kritischer zu sehen als früher. Das darf ich in meinem Alter ja wohl.

SPIEGEL: Im Buch kritisieren Sie unter anderem Ihren "Wetten, dass …?"-Nachfolger Thomas Gottschalk.

Elstner: Ich halte ihn immer noch für den größten deutschen Entertainer. Aber dass er nach seinem Weggang vom ZDF "Wetten, dass …?" als "abgenagten Knochen" bezeichnet hat, fand ich als Erfinder dieser Show nicht in Ordnung - immerhin hat sie ihn zum Multimillionär gemacht.

SPIEGEL: Gottschalk hat nach "Wetten, dass …?" das gleiche Schicksal ereilt wie Sie seinerzeit: Es ging erst mal bergab.

Elstner: Ich dachte damals, ich hätte mir mit "Nase vorn" etwas noch Spannenderes ausgedacht. Das war Hybris.

SPIEGEL: Kann nach "Wetten, dass …?" nur der Absturz kommen?

Elstner: Ich will mich nicht zum Richter über Kollegen aufspielen. Aber womöglich ist Thomas Gottschalk im ARD-Vorabend auch daran gescheitert, dass er dachte, er selbst sei bereits das Programm. Schon als Zuschauer von "Wetten, dass …?" habe ich mich geärgert, wenn er Weltstars zu Gast hatte und ihnen oft keine vernünftigen Fragen gestellt hat. Es reicht nicht, Lady Gaga einzuladen - man muss sich auch auf sie vorbereiten. Bei Thomas wirkt es immer so, als müsste sich ein Moderator nicht anstrengen.

SPIEGEL: Ihnen fehlt diese Leichtigkeit?

Elstner: Ich habe vor "Wetten, dass …?" wochenlang schlecht geschlafen. Während der Sendung habe ich so geschwitzt, dass ich mir in Hemden und Sakkos extra Dreiecke habe einnähen lassen. Achselschweiß ist nicht samstagabendtauglich.

SPIEGEL: Wären Sie gern eine Rampensau?

Elstner: Es muss die Lauten geben und die Leisen. Ich kam ja vom Radio und habe mit dem Fernsehen anfangs ziemlich gefremdelt. Als Kind war ich sehr schüchtern. Da trug ich noch kein Glasauge und wurde wegen meines verkümmerten rechten Auges gehänselt. Mitschüler nannten mich Polyphem oder Einäugiger. Das prägt. Ich laufe bis heute nicht gern über rote Teppiche und werde ungern fotografiert.

SPIEGEL: Sie machen seit mehr als vier Jahrzehnten skandalfreies Fernsehen. Keine Angst, als Langweiler zu gelten?

Elstner: Bei Twitter habe ich neulich geschrieben: "Lieber das Image eines Sparkassendirektors als das eines Investmentbrokers. Besonders zurzeit." Ich habe es immer abgelehnt, Leute durch den Dreck zu ziehen, so wie Dieter Bohlen es bei "Deutschland sucht den Superstar" macht. Nirgends auf der Welt geht das Fernsehen mit Nachwuchssängern so schäbig um wie bei uns.

SPIEGEL: Sie sagen gern, Ihr Traum sei es, noch einmal ein so großes Ding wie "Wetten, dass …?" zu erfinden. Sollten Sie sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass daraus womöglich nichts mehr wird?

Elstner: Warum soll ich mir meine eigenen Träume kaputtmachen? Neulich habe ich meine Tochter gebeten, alle Konzepte aufzulisten, die noch in meiner Firma lagern. Sie kam auf 53 Show-Ideen. Vielleicht ist die eine ja schon dabei. Und wenn mir der grandiose Einfall nicht selbst kommt, dann vielleicht den jungen Leuten, die ich künftig gemeinsam mit der Axel Springer Akademie fördern will.

SPIEGEL: Was planen Sie da?

Elstner: Ich werde eine Meisterklasse leiten, in der junge Moderatoren ausgebildet werden und darüber hinaus journalistische Grundlagen vermittelt bekommen. Um das Projekt zu bewerben, planen wir einen Spot, der viral verbreitet werden soll. Darin werde ich mit dem Fallschirm aus einem Hubschrauber springen.

SPIEGEL: Könnten die jungen Leute nicht befürchten, dass ein 70-Jähriger ihnen Fernsehen von gestern beibringt?

Elstner: Ich habe nie Fernsehen von gestern gemacht. Außerdem sollen da keine kleinen Elstners herauskommen. Ich will aus jedem etwas Eigenes herauskitzeln. Es geht darum, Web-TV-Moderatoren für morgen zu finden.

SPIEGEL: Am 6. Oktober wird Markus Lanz zum ersten Mal "Wetten, dass …?" moderieren. Kann der das?

Elstner: Die Nachfolgesuche des ZDF war ein erbärmliches Schauspiel. Aber sie haben jetzt den Richtigen gefunden. Ich hatte Lanz vor drei Jahren der ARD vorgeschlagen, aber deren Verantwortlicher lehnte ihn mit der Begründung ab, Lanz erinnere ihn an einen Kellner in einem Wiener Kaffeehaus. Ich bin sicher, die ARD ärgert sich heute schwarz.

SPIEGEL: Klingelt bei Ihnen eigentlich noch die Kasse, wenn "Wetten, dass …?" läuft?

Elstner: An den ausländischen Rechten bin ich mit einem geringen Prozentsatz beteiligt. Die deutschen Rechte habe ich damals zu hundert Prozent verkauft. Das war mein größter wirtschaftlicher Fehler.

Frank Elstner: "Wetten Spaß: Mein Leben, meine Gäste, meine Shows". Verlag Herder, Freiburg; 220 Seiten; 17,99 Euro.

DER SPIEGEL 38/2012
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