05.02.1996

Nur ein Sandkastenspiel

Rudolf Augstein über Hitlers ureigenen "Blitzkrieg" mit der Sowjetunion

Von Augstein, Rudolf

So liegt schon in der Tatsache des Abschlusses eines Bündnisses mit Rußland die Anweisung für den nächsten Krieg. Sein Ausgang wäre das Ende Deutschlands.

Am 12. Januar 1939 empfing der "Führer und Reichskanzler des Großdeutschen Reiches", Adolf Hitler, zum Jahreswechsel in der ihm von Albert Speer neuerrichteten Reichskanzlei - sie war drei Tage vorher fertig geworden - das Diplomatische Korps. Anders als bei früherer Gelegenheit übersah er den Botschafter der Sowjetunion, Alexej Merekalow, nicht, sondern unterhielt sich mit ihm freundlich und für etliche Minuten. Die demonstrative Geste erregte großes Aufsehen bei den versammelten Diplomaten.

Hitler war nun fast 50 Jahre alt und hatte mehr erreicht als jeder andere Staatsmann seiner Zeit. Aufbauend auf dem schon Erreichten, konnte er sich seinen eigentlichen Zielen widmen, der Vernichtung der Juden Europas und der Gewinnung eines rohstoffreichen Lebensraums im Osten.

Eine Woche vorher war ein Mann bei ihm auf dem Berghof in Berchtesgaden zum Teebesuch gewesen, der so oder so in seinen Plänen eine Rolle spielen würde, Polens Außenminister Jozef Beck, Mitglied eines Triumvirats, von dem der in Versailles geschaffene neue Staat Polen halbfaschistisch regiert wurde.

Die Einladung war für Beck überraschend gekommen. Auf Drängen seines Berliner Botschafters Jozef Lipski hatte er sich erboten, auf der Rückreise von Monte Carlo in Berlin Station zu machen und sich mit seinem Kollegen, dem Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop, zu treffen. Statt dessen reiste er nach Berchtesgaden, zum Tee mit dem Führer.

Polen hatte sich im Vorjahr bei der von Hitler erpreßten Abtrennung der sudetendeutschen Gebiete an der Ausplünderung der Tschechoslowakei beteiligt, obwohl Beck wohlbekannt war, daß die Sowjetunion zusammen mit Frankreich ein Bündnis mit Prag unterhielt. Zur entscheidenden Konferenz nach München im September 1938 war aber Moskau gar nicht eingeladen worden. Zu diesem Nachbarn hatte Beck also einen Zaun zu flicken.

Hitler hatte Polen das Teschener Gebiet (200 000 Einwohner) zugestanden, mitsamt der Stadt Oderberg, die Göring für das Reich einbehalten wollte.

Beck, Jahrgang 1894, genoß unter seinen Kollegen keinen guten Ruf. Er war zu großmannssüchtig und trank auch bei wichtigen Anlässen. Seine Eskapaden konnte er sich nur leisten, weil er unter der Schirmherrschaft des Marschalls Jozef Pilsudski stand, der ihn 1932 zum Außenminister gemacht hatte.

Der sonst nicht sentimentale Hitler behielt Beck eine Weile in guter Erinnerung, weil er der erste Staatsmann war, mit dem er als Reichskanzler einen Vertrag von Staat zu Staat hatte schließen können. Dieser im Januar 1934 für zehn Jahre abgeschlossene Nichtangriffspakt war der größte Überraschungscoup bis zum Abkommen des Hitler-Stalin-Paktes. Kein anderer deutscher Staatsmann oder Militär hatte bis dahin Polens Westgrenze auf diese indirekte Weise anerkennen können. Er wäre hinweggefegt worden.

Hitler empfing Beck - wie immer seine Berghofbesucher - auf der großen Freitreppe stehend, flankiert von Ribbentrop und dem deutschen Botschafter in Warschau, Graf Moltke. Beck hatte Botschafter Lipski mitgebracht und den Grafen Lubienski, seinen "Chef de cabinet".

