15.01.1996

PolemikDer Ritt über den Balkan

Natürlich darf man sich den nicht ganz wahrscheinlichen Fall wünschen und hoffen, es bleibe nicht beim Versprechen: daß am ersten Ruhetag nach dem jahrelangen Morden im ehemaligen Jugoslawien, auf dessen Bilder die Europäer Abend für Abend in gebannter Lähmung und mit undeutlichem Schuldbewußtsein starrten, einer daherkäme, ein unerschrockener, in der Bilderflut noch nicht Ertrunkener, ein Ritter des genauen Wortes, der dem Rest der Bildgläubigen erklärte: Der Krieg, den euch die Medien angeblich abgebildet haben, hat so nur auf eurer Netzhaut stattgefunden, ihr seid Opfer einer gigantischen Verabredung zum Nachteil der Serben, einer weltweiten Journalistenverschwörung.
Habt ihr nie gemerkt, wie mediengerecht die Gemarterten und Vergewaltigten ins Objektiv des Fotoreporters blicken, seht ihr sie nicht mit, die Anweisungen des Bildverkäufers im Close-up der weinenden Frau? Wie "gehorsam" sie sich an den Draht des Lagerzauns klammert? Ich zeige euch die Wirklichkeit hinter den Verspiegelungen, ich führe euch hinter den Spiegel der Medien, kommt mit! Das Versprechen einer kopernikanischen Umdeutung des Krieges im ehemaligen Jugoslawien darf der Aufmerksamkeit sicher sein. Endlich einer, der aus dem Fernsehsessel aufsteht und sich mit nichts als dem blanken Auge bewaffnet gegen die riesige Übermacht der elektronisch hochgerüsteten Kameraaugen auf den Weg macht, auf nichts denn auf Augenzeugenschaft vertrauend - einer gegen den Rest der Welt! Und nebenbei: Welche Erleichterung, sollte er sein Versprechen einlösen! Alle, die sich von den quälenden Bildern eines Völkermordes, den die Medien zuletzt täglich in die Schlafzimmer strahlten, durch Wegzappen befreiten, wären - zu ihrem eigenen Erstaunen - nachträglich als Weise erkannt.
Eines allerdings wird der Leser von einem solchen Umkehrer der Blickrichtung erwarten: daß er den in Druckerschwärze und Pixel verbreiteten Kriegsbildern selbst Angeschautes oder Recherchiertes entgegenstelle, daß er eine von den Reportern unterschlagene, bisher nicht berichtete Wirklichkeit enthülle.
Auf acht randvollen Seiten der Süddeutschen Zeitung hat Peter Handke einen solchen Versuch vorgelegt. Das Erstaunliche, kaum zu Fassende ist: Es gibt keine einzige gezielte Widerlegung irgendeiner Mediengeschichte, kein einziges recherchiertes oder nur zitiertes Indiz auf noch nie benannte Kriegsverbrechen der "anderen Seite", kein einziges neues Faktum. In weiten Teilen dieser Intervention liest man nichts als Meinung: Insinuationen, Wutausbrüche gegen die "neuen Philosophen", gegen das "verdeckt demagogische Schnüffelblatt" Le Monde, gegen die "sogenannte Weltöffentlichkeit", gegen die "Auslandsreporterhorde", gegen den "augen- und nuancenlos" schreibenden Joseph Brodsky und, er darf nicht fehlen, gegen den "feind- und kriegsbildverknallten" Peter Schneider - dies in einer beweisarmen, dafür adjektivseligen Sprache, die, das erlaube ich mir als Mitgemeinter hinzuzufügen, unter den sonstigen Gaben des Autors vor allem einen beachtlichen Killerinstinkt zur Entfaltung kommen läßt.
Im ruhig fließenden, langen Rest des Textes finde ich Bilder einer Reise durch Serbien; Landschafts- und Menschenbeschreibungen von großer Wahrnehmungsdichte und fremder Schönheit, in denen freilich, vermutlich mit Bedacht, eines nicht vorkommt: der kaum beruhigte, längst noch nicht ausgeglühte Krieg. Man könnte diesen Bericht auch vor fünf Jahren geschrieben haben oder ihn in fünf Jahren schreiben.
