22.01.1996

ProzesseNägel im Fleisch

In Frankfurt kommt ein Russe vor Gericht, der sechs Menschen im Bordell erdrosselt haben soll. Wichtiges Beweisstück: eine Radlerhose.
Wenn der Freizeitpilot Gabor Bartos sich wochenends auf dem Flugplatz im südhessischen Egelsbach um seine einmotorige Piper Arrow kümmerte, erregte er oft Aufsehen. Denn Bartos pflegte seine eigene Putzkolonne mitzubringen - "stets hübsche, leichtbekleidete Frauen", wie sich Pilotenfreunde erinnern.
Wochentags mußten die Damen diskreter zu Werk gehen. In Bartos'' Bordell, versteckt hinter einer Frankfurter Jugendstilfassade, verwöhnten sie in der Mittagspause und nach Geschäftsschluß Banker, Börsenmakler und Versicherungsangestellte. Mancher ließ sich, wie die Fahnder vermuten, die Kosten einer Liebesstunde (350 Mark) mit einem fingierten Beleg aus Bartos'' nahe gelegenem Schreibwarengeschäft quittieren: "Für Bürobedarf".
Das Bartos-Etablissement florierte bis zum Samstag, den 13. August 1994. Am folgenden Montag wurde dem ersten Freier in dem Jugendstilhaus im Kettenhofweg 124a nicht mehr geöffnet. Bartos'' herbeigerufene Schwiegermutter und die Polizei entdeckten wenig später, verteilt über die Stockwerke, sechs Leichen - alle erdrosselt: den Bordellier, 55, seine Frau Ingrid, 48, sowie die Liebesmädchen Marina, 25, Jelena, 28, Veronika, 18, und Olga, 27.
Die Gesichter der Frauen waren kaum mehr zu erkennen, sie waren aufgedunsen und tiefblau verfärbt; die Fingernägel hatten sich beim Todeskampf in das Fleisch der Handflächen eingegraben. Er sei "jetzt 20 Jahre dabei", sagte der Gerichtsmediziner Hansjürgen Brotzke, aber einen solchen Mord habe er "noch nicht erlebt".
Vom Freitag dieser Woche an bis voraussichtlich Ende März wird die größte Bluttat am Main seit Kriegsende vor der 22. Großen Strafkammer in Frankfurt verhandelt. Angeklagt wegen sechsfachen Mordes sowie Raubes ist der russische Koch und Ex-Soldat Eugen Berwald alias Jewgenij Balakin, 27, aus Chisinau in Moldawien. Er habe, glauben die Fahnder, die Bordellkasse ausplündern wollen und dabei alle möglichen Zeugen umgebracht.
Seine Frau Sofia, 25, muß sich laut Anklage nur wegen schweren Raubes verantworten - wenn ihr das Gericht nicht doch noch eine Mittäterschaft an den Morden anlastet. Sie hatte ebenfalls in Bartos'' Bordell angeschafft und öffnete ihrem Mann am Tattag laut Anklageschrift die Tür.
"Der Prozeß wird eine reine Gutachterschlacht", prophezeit Joachim Bremer, der Verteidiger von Sofia Berwald. An die 70 Zeugen, 9 medizinische Sachverständige und diverse Textilexperten vom hessischen Landeskriminalamt werden aufgeboten.
Oberstaatsanwalt Peter Köhler baut vor allem auf eine sichergestellte Radlerhose, die sich der Mörder übers Gesicht gezogen hatte. An dieser seien Fasern von Schlafanzügen, Bademänteln und Hemden gefunden worden, "die zwischen Berwald und allen Opfern einen Bezug herstellen".
Eugen Berwald sagt, nicht er, sondern ein russisches Killerteam unter Führung eines "tätowierten Riesen" namens Alexander habe die Bordellbelegschaft umgebracht. Dafür sieht die Staatsanwaltschaft aber "keine Beweise". Köhler hält Berwald als Alleintäter "für überführt". Internationale Ermittlungen der Kripo, etwa in Budapest und St. Petersburg, hätten keine Hinweise auf eine Russen-Mafia erbracht.
Gleichwohl habe Gabor ("Gabi") Bartos, der auch mit Flugzeugteilen, Autos, Rennbooten und Edelhölzern Geschäfte machte, jahrelang mit Frauen aus Osteuropa gehandelt. Mit seinem Privatflugzeug im Hessischen und einer Cessna 401 in Budapest habe er, berichten Zeugen, heimlich russische Mädchen aus Ungarn eingeflogen.
