15.01.1996

Geld Tatwaffe Telefon

Boom am grauen Kapitalmarkt: Deutschland ist zum Dorado von Finanzgaunern aller Art geworden, die schnellen Reichtum versprechen. Im vergangenen Jahr verloren Mittelständler, Arbeiter und Hausfrauen rund 40 Milliarden Mark. Dutzende von Staatsanwälten ermitteln gegen die cleveren Betrüger - meist erfolglos.
Für einen ehemaligen Binnenschiffer hatte es Peter Schwan weit gebracht - die Anzüge waren von Armani, die Uhren von Rolex, die Autos von Porsche.
Dermaßen ausgestattet, gehörte "der schöne Peter" (Sport Bild) bald zu jenen Kreisen im Revier, die sich für die besseren halten. 300 000 Mark für Trabrennen in Gelsenkirchen und drei Millionen für die Fußballer von Schalke 04 beschleunigten den Aufstieg in die Society. Fortan durfte Schwan neben Ex-Minister Jürgen Möllemann im Aufsichtsrat des Fußballvereins sitzen.
Woher das viele Geld stammte, wollte in dem skandalgewohnten Klub niemand so genau wissen. Jedenfalls reagierten die Herren sehr erstaunt, als ihr Gönner Anfang vergangenen Jahres verhaftet wurde. Er hatte, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, rund 7000 Anleger mit dubiosen Warentermingeschäften geschädigt.
Schwan wurde in Untersuchungshaft gesteckt, aber die flotten Jungs, die für seine Firma RDV die Anleger am Telefon bearbeiteten, machen weiter.
Manche sind bei der Konkurrenz untergekrochen, andere haben eine eigene Firma gegründet. Denn nirgendwo sonst läßt sich so schnell, so leicht und so risikolos soviel Geld verdienen wie mit windigen Anlagen.
Das Geschäft boomt wie nie zuvor. Eine halbe Milliarde Mark haben gutgläubige Anleger bei Schwans RDV verloren. Ebensoviel war es beim European Kings Club, der mit aberwitzigen Renditen von 72 Prozent lockte.
Plus Concept und FT Consulting versprachen 20 Prozent Zinsen (Schaden: 300 Millionen Mark); die Firmen Mufina und Multinational verkauften angeblich lukrative Investment-Bonds (Schaden: 150 Millionen Mark), der Immobilien- und Kapitalanlagen-Vertrieb offerierte scheinbar zinsgünstige Kredite (Schaden: 120 Millionen Mark).
Die Opfer sind Arme und Reiche gleichermaßen, sie alle eint der Traum vom leicht verdienten Geld. Eine Zockermentalität hat sich breit gemacht in Deutschland: Selbst gestandene Kaufleute fallen auf abstruse Renditeversprechen herein. In Hamburg holte sich das selbsternannte Finanzgenie Jürgen Harksen vom gehobenen Mittelstand mindestens 100 Millionen Mark. Und die Gier nach mehr nimmt mit zunehmendem Reichtum keineswegs ab. Einige der Opfer vertrauten dem vermeintlichen Finanzgenie mehrere Millionen an, manche erschienen gleich mit einem Koffer voller Bargeld.
Doch 80 Prozent der Geschädigten sind unerfahrene Kleinanleger - Arbeiter, Rentner und Hausfrauen. "Die Besserverdienenden fallen nur mehr auf, weil sie höhere Beträge verlieren", sagt der Frankfurter Staatsanwalt Klaus-Dieter Benner.
"Sie haben das Geld, wir die Erfahrung", höhnen die Abzocker gern, "hinterher ist es umgekehrt." Auf diese Weise werden pro Jahr nach einer Schätzung des Bundeskriminalamts immerhin rund 40 Milliarden Mark umverteilt - in die Kassen der Anlagevermittler. Die Dunkelziffer ist hoch. Viele erstatten aus Scham oder aus Angst vor dem Steuerfahnder keine Anzeige.
Michael Eberlein aus Viersen ist derzeit der Größte auf dem grauen Markt der Geldeintreiber, er hat bereits mehrere Milliarden Mark umgesetzt. In London erwarb der Rheinländer günstig das Brokerhaus First Futures Brokers Limited, nach dem Namen seines Sohnes benannte er es in Phillip Alexander Securities and Futures Limited um.
Einige Dutzend Agenturen sammeln für Eberlein Geld ein, rund 1000 freiberufliche Telefonkeiler arbeiten für den Ferrarifahrer. Das Geld wird, so heißt es, in Terminkontrakten investiert.
Viele Anleger zweifeln inzwischen daran, sie haben ihr Geld verloren. Etliche haben bereits Prozesse gegen Eberlein gewonnen, rechtskräftig sind diese Urteile allerdings noch nicht.
Ungeniert werben Anlagehaie in vielen Zeitungen mit Kleinanzeigen. Sie offerieren traumhafte Zinsen, 10 oder gar 100 Prozent. Wie die wundersamen Renditen erwirtschaftet werden sollen, wird zumeist verschwiegen.
