22.01.1996

Maggies kalter Schatten

Michael Heseltine hatte es eilig, die frohe Botschaft zu verkünden. Einen Tag früher, als von der Regierung geplant, veröffentlichte der britische Vizepremier am Dienstag vergangener Woche die aktuelle Arbeitslosenstatistik. Danach waren zum Jahresende im Vereinigten Königreich 2 236 900 Menschen beschäftigungslos; das entspricht acht Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung.
"Unglaublich!" frohlockte da - auf deutsch - der rechtskonservative und traditionell deutschfeindliche Daily Telegraph. Erstmals in den letzten 30 Jahren liege damit die britische Arbeitslosenrate unter der deutschen.
Selbst amtliche Wirtschaftsexperten räumen allerdings ein, daß die wahre Zahl der Arbeitslosen um bis zu einer halben Million höher liegen könnte. Bis heute wird die Zahl der Werktätigen in England statistisch nicht genau erfaßt. Dementsprechend ungenau sind zwangsläufig die Arbeitslosenziffern.
Für Regierungschef John Major steht dennoch fest: "Alle Indikatoren zeigen, daß unsere Wirtschaft immer besser dasteht. Wir liegen in Europa an der Spitze."
Den Optimismus des Premierministers teilen zwar immer weniger Bürger, dafür um so häufiger ausländische Investoren. Für sie zählt Großbritannien mittlerweile zu den attraktivsten Wirtschaftsstandorten Europas. Allein mehr als 1000 deutsche Unternehmen produzieren auf der Insel, sie schufen rund 100 000 Arbeitsplätze. Derzeit baut der Elektro-Multi Siemens in Newcastle eine Chipfabrik.
Hauptgrund des Investitionsbooms der Ausländer: Britische Arbeitnehmer verdienen deutlich weniger als ihre Kollegen in anderen westeuropäischen Ländern. Die Arbeitskosten liegen mit durchschnittlich 22 Mark pro Stunde halb so hoch wie etwa in Deutschland. Die Lohnkosten erreichen mit 15,75 Mark zwei Drittel, die Lohnnebenkosten mit 6,31 Mark gerade ein Drittel der deutschen.
Britische Beschäftigte haben weniger Urlaub als deutsche, kennen keinen Mindestlohn und arbeiten länger. Und, besonders beliebt bei ausländischen Firmen: Die Macht der Gewerkschaften ist gering, sie schwindet weiter.
Das günstige Klima für Kapitalanleger schuf Majors Vorgängerin Margaret Thatcher, die in elfeinhalb Jahren als Premier Großbritannien wirtschaftlich wie gesellschaftlich nachhaltig umkrempelte. Nachdem die "eiserne Lady" 1990 in einem Parteiputsch zum Rücktritt gezwungen worden war, legten sich die Folgen ihrer ökonomischen Heilslehre bis heute wie ein kalter Schatten über das Land.
"Thatcherismus" bedeutete wirtschaftlicher Aufschwung auf Kosten eines radikalen Abbaus des Sozialstaates. An die Stelle des bis dahin von Briten traditionell praktizierten Gemeinsinns trat eine Ellbogengesellschaft, deren innerer Zusammenhang stärker denn je gefährdet ist.
Als die Lady, bei Freund und Feind ob ihrer oberlehrerhaften Arroganz gefürchtet, 1979 das Land übernahm, galt Großbritannien als "kranker Mann Europas". Thatcher langte sofort zu. Getreu ihrer ehernen Maxime, daß der Staat sich weitestgehend aus der Wirtschaft zurückzuziehen habe, kürzte sie Steuern und kappte Staatsausgaben.
Die Verehrerin der Nobelpreis-Ökonomen Milton Friedman und Friedrich August von Hajek setzte auf "neues Leistungsdenken", zähmte die allzeit streikbereiten Gewerkschaften und verkündete ein umfassendes Privatisierungsprogramm: Sie verkaufte Dutzende Staatsunternehmen, darunter erlauchte Firmen wie Jaguar und Rolls-Royce sowie die Telefongesellschaft des Landes.
2,5 Millionen Briten erwarben zu Sonderpreisen Wohnungen und Häuser aus Staatsbesitz und kauften Aktien der privatisierten Unternehmen. Doch eine hohe Inflationsrate, der Kursverfall des Pfundes, steigende Zinsen sowie das stetig wachsende Heer von Arbeitslosen setzten Maggies Boomjahren ein jähes Ende.
Als sie verbittert und uneinsichtig zurücktrat, hinterließ Thatcher die Trümmer ihres Wirtschafts- und Wertesystems, vor allem eine klaffende Lücke zwischen Arm und Reich, wie sie sich seit der industriellen Revolution nicht mehr aufgetan hatte. Ihre rabiaten Schnitte ins soziale Netz haben Millionen Briten, die sich früher stolz zum Mittelstand zählten und nun plötzlich die Kredite ihrer Eigenheime nicht mehr zahlen konnten, an den Rand der Gesellschaft gedrückt.
Viele vermeintliche Profiteure des künstlichen Wirtschaftswunders sind sogar in der Gosse gelandet. Jeffrey, 46, gehört zu den Zehntausenden von Obdachlosen in London, die im Freien überleben. Sein derzeitiges Domizil ist ein Hauseingang an der Geschäftsstraße Strand, nahe dem Regierungsviertel. Ein sorgsam gefalteter Pappkarton soll gegen die Winterkälte schützen.
Jeffrey hatte sich 1981, befeuert von Thatchers Credo des "freien Unternehmergeistes", mit einer Computerfirma selbständig gemacht. Anfangs lief der Laden prächtig, doch dann kam die Rezession. Erst blieben die Kunden weg. Dann drängte die Bank auf Rückzahlung der happigen Kredite, 1989 folgte die Pleite.
Bis auf den letzten Penny gepfändet, ohne Aussicht auf staatliche Unterstützung für eine Unterkunft oder gar einen guten Job, landete der gescheiterte Unternehmer auf der Straße. Wut auf die mittlerweile von der Queen zur Baronin geadelte eiserne Lady? Nein, sagt Jeffrey, es hätte "ja auch gutgehen können". Wenigstens bei ihr selbst habe der Thatcherismus ja geklappt: "Zuerst machte sie uns arm, und jetzt verdient sie Millionen."

DER SPIEGEL 4/1996
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