Zur Tarnung des Menschenschmuggels benutzte der Bordellier zwei weiße Citroen BX 19, die beide gelegentlich das Kennzeichen F-CC 15 trugen. Flog eine Fuhre an der Grenze auf, konnte Bartos behaupten, er habe mit der Sache nichts zu tun: Sein Citroen parke doch in Frankfurt vor seinem Haus.
Bei der Polizei war Bartos seit Juni 1994 aktenkundig. Hinweise auf Prügeleien in dem Edelpuff und eine dicke Ermittlungsakte beim Frankfurter Ordnungsamt machten die Kripo aufmerksam. Die Fotos eines Observanten hielten auch einen parkenden klapprigen Fiat Uno (Kennzeichen: OAL-XT 29) fest.
Der Wagen gehörte der Programmiererin Sofia Berwald aus Kasachstan. Unter dem Namen "Sonja" hatte sie wie andere Osteuropäerinnen bei Bartos angeheuert. Seit Juli 1994 lebte sie mit ihrem Mann Eugen, der 1991 bei der Hochzeit ihren deutschen Namen angenommen hatte, in einem _(* Abtransport der Leichen am 15. ) _(August 1994. )
Aussiedlerheim in Rettenbach/Allgäu und betrieb gemeinsam mit ihm ihre Einbürgerung.
Die Fotos sollten die Polizei später zum mutmaßlichen Mörder führen. Nachdem die Fahnder die sechs Toten identifiziert hatten, stellten sie fest, daß eine Frau des Stammpersonals davongekommen war. Sofia alias Sonja und ihr Gatte wurden aufgrund des bekannten Fiat-Kennzeichens geortet und vier Tage nach der Bluttat von einem schwäbischen Sondereinsatzkommando in ihren Betten im Aussiedlerheim überwältigt.
Eine Bordell-Skizze von Sofias Hand, die in Berwalds Gepäck gefunden wurde, lieferte den Ermittlern einen Ansatz zur Rekonstruktion der Tat. Nach Ansicht Köhlers hat Sofia Berwald am frühen Morgen des 14. August 1994, einem dienstfreien Sonntag, ihren Mann heimlich in die Villa eingelassen. Am Abend zuvor hatte sie mit ihren vier Kolleginnen in dem Haus einen Geburtstag gefeiert.
Berwald, bewaffnet mit Bowiemesser, Gasrevolver und Elektroschockgerät, soll sich, so die Version des Staatsanwalts, zunächst im zweiten Stock versteckt haben. Dann habe er sich die Radlerhose mit Sehschlitzen übergezogen und sei in die Zimmer zweier schlafender Frauen geschlichen. Mit Stoffetzen und Klebeband habe er die beiden gefesselt und geknebelt, später auch die zwei anderen Prostituierten, die sich eine Etage tiefer aufhielten.
Gegen sechs Uhr habe Sofia Berwald an der Privatwohnung von Bartos geklingelt, die ebenfalls in der Villa lag, und sich von ihrer Chefin Ingrid verabschiedet. Wenig später müsse Ewald Berwald über die Frau hergefallen sein. Gefesselt schaffte er sie in den Keller.
Ermittler fanden dort ein Sauerstoffgerät, das die asthmakranke Ingrid Bartos regelmäßig benutzte. Ihre These: Berwald habe zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgehabt, die Frau zu ermorden, sondern sie mit dem Gerät beatmen wollen, als sie einen Anfall bekam.
Wenig später kam Gabor Bartos vom Morgenspaziergang mit seinem Pudel zurück; ihn habe Berwald, "von hinten angefallen", glaubt Köhler, und bei einem Handgemenge getötet. Womöglich aus Angst, erkannt worden zu sein, habe Berwald anschließend nacheinander auch die fünf Frauen erdrosselt.
Die Anklage basiert lediglich auf Indizien, Berwald selbst bestreitet alles. Wichtigste Beweisstücke der Staatsanwaltschaft neben der Radlerhose sind abgeschnittene Fön-Kabel aus dem Mordhaus in Berwalds Gepäck, die Rolex des toten Bartos, die Berwald bei seiner Verhaftung trug, sowie ein neues Auto. Das soll der Angeklagte einen Tag nach der Bluttat für 22 000 Mark Cash gekauft haben. Ein solcher Betrag war am Mordtag aus dem Edelpuff verschwunden. Y
* Abtransport der Leichen am 15. August 1994.

DER SPIEGEL 4/1996
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