22.01.1996

AutomobileGiftige Minute

Fünf deutsche Autohersteller machen gemeinsame Sache: bei der Reinigung von Abgas.
Erwin Teufel zeigte sich doppelt verzückt. "Froh und glücklich" erklärte sich der baden-württembergische Ministerpräsident vergangenen Freitag über ein neues Forschungsprojekt, für das die Stuttgarter Landesregierung der deutschen Autoindustrie auch etwas Taschengeld überweisen wird: 7,5 Millionen Mark. Dafür soll sauber getüftelt werden.
Audi, BMW, Mercedes, Porsche und VW wollen sich künftig gemeinsam für die Reinhaltung der Luft einsetzen. Im Porsche-Entwicklungszentrum Weissach bei Stuttgart eröffneten sie das neue Abgaszentrum der Automobilindustrie (ADA). Ein Dutzend Ingenieure, abgesandt von den fünf Herstellern, ersinnen dort nun unter Geschäftsführer Wulf Sebbeße, 55, die "vorwettbewerbliche Vorausentwicklung von Abgasreinigungssystemen".
Die erste vereinte Grundlagenforschung in der Geschichte der deutschen Autoindustrie soll die Investitionen verteilen, die nötig sind, um künftige strengere Abgasnormen zu erfüllen, etwa die ULEV-Kriterien (Ultra Low Emission Vehicle) im smoggeplagten Kalifornien.
Zwar ist schon das derzeitige technische Niveau der Reinigungsanlagen beachtlich. Zu 90 Prozent werden Kohlenmonoxid, Kohlenwasserstoffe und Stickoxide bei modernen Kat-Autos eliminiert. Doch jeder weitere Schritt wird den Aufwand gewaltig erhöhen. Die Weissacher Forscher werden sich zunächst auf eine verbleibende Schwachstelle konzentrieren: den Kaltstart.
Katalysatoren erreichen ihre volle Wirkung erst bei 300 Grad. Die Warmlaufphase dauert bei heutigen Autos noch immer eine knappe Minute. Während dieser Spanne stoßen die Autos - im Straßenverkehr wie in den Prüfzyklen - den größten Anteil ihrer giftigen Gase aus.
Es gibt verschiedene Ansätze zur Lösung des Problems: Einige Hersteller arbeiten an Methoden, den Katalysator elektrisch oder mit vorgeschalteten Brennern aufzuheizen, ehe die heißen Abgase aus dem Motor es tun. Die ADA-Forscher werden zudem sogenannte Adsorber erproben. Sie speichern die Kohlenwasserstoffe, die verstärkt beim Kaltstart auftreten, und entlassen sie erst später in den inzwischen betriebsheißen Katalysator.
Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung von Denox-Katalysatoren zur gezielten Bekämpfung von Stickoxiden. Sie könnten ein Ur-Dilemma des Motorenbaus lösen: den Widerspruch zwischen Abgasreinigen und Benzinsparen.
Extrem sparsame Motoren, die auf ein besonders mageres Benzin-Luft-Gemisch eingestellt sind, stoßen außergewöhnlich viele Stickoxide aus. Diesen Überschuß kann ein gewöhnlicher Kat nicht verarbeiten. Denox-Katalysatoren jedoch, die Stickoxide in unschädliche Gase umwandeln könnten, funktionieren bislang nur bei Temperaturen bis 200 Grad, überhitzen also rasch.
Der Aufbruch in die gemeinsame Abgasforschung kommt allerdings mit reichlicher Verspätung. Schon vor einem Jahr sollte das Weissacher Entwicklungszentrum eröffnet werden. Das Projekt scheiterte damals jedoch am Einspruch von Opel und Ford (SPIEGEL 11/1995).
Diese Hersteller produzieren zwar in Deutschland, sind aber 100prozentige Tochterunternehmen amerikanischer Konzerne. Die Erkenntnisse aus Weissach würden bei einer Beteiligung der US-Ableger direkt in die Konzernzentralen von Ford und der Opel-Mutter General Motors (GM) gemeldet werden. Schließlich sind deren deutsche Dependancen zum Technologietransfer verpflichtet.
Um die drohende Einbahnstraße der Erkenntnisse zu blockieren, wurden Opel und Ford vom Unternehmen ADA ausgeschlossen. Von den gemeinsamen und streng geheimen Forschungsprojekten der amerikanischen Autobauer, die seit Jahren vom Staat mit dreistelligen Millionensummen unterstützt werden, so das Argument, profitieren die deutschen Forscher auch nicht.
Trotz dieser einleuchtenden Vorbehalte alarmierte Opel das Bundeskartellamt - und verzögerte damit die Eröffnung des Abgaszentrums um ein Jahr. Erst im vergangenen November erklärte die Behörde, sie werde das Weissacher Vorhaben "kartellrechtlich nicht verfolgen".
Die Politik der Rüsselsheimer GM-Tochter wird sogar im eigenen Haus mit gemischten Gefühlen betrachtet. Mit dem Veto gegen Weissach, vermuten einige, habe Opel-Vorstandschef David Herman vor allem den seit dem Lopez-Skandal mit ihm verfeindeten VW-Konzernlenker Ferdinand Piech treffen wollen, der beim Weissacher Hausherrn Porsche im Aufsichtsrat sitzt. "Im atmosphärischen Bereich", sagt ein Herman-Vertrauter, "spielt dieses Phänomen mit Sicherheit eine Rolle."
Den Mitstreitern in den Kölner Ford-Werken, die anfangs solidarisch mit Opel protestierten, ist die Diskussion um ADA zunehmend unangenehm. Während Pressesprecher Rainer Nistl noch öffentlich monierte, Ford baue in Deutschland "schon länger Autos als Porsche", entschuldigte sich Vorstandschef Albert Caspers bereits unterderhand bei einem süddeutschen Automanager: Das ganze Thema sei ihm peinlich. Y

