29.01.1996

USA

Spiel ohne Grenzen

Auf einem Video erklärt sich der freigesprochene O. J. Simpson jetzt in eigener Sache. Erhoffter Reingewinn: zehn Millionen Dollar.

Kaum hatte sich der Deal herumgesprochen, brachen die Bestell-Leitungen zusammen: O. J. Simpson, der mutmaßlichste, freigesprochenste Doppelmörder des Jahrhunderts, bricht sein Schweigen in einem Video, das unter dem Titel "The Interview" diese Woche ans gierige Publikum ausgeliefert werden soll.

Fast ein Jahr lang hatte der Football-Star im Gerichtssaal stumm und glasig an die Decke gestarrt. Andere stocherten im Prozeßmüll herum und fanden Gold - er selber deckte mit einem Buch und einer Tonkassette aus der Zelle heraus nur einen Teil seiner Anwaltskosten.

Im Mordprozeß von Los Angeles konnte der schwarze Athlet zur Aussage nicht gezwungen werden. In dem Zivilrechtsprozeß dagegen, den die Hinterbliebenen der Opfer gegen ihn angestrengt haben, muß er reden. Warum also nicht noch vergolden, was er ja doch umsonst abzugeben hat? Warum nicht Kasse machen, solange die Ware noch heiß ist?

Tatsächlich hatte O. J. Simpsons Freispruch im Oktober die Gameshow nur vorläufig unterbrochen, die unter dem Namen "Der Jahrhundertprozeß" die Nation monatelang vor den Fernsehgeräten versammelt hatte. Die Spielregeln der Show waren klar: Für die meisten Zuschauer stand außer Zweifel, daß O. J. Simpson ein Doppelmörder sein müsse. Nun ging es darum, ob ihm das Verbrechen "jenseits aller Zweifel" nachgewiesen werden konnte - ein Prozeß als lustige Schnitzeljagd für alle, als Spiel ohne Grenzen.

Taxifahrer wurden zu DNS-Experten, Hausfrauen überprüften Alibis, Barkeeper besprachen mit ihren Kunden blutige Socken und Handschuhe, die nicht paßten. Ein großes Jahr für Zocker: Würde es den Stümpern des Los Angeles Police Department gelingen, ihn als Mörder zu überführen, oder würden es die hochdotierten Verteidiger des Dreamteams schaffen, einer benebelten Jury den Freispruch abzuringen?

Der Ausgang ist bekannt: Platz und Sieg gegen die Gesetze der Wahrscheinlichkeit und den Wunsch nach Sühne. Simpson grinste, die Hinterbliebenen der Mordopfer weinten, und die Prozeßbeteiligten - Staatsanwälte, Verteidiger, Juroren, Zeugen - kassierten ab mit Buchverträgen in Millionenhöhe.

Ein Justizskandal als Goldader. Die Geschworene Tracy Hampton, mitten im Prozeß aus Gesundheitsgründen entlassen, bot sich dem Playboy als Pin-up-Girl an, strippte in einer Gerichtssaal-Kulisse und träumt vom "Durchbruch in Hollywood". Drei andere Juroren flogen sogleich nach Las Vegas, um nach dem erschöpfenden Rechtsprechungs-Roulette an den Black-Jack-Tischen in Übung zu bleiben und um jenes Geld rauszuschmeißen, das ihnen ihre Tätigkeit als Geschworene einspielen würde.

Jury-Sprecherin Armanda Cooley hatte keine Bedenken, später zu Protokoll zu geben, daß sie von Simpsons Schuld überzeugt sei. Indes kümmert sich ihre Tochter Yolanda um die Vermarktung der Cooley-Memoiren. Gerechtigkeit? In Yolandas Worten, die mit Buchagenten schachert: "Eine Viertelmillion reicht nicht. Der Preis steigt täglich. Darum geht es doch letztlich."

Klar geht es darum. Für die Erinnerungen der Staatsanwältin Marcia Clark will der Verlag Simon & Schuster sogar 4,2 Millionen Dollar ausgeben. In der Ära der Talkshows ist Selbstentblößung vor allem ein Ticket zu Geld und Ruhm.

Mit O. J.'s Film in eigener Sache dürfte unter Home-Video-Fans neuer Streit entbrannt sein über die Frage, welches wohl das peinlichste Video der Trash-Kultur ist. Unangefochten an der Spitze lag bisher Tonya Hardings Hochzeitsnacht, ein schummeriger Motelzimmer-Porno, dessen Erlöse der rabiaten Eiskunstläuferin, die einer Konkurrentin die Kniescheibe zerschlagen lassen wollte, wegen hoher Anwaltsschulden willkommen waren.

