29.01.1996

Wechselbad der Lüste

Kommt die sexuelle Revolution durch die Hintertür zurück? Nach den Schwulen und Lesben kämpfen jetzt Bisexuelle um gesellschaftliche Anerkennung - mit Erfolg: Bisex, das Pendeln zwischen den Geschlechtern, ist in den neunziger Jahren en vogue. Sexualforscher glauben, der Mensch sei von Natur aus fähig, zugleich Männer und Frauen zu lieben.
Nur widerwillig erinnert sich Heike Albers, 32, an jenen Tag, als ihr eine boshafte Freundin jäh die Augen öffnete. "Dein Mann geht fremd", hatte die ihr geflüstert, "und was der Clou ist: Er betrügt dich mit einem Kerl."
"Das war ein Schock", sagt die blonde Heike, "den ich bis heute nicht verdaut habe." Wenn sie darüber nachdenkt, kommt sie aus dem Grübeln nicht heraus: Hat sie, ohne es zu ahnen, vor sechs Jahren einen Schwulen geheiratet? Doch wieso hat er dann, und zwar keineswegs lustlos, regelmäßig mit ihr geschlafen?
Erich Albers, Heikes Ehemann, kann sich das alles auch nicht erklären. Ihn packe halt, bekennt er ratlos, von Zeit zu Zeit ein übermächtiges Bedürfnis nach Sex mit Männern. Schwul will sich der Vater von zwei Kindern deswegen nicht nennen lassen. Schließlich liebe er seine Frau, "und das nicht etwa nur platonisch".
Sein schwankendes Triebleben empfindet Albers, ein athletischer Busfahrer, als eine Last, die er am liebsten los wäre. Doch zum Verzicht auf seine sporadischen Männeraffären kann er sich nicht durchringen. "Ich weiß nicht", erklärt er gequält, "ob ich das auf Dauer schaffen würde."
Von solchen Beklemmungen ist Ilona Bergmann, 36 und geschieden, ganz und gar frei: Nach ihrer Scheidung hatte sie, als bekennende Lesbe, dem Sex mit Männern ein für allemal abgeschworen. Dann aber fand sie, zuerst selten, dann häufiger, wieder Geschmack auch am anderen Geschlecht. "Ich bin eben bisexuell", verkündet sie fröhlich, "und seit ich das weiß, geht es mir viel besser."
"Ich bin glücklich, entdeckt zu haben, daß ich bisexuell veranlagt bin", frohlockt auch die Autorin Sina-Aline Geißler, die im Wechselbad der Lüste mal mit Männern, mal mit Frauen befreiende Erfahrungen sammelte. "Doppelte Lust" (so ihr Taschenbuch-Titel) verspricht sie allen Gleichgestimmten. Denen, die noch zögern, rät sie, sich den Wonnen des janusköpfigen Eros furchtlos hinzugeben. ______(* In einer Bühnenshow. )
Die Botschaft kommt an. Am nötigen Mut, im aktuellen Geschlechter-Verwirrspiel lustvoll mitzumischen, herrscht unter den jüngeren Zeitgenossen seit längerem kein Mangel. "Bi ist in", heißt die sexuelle Freiheitsparole der neunziger Jahre. "Seit Schwulsein akzeptiert ist", erklärt der New Yorker Psychologe William Wedin, "ist Bisexualität die neue Welle."
Auf ihr surfen Kinokünstler und Models, Popstars und Modemacher locker einem Zeitgeschmack entgegen, der den kleinen Unterschied nicht mehr zu wichtig nimmt. In dem US-Erotikthriller "Basic Instinct" treibt es die Hauptdarstellerin Sharon Stone wechselweise mit Mann und Mädchen. Im deutschen Lichtspiel "Der bewegte Mann" wird der Held von seiner Freundin in flagranti ertappt - mit einem Liebhaber im Bett.
Reihenweise bekennen sich Prominente, von David Bowie und Grace Jones bis zu Helmut Berger, zu ihrer sexuellen Doppelbegabung. Androgyne Models wie die magere Kate Moss wirken auf Frauen wie Männer, auf Schwule und Lesben gleichermaßen erotisierend.
"Fluidity" heißt ein Schlagwort, das in amerikanischen Hochschulen derzeit die Runde macht: Fließende Übergänge, so die ungefähre Bedeutung, sind im modernen Sexleben angesagt.
"Mehr und mehr junge Leute", glaubt Psychologe Wedin, der in New York einen Beratungsdienst für Bisexuelle leitet, "kommen dahinter, daß ihnen ein allzu simples Modell der sexuellen Beziehungen vermittelt wurde." Viele von ihnen, so zeigen Umfragen, lehnen es mittlerweile ab, sich wie bisher in eine der beiden Schubladen - Hetero oder Homo - einsortieren zu lassen.
"Eine neue Generation", notierte die New York Times, "ist im Begriff, der Bisexualität einen Platz im Spektrum zu beschaffen" - einen Freiraum zwischen den bislang strikt getrennten Welten der Hetero- und Homosexuellen. Dieses Zwischenreich, so das Blatt, werde von einem rasch wachsenden Völkchen besiedelt, das auf einen Stammplatz hüben oder drüben keinen besonderen Wert legt.
Noch vor 10, 15 Jahren galten die Grenzgänger als orientierungslose Außenseiter, die ihre leicht morbiden Neigungen weitgehend im verborgenen auslebten. Kaum jemand, nicht einmal die Sexualforscher, nahm viel Notiz von den vermeintlichen Irrläufern - Homosexuellen, wie allgemein vermutet wurde, die unterwegs zum Coming-out auf halber Strecke steckengeblieben waren.
Anfang der achtziger Jahre jedoch waren die unauffälligen Abweichler überraschend ins Scheinwerferlicht geraten. Damals, als unter Amerikas Schwulen die Seuche Aids zu wüten begann, wurden sie der Öffentlichkeit als Gefahr für die Volksgesundheit vorgeführt.
Von bisexuellen Männern, warnten die Epidemiologen, werde der Aidserreger demnächst womöglich auch in die Hetero-Bevölkerung eingeschleppt, ein Alarmruf, der die als Todesboten Verdächtigten anfangs schwer verstörte.
Sehr bald jedoch hatte der erlittene Schock bei den Betroffenen eine Art Mobilmachung ausgelöst. Überall in den US-Metropolen, später auch in Europa waren Initiativgruppen entstanden, die sich gegen das Aidsstigma zur Wehr setzten.
Die Bi-Aktivisten organisierten Demonstrationen, Diskussionsforen und den Erfahrungsaustausch im Computernetz. ______(* Oben links: männliches Modell für Hermès; ) ______(rechts: antike Statue; unten: Model Kate Moss. ) In San Francisco begann ein Kabel-TV-Sender mit Programmen für Bisexuelle, in London erschien die Zeitschrift Bi-Monthly, in den Niederlanden etablierte sich die "Landelijke Steun- en Aktiegroup Biseksualiteit", ein landesweiter Zusammenschluß bisexueller Frauen und Männer.
Im Internet, dem weltweiten Computernetz, wimmelt es inzwischen von Kontaktadressen und Offerten bisexueller Magazine oder Firmen wie "Blowfish", einem "bi-eigenen Unternehmen", das auf "sexpositiven Erotikhandel spezialisiert" ist. ______(* In dem Film "Basic Instinct"; oben: mit ) ______(Michael Douglas; unten: mit Leilani Farelle. )
Auch in Deutschland faßte die Bi-Bewegung Fuß. Bi-Gruppen wurden in Bremen und Bielefeld, in Hagen, Köln und Wuppertal gegründet. In Münster treffen sich, nach Landessitte gutbürgerlich, Bisexuelle zum "Bi-Stammtisch", in Berlin bietet ihnen der "Sonntags-Club e.V." eine Begegnungsstätte.
In der Hauptstadt hat auch "Bine" (für Bisexuelles Netzwerk) seinen Sitz, die zentrale Anlaufstelle für die deutschen Bi-Aktivisten, in Hamburg erscheint Bijou, das vierteljährlich erscheinende bisexuelle Journal. Zu Pfingsten wird Bine in Berlin das "4. Bisexuelle Symposium" veranstalten, ein internationales Treffen von Sexforschern und Bisexuellen, auf dem auch die Alltagssorgen der häufig zu einem Doppelleben Verurteilten erörtert werden sollen.
Von ihren Anfängen als defensive Notgemeinschaft hat sich die Internationale der Bisex-Bewegten weit entfernt. Längst strebt sie nach Höherem: Sie möchte die überkommene Geschlechterordnung aus den Angeln heben.