Man kann darüber streiten, ob sich das Bild eines Krieges kraft der persönlichen "Anschauung" und "Erfahrung" eines Schriftstellers verändern läßt. Korrigieren oder erweitern läßt es sich sicher. Ebenso sicher ist, daß Peter Handkes Verfahren in diesem Text spektakulär scheitert. Wer sich vornimmt, die Frage nach der Kriegsschuld, den Kriegsverbrechen und den Tätern neu zu beantworten, lädt sich, ob er will oder nicht, eine Beweislast auf. Wer insinuiert, daß die Bilder eines serbischen Gefangenenlagers (von welchem?) gestellt sind, wer den Verdacht äußert, daß das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag einseitig Serben anklagt und kroatische und moslemische Schlächter (welche?) ausspart, kommt mit bloßen Andeutungen und Verdächtigungen nicht aus. Er muß Fakten nennen. Er kann sich nicht damit begnügen, dem Gewerbe des Reporters und des Historikers in vermeintlicher Überlegenheit über die Schulter zu schauen.
Mit dem ästhetischen Ekel vor der Monotonie journalistischer Fertigteile wie dem vom "berüchtigten Banditen und Kriegskiller Arkan" ist es nicht getan. (Ist Arkan einer der wahrscheinlich schlimmsten Schlächter und Menschenschinder des Krieges im Balkan oder nicht?) Auch die Apostrophierungen von Josef Mengele als "Todesengel von Auschwitz" oder von Saddam Hussein als "Kurdenschlächter" waren nicht sonderlich originell und bar jeder sprachlichen Brillanz. Durch Sprachkritik war jedoch die Frage, ob die so unbegabt Beschuldigten der ihnen zur Last gelegten Verbrechen tatsächlich schuldig waren, nicht zu entscheiden.
Peter Handkes Vorhaben, jetzt, da alle Welt von der Kriegsschuld und den Menschenrechtsverbrechen der serbischen Kriegsführer überzeugt ist, "Gerechtigkeit für die Serben" einzuklagen, verlangt Mut. Schon zu Beginn des Krieges hat er - mutig und damals fast solo - gegen den Chor der Deutschen angeschrieben, als sie unter dem Taktstock Genschers die völkerrechtliche Anerkennung Kroatiens vorantrieben, das es als "Unabhängigen Staat Kroatien" schon einmal gab und in dem damals die Ustascha an der Seite der Nazi-Deutschen einen Genozid an den Serben organisiert hat. Völlig zu Recht malt Handke auch aus, was für eine eigentlich nicht hinnehmbare Zumutung die vorschnell legitimierte Zerstückelung des ehemaligen Tito-Staates für die in den Reststaaten lebenden Serben bedeutete.
Aber schon, wenn Peter Handke fragt: "Wer war der erste Aggressor? . . . War derjenige, der einen Krieg provozierte, derselbe wie der, der ihn anfing?", wird es auf falsche Weise rätselhaft. Wenn ich nicht irre, ist der Aggressor derjenige, der zur Lösung eines erfundenen oder tatsächlichen Konflikts als erster zu den Waffen greift und ihn dann zur gewaltsamen Vertreibung des Gegners und zur Gebietserweiterung mißbraucht. Bekanntlich haben fast alle Aggressoren der Geschichte, nicht zuletzt Adolf Hitler, angeblich nur auf eine Provokation reagiert.
Ginge es nach Peter Handkes Logik, dann wäre das heutige Tschechien legitimiert gewesen, die sich ablösende Slowakei in das alte Staatsgebilde mit Gewalt zurückzuholen. Rußland hätte jedes Recht der Welt, dem abtrünnigen Tschetschenien oder Litauen seinen Willen mit Panzern aufzuzwingen. Kanada dürfte Krieg gegen Quebec führen, die Bundesdeutschen dürften gegen Bayern marschieren, sollten die sich denn endlich aufraffen und ihr Land zum "Unabhängigen Königreich Bayern" erklären.