Hatte Pilsudski noch gegrummelt, Polen werde Hitler nun statt als Vorgericht als Nachspeise serviert, so war Beck seit dem Tode des Marschalls 1935 schlichtweg der einzige Pole mit außenpolitischer Erfahrung. Becks nicht unvernünftige Idee war die des "permanenten Gleichgewichts" zwischen den beiden großen Nachbarn.

Hitler aber wollte von ihm etwas anderes. Er machte unmißverständlich klar, daß er sich Polen als einen Verbündeten gegen die Sowjetunion wünsche. Gleich, ob bolschewistisch oder zaristisch, Divisionen Polens an Rußlands Westgrenze bedeuteten immer eine Entlastung für Deutschland.

Dann kam er auf die Ukraine zu sprechen, log aber Beck vor, er habe dort keinerlei Interessen. Daß Polen dort Interessen geltend machte, wußte Hitler. Was Danzig angehe und den polnischen Korridor zum Meer, so gab er sich zuckersüß. Man könne sich mehrere Lösungen denken, vielleicht auch eine Art von Kondominium. Ein Fait accompli hinsichtlich dieser vom Völkerbund verwalteten Stadt müsse Beck nicht befürchten.

Dann widmete er sich den Juden. Es stimmte, daß bis zum Beginn des Jahres 1939 mehr Juden aus Polen geflohen waren als aus Deutschland. Ja, meinte Hitler, hätte man Deutschland nur seine Kolonien gelassen, dann würde er Platz für polnische Juden wie auch für die deutschen Juden geschaffen haben. Aber die Westmächte brauchten eben auch ihren "Lebensraum".

Ob Hitler diese haarsträubende Argumentation auch dem Marschall Pilsudski geboten hätte? Jedenfalls ging Beck darauf nicht ein. Er fragte vielmehr, ob man Ruthenien, die Karpato-Ukraine, nicht den Ungarn geben könne, dann hätten Polen und Ungarn eine gemeinsame Grenze. Hier handelte es sich um den östlichsten und ärmsten Streifen der früheren Tschechoslowakei. Teils hatten die Ungarn ihn schon besetzt, teils wollten sie ihn gar nicht.

Daß Beck, der hier wieder seinen Großmachtträumen nachhing, ihn mit einer solchen Bagatelle belästigte, ärgerte Hitler. Aber es war Ribbentrop, der dieses winzige Bärenfell dem Beck _(* "Vorwärts, vernichten wir die ) _(deutschen Okkupanten und jagen wir sie ) _(hinter die Grenzen unserer Heimat!" )

vor die Nase gehalten hatte, um den Beitritt Polens zum 1936 geschlossenen Antikominternpakt zu erreichen, für Beck ebenfalls ein heißes Eisen.

Er verabschiedete sich mit dem Versprechen, über das schwierige Problem Danzig "in Ruhe" nachzudenken, und fuhr nach München ins Hotel "Vier Jahreszeiten" zurück.

Hitler, ziemlich sauer, schickte seinen Außenminister gleich hinterher. Für sein unaufhörliches Insistieren war Ribbentrop bekannt. Er ging schärfer zur Sache als sein Meister und sagte, schließlich sei auch der Ehrgeiz des Marschalls Pilsudski in Richtung Ukraine gegangen. Ja, lachte Beck (laut Protokoll), die Polen unter Pilsudski hätten 1920 tatsächlich Kiew eingenommen, und solche Aspirationen gebe es auch heute. Er blieb dabei, die Offerte nicht anzunehmen.

An guter Nachbarschaft zwischen Rußland und Polen lag Ribbentrop naturgemäß nichts, da man sie ja schwerlich durch einen gemeinsamen Einfall in die Ukraine würde festigen können. Also drohte er seinen seit langem geplanten Besuch in Warschau an. Beck stimmte erleichtert zu.

Bis jetzt hatte Beck keinen Fehler gemacht. Dann aber machte er einen. Er ließ den Botschafter Moltke durch seinen Lubienski wissen, über ein polnisch-deutsches Kondominium denke er ernsthaft nach.