DER SPIEGEL 4/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 4/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Automobile:
Giftige Minute

Video 01:02

Virales Video Mit der Burka auf dem Surfbrett

  • Video "Reptil im Zug: Passagier wird zum Schlangenfänger" Video 00:36
    Reptil im Zug: Passagier wird zum Schlangenfänger
  • Video "Man kann ihn einfach nicht sehen!: Trumps wirre Huldigung des F-35-Kampfjets" Video 01:47
    "Man kann ihn einfach nicht sehen!": Trumps wirre Huldigung des F-35-Kampfjets
  • Video "Einst schwerster Mensch der Welt: Von 595 auf 120" Video 01:51
    Einst schwerster Mensch der Welt: Von 595 auf 120
  • Video "Überwachungsvideo: Frau steckt auf Gleisen fest" Video 00:52
    Überwachungsvideo: Frau steckt auf Gleisen fest
  • Video "Deutschland in der Schwebe: Wie lange darf Merkel noch regieren?" Video 02:08
    Deutschland in der Schwebe: Wie lange darf Merkel noch regieren?
  • Video "Außergewöhnliches Video: Hirsch bedrängt Jäger" Video 01:31
    Außergewöhnliches Video: Hirsch bedrängt Jäger
  • Video "Pannenflughafen BER: Ein Fail in Zahlen" Video 02:33
    Pannenflughafen BER: Ein Fail in Zahlen
  • Video "Nordkorea-Flüchtling mit Wurm-Befall: Bisher nur in Lehrbüchern gesehen" Video 01:17
    Nordkorea-Flüchtling mit Wurm-Befall: "Bisher nur in Lehrbüchern gesehen"
  • Video "Wohnort von AfD-Politiker: Holocaust-Mahnmal besucht Björn Höcke" Video 02:13
    Wohnort von AfD-Politiker: "Holocaust-Mahnmal besucht Björn Höcke"
  • Video "Filmstarts im Video: Diane Kruger jagt Neonazis" Video 06:52
    Filmstarts im Video: Diane Kruger jagt Neonazis
  • Video "Start-up-Idee: Lieber Algen essen als Plastik wegwerfen" Video 01:31
    Start-up-Idee: Lieber Algen essen als Plastik wegwerfen
  • Video "Chinesischer Schwimmpanzer: Schnellstes amphibisches Angriffsfahrzeug der Welt" Video 00:57
    Chinesischer Schwimmpanzer: Schnellstes amphibisches Angriffsfahrzeug der Welt
  • Video "Dramatisches Video: Soldat flieht unter Beschuss aus Nordkorea" Video 01:13
    Dramatisches Video: Soldat flieht unter Beschuss aus Nordkorea
  • Video "Tennislegende wird 50: Boris Becker in Zahlen" Video 01:52
    Tennislegende wird 50: Boris Becker in Zahlen
  • Video "Neue SPIEGEL-Ausgabe: Die Lage ist historisch" Video 03:36
    Neue SPIEGEL-Ausgabe: "Die Lage ist historisch"
  • Video "Virales Video: Mit der Burka auf dem Surfbrett" Video 01:02
    Virales Video: Mit der Burka auf dem Surfbrett