29.01.1996

TheaterPlaton ans Telefon

Neues vom Dichter Herbert in München: Der Regisseur Alexander Lang verwandelt Achternbuschs „Letzten Gast“ in eine Beckett-Clownerie.
Drunten im Marstall-Gewölbe des Münchner Stadtmuseums, in einem Raum, der ein bißchen aussieht wie ein monströses unterirdisches Regenwasser-Auffangbecken, sind derzeit ein paar Dutzend Achternbusch-Gemälde ausgestellt. "Hinundherbert" lautet der Titel der Präsentation, und auf einem der Bilder, das viel unruhiges Grau zwischen zwei weißen Zahnreihen zeigt und "Aus meiner Mundhöhle" heißt, hat der Maler, Schriftsteller und Filmemacher Herbert Achternbusch in kindlich gekrakelten Großbuchstaben notiert: "Ein Künstler, der nicht weiß, daß es für ihn nur sich gibt, verläßt sich nicht auf sein Talent".
Über der Erde, im Haupthaus der Münchner Kammerspiele, stand am vergangenen Sonntag die Uraufführung eines Achternbusch-Stücks an, das den _(* Szene mit Annika Pages, Thomas ) _(Holtzmann, Michael von Au, Alexander ) _(Lang, Daphne Wagner. )
Glaubenssatz des Künstlers eindrucksvoll belegt - und gerade deshalb noch den hartleibigsten Achternbusch-Bewunderer auf eine herbe Probe stellt.
"Letzter Gast", innerhalb weniger Tage niedergeschrieben, spielt in einer "altgriechischen Kneipe" während des peloponnesischen Krieges, der nun auch schon 2400 Jahre vorbei ist. Zum Personal gehören unter anderem "16 Tiergötter" aus Ägypten, "5 Bayern", "9 Polizisten", "1 Nikolaus" und "2 Krokodile": Hat Achternbusch, für den es "nur sich gibt", seinen Spaß am privaten Mythologisieren diesmal allzuweit getrieben, fragt sich der Leser des Textes; ist er womöglich für immer abgestürzt in einen bizarren Phantasie-Hades aus Göttern, Viechern und Dämonen?
Auf der Bühne der Kammerspiele aber herrscht Ordnung. Vor föhnblauem Himmel diskutieren drei Männer und eine Frau, die von fern an Mutanten aus diversen Hollywood-Kostümschinken erinnern und bei näherer Betrachtung an vier weise Beckett-Clowns, über allerletzte Dinge: über Gerechtigkeit und Vernunft, über Krieg und den Sinn des Denkens, aber auch über die vielleicht erheblichste aller Fragen, ob man besser Wein trinken solle oder Bier, weil letzteres "gut ist für die Nerven".
Aus Achternbuschs Fiebertraum, der nebenbei eine Hommage ist an die durch und durch konstruierten Weingelage-Redeschlachten des Philosophen-Urvaters Platon, ist im Theater ein kühler, wenngleich poetisch-vertrackter Diskurs geworden; gelungen ist dieses Verwandlungskunststück (das wie jede Ausnüchterung auch ein Gewaltakt ist) dem Regisseur Alexander Lang, 54. Einem Mann, der in den achtziger Jahren zunächst als Gast-Spielleiter aus der DDR in den Westen kam, wo er sich mit strengen, klirrend-schönen Klassiker-Inszenierungen bald den Ruf erwarb, er sei eine Art preußischer Generalissimus des deutschen Theaterbetriebs.
Langs mitunter pedantische Ordnungswut gegen Achternbuschs genialisch-konfuse Dickschädelei, das ist die reizvolle Grundkonstellation der Münchner Uraufführung. Der Regisseur Lang aber redet nicht nur von seiner Begeisterung für den "untergründigen Zorn" und die "faszinierenden Zustandsbeschreibungen" des Dichters Achternbusch, er setzt diese Begeisterung auch in die Tat um: Als einer der Darsteller ausfiel, übernahm Lang kurzerhand dessen Part.
