15.01.1996

Kirche„Die Tore weit“

Neue Dokumente zeigen: Linientreue DDR-Theologen zensierten im Auftrag des Regimes die Publikationen kritischer Kollegen.
Harmlosere Texte als die "Herrnhuter Losungen" sind nur selten in der DDR gedruckt worden. Die "täglichen Losungen und Lehrtexte", die alljährlich in der kircheneigenen Evangelischen Verlagsanstalt (EVA) erschienen, bestanden aus nichts als Bibelsprüchen. Und das Wort "Losungen" trugen sie zu Recht. Denn die Worte für den Tag wurden im frommen sächsischen Ort Herrnhut aus einer Lostrommel gezogen.
Doch selbst diese frommen Verse bereiteten den Zensoren im DDR-Staatsapparat Kopfzerbrechen. Vor allem einer tat sich mit den Worten Gottes schwer: Gerhard Bassarak, lange Jahre Theologieprofessor an der Berliner Humboldt-Universität, bekannt auch als früherer Vizepräsident der linientreuen Christlichen Friedenskonferenz.
Von 1968 bis 1990 schrieb Bassarak, inzwischen emeritiert, im Auftrag der zentralen DDR-Zensurbehörde, der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel des Kulturministeriums, fast 500 Zensur-Gutachten über Buchprojekte der EVA. Entlohnt wurde der Anschwärzer nicht zu knapp: Bis zu 700 DDR-Mark gab es pro Auftrag.
Auch die "Losungen" kamen Bassarak auf den Tisch. Während die Heiden aus der Kulturbehörde an den Bibelversen nichts auszusetzen hatten, brachten sie den Staatstheologen in Rage. So sollte die Losung für den 13. August 1987, den Jahrestag des Mauerbaues, lauten: "Machet die Tore weit und die Türen in der Welt ** Siegfried Bräuer, Cle- _(mens Vollnhals (Hrsg.): "In der DDR ) _(gibt es keine Zensur". Evangelische ) _(Verlagsanstalt, Leipzig; 422 Seiten; ) _(39,80 Mark. ) _(* Während einer Demonstration ) _(Berliner Studenten gegen seine ) _(Kündigung. )
hoch . . ." Bassarak notierte:"Assoziation: ,Macht das Tor auf!''" Und zum Bibelspruch für den 17. August "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen" vermerkte er: "auch über die Berliner?" Schon einige Jahre zuvor hatte Bassarak gezürnt: "Meine Frage wäre aber: Warum gibt man solche Sprüche erst in die Lostrommel hinein?"
Bösartig äußerten sich Bassarak und mehrere andere staatliche Universitätstheologen auch zu weiteren geplanten Publikationen. Rund 3000 Gutachten fanden die Historiker Siegfried Bräuer und Clemens Vollnhals in den Archiven des ehemaligen Kulturministeriums allein über Projekte der EVA. Und die gehässigsten stammten aus der Feder von Theologen aus Leipzig und Berlin, die sich besonders fortschrittlich vorkamen. "An Boshaftigkeit und Denunziation waren die nicht zu übertreffen", so das Fazit Bräuers, der in diesen Tagen eine wohlsortierte Auswahl der Zensur-Vorschläge veröffentlicht** .
Neben Bassarak tat sich vor allem die Theologieprofessorin Rosemarie Müller-Streisand aus Berlin hervor, die in der einstmals SED-nahen Kirchenpostille Weißenseer Blätter noch immer die "Konterrevolution" von 1989 geißelt. Müller-Streisand und ihr Theologengatte Hanfried Müller (IM "Hans Meier") unterstützen heute als Pensionäre die linksextreme Kommunistische Plattform der PDS. In mehr als 300 Gutachten zog Müller-Streisand über ihre Kollegen her. Leidenschaftlich plädierte sie 1980 gegen den Druck einer Ringvorlesung, zu der Wolfgang Ullmann, damals Dozent und heute bündnisgrüner Europa-Abgeordneter, ein Vorwort geschrieben hatte: Ullmanns Aufsatz sei ein "Stückchen Holz zum Scheiterhaufen für die Macht der Arbeiterklasse". Auch bei Richard Schröder, dem heutigen SPD-Politiker und damaligen Dozenten, witterte sie Verrat. Er wolle das bürgerliche Wort "Geisteswissenschaften" gegen das SED-Wort "Gesellschaftswissenschaften" setzen.
Die "Hinweise" an das Kulturministerium blieben nicht ohne Folgen. Schröders Text erschien nicht, andere Bücher wurden über Jahre verzögert. Und die EVA mußte auch noch die eigenen Zensoren bezahlen. Die Honorare des Kulturministeriums für die Gutachter wurden dem Verlag teilweise als "Lektorats-Gebühren" in Rechnung gestellt.
So perfekt funktionierte das Zusammenspiel zwischen Kulturministerium und den knapp 20 theologischen Zensoren, daß die Stasi gar nicht eingreifen mußte. Einen MfS-Offizier, der sich um den Kirchen-Verlag kümmerte, gab es in der Stasi-Kirchenabteilung nach Angaben der Buchautoren nicht.
Natürlich darf ein Name unter den Gutachtern nicht fehlen: Heinrich Fink, der wegen seiner IM-Vergangenheit 1992 die Humboldt-Universität verlassen mußte und für dessen Verbleib Studenten demonstriert hatten, polemisierte 1968 gegen die Veröffentlichung einer Auswahl von Predigten des deutschen Theologen Friedrich Schleiermacher. Doch mit seinem Urteil "restaurativ und nicht empfehlenswert" konnte er sich nicht durchsetzen.
Buchautor Bräuer, früher selbst EVA-Direktor, glaubt zu wissen, warum der sonst so auskunftsfreudige Fink, bekannt auch als IM "Heiner", nur einmal als Gutachter herangezogen wurde. "Fink", so Bräuer, "war eben kein Schriftkundiger." Y
** Siegfried Bräuer, Clemens Vollnhals (Hrsg.): "In der DDR gibt es keine Zensur". Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig; 422 Seiten; 39,80 Mark. * Während einer Demonstration Berliner Studenten gegen seine Kündigung.

DER SPIEGEL 3/1996
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