DER SPIEGEL



Entertainer

Star aus Notwehr

Desiree Nick, auf der Variete-Bühne als Pionierin zotiger Damenwitze gefeiert, gibt in Rosa von Praunheims "Neurosia" ihr Kinodebüt.

Selbst da, wo andere auf ein Wunder hoffen, fürchtet Desiree Nick den Untergang. "Ich bin nicht gerade ein Glückspilz", sagt sie, "ich bin eher von der Sorte, die nach Lourdes fährt und dort ersäuft."

Auf der Bühne, in ihrer One-Woman-Show "Hollywud, ick komme", lamentiert die Berliner Entertainerin: "Weil Prinzessin Diana ein paarmal mit Prinz Charles geschlafen hat, gehören ihr England, Irland, Schottland, Australien, Kanada. Ich würde schon für Cottbus ein gerupftes Huhn vögeln."

Bekenntnisse wie diese - und Nick, 35, kann das Niveau problemlos noch weiter unter Herrenstammtisch-Höhe absenken - haben sie nach oben gebracht. Sie füllt inzwischen große Säle, wenn sie eigenwillig Lieder von Marlene Dietrich und Zarah Leander vorträgt und mit Zoten und Schwanks aus dem eigenen Leben garniert.

Als platinblonden "Underground-Kultstar" feiert die Süddeutsche Zeitung die spitzgesichtige Diseuse mit der markanten Nase. Als Model für seine Frühjahrskollektion holte Wolfgang Joop sie nach New York. Für den Hamburger Modeschöpfer ist Desiree Nick die "aufregendste Frau und Entertainerin Deutschlands".

Nun ist ihr "Hollywud"-Programm auf Platte herausgekommen, für das sie von der tageszeitung zur "Erfinderin des Damenwitzes" gekürt wurde - beispielsweise für Späße wie den: "Warum hat Gott uns den Sex gegeben? Damit wir am nächsten Tag einkaufen können."

Für den WDR produziert sie diesen Monat die erste Folge der "Lou-van-Burg''s-Tochter-Show", in der sie eine 20minütige Talkecke moderieren soll. Verkleidet als Esther Williams wird sie in der Badewanne sitzen und ihre Gäste ins Wasser bitten. Ihr nächstes Bühnenprogramm präsentiert die Alleinunterhalterin im Stuttgarter Renitenz-Theater und an der Berliner Volksbühne - Titel: "In siliconia veritas: Was bleibt, ist die Schande".

"Sie ist schön, sexy, vulgär. Sie ist die Marlene fürs Jahr 2000", schwärmt Regisseur Rosa von Praunheim. In seinem jüngsten Werk "Neurosia", das in Hof Premiere hatte und im Februar auf den Berliner Filmfestspielen gezeigt wird, spielt Nick die Hauptrolle. Und der Berlinerin gelingt, was nur wenigen Menschen unter Praunheims Regie vergönnt ist: Sie macht als ebenso zickige wie karrieregeile Journalistin Gesine Ganzmann-Seipel eine gute Figur.

Die Schauspielerin und Sängerin, gefeiert als gelungene Mischung aus deutscher Hausfrau, vulgärem Vamp und Hinterhofschlampe, ist eine Pechmarie mit Stehauf-Mentalität. Ihr Biß rührt aus einer Reihe biographischer Tiefschläge, die eigentlich nur zum Heulen sind. Desiree Nick ist, so ihr trotzig-eitles Selbstbekenntnis, ein "Star aus Notwehr".

Eisern hat sie trainiert, sechs Stunden täglich klassischen Tanz geprobt, bis die Füße bluteten und eiterten. Mit 16 ist sie im Corps de Ballet an der Berliner Deutschen Oper; sie tanzt im "Dornröschen" und im "Schwanensee". Als sie 19 ist, bestellt sie der Direktor zu sich. "Wir haben nicht gedacht, daß du so groß wirst", sagt der Mann vorwurfsvoll, "noch einen Zentimeter mehr, und wir müssen dir kündigen."

Nachts wacht Nick schweißgebadet auf - nach Alpträumen, durch die sie als Zwei-Meter-Riesin taumelt. Im wirklichen Leben bringt sie es bald auf 1,78 Meter, aber auch die bedeuten das Ende ihrer Ballettlaufbahn. "14 Jahre umsonst geschunden", resümiert Nick, "damals hatte ich ernsthafte Selbstmordgedanken."

Gegen den Absturz setzt die Tänzerin, 22 Jahre alt, auf radikalen Szenenwechsel und nimmt ein Engagement als Revuegirl im Pariser Lido an. "No Swan Lake", wird ihr dort befohlen; und sie wirft die Beine hoch beim Cancan: "Ich fühlte mich wie ein paralysiertes Zirkuspferd. Ich war da eine Null und alle anderen auch."

Stur in ihrem Glauben, nicht zur Nummer, sondern zur Solistin berufen zu sein, verläßt sie nach zwei Jahren die Glitzerödnis des Lido und geht zurück nach Berlin. Die Annonce "Dienstwohnung des bischöflichen Ordinariats in Schmargendorf frei" eröffnet eine neue Perspektive. Die Arbeitslose akzeptiert die Bedingung, die an den künftigen Wohnsitz geknüpft ist: Sie macht eine Ausbildung zur katholischen Religionslehrerin und erhält die Missio canonica mit der Lehrbefugnis bis zur Oberstufe.

Nicks Übertritt vom Cancan zum Katholizismus verläuft zunächst erfolgreich. Bei ihren Schülern ist sie offenbar beliebt; jedenfalls setzen sie sich für zusätzliche Religionsstunden bei Frau Nick ein. Das macht die Pädagogin bei den Kirchenoberen verdächtig. "Wegen unkonventioneller Lehrmethoden bin ich dann gefeuert worden", sagt sie. Obwohl sie sich bis heute als gläubige Christin bezeichnet, trat sie nach der Kündigung aus der Kirche aus.

Perspektivlos und pleite kehrt sie 1990 zurück in den Charlottenburger Frauenhaushalt, in dem sie aufwuchs - zurück zu Oma, Mama und Tante. Sie ist 30, als sie wieder in ihr Kinderzimmer zieht, in dem noch die alten Stofftiere stehen - "und Oma sagte ,bring mal den Müll runter und werf deine Socken nicht so rum''". Enttäuscht und zerfallen mit der Welt plant die Enkelin den Ausbruch aus dem Alptraum und schwört, sich für nichts, aber auch gar nichts zu schade zu sein, wenn es denn ihrem (künstlerischen) Aufschwung dient.

Mit Tourneetheatern zieht sie knapp zwei Jahre durch die deutsche Provinz, spielt an sechs Tagen in der Woche in Gemeindesälen und Altenheimen - ein Knochenjob. Vor Kaninchenzüchtern und Laubenpiepern bringt sie in Berlin ihre Chansons zu Gehör und tingelt durch die Off-Theater-Szene. In drittklassigen Schuppen, wenn sie denn einen Tresen und ein Mikro haben, tritt sie auf, in Schwulenbars und Travestieklubs.

"Es ist nicht komisch, im Alter von 32 Jahren mit bösartigen, frustrierten und alten Transvestiten zusammenzuarbeiten", sagt sie heute über diese Zeit, "für 70 Mark die Nacht - und keiner kommt." Aber es ist hilfreich, Humor und Standfestigkeit zu entwickeln. "Als sich meine Fans von drei auf zwölf vervierfachten", so Nick, "dachte ich, von nun an gibt es kein Zurück mehr."

1993 bestreitet sie ihr erstes Soloprogramm mit Marlene-Dietrich-Liedern. Und sie entdeckt die Zote als Goldader. Ihre Show, ausgefeilt nach dem Leitsatz "noch geiler, noch platter, noch billiger", zieht ein breites Publikum an: gutbürgerliche Paare, Hausfrauen und Rocker, Bauarbeiter und Intellektuelle. "Ich bediene das, was die Leute wollen", erklärt sich Nick den Erfolg.

Ihre sexbesessene Kunstfigur hält sie inzwischen für so etabliert, daß sie es künftig wagen will, den "phallusfreien Teil" ihres Programms stärker auszubauen - Chansons und Geschichten, die von Pleiten und Pannen des gemeinen Lebens erzählen. Die Rolle des "Survivor-Typen", glaubt sie, werden ihr die Entrechteten und Gebeutelten im Publikum abnehmen. All die modernen Helden, die Hausfrauen, die putzen gehen genauso wie der Banklehrling oder die _(* Im Praunheim-Film "Neurosia". )

Bürokauffrau, die vom großen Durchbruch träumen.

Im "Hollywud"-Programm erheitert Nick ihre Fans mit Geschichten über Tarantula, ihre Tochter, die sie bissigböse herunterputzt und nicht auf die Straße läßt, wenn Sperrmüll ist.

"Tarantula, das bin ich", sagt sie und verbirgt nicht, daß sich hinter der Bühnengeschichte ein Mutter-Tochter-Drama aus dem wahren Leben auftut. Verbürgt ist der Ausspruch von Mutter Nick über Desirees Shows: "Ich seh'' mir das erst an, wenn du im Fernsehen kommst, dann kann ich wenigstens abschalten."

Weltfremd und altmodisch, sagt Nick, sei sie erzogen worden. Denn Oma und Mama, eine gescheiterte Schauspielerin, die zeitweilig als Postlerin das Geld verdiente, waren mal was Besseres: thüringischer Adel, der alles verlor und in der Berliner Armut auf innere Werte setzte - Anstand, Ehre und Würde. Letztere wurde zu einem Zentralbegriff in Nicks Kindheit.

Wenngleich ein wenig aus der Art geschlagen, fühlt sich doch auch die Diseuse der alten Familiengrandezza verpflichtet. Sie liebt Antiquitäten und edles Ambiente. Kunstvoll hat sie die Decke ihrer Küche mit Fresken ausmalen lassen, was ihre Mutter begeisterte. "Tja, Mutti", hat die Tochter da gesagt, "alles nur möglich mit dreckigen Witzen." Y

"Dich seh'' ich erst im TV an", sagt die Mutter, da kann ich abschalten"

* Im Praunheim-Film "Neurosia".

DER SPIEGEL 4/1996
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