Unzweifelhaft haben zwar nicht "die Serben", aber ihre derzeitigen, immer noch nicht gestürzten Führer und viele ihrer Intellektuellen die Idee eines ethnisch sauberen Großserbien bereits in den achtziger Jahren gepflegt und im Namen dieser Idee als erste zu den Waffen gegriffen, als Kroatien sie durch den Ablösungsbeschluß "provozierte". Ebenso unzweifelhaft haben sich wiederum nicht "die Kroaten", aber Tudjman und seine Leute einer ähnlichen Un-Idee zur Erschaffung eines Großkroatien verschrieben. Die historische Dummheit von Handkes Intervention besteht darin, daß er in seinem überschäumenden, sich heilig wähnenden Zorn gegen die internationale Journalistenverschwörung wieder nur von "den Serben" spricht und die Verbrechen ihrer chauvinistischen Kriegsherren und Milizen kleinredet.
"Allzu schnell", so beklagt er, "waren für die sogenannte Weltöffentlichkeit auch in diesem Krieg" - in welchem noch? - "die Rollen des Angreifers und des Angegriffenen, der reinen Opfer und der nackten Bösewichte, festgelegt und fixgeschrieben worden." Solange man den Blick auf die serbischen und kroatischen Integralisten beschränkt, mag das Argument hingehen. Aber es fällt auf, daß Peter Handke nie oder nur abtuend von den tatsächlichen Opfern spricht.
Dabei waren doch die bosnischen Moslems - ich erbitte Gegenbeweise! - die einzige von bosnischen Serben und dann auch Kroaten überfallene "Kriegspartei", die nie einen Anspruch auf ethnische Reinheit und auf Gebietserweiterung angemeldet und kriegerisch verfolgt hat. Die auf besonders bestialische Weise gefolterten und geschlachteten Opfer des serbischen Reinheitswahns waren jene serbischen "Blutsbrüder", die in den Dörfern und Städten Bosniens zu ihren angetrauten, befreundeten oder nur bekannten moslemischen oder kroatischen Verwandten und Nachbarn hielten. Über diese "serbischen Opfer" verliert Peter Handke bei seiner Verteidigung kein Wort, er konnte sie oder ihre Verwandten auf der von ihm gewählten Reiseroute wohl auch schwerlich treffen.
Im übrigen hat es sich für die Europäer nie darum gehandelt, sich zwischen "den Serben", "den Kroaten" und "den Moslems" zu entscheiden. Die weitaus meisten, zielstrebig vertriebenen, vergewaltigten und ermordeten Opfer des ethnischen Reinheitswahns sind die Zivilisten auf allen Seiten. Und es ist wahr: Auch moslemische Milizen haben Massaker an Zivilisten zu verantworten. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hört nicht auf die saubere Unterscheidung zwischen Gut und Böse, wohl aber auf die zwischen verbrecherischen Aggressoren und angegriffenen Opfern, die dann in der Reaktion und Gegenwehr ebenfalls Verbrechen begehen. Wem diese Unterscheidung nicht sauber genug ist, wer sich für die Initiative zu den ethnisch motivierten Untaten, für ihre Zahl und ihre politische Zielrichtung nicht interessiert, der braucht, um eine von Peter Handke strapazierte Drohung zu zitieren, "hier gar nicht erst weiterzulesen".
Überhaupt ist die Unterstellung nicht zu halten, der Westen und die westliche Berichterstattung habe "die Serben" von Anfang an zu Sündenknaben erkoren und einseitig Partei ergriffen. Die britischen und französischen Generäle der Unprofor-Truppen haben - spätestens nach dem Vorpreschen der Deutschen für ihre traditionellen kroatischen Freunde - die ihnen historisch verbundenen Serben über zahllose vertragswidrige Angriffshandlungen hinweg gewähren lassen. Die einzigen, die zunächst überhaupt keine Lobby hatten, sind die Moslems gewesen. Die Position, die Handke in der Pose des einsamen Kämpfers gegen die Weltmeinung als "seine" ausbreitet: Er habe "nicht einfach Partei ergreifen, geschweige denn verurteilen" können, weil er den fixen Schuldzuweisungen mißtraute! - das war bis vor kurzem der grauenvolle, an jedem Kneipentisch zu hörende, europäische Konsens: Alle sind gleich schuldig, dort unten (oder hinten) tobt ein Bürgerkrieg, in den wir uns nicht einmischen dürfen.
Eben diese europaweit dominierende Haltung hat ja als Ausrede dafür herhalten müssen, daß die Europäer trotz eindeutiger Schutzgarantien allen Greueltaten bis hin zum - von wem eigentlich verübten? - Massaker in Srebrenica händeringend und tatenlos zusahen.
Und was die Intellektuellen angeht, so gab es in all den vier Jahren kaum eine deutsche Stimme von Gewicht, die Partei ergriffen hätte. Der Versuch des Literarischen Colloquiums in Berlin, für Günter Grass und andere Schriftsteller im Herbst 1994 einen Besuch in Sarajevo zu organisieren, scheiterte daran, daß niemand garantieren konnte, die Gäste würden zum vorgesehenen Zeitpunkt aus dem verfluchten Ort zurückfliegen können - ein Absagegrund, der trotz wortgetreuer Übersetzung den wartenden Gastgebern in Sarajevo nie ganz verständlich geworden ist.
Ich bin von bosnischen Kollegen immer wieder gefragt worden, warum bisher keiner der berühmten, im ehemaligen Jugoslawien publizierten deutschen Autoren wie Grass, Heiner Müller oder Christa Wolf seine Stimme erhoben habe, und ich habe nicht viel Eindruck gemacht mit der paraten Antwort, niemand könne einem Schriftsteller vorschreiben, wann und wozu er sich äußern solle.
Um so bedrückender scheint es mir, daß jetzt der erste weithin hörbare Autor deutscher Zunge den Bosniern ausgerechnet als Interpret ihrer Belagerer entgegentritt.
Ich werfe Handke nicht vor, daß er um Aufmerksamkeit und Wahrnehmungsbereitschaft gegenüber den Serben wirbt. Wo sein Text ohne das Auftrumpfen des heroisch Einzigen, noch nicht Verhetzten auskommt, wo dieser Text auf Landschaften und Leute des "Kainsvolks" neugierig macht, entfaltet er eine versöhnende, im eigentlichen Wortsinn friedenstiftende Kraft. Freilich ruiniert Handke sein Projekt, weil er es auf eine haßerfüllte, völlig haltlose Rundum-Verdächtigung aller Ankläger der serbischen Raub- und Vernichtungsaktionen gründen zu müssen glaubt.
Zunächst beklagt er, daß es kaum Kriegsopferbilder von den Serben gab - was zur Not stimmt, aber eben auch damit zu tun hat, daß Belgrad (anders als Zagreb) jenen Journalisten, die wahrheitsgemäß über serbische Untaten berichtet hatten, kein Visum mehr erteilte - und wenn es solche Bilder, fährt Handke fort, tatsächlich gab, wie etwa bei der Vertreibung der Serben aus der Krajina, dann sei "dazusuggeriert" worden, ",dieselben' hätten ja zuvor ein anderes Volk vertrieben". Wieso suggeriert? Haben Krajina-Serben vier Jahre zuvor über 100 000 dort ebenfalls einheimische Kroaten vertrieben oder nicht? Muß man die erste Vertreibung vergessen, um für die Anklage der zweiten genug Luft zu haben?
Tatsächlich erkenne ich in den meisten seiner kokett als "Parasitenfragen" apostrophierten Fragen nur ein Versteck für nicht belegte, meistens längst von anderen - von Journalisten! Uno-Beauftragten! - untersuchte und widerlegte Behauptungen. Ist die "alte wunderbare Stadtschüssel (Dubrovniks) . . . damals im Frühwinter 1991 tatsächlich gebombt und zerschossen worden? Oder nur - arg genug - episodisch beschossen"? Was, bitte, ist eine "episodische" Beschießung? Und wenn sie denn, wie Handke insinuiert, eigentlich nur "Objekten außerhalb der dicken Stadtmauern" galt? - mit welchem Recht diesen? Mit dem Recht der "Provozierten"? Ohne irgendeinen neuen Hinweis legt er denn auch die schon seinerzeit kaum erträgliche, von Experten der Unprofor-Truppen gestellte und negativ beschiedene Frage wieder auf, ob es nicht doch die Moslems selber waren, die das Blutbad auf dem Markt von Sarajevo angerichtet haben.
Vollends unerträglich wird Handkes sich neugierig nur gerierende Fundamental-Skepsis, wenn er, vom eigenen Mut zur Tabu-Verletzung sichtlich erschüttert und hinweggetragen, den von den Medien ins Bild geholten Opfern ethnischer Vertreibungen auf den Leib rückt. Sie hätten, von den "internationalen Belichtern und Berichtern . . . angeleitet, gelenkt und herbeigewinkt (,He, Partner!') sichtlich wie gefügig die fremdgewünschten Martermienen" eingenommen. Und: "Wohl wirklich leidend, wurden sie gezeigt in einer Leidenspose." Lese ich richtig: "Wohl wirklich leidend"? Zu so einer Niedertracht darf man sich nicht einmal vom edlen Haß auf die Medien treiben lassen! Statt den Folterern und Killern gilt Handkes Wut den Berichterstattern über solche Verbrechen und am Ende auch den Opfern. Wohl wirklich unter den Kriegsbildern leidend, verdächtigt er die Überbringer der Bilder als Fälscher und die Gemarterten als mediengeile Simulanten.
Überhaupt kann ich mit Handkes pauschaler Verachtung der Journalisten wenig anfangen. Die internationale Brigade der Journalisten, die ich in Sarajevo kennenlernte, hat mehr für die Ermittlung der Wahrheit im sogenannten Bürgerkrieg auf dem Balkan getan als alle Schriftsteller zusammengenommen. Die Reportage einer britischen Journalistin über das von bosnischen Serben betriebene Todeslager in Omarska hat bewirkt, daß dieses Lager geschlossen wurde. Die große Mehrzahl der Journalisten vor Ort ist nicht aus Böswilligkeit und nicht von Anfang an, sondern, ebenso wie der Uno-Beauftragte Tadeusz Mazowiecki, durch genaue Recherchen und durch ein überwältigendes Beweismaterial zu der Überzeugung gelangt, daß die meisten Greueltaten von serbischen Einheiten begangen worden sind.
43 Mitglieder der von Handke als "Horde" verhöhnten Zunft, darunter ein Reporter der Süddeutschen Zeitung, haben ihre Mission mit dem Leben bezahlt. Das Lebensrisiko der Journalisten ist um einige hundert Prozent höher als das der Uno- oder Nato-Soldaten und um einige tausend Prozent höher als das von Schriftstellern, die in Serbien reisen. Das ist selbstverständlich kein Argument gegen die von Handke gewählte Reiseroute - wohl aber ein Aufruf zur Fairness.
Handke hat einen anderen Radius des Schauens gewählt als damals ich, vor zwei Jahren in Sarajevo. Aber wenn es in seinem Reise- und Wanderungsbericht keine zerschossenen Fassaden gibt, keine ausgebrannten Häuser, keine Kinder, Frauen, jungen und alten Männer mit abgeschossenen und umwickelten Gliedern, wenn es bei seinen Begegnungen zwar hin und wieder an der Heizung fehlt, nicht aber an Licht und Wasser, auch nicht an Brot und Wein, nicht an "den walddunklen massigen Honigtöpfen, den truthahngroßen Suppenhühnern, den andersgelben Nudelnestern", so ist das nicht nur damit zu erklären, daß Handke den Krieg, um sich mit den Journalisten nicht gemein zu machen, wahrscheinlich absichtlich ausblendet. Die Abwesenheit des Krieges und der Kriegsfolgen in diesem Text hat auch einen externen, vom Autor nicht benannten Grund: Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat in Serbien keine Fensterscheibe zu Bruch gehen lassen.
Peter Handke hat, immer nur seinen Augen trauend, das friedliche Leben in einem Land beschrieben, dessen Kriegsherren ihren Säuberungs- und Eroberungskrieg - sicher gegen den Willen jener vielen, ganz und gar unkriegerischen Serben, die Handke eindrücklich beschreibt, dennoch auch in ihrem Namen - jenseits der Grenzen dieses Landes führen konnten. Y
Von Peter Schneider

DER SPIEGEL 3/1996
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