Die Griechenkneipe der Bühnenbildnerin Caroline Neven Du Mont ist zugleich sakraler Ort und Gerichtssaal; am Horizont bleibt der Blick frei auf Gebirgszüge und Mittelmeer, die Schanktheke wirkt wie ein Tempelschrein und läßt sich auch zur Zeugenloge in einem philosophischen Kreuzverhör umfunktionieren. Rundherum erkennt man Zeichen des Verfalls: Die Mauern haben Risse, die Raumdecke hat ein Erdbeben teilweise weggesprengt.
An diesem Unort läßt Lang seine Figuren auftreten wie antike Statuen, denen eine Laune des Schicksals für kurze Zeit Leben eingehaucht hat. Thomas Holtzmann ist der Römer Paul, der sich mit windigen Geschäften durchschlägt, weil seine Kneipe nicht genug abwirft, ein polternder Mafia-Pate aus klassischer Vorzeit. Mit dem leicht tuntig aufgekratzten Griechenknaben Semel (Michael von Au) zetert er über die Vorzüge straffer Männerhintern, bis ein Ägypter mit dem merkwürdigen Namen Ptah sich hinzugesellt: "Zu wissen, wo innen und außen ist, ist heute eine Kunst", behauptet der Fremde.
Lang spielt diesen exotischen Zauberer, als wäre er einer Chinoiserie des jungen Brecht entstiegen: ein Weiser in schwarzem Hut und schwarzem Umhang, der seinen Wanderstab schwingt, um schlangen- und schweinsköpfige Fabelwesen aufmarschieren zu lassen. Eine gültige Botschaft aber hat der komische Heilige nicht.
Achternbuschs Stück ist eine Art Plauderturnier in zwölf "Runden", die wie beim Boxkampf mit Gongschlägen eingeläutet werden, und nur allmählich wird klar, worum die blumigen Reden der Helden kreisen - um so alte Fragen etwa wie die, was das Wissen nütze und ob das Denken lohne; wobei Achternbusch allerhand imposante Merksätze gelingen wie dieser: "Es ist eine alte Menschenlüge, daß nicht schmerzt, was man nicht weiß."
Die prekäre Balance zwischen Klamauk und Tiefsinn ist von Erstarrung bedroht, bis eine Frau namens Esmeralda die Männerrunde beglückt: Die Schauspielerin Annika Pages, dank ihres ungestümen Temperaments längst so etwas wie der Jungstar des Kammerspiel-Ensembles, bringt endlich Leben in die Ölgötzen-Versammlung. Das blonde Haar gelockt, den Körper in ein Glitzerkleid gehüllt, macht sie durch jede ihrer Bewegungen klar, daß Denken auch ein physisches Vergnügen sein kann. Nicht um Resultate gehe es, behauptet sie, wichtig sei allein, "daß gedacht wird".
Man merkt schon: Achternbuschs Text wirkt mitunter, als habe ein wildgewordener Altphilologe seinen Lebenstraum in ein Theaterstück zementiert. Am Ende aber läßt der Dichter die Denkanstrengung in einer wüsten Apokalypse implodieren, wobei mit Handys telefoniert und mit allerhand Seifenschaum geblubbert wird: Die Wortschlacht um die Dinge des Lebens endet in Informations-Overkill und Weltuntergangsgetöse.
Der Regisseur Lang sagt, ihn habe an der Vorlage besonders interessiert, "wie uns heute die Splitter der Realität um die Ohren fliegen". Der Künstler Achternbusch aber liefert ganz nebenbei einen Kommentar ab zum Streit um den Schriftsteller Peter Handke und dessen wilde Verteidigungsrede für die Serben. Der Blick des Dichters werde gebraucht als Korrektiv zur Perspektive der Medien, sagen die Handke-Freunde; Achternbusch hält dagegen: "Die Wahrheit geht nur jeden einzeln was an."
Im Keller des Stadtmuseums, in der "Hinundherbert"-Ausstellung, hat Achternbusch diese Erkenntnis variiert: "Ich gehe immer davon aus, was ist und was ich träume", hat er auf eines seiner Bilder geschrieben. Müßte er die Welt erklären, dann würde aus dem Hinundherbert ein Rednurdaherbert.
Wolfgang Höbel
* Szene mit Annika Pages, Thomas Holtzmann, Michael von Au, Alexander Lang, Daphne Wagner.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 5/1996
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