15.01.1996

Jeder Irrwitz ist denkbar

Science-fiction-Autor Lem über Nutzen und Risiken der Antimaterie

Von Noack, Hans-Joachim

SPIEGEL: Herr Lem, seit dem 5. Januar wissen wir, daß es Physikern im Europäischen Kernforschungszentrum Cern gelungen ist, erstmals Antimaterie in Form von Atomen herzustellen - ein wissenschaftliches Großereignis?

Lem: Ach Gott, das war ein gelungenes Experiment. Es hat viele Physiker sicher zu Recht in einen Freudentaumel fallen lassen.

SPIEGEL: Da diese Antiatome gleichsam eine Art Spiegelbild der "normalen" Materie darstellen, schießen Spekulationen ins Kraut: Gibt es im Universum eine die unsere sozusagen ergänzende Gegenwelt?

Lem: Offen gestanden, wir haben keine Ahnung. Es gibt viele Hypothesen, und die berühren die Hauptfrage der Kosmologie: Nach unseren heutigen Vorstellungen hat der Urknall, jene gewaltige Explosion, die das Weltall erschuf, etwa dieselbe Menge von Atomen und Antiatomen entstehen lassen. Das große Rätsel lautet: Was ist mit den Antiatomen geschehen? Man konnte sie nirgends finden.

SPIEGEL: Könnte es sein, daß sich zwei in sich abgeschlossene Räume im Kosmos - ein von Materie und ein von Antimaterie bestimmter Raum - in der gleichen Weise zueinander verhalten, wie man das jetzt bei den jeweils kleinsten Bausteinen beobachten kann?

Lem: Ich kenne solche Ansichten. Die haben einen gemeinsamen Nenner unter dem schönen Namen "Polyversum". Das ist so, wie wenn man Seifenblasen aus einem Strohhalm pustet, die schweben dann nebeneinander her. So ist es auch mit der Welt. Wir leben in der mit positiver Materie, und es könnte irgendwo Anti-Welten geben . . .

SPIEGEL: . . . die dann gleichsam parallel existieren?

Lem: Das ist rein hypothetisch, das werden wir nicht beweisen können.

SPIEGEL: Wäre es trotzdem so, dann hätten die Physiker dort jetzt gleichzeitig die Produktion der ersten Atome unserer Art melden müssen . . .

Lem: . . . und dieses hier wäre ein Anti-SPIEGEL-Gespräch. Ich tue das alles nicht unbedingt als reinen Quatsch ab. Aber es liegt jenseits der Physik. Daraus sollten sich Schriftsteller bedienen. _(Das Gespräch führte ) _(SPIEGEL-Redakteur Hans-Joachim Noack in ) _(Krakau. )

SPIEGEL: Wie gefällt Ihnen die Vorstellung, daß unter Umständen neben dem positiven Stanislaw Lem noch ein negativer existiert - und beide handeln und fühlen identisch?

Lem: Das halte ich für unwahrscheinlich, weil die Evolutionsforscher die These bekräftigen, daß der Mensch durch eine sehr lange Kette von Zufallsmutationen entstanden ist. Er ist quasi ein Sechser im Lotto.

SPIEGEL: Ein seltener Glückstreffer.

Lem: Daß obendrein zur selben Stunde wie bei uns in Rio de Janeiro die gleiche Zahlenfolge den Hauptgewinn erzielt, läßt sich zwar nicht völlig ausschließen, ist aber extrem unrealistisch.

SPIEGEL: Überwogen bei Ihnen eher erhebende oder Angstgefühle, als Sie von der Antimaterie-Entdeckung erfuhren?

Lem: Schwer zu sagen. Ich dachte zunächst einmal daran, wieviel Geld solche Experimente kosten. Die letzte irdische Instanz ist das Finanzwesen.

SPIEGEL: Rechtfertigt das Ergebnis in der Schweiz den kolossalen Aufwand?

Lem: Das hängt von der Einstellung des einzelnen ab. Würden Sie den Mann auf der Straße fragen, der würde wohl sagen, daß sich das nicht lohnt.

SPIEGEL: Ist die Erzeugung von Antiatomen ein epochaler Durchbruch - ein Ereignis von womöglich kopernikanischem Zuschnitt?

Lem: Zumindest untermauert das Experiment den Wahrheitsgehalt der heutigen Physik. Die Forscher sind glücklich, daß da etwas entstanden ist, was sie vorausgesagt haben. Für den Laien liegt das ziemlich hoch in den Wolken.

SPIEGEL: Darf man in diesem Zusammenhang an die erste Kernspaltung erinnern? Was daraus folgte - Hiroschima, Tschernobyl -, war größtenteils katastrophal.

Lem: Was aus der Wissenschaft künftig erwachsen wird, war immer schwer vorherzusagen. Lange Zeit glaubte man, das Atom sei unteilbar - inzwischen weiß man es besser. Im Prinzip sind die irrwitzigsten Phänomene denkbar.

SPIEGEL: Noch einmal: Würden Sie ausschließen, daß den Physikern die Befassung mit der Antimaterie in ähnlicher Weise aus dem Ruder läuft wie im vergangenen halben Jahrhundert ihr Umgang mit der Atomkraft?

Lem: Theoretisch sehe ich kaum Gefahren. In der Science-fiction gab es lange Zeit die Idee, daß eine Welle von Antimaterie aus dem All die Erde todbringender Strahlung aussetzen könnte. Das wäre zwar sehr peinlich, ist aber in Jahrmilliarden nie passiert.

SPIEGEL: Die Natur scheint Materie und Antimaterie bisher säuberlich auseinandergehalten zu haben. Was geschieht, wenn nun Menschen beginnen, an diesem Gleichgewicht herumzufummeln?

Lem: Ich gebe zu, daß die größere Zahl von Katastrophen bisher von den Menschen verursacht wurde - aber was den Mißbrauch der Antimaterie betrifft, da kann ich Sie beruhigen. Denn die Masse der zu vernichtenden Normal-Materie entspricht ja der Masse der Antimaterie, und die muß man erst mal herstellen. Ich jedenfalls fürchte nicht, davon ausgelöscht zu werden. Es gibt wahrscheinlichere Todesarten.

SPIEGEL: Kann der gebildete Laie überhaupt noch beurteilen, was aus den Forschungslabors gemeldet wird? Ist er damit nicht längst restlos überfordert?

Lem: Natürlich. Wir leben in einer Flut von Informationen und sind doch im Grunde kaum anders als vor 100 000 Jahren, als wir noch in unseren Höhlen hockten. Und das wird immer schlimmer; ich fürchte das Internet, das für mich die wahre Sintflut darstellt, mehr als die Antimaterie.

SPIEGEL: "Die Anti-Welt ist nicht zu fassen", schrieb die Süddeutsche Zeitung, um dann in der Unterzeile "dennoch einen Durchbruch" zu konstatieren - Durchbruch wohin?

Lem: Ich bin, was den Nutzen betrifft, skeptisch. Es kostet mehr Energie, Antimaterie zu produzieren, als man von ihr an Energie zurückbekommen kann. Das ist keine Energiequelle der Zukunft.

SPIEGEL: Da wird der Captain des galaktischen Raumschiffs "Enterprise" aber enttäuscht sein, daß seine Reisen in ferne Welten triviale Science-fiction bleiben.

Lem: Natürlich ist diese ganze Saga ein enormer Haufen Unsinn. In solchen Storys werden die physikalischen Gesetze geändert, wie es den Autoren gerade in den Kram paßt. Das sind und bleiben Märchen.

SPIEGEL: Könnte die Erzeugung des ersten Anti-Wasserstoffs denn wenigstens bewirken, daß die als sicher geltenden Naturgesetze noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden?

Lem: An welche denken Sie da?

SPIEGEL: Vor allem an die Gravitationsgesetze. Manche Leute halten es ja offenbar für denkbar, daß in einer aus Antiatomen bestehenden Galaxie der vom Anti-Apfelbaum fallende Apfel nach oben fällt.

Lem: Ich sehe das nicht so. Die Schwerkraftverhältnisse werden in einer Anti-Welt kaum anders sein als auf der Erde. Für mich fällt der Apfel immer nach unten.

SPIEGEL: Weil Sie sich das so wünschen?

Lem: Einstein sagte einmal, raffiniert ist der Herrgott, aber boshaft ist er nicht. Daran glaube ich.

SPIEGEL: Bringt die Ruhmestat von Genf wenigstens wissenschaftliche Erkenntnisgewinne - und wenn ja, welche?

Lem: Zu den Grundproblemen der Kosmologie gehört noch immer, daß wir nicht wissen, wohin nach dem Urknall die enormen Mengen von Antimaterie entkommen sind. Vielleicht verhält es sich so, wie ich schon angedeutet habe, und es gibt diese kosmischen "Seifenblasen".

SPIEGEL: Regen die Experimente im Europäischen Kernforschungszentrum nicht immerhin die Phantasie an?

Lem: Na ja, wenn es Leute gibt, die an das Paradies glauben oder an Engel, warum sollte man dann nicht eine Welt für möglich halten, die aus Antimaterie besteht?

SPIEGEL: Das klingt ja so, als wollten Sie sagen, in Genf sei etwas gebastelt worden, das im Kern vollends unfruchtbar bleibt.

Lem: Soweit würde ich nicht gehen. Grundsätzlich vorstellbar ist schon, daß es gelingen könnte, eine in einer Vielzahl von Flaschen gespeicherte, hinlänglich große Menge von Antimaterie zu erzeugen, die ein Raumschiff in ein fernes Sternbild brächte. Nur: Wer soll das bezahlen?

SPIEGEL: Wen bestärkt nach Ihrer Ansicht das Cern-Experiment mehr - die Anhänger eines eher nüchternen und mechanistischen Weltbilds oder jene, die glauben, das Universum werde von einer höheren und letztlich wunderbaren Vernunft geleitet? Beweist die Existenz von Antimaterie-Atomen nicht doch die letztlich unbegreifliche Komplexität unseres Kosmos?

Lem: Die in Mode gekommenen Annahme, daß alles, was von den Naturgesetzen nicht ausdrücklich verboten ist, irgendwo auch vorhanden sein muß, könnte ein Irrtum sein. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen. In einer bestimmten Weise existierte die Schreibmaschine, die ich hier habe, schon im Mesozoikum, zur Zeit der Dinosaurier, als reine Möglichkeit. Daß sie jetzt hier vor uns steht, ist der Beweis dafür. Ein bißchen ist das auch so mit der Antimaterie, deren Herstellung allerdings sehr viel teurer kommt.

SPIEGEL: Muß jetzt auch die Philosophie neu nachdenken?

Lem: Was in Genf passiert ist, stellt vor allem einen Triumph für die Philosophie der Wissenschaften dar. Allein die Tatsache, daß etwas, was von den Physikern lange behauptet und heiß begehrt wurde, sich bewahrheitet hat, bekräftigt das wissenschaftliche Selbstbild.

SPIEGEL: Hat in dieser Methode der Welterkennung der liebe Gott noch einen Platz? Von dem französischen Forscher Louis Pasteur stammt der Satz, wonach uns "ein bißchen Wissenschaft von Gott entfernt, aber viel zu ihm zurückführt".

Lem: Ich bin Agnostiker, ich halte nicht viel von der Theologie. Mehr bin ich da schon für das empirische Weltbild, was aber nicht bedeutet, daß der Mensch so gebaut ist, daß er alles verstehen muß. Es gibt Dinge in der Quantenwelt, die wir überhaupt nicht begreifen.

SPIEGEL: Wir sind dafür nicht geschaffen?

Lem: So ist es. Wir verstehen etwas von gutem Essen, auch ein Auto läßt sich noch verstehen. Aber die Theorie der Antimaterie ist dermaßen kompliziert, daß sie nur noch wenigen wirklich Freude macht.

SPIEGEL: Folgt daraus, daß dieses hochkomplexe Thema die Phantasten und Spinner verstärkt auf den Plan ruft?

Lem: Aber sicher! Andererseits: Der Mensch ist ein besonders kluger Affe. Was in der Beschleunigeranlage des Cern geschah, ist nach meiner Meinung kein besonders großer Schritt für die Allgemeinheit, doch ein ungeheuer großer für die Wissenschaft.

SPIEGEL: Herr Lem, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

"Der Mensch ist nicht so gebaut, daß er alles verstehen muß"

Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Hans-Joachim Noack in Krakau.

DER SPIEGEL 3/1996
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