08.01.1996

NigeriaNarben im Gesicht

General Abacha, der den Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa hängen ließ, droht mit weiteren Todesurteilen.
Schon die Anfangsbuchstaben seines Namens lassen ihn in Nigerias voluminösem "Who's Who" ganz vorne stehen: Abacha, Sani, 52. Es folgt eine lange Aufzählung von Beförderungen - der Aufstieg eines Soldaten durch alle Ränge bis zum General.
Er verbirgt seine Augen meist hinter einer dunklen Brille. Er will geheimnisvoll wirken. So arbeitet er nachts und zitiert Besucher in den frühen Morgenstunden zu sich. Seine Herkunft freilich kann er nicht verbergen. Sie ist ihm - wie vielen Afrikanern - ins Gesicht geschnitten: Abacha, seit zwei Jahren Militärherrscher in Nigeria, trägt die Ziernarben des Kanuri-Stammes.
Der Junta-Chef mag es nicht, wenn sich Leute für sein Privatleben interessieren. Abacha ließ Reporter einsperren, die nachprüfen wollten, was überall im Lande gemunkelt wird: Der General soll bei einem geheimen Auslandsaufenthalt wegen eines Leberleidens oder Diabetes behandelt worden sein. Solche Geschichten kursieren auch deshalb, weil Abacha oft wochenlang nicht in Erscheinung tritt. Der Herrscher in Afrikas volkreichstem Staat verschanzt sich im Präsidentensitz "Aso Rock" über Nigerias Retortenhauptstadt Abuja.
Von Israels Geheimdienst Mossad ausgebildete Soldaten bewachen den Aso-Hügel, einen Komplex aus modernen Gebäuden. Die deutsche Firma Julius Berger errichtete die Prachtvillen und Bunkeranlagen unter Verwendung von reichlich Marmor - prunkvoll und irgendwie passend für einen Staat, in dem die Herrscher immer protzen wollten und der in seiner 35jährigen Geschichte zehn Putschversuche erlebt hat.
Militärherrscher Nummer acht, Sani Abacha, katapultierte sich in die Schlagzeilen, als er im November den Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa und acht Mitstreiter hängen ließ. Seitdem gilt der nigerianische Junta-Chef als "Afrikas Antwort auf Saddam Hussein" oder als "der neue Idi Amin"; die internationale Gemeinschaft bestraft sein Regime mit Sanktionen und ächtet seinen Führer.
Die Junta wollte der Welt zeigen, daß sie als "uneinnehmbare Festung nicht einzuschüchtern" sei. So erklärt das Magazin Tell aus Lagos die Verurteilung von Saro-Wiwa. Nigerianische Zeitungen kürten den Hingerichteten zum "Mann des Jahres 1995" - mutig, denn sie sind ständig vom Verbot bedroht. Diktator Abacha entließ am Neujahrstag vier Oppositionspolitiker aus der Haft, doch auf politisches Tauwetter läßt das noch nicht schließen. Weiteren 19 Bürgerrechtlern des Ogoni-Volkes drohen Todesurteile. Das Regime klagt sie mit offensichtlich getürktem Beweismaterial als "Mörder", als gewöhnliche Kriminelle an, die in Nigeria häufig durch ein Erschießungskommando öffentlich hingerichtet werden.
Saro-Wiwas Mitstreiter im entlegenen Niger-Delta bedeuten die "fundamentalste Herausforderung für das System", so der nigerianische Politologe Claude Ake. Die Ogoni fordern - als die am besten organisierte Minderheit im Lande - die Neuverteilung von Nigerias riesigen Öleinkünften, die 80 Prozent der Staatseinnahmen und 90 Prozent der Deviseneinkünfte ausmachen.
Bis auf einen Bruchteil geht dieses Geld bislang an die Zentralregierung, das heißt an die Militärs, die sich damit an der Macht halten und zudem schamlos selbst bedienen. Der Junta liegt ein Bericht vor, demzufolge zwölf Milliarden Dollar aus Öleinkünften verschwunden sind. Spuren führen meist zu Offizieren. Aus ihrer Zunft, die traditionell armen Schichten entstammt, sind in insgesamt 25 Jahren Militärherrschaft in Nigeria viele zu Millionären geworden. Sani Abacha gehört dazu.
Der Sohn eines moslemischen Händlers aus der nordnigerianischen Stadt Kano war als Kleinkind ständig krank, so daß die Eltern um sein Leben fürchteten. Weil er klein und schwächlich blieb, wurde er später von stärkeren Mitschülern schikaniert. Aus den Erfahrungen jener Zeit stammen Abachas Mißtrauen und seine Wachsamkeit gegenüber anderen Menschen.