Doch O. J. wird nun das Rennen machen. Für seriöse Interviews und bohrende Fragen war er nicht zu haben. Direkt nach dem Freispruch hatte er eine vereinbarte Fernsehbefragung durch Tom Brokaw im letzten Moment abgesagt. Anders jedoch liegt die Sache bei "Infomercials". Sie sind Mischungen aus Information und Werbung, das angemessene Medium für seriös vorgebrachte Lügen, ernstgeschminkte Halbwahrheiten.

Mit Infomercials wird konsumbesessenen Analphabeten das Gefühl gegeben, man nehme sie ernst, während man ihnen in Wahrheit lediglich Kartoffelschäler, Modeschmuck oder Teppichreiniger andreht. Stars machen sich als Verkäufer immer gut - Cher verdient Millionen mit ihren Infomercials für Haarspülungen.

O. J. Simpson ist ein Star. Das Produkt, das er mit seinem Video vorstellt, seine Unschuld, ist ein Infomercial-Ideal: ein Artikel ohne jeden Gebrauchswert, ohne jede Glaubwürdigkeit, also reiner Kommerz. Für den Produzenten des Videos, Tony Hoffman, einen Veteranen der Kartoffelschäler-Branche, war die Sache klar: "Er will seine Version unter die Leute bringen. Und er braucht Geld."

Als Stichwortgeber für O. J.'s Verkaufsshow wurde Ross Becker verpflichtet, Moderator eines Lokalsenders. Der wurde nach dem Dreh von dem TV-Klatsch-Magazin Hard Copy gefragt, ob er den Eindruck gehabt habe, daß O. J. lüge. "Aber selbstverständlich", sagte Becker. Was erwartet ihr von einem Infomercial?

Noch einmal wärmt O. J. Simpson in seinem Video den Verdacht auf, daß der Mord an seiner früheren Frau und ihrem Freund auf das Konto kolumbianischer Kokainhändler gehe. O. J.'s Lager war zufrieden mit dem Ergebnis. "Der Typ, der die Fragen stellte, wußte eigentlich nicht, was er fragen sollte", meinte ein Freund. "Also hat O. J. die Geschichte genau so erzählt, wie er sie haben wollte. Ich würde ihm eine 2 oder 2 plus für seine Vorstellung geben."

Im Anschluß an das Gespräch führt Simpson das Kamerateam durch sein Anwesen. Das Puzzlespiel geht weiter - diesmal mit O. J. höchstpersönlich, als Moderator in einem Detektivspiel.

Lässig, die Hand in der Hosentasche, macht er sich lustig über Lücken in der Beweiskette der Staatsanwältin Clark. Er soll beim Überklettern des Maschenzauns an die Klimaanlage des Gästehauses gestoßen sein? Lächerlich: "Ich habe meine Karriere als Football-Spieler damit verbracht, nicht in Dinge oder Leute reinzulaufen. Und nun soll ich mit einer Klimaanlage zusammenstoßen?"

Ob Simpsons feixende Rechnung aufgeht, bleibt jedoch noch offen. Seine Anwälte haben ihn gewarnt - möglicherweise werde er sich jetzt im Zivilprozeß in Widersprüche verwickeln. Die Familie des Mordopfers Ron Goldman hat zu einem Boykott des Videos aufgerufen. Diskjockeys und Frauenverbände forderten dazu auf, die telefonischen Bestell-Leitungen mit Nonsense-Anrufen zu überschwemmen und damit stillzulegen.

Auch mit der Werbung hapert es. Die großen TV-Anstalten weigern sich, die Simpson-Video-Reklame auszustrahlen. Selbst Hard Copy, das sonst vor keiner Peinlichkeit zurückschreckt, gab sich diesmal vornehm - ein untrügliches Zeichen dafür, daß sich der Wind gedreht hat und Simpson möglicherweise doch sein Leben lang ein Ausgestoßener bleiben wird.

Was aber, wenn O. J.'s zynische Werbenummer die erhoffte Kasse von zehn Millionen Dollar nicht macht? Für diesen Fall empfiehlt Norm MacDonald von der Satire-Sendung "Saturday Night Live" dem Football-Star, ein anderes Video auf den Markt zu bringen: das vom Mord. Y


DER SPIEGEL 5/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 5/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

USA:
Spiel ohne Grenzen