Ähnlich läuft das Geschäft mit zinsgünstigen Krediten. Da werden Darlehen für jedermann angeboten, ohne jede Bonitätsprüfung. Vorab, so heißt es, werden lediglich Gebühren oder Anzahlungen fällig.
So versprach die Firma GTM Kredite in beliebiger Höhe. Vorab fällig wären nur 20 Prozent Eigenkapital "plus 1,4 Prozent Starthonorar". Georg Schisch, ein Manager aus Chemnitz, übergab 500 000 Mark in bar. Das Geld ist er los, einen Kredit hat er nie bekommen.
Auf den ehemaligen Chef der Chemnitzer Spinnereimaschinenbau hatte vor allem der prächtige Fuhrpark von Heinz Wenz Eindruck gemacht. Der angebliche Professor lud den Ostdeutschen mehrfach ins Frankfurter Sheraton Hotel ein. Schließlich folgte der Sachse dem gemieteten Rolls-Royce des Professors. Im Westend hatte Wenz bei einem Büroservice stundenweise einen Raum gemietet. Bereitwillig unterschrieb Schisch einen "Quellenschutz- und Geheimhaltungsvertrag", er solle, sagte Wenz, ja nichts ausplaudern.
Die Geheimniskrämerei machte durchaus Sinn. Denn Schisch hat außerdem noch fünf Millionen Mark vom Firmenkonto überwiesen. Eine Genugtuung bleibt dem Geprellten: Wenz erhielt jetzt fünf Jahre Haft.
Hochstapler haben es offenbar leicht in einer Welt, in der Menschen nach ihrem Äußeren beurteilt werden. "Sie geben sich seriös", beschreibt Staatsanwalt Benner die Anlagebetrüger, "sie spiegeln das Bild des Erfolgreichen in der Gesellschaft wider."
Die meisten Geschäfte werden anonym abgeschlossen, die Tatwaffe ist das Telefon. In unzähligen Büros versuchen nur notdürftig angelernte Verkäufer die Kundschaft zu überreden, einen Scheck zu schicken. Und am erfolgreichsten sind sie derzeit, wenn sie Optionen verkaufen.
Nach der Wahrscheinlichkeit sind die Chancen, einen Gewinn zu erzielen, an der Börse minimal. Auf dem grauen Kapitalmarkt aber haben die Anleger von vornherein keine Chance: Sie werden zu immer höheren Einsätzen verleitet. Ihr Geld geht durch Gebühren, die Optionsprämie und durch das sogenannte Churning, das ständige Umschichten in immer neue Anlagen, verloren.
Bei Rüdiger Blank klingelte das Telefon beim Abendbrot. Am Apparat war ein Verkäufer der Firma First German Futures (FGF), er offerierte dem Ingenieur aus Burladingen einmalige Chancen mit Optionen. Blank hängte nicht ein - das kostete ihn insgesamt 100 000 Mark.
Gewinne von 50 Prozent innerhalb von drei Wochen versprach der junge Mann beim zweiten Anruf, völlig risikolos und steuerfrei. Das sei doch wie ein Sechser im Lotto. Blank überwies 12 500 Mark.
Fortan klingelte das Telefon ständig. Gleich drei FGF-Berater berichteten freudig erregt, wie prächtig die Geschäfte liefen. Blank kratzte zusammen, was er hatte, auch das Ersparte seiner Frau. Plötzlich aber häuften sich die Verluste.
Das sei zwar bedauerlich, meinten die freundlichen Leute von der FGF, aber sie könnten, mit einem weiteren Einsatz, die Verluste wettmachen. Prompt borgte sich der Ingenieur Geld bei seiner Bank. Bis auf einen kärglichen Rest ist das Geld verloren. Er habe dazugelernt, sagt der Schwabe: "Ich habe ein wahnsinniges Lehrgeld bezahlt."
Den Trick mit den Terminkontrakten hat der Amerikaner Gerard van Brynke schon vor zwei Jahrzehnten in Deutschland eingeschleppt. Mit 30 Telefonverkäufern fing er in Frankfurt an. Als die Polizei kam, setzte er sich rechtzeitig mit der Barschaft ab.
Das Prinzip ist immer noch dasselbe. Nur die jungen Leute am Telefon haben sich seither "in einer Art Zellteilung", so der Kapitalmarktexperte Helmut Kapferer, rapide vermehrt.
Der Schritt in die Selbständigkeit ist in der grauen Branche kinderleicht. Eine Vorbildung ist nicht erforderlich, nur ausreichende Skrupellosigkeit. "Zunächst braucht man nur ein Telefon und eine Obstkiste als Sitz", erzählt der ehemalige Starverkäufer Günter Ippendorf. Vom Geld des ersten Kunden wird die Telefonrechnung bezahlt, das zweite Opfer finanziert die Büromöbel.