Bisexuelle, so ihre Forderung, sollten neben den Hetero- und Homosexuellen endlich als Menschenschlag mit durchaus eigenständigem Geschlechtscharakter anerkannt werden - ein Postulat, an dem sich die gelehrten Geister scheiden, seit sie über das verwirrende Sexualleben des Homo sapiens nachdenken.
Seit mehr als hundert Jahren studieren die Sexforscher das Verhalten jener Sonderlinge, die sich gleichermaßen zu Männern wie zu Frauen hingezogen fühlen. Doch ihre Bemühungen, das irritierende Phänomen in Begriffe zu fassen, gleichen allemal dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.
Schon die Frage, wer denn wohl als bisexuell zu gelten habe, stürzte die Experten immer wieder in Verlegenheit. Ist ein Halbwüchsiger bi, der in den Pubertätswirren mit einem Freund spielerisch ins sexuelle Handgemenge gerät? Wie steht es mit frustrierten, von ihren Männern enttäuschten Frauen, die aus der Ehekrise in die Arme einer zärtlichen Freundin flüchten?
Und was ist mit all jenen nach außen standfesten Heteros beiderlei Geschlechts, in deren Köpfen immer mal wieder auch homoerotische Phantasien herumspuken? Sollen sie als verkappte Bisexuelle eingestuft werden?
Alles Humbug, hatte vor geraumer Zeit der Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch geurteilt, wer so frage, jage einer Schimäre nach. Er habe, erklärte er, "jahrelang psychostrukturelle, also echte Bisexuelle gesucht" - vergebens: "Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es sie gar nicht gibt."
Gefunden hatte Sigusch bei seiner Suche allenfalls "Menschen, die sich bisexuell verhalten, die gibt es selbstver-ständlich". Die jedoch blieben nach seiner Überzeugung trotz ihres wechselhaften Trieblebens entweder Homo- oder Heterosexuelle.
Von seiner Absage an die Idee eines genuinen Bi-Geschlechts hat sich der Frankfurter Forscher inzwischen distanziert. Eine Fülle neuer Forschungsbefunde bewog ihn, seine frühere Einschätzung zu ändern: Bisex, sagt er nun, habe sich zu einer neuen "kulturellen Sexualform" entwickelt.
Wer Bisexualität als schicksalhafte Veranlagung einfach ignoriere, meint der amerikanische Psychotherapeut Fritz Klein, füge all jenen Unrecht zu, die - hin- und hergerissen zwischen den Geschlechtern - ein schwieriges, von Vorurteilen belastetes Dasein fristen müßten.
"Bisexualität existiert", konstatieren lapidar zwei deutsche Autoren in einem gemeinsam verfaßten Buch, das "parteilich, doch sachgerecht" dafür plädiert, das "grundlegende Anliegen der Bi-Bewegung" ernst zu nehmen**: Für die Ärztin Almut König und den Kölner Sozialwissenschaftler Francis Hüsers ist Bisex "eine positiv zu bewertende Form menschlicher Sexualität", die durchaus zum Wesenskern eines Menschen, zu seiner "Identität" und "Persönlichkeit" gehören könne. ______(** Francis Hüsers und Almut König: ) ______("Bisexualität". Verlag Trias-Thieme ) ______(Hippokrates Enke, Stuttgart; 164 Seiten, ) ______(34 Mark )
Nur gesellschaftlicher Druck, glauben die Autoren, hindere viele Zivilisationsmenschen an der Entfaltung ihrer sexuellen Doppelnatur. Zweiflern empfehlen die beiden Bi-Protagonisten eine Zeitreise in frühere Menschheitsepochen, in denen die Sitten lockerer waren.
Damals, in vorchristlichen Zeiten, vergriffen sich selbst Götter an appetitlichen Jünglingen, während sie obendrein der Vielweiberei frönten. Lustknaben zählten zur Entourage von Herrschern und Heerführern, die gleichwohl mit ihren Konkubinen Scharen von Nachkommen zeugten.
Im klassischen Griechenland galt die Knabenliebe als die sublimste Form der Erotik; sie wurde, in den gehobenen Kreisen Athens, als edle Seelenregung kultiviert und höher eingeschätzt als die ehelichen Pflichtübungen.
Derber ging es im Rom der Kaiserzeit zu, wo sich die Herren der High-Society gern mit Sklaven und käuflichen Knaben zu schwulen Orgien trafen - nichts Ehrenrühriges für Römer von Rang, sofern sie beim Sex, wie es sich ziemte, stets den aktiven Part übernahmen.
In der Antike, schreibt der Berliner Sexualforscher Erwin Haeberle, "war die Geschlechtszugehörigkeit der jeweils Geliebten und Liebenden kein Betrachtungsgegenstand, bei dem man sich lange aufhielt": Der "mutwillige Eros" trieb seine Opfer nach Lust und Laune zu Paaren - was dabei zustande kam, wurde als Ergebnis höherer Gewalt akzeptiert.
Im "Symposion" (Gastmahl), einem philosophischen Dialog, hatte Griechenlands Meisterdenker Platon (427 bis 347 vor Christus) den Ursprung des großen sexuellen Durcheinanders aufzudecken versucht. In grauer Vorzeit, heißt es dort, bestand die Menschenrasse aus zylindrischen Wesen mit jeweils vier Armen und Beinen, zwei Geschlechtsteilen und einem Januskopf.
Die Mehrheit dieser sonderbaren Urmenschen war von mannweiblicher Gestalt, die übrigen wandelten als Doppelweiber oder Doppelmänner durchs Leben. Doch die, laut Platon, allzu vollkommen anmutenden Zylindermenschen erregten den Neid der Götter. Sie teilten die urigen Gestalten in je zwei Hälften. Seither sind die Sterblichen ruhelos auf der Suche nach ihrem abgespaltenen Zwilling und der verlorenen, ursprünglichen Ganzheit.
Platons Erzählung rechtfertigt nicht nur die weibliche und männliche Homosexualität, sie raunt auch von einer androgynen, mannweiblichen Uranlage des Menschen. Hermaphroditen, Zwitter mit Körpermerkmalen beider Geschlechter, geistern auch sonst durch die Mythen und Religionen der Frühzeit und wurden - wie etwa die bärtige Ischtar in Babylon oder der germanische Tuisto - als Gottheiten verehrt.
Mit androgynen Phantasiespielen, die losen Sitten Vorschub leisten, war es erst mal für lange Zeit vorbei, als das Abendland unter die Fuchtel der christlichen Moral geriet. Das Volk Israel mit seinem eifernden Gott Jahwe hatte neue Maßstäbe gesetzt.
Drittes Buch Mose, Kapitel 20, Vers 13: "Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen."
Den Tugendwächtern im christlichen Mittelalter fehlten für derlei Ausschweifungen die Worte. Was immer außerhalb der Ehe die Fleischeslust stillte, wurde pauschal als "Unzucht" aufs Sündenkonto der Täter verbucht.
Weniger fromm ging die Wissenschaft im 19. Jahrhundert damit um. Sie sah in den Sexsündern eine Gruppe pathologischer Spezialfälle, deren abnormes Verhalten unter einem unwiderstehlichen Triebzwang zustande kommt.
Als erster hatte der deutsche Rechtsassessor Karl Heinrich Ulrichs den Versuch unternommen, die Sexualabweichler zu sortieren.
Der hochgebildete Jurist, selber homophil, publizierte 1864 eine Broschüre mit dem Titel "Inclusa", Untertitel: "Nachweis, daß einer Klasse von männlich gebauten Individuen Geschlechtsliebe zu Männern geschlechtlich angeboren ist." Solchen Männern, die er "Urninge" taufte (nach Uranos, dem Vater der Aphrodite), wohnt laut Ulrichs eine weibliche Seele inne - den "Urninginnen", frauenliebenden Frauen, umgekehrt eine männliche. Beide Mischformen ordnete der Rechtsgelehrte zwischen den in sich stimmigen, heterosexuellen Geschlechtern ein.
Bald aber sah sich Ulrichs gezwungen, sein Vierer-Schema zu erweitern. Am Ende war er bei mehr als einem Dutzend verschiedener Geschlechtstypen angelangt: Es galt, wie sich zeigte, Urninge mit männlicher Seele ("Mannlinge"), zu beiden Geschlechtern neigende Individuen ("Uranodioninge") oder auch echte Zwitter darin unterzubringen - eine Sisyphusarbeit, die mehr Verwirrung als Ordnung schuf.
Dennoch, der gescheiterte Forschungspionier hinterließ eine fortwirkende Erkenntnis: Im menschlichen Geschlechtsleben, soviel hatte er nachweisen können, geht es offenbar noch weit chaotischer zu als in Shakespeares turbulenten Liebesdramen.
Um die Jahrhundertwende begann der Berliner Mediziner Magnus Hirschfeld das von Ulrichs entdeckte Forschungsfeld neu zu beackern. Er hütete sich allerdings vor einer allzu plastischen Typenlehre, wie sie Ulrichs mit seinen Urningen vorgelegt hatte. Statt dessen vermaß Hirschfeld auf einer zehnstufigen Skala - von "kalt", "kühl" und "warm" bis zu "heiß" und "wilde Gier" - die Triebstärke seiner Probanden. Auf einer zweiten Skala registrierte er die "Triebrichtung", den Sexualappetit auf das jeweils andere oder auch auf das eigene Geschlecht.
Das Ergebnis der umfangreichen Ermittlungen faßte der Sexualforscher Ludwig Frey ("Männer des Rätsels") so zusammen: "In dem weiten Bereich des Sexuallebens" herrsche "das Gesetz vom unvermerkten Übergang". Zwischen dem "vollen Mann" und dem "vollen Weib" einerseits und dem homosexuellen "vollen Urning" entfalte sich eine unendliche Fülle von Variationen. Frey: "Man kann sagen: Es gibt so viele Geschlechtsanlagen wie Individuen."
In Hirschfelds fließender Typologie tauchen Bisexuelle, "Seelenzwitter" genannt, irgendwo in der Mitte auf, als nicht sonderlich triebstarke Minderheit ohne deutliche Konturen. Auch Sigmund Freud, dem Vater der Psychoanalyse und Zeitgenossen Hirschfelds, gelang es nicht, den unsicheren Kantonisten ein schärferes Profil zu verschaffen.
Freud ging, wie einst Mythenerzähler Platon, gleichfalls von einer doppelgeschlechtlichen Urgestalt des Menschen aus - nur daß sich der Wiener Tiefenpsychologe dabei auf die Erkenntnisse der Embryologie berief: In den ersten zwei Entwicklungsmonaten sind die Genitalanlagen männlicher und weiblicher Embryos einander weitgehend ähnlich.
Auf dieses biologische Faktum stützte sich Freud bei seiner Annahme, daß der menschliche Sexualtrieb nicht von vornherein auf heterosexuelle Liebesobjekte fixiert sei. Zumindest in der frühen Kindheit, glaubte er, könne sich der Trieb frei flottierend auf alles und jeden richten, eine Ungebundenheit, die Freud mit dem Terminus "polymorph pervers" kennzeichnete.
Erwachsene mit vagabundierendem Geschlechtstrieb hielt Freud allerdings für entwicklungsgestört, für unreif, wenn nicht gar für seelisch krank. Das unentschiedene Pendeln zwischen den Geschlechtern treibe Bisexuelle oft in die Neurose, meinte er. Doch über derlei spekulative, dazu immer wieder korrigierte Überlegungen kam der Altmeister nicht hinaus.
Dennoch trugen die sextheoretischen Arbeiten Freuds und Hirschfelds viel dazu bei, festgefrorene Kategorien - "typisch Mann", "typisch Frau" - durcheinanderzubringen. In den zwanziger Jahren, den Roaring Twenties, probte in den Metropolen des Westens eine Bisex-Schickeria den Rollentausch.
"Ein bißchen bi schadet nie", hieß schon damals das Motto in schrägen Nachtlokalen, wo schwule Gigolos mit herrisch wirkenden Damen Tango tanzten und ondulierte Stutzer sich von Frauen im Smoking ihren Drink bezahlen ließen. Marlene Dietrich, im Hosenanzug und mit der Zigarette im Mundwinkel, wurde zwischen den beiden Weltkriegen zur Ikone einer Subkultur, in der Freuds Idee frei flottierender Neigungen einen unwiderstehlichen Charme entfaltete.
Filmstar Cary Grant und Eleanor Roosevelt, die Gattin des US-Präsidenten, die Bildhauerin Käthe Kollwitz und die Schriftstellerin Anaes Nin - sie alle wurden, zum Teil postum, als bisexuell geoutet, ein illustrer Kreis, zu dem auch der Dichter Thomas Mann gerechnet werden darf. Zeitlebens rang der Vater von sechs Kindern mit homoerotischen Versuchungen, ohne ihnen je zu erliegen.
Wie weit die traditionelle Geschlechterordnung bereits aufgeweicht war, offenbarten in den vierziger Jahren Untersuchungen des amerikanischen Zoologen Alfred Kinsey. Der faktenversessene Empiriker hatte an die 18 000 Männer und Frauen nach ihrer sexuellen Orientierung befragt und war zu einem die Öffentlichkeit schockierenden Ergebnis gekommen: 37 Prozent der interviewten Männer und 13 Prozent der Frauen gaben an, sie hätten "zumindest einige physische homosexuelle Erlebnisse bis zum Orgasmus" gehabt.
Auch Kinsey ordnete, wie seine Vorgänger, die sexuelle Orientierung seiner Probanden anhand einer Skala ein; daß sie sieben Stufen aufwies, war im Grunde ohne Bedeutung. Für Kinsey gab es eine so große Vielfalt ineinander verfließender, bisexueller Verhaltensmuster, daß letztlich eher die vermeintlich Normalen zusammen mit den rein Homosexuellen eine Gruppe bildeten, die fragwürdig wirkte.
"Man darf die Welt nicht in Schafe und Böcke einteilen", resümierte Kinsey, sie stelle vielmehr "ein Kontinuum in allen ihren Aspekten" dar. Alle Formen des menschlichen Sexualverhaltens müßten deshalb als "natürlich" betrachtet werden.
Kinsey, schreibt Sexualforscher Haeberle, habe den Homosexuellen als abnorme Erscheinung endgültig abgeschafft. Doch der Bürgerschreck von einst, "dieser altmodisch gekleidete, zu statistischem Staub zerbröselte psychiatrische Golem", so Haeberle, kehrte in veränderter Gestalt zurück - "als zeitgemäßer, starker und gesunder Kämpfer für das Gute". Im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung, der Ende der sechziger Jahre begann, pochten homosexuelle Männer und später auch engagierte Lesben auf ihre "schwule Identität".
Das diente dem Selbstbewußtsein der Streiter, die sich nun "gay" (fröhlich) nannten, betonte jedoch aufs neue den Abstand zur Welt der Normalos. Und nicht wenige Schwule, deren Triebleben zwischen den Geschlechtern mäandrierte, landeten abermals in einer Zwangslage. Jetzt wurde ihnen ein strikt homosexuelles Verhalten abverlangt.
Diese Nötigung, glauben Beobachter, habe der aktuellen Bi-Bewegung mit auf die Sprünge geholfen. "Viele Homosexuelle, die im Freiheitskampf der Gays mitgemacht haben", berichtet der New Yorker Psychologe Wedin, "entdecken inzwischen, älter geworden, daß sie auch heterosexuelle Bedürfnisse haben."
Als vor gut zehn Jahren, zu Zeiten des Aids-Schocks, bis dahin abseits lebende Bisexuelle bei den schwulen Bürgerrechtlern Anschluß suchten, waren sie auf Ablehnung gestoßen. "Was wollen die hier", erkundigte sich unwirsch ein Gay-Aktivist aus San Francisco.
Die Bi-People, meinte er, sollten sich gefälligst als Schwule zu erkennen geben: "Daß sie unter Druck stehen, hat schließlich mit ihrer Homosexualität zu tun, nicht mit ihrer Heterosexualität."
Auch die Lesben, durchweg kämpferische Feministinnen, sträubten sich gegen ein Bündnis mit den Bisexuellen. In den Bi-Frauen erblickten sie - politisch korrekt - Verräterinnen, gleichsam Doppelagentinnen im Krieg gegen das Patriarchat.
Solche Abwehrreflexe sind selten geworden; Bi und Gay haben Frieden geschlossen. Gemeinsam werben die Theoretiker unter ihnen, etwa die Autoren Hüsers und König, für "Bisexualität als positive Utopie" - für ein Reich der sexuellen Freiheit, in dem die Kategorien Hetero, Homo und Bi für immer abgeschafft sind.
Ein bisexuelles Utopia ohne diskriminierende Triebschranken hatte sich schon die Psychiaterin Charlotte Wolff (1897 bis 1986) ausgemalt. Daß sich Menschen, scheinbar freiwillig, als hetero- oder homosexuell definieren, hielt sie für das Ergebnis einer "Gehirnwäsche"; von Natur aus, meinte sie, sei der Homo sapiens bi: "Es ist ein trauriges Faktum, daß die Mehrheit der Menschen niemals im Einklang mit ihrer eigenen Natur lebt."
Offen und furchtlos ausgelebte Bisexualität, glauben auch die beiden Autoren Hüsers und König, stelle "eine Herausforderung unserer Gesellschaft und ihrer grundlegenden Strukturen" dar - einen Affront, der die Verhältnisse zum Tanzen bringen könne. Zugleich aber warnen sie davor, das Bisex-Verhalten kritiklos als fortschrittliche Form des Geschlechtslebens zu "idealisieren".
Manchen Beobachtern mißfällt das schrille Gebaren modischer Propagandisten, die Bisex als letzten Schrei anpreisen: "Libidinöse Gier", schrieb die Kolumnistin Charlotte Raven im britischen Observer, herrsche in der Bi-Szene. "Eine Bande unersättlicher sexueller Feinschmecker" habe sich dort versammelt, die dabei sei, "das Hauptgericht und den Pudding auf einmal herunterzuwürgen".
Die Unfähigkeit zu echter Hingabe und eine Scheu vor festen Bindungen - das, glaubt die wütende Journalistin, sei typisch für die sexbesessenen Wüstlinge. Ganz abwegig ist die grimmige Charakteristik möglicherweise nicht. ______(* "Love, Spit, Love", Aktion für freie ) ______(Liebe in New York. )
"Einer festen Bindung stehen viele Bisexuelle skeptisch gegenüber, eine echte Liebesfähigkeit zum Partner ist ihnen meist fremd": So beschreibt der Düsseldorfer Psychotherapeut Hans-Joachim von Schumann seine bisexuellen Klienten, die er, meist wegen depressiver Störungen, in seiner Praxis behandelt hat.
Doppelte Lust, doppelter Frust: "Die fehlende dauerhafte sexuelle Orientierung", notiert von Schumann, treibe nicht wenige Bisexuelle auf die Dauer "in die Vereinsamung"; auch plage die Betroffenen heftige Angst vor dem Alter und der Aussicht, dann keine Partner mehr zu finden. Angesichts ihres streßbeladenen Alltags denken sie, laut von Schumann, "fast ununterbrochen über ihre psychosexuelle Seinsweise nach", ein stark ichbezogenes Verhalten, das ihre Außenseiterrolle verschärft.
Doch der Seelentherapeut hat auch Tröstliches zu berichten: Die an raschen Kontaktwechsel gewöhnten Patienten erholen sich in Gesprächsgruppen meist bald von ihren Depressionen. Zur erfolgreichen Behandlung, sagt von Schumann, genüge es, die Probleme der Geknickten ernst zu nehmen und ihre bisexuellen Neigungen nicht zu mißbilligen.
Für den gleichfalls in Düsseldorf praktizierenden Sextherapeuten Rolf Gindorf besteht kein Zweifel, daß sich in Zukunft mehr Männner und Frauen zu einem bisexuellen Lebenswandel entschließen werden. Vor fünfeinhalb Jahren hatte Gindorf zusammen mit seinem Kollegen Haeberle mitgeholfen, einen Kongreß zum Thema "Bisexualitäten" (III. Internationale Berliner Konferenz für Sexualwissenschaft) zu organisieren.
Nahezu einhellig hatten die dort versammelten Fachleute die Ansicht vertreten, daß sich das menschliche Sexualverhalten endgültig vom biologischen Reproduktionszwang abgekoppelt habe - und mithin frei sei für jede beliebige Form der Geschlechtsliebe.
Wird daraus jenes "große bunte Durcheinander" gemischter Sexualbeziehungen erwachsen, dem Gindorf für die Zukunft alles Gute wünscht?
Vielleicht, vielleicht auch nicht, sinniert die Harvard-Professorin Marjorie Garber, die ein Buch über Bisexualität in der Literatur und der Gesellschaft geschrieben hat.
Heimliche Bisexualität, stellt die Gelehrte fest, habe es immer gegeben. Von Zeit zu Zeit errege das Bi-Verhalten öffentliches Aufsehen. "Gegenwärtig ist es mal wieder soweit."
___* In einer Bühnenshow. ___* Oben links: männliches Modell für Hermès; rechts: antike Statue; unten: Model Kate Moss. ___* In dem Film "Basic Instinct"; oben: mit Michael Douglas; unten: mit Leilani Farelle.

___** Francis Hüsers und Almut König: "Bisexualität". Verlag Trias-Thieme Hippokrates Enke, Stuttgart; 164 Seiten; 34 Mark.

___* "Love, Spit, Love", Aktion für freie Liebe in New York.

DER SPIEGEL 5/1996
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