Abacha diente sich in Nigerias Streitkräften hoch. Als er vor vielen Jahren als Offizier in Port Harcourt stationiert war, wohnte er in der Nachbarschaft des Dichters Ken Saro-Wiwa. Kinder beider Familien - Abacha hat sechs Söhne und drei Töchter - spielten miteinander. Später hat Abacha dem Schriftsteller und Geschäftsmann Saro-Wiwa einmal einen Ministerposten angeboten.
Der nigerianischen Nation wurde Abacha erstmals am 31. Dezember 1983 bekannt: Da verkündete der Brigadegeneral über Rundfunk und Fernsehen, das Militär habe unter der Führung des Generals Mohammed Buhari den Präsidenten Shehu Shagari gestürzt. Die Armee, so Abacha, mußte eingreifen, weil die Zivilisten Nigeria zu einer "Schuldner- und Bettlernation" heruntergewirtschaftet hätten.
Abacha war eine Schlüsselfigur der Verschwörung. Kurz vor dem Coup hatte er einen Freund in Bonn besucht: den damaligen nigerianischen Botschafter Mohammed Lawal Rafindadi, den die Militärs nach ihrem Putsch zum Geheimdienstchef machten.
Rafindadi gehört zur "Kaduna-Mafia", einer Seilschaft von Absolventen der Eliteschulen in der nordnigerianischen Bildungsmetropole Kaduna. Die Elitemafiosi schieben sich Posten und Geschäfte zu; ihr wichtigstes Ziel besteht darin, die Vorherrschaft des islamischen Nordens in Nigeria für immer zu sichern. Voraussetzung dafür ist ein Bündnis mit der Armee, die seit der Kolonialzeit von Männern aus dem Norden beherrscht wird.
Das schließt freilich Machtkämpfe unter den Moslem-Kameraden nicht aus. So putschten im August 1985 schon wieder Armee-Einheiten, und erneut war es Abacha, der den Machtwechsel bekanntgab: Anstelle von Buhari übernahm der General Babangida die Regierung - beide Moslems aus dem Norden.
Abacha agierte nun als Nummer zwei hinter Babangida - bis der sich Mitte 1993 aus der Politik zurückzog. Jetzt erst trat Abacha aus dem Hintergrund hervor und erklärte sich im November desselben Jahres zum Staatsoberhaupt. "Ich kenne Abacha und habe lange vor ihm gewarnt", schrieb damals der nigerianische Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka: "Dieser Mann wird verhaften, foltern, morden." Colin Powell, einst Sicherheitsberater von US-Präsident Reagan, fand Abachas CIA-Akte "die schlimmste, die ich je gelesen habe".
Doch Abacha weckte zunächst sogar Hoffnungen. So berief er eine Verfassungskonferenz ein und gaukelte der Nation vor, er plane den Übergang zur Demokratie. Zudem ermutigte der neue Militärherrscher den ins Ausland geflohenen Geschäftsmann Moshood Abiola, nach Nigeria zurückzukehren.
Abiola - ein Moslem, doch Angehöriger des im Südwesten lebenden Yoruba-Stammes - hatte im Juni 1993 die Präsidentschaftswahlen gewonnen; die Militärs hatten den Urnengang annulliert, als sie feststellten, daß der aus dem Norden stammende Kandidat der Kaduna-Mafia keine Siegeschance hatte.
Zu Abiolas Entsetzen entpuppte sich Abacha als "politischer Falschspieler". Denn statt einer Aufgabe erwartete den Heimkehrer in Nigeria das Gefängnis. Weil Abiola darauf beharrte, als gewählter Präsident anerkannt zu werden, ließ ihn der Junta-Chef einsperren. Abiolas Schicksal teilen Hunderte von Gewerkschaftern und Bürgerrechtlern. Andere Regimegegner sind aus Nigeria geflohen.
"Die Militärs spielen uns gegeneinander aus", klagt ein Anwalt in Lagos, "und weil es allen schlechtgeht wie nie zuvor, sind viele Nigerianer zu kaufen." So reist etwa Emeka Ojukwu, der einst als Führer von Biafra für einen eigenen Staat im Osten Nigerias gekämpft hatte, als Lobbyist für die Junta durch die Welt.
Abacha muß nach der Zerschlagung der politischen Opposition nur noch eine Macht fürchten - die Kameraden bei den Streitkräften. Offiziere aus dem militärischen Mittelbau leiden wie die Bevölkerung unter dem wirtschaftlichen Niedergang des Landes. Abacha hat sein Spitzelsystem in der Armee verbessert. Denn der erfahrene Putschist kennt das geflügelte Wort der Nigerianer: "Der erfolgreiche Putsch ist die Mutter des Gegenputsches." Y

DER SPIEGEL 2/1996
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