Alle nachfolgenden Anleger sorgen dann für den Gewinn. Der wird, so Staatsanwalt Benner, "nach dem Prinzip der Beuteteilung" ausgeschüttet. Die tüchtigsten Geldeintreiber, im Branchenjargon Keiler genannt, dürfen freitags nach Büroschluß mit Dartpfeilen auf festgepinnte Tausender zielen.
Die Täter am Telefon leben in einer strengen Hierarchie: Die "Opener" knüpfen die Kontakte, Anfänger lesen ihre Sprüche oft vom Spickzettel ab. Die Adressen haben sie aus Telefonbüchern, oft aus den Gelben Seiten. Besonders beliebt sind Anschriften von Kunden, die schon einmal Geld verloren haben: Viele möchten ihre Verluste wettmachen. Neues Spiel, neues Glück.
Hat einer angebissen, müssen die "Loader" ran: Sie sollen die Anleger zu immer höheren Einsätzen verleiten. Nach dem Erstgeschäft kommt meist ein Kontoauszug ins Haus, der einen hohen Gewinn vortäuscht. So ist der Kunde reif zum Nachladen.
Meist bleiben die Verkäufer smart. Aggressiv werden sie nur, wenn die Kunden lange zögern. Der Scheck müsse sofort abgeschickt werden, sagen die Anrufer dann, nur jetzt biete sich die einmalige Chance.
Wenn sich dann plötzlich die Verluste häufen, kommt die Stunde der "Plattmacher". Der unfähige Berater sei gefeuert worden, sagen sie, nun nähmen sie die Sache persönlich in die Hand. Mit dem Versprechen, die Verluste wieder hereinzuholen, wird der Kunde bis zu seiner Kreditlinie ausgenommen.
"Die Kunden sollen platt gemacht werden, damit sie keine finanziellen Möglichkeiten mehr haben, rechtlich gegen die Firmen vorzugehen", sagt Aussteiger Ippendorf. "Deshalb werden sie in die Verschuldung getrieben."
Mitleid kennen die Verkäufer nicht. Die Szene sei wesentlich brutaler geworden, meint Ippendorf.
Die Verkäufer sind meist gescheiterte Existenzen, nicht selten vorbestraft. "Manche haben gar nichts gelernt, andere sind drogensüchtig", so Ippendorf. Das deckt sich mit den Erfahrungen des Frankfurter Staatsanwalts Benner: "Da tummeln sich Kriminelle jeglicher Herkunft."
Um den Nachforschungen von Polizei und geprellten Anlegern zu entgehen, wechseln die Telefonagenturen ständig ihre Namen oder ihren Geschäftssitz. Firmen werden schnell geschlossen, ebenso schnell werden neue wieder eröffnet. Bevor die Anleger merken, was geschehen ist, sind die Millionen außer Landes - oder für prächtige Autos oder Jachten ausgegeben.
Bisweilen aber gelingt es findigen Anwälten, einen Arrest zu erwirken und zumindest einen Teil der Summe zurückzuholen - wie im Fall des Unternehmers, dessen Sohn 1,5 Millionen Mark aus der Firmenkasse entnommen hatte, um über ICM und die Baseler Centracon auf die künftigen Preise von Orangensaft und Kupfer sowie den Kurs der IBM-Aktie zu spekulieren. Nachdem 90 Prozent des Geldes verschwunden waren, wandte sich der Vater an Ippendorfs Wirtschaftsreport AGV, der geschädigten Anlegern hilft. Ippendorf fand heraus, daß bei insgesamt 17 Geschäften 1157 Optionen gehandelt worden sein sollen.
Centracon-Direktor Heinz Schmidt konnte nicht belegen, daß jemals auch nur eine einzige Mark tatsächlich an der Börse plaziert wurde. Dies lasse "die Vermutung aufkommen, daß hier nur ein Börsenhandel auf dem Papier stattgefunden hat", teilte die AGV ihrem Auftraggeber mit.
Bevor es zu einer Gerichtsverhandlung kam, willigte Schmidt ein, einen Teil des verlorenen Kapitals zurückzuzahlen. Daraufhin meldete die ICM Konkurs an. Die Telefonverkäufer gehen jetzt unter der gleichen Adresse für Schmidts Centracon anschaffen. Ihr heißer Tip: Optionen auf Microsoft-Aktien (siehe Seite 98).
Der Kampf gegen die dubiosen Anlagevermittler scheint aussichtslos, Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaften sind angesichts der Fülle der Fälle überfordert.
Viele Firmen operieren aus dem Ausland, und sie verfügen über die modernste Technik. "Da kommen wir nicht mehr hinterher", gesteht Staatsanwalt Benner.
Dubiose Anlagevermittler spüren die Schwäche des Staates und treten neuerdings ganz ungeniert auf. Volker Pietsch von der Verbraucherzentrale Berlin, der Listen über unseriöse Geldangebote verteilt, wurde schon mehrmals verklagt - wegen Geschäftsschädigung. Der Mann von der Verbraucherzentrale: "Die werden immer dreister."
Wenn sich die Verluste häufen, kommen die Plattmacher

DER SPIEGEL 3/1996
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