Bei Walter Post, in dessen Vorgeschichte zum "Unternehmen Barbarossa", lesen wir nichts über Hitlers Vorschlag, sich mit Polen gemeinsam in der Ukraine einzurichten. Wir erfahren von ihm aber, wegen des Einmarsches der deutschen Wehrmacht in der "Resttschechei" (15. März 1939) und des "Schutzabkommens" mit der Slowakei sei es zu einer "offenen Krise" zwischen Deutschland und Polen gekommen.

Das stimmt so nicht. Polen war weit mehr beunruhigt wegen der Annexion des Memelgebiets samt der Hafenstadt Memel, Danzig auch kulturell sehr benachbart.

Hitler, der nicht durch den polnischen Korridor nach Ostpreußen reisen wollte, nutzte den weltweiten Schock angesichts seines Prager Abenteuers, um die alte preußische Hafenstadt Memel samt Hinterland in Besitz zu nehmen. Er schiffte sich ein auf dem Panzerschiff "Deutschland", litt drei Tage unter der Seekrankheit und erreichte Memel an der Spitze einer deutschen Flottenformation am 23. März 1939. Sichtlich gezeichnet, ging er mit seinen Truppen an Land und hielt seine übliche Heim-ins-Reich-Rede.

Das konnte weder Stalin noch Litauen, noch den Polen gefallen, die vor Danzig eine Teilmobilmachung veranstalteten.

Kein Wort davon bei Post, kein Wort über die brutale Behandlung des herzkranken Präsidenten der Rest-Tschechoslowakei, Emil Hacha, und die Drohung, Prag zu bombardieren. Hacha kommt bei diesem Autor sowenig vor wie der erst 1945 aus deutscher Haft befreite österreichische Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg. Schließlich, auch von der "Resttschechei" aus konnten Flugzeuge gegen Deutschland aufsteigen, so vollzieht Post Hitlers angebliche Begründung recht naiv nach. Für die Slowakei galt das nicht, aber auch ihr wurde ein "Schutzabkommen" samt Einmarsch deutscher Truppen abgepreßt.

Dies war nun mehr als eine "offene Krise" (Post) zwischen Berlin und Warschau. Hitler äußerte sogar gegenüber seinem Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, es würde den Polen sicher zupaß kommen, wenn er auch in Danzig ein Fait accompli schüfe, eben das also, was nicht zu tun er sich gegenüber dem Außenminister Beck verpflichtet hatte.

Er ließ schon Pläne ausarbeiten, wie er an Bord der "Deutschland", mit fast der gesamten deutschen Flotte hinter sich, in einem Torpedoboot an Land gehen würde, wo ihm ein triumphaler Empfang seitens der deutschen Bevölkerung sicher war. Wäre das Hindernis Danzig erst einmal beseitigt, so würden die Polen, davon zeigte er sich überzeugt, bei seinem "Kreuzzug" gegen die Sowjetunion mitmachen.

Dies taten die Polen nicht. Beck warnte Ribbentrop, sollte Hitler auf seinen Forderungen beharren, so würde das Krieg bedeuten. Moltke protestierte: "Sie wollen mit vorgehaltenem Bajonett verhandeln!" Oberst Beck entgegnete: "Das ist Ihre Methode!"

Das Tischtuch war nun zerschnitten. Beck mußte sich nach Verbündeten umsehen. Da gab es Frankreich, mit dem seit 1921 ein wechselseitiger Beistandspakt bestand. Aber ohne England würde Frankreich nichts tun, das war sicher.

Beck erschien also am 3. April 1939 zu einem schon seit Januar geplanten Besuch in London. Dort hatte Chamberlain widerwillig seine Politik des "appeasement" aufgeben müssen. Am 31. März hatte er vor dem Unterhaus den Bestand Polens garantiert, was ihm später als "Blankoscheck" verübelt wurde.

Hitler reagierte, indem er am 3. April eine Weisung erließ, in der schon von "endgültiger Abrechnung" die Rede war. Am 23. Mai erklärte er vor den Führern der Wehrmacht: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraums im Osten und Sicherstellung der Ernährung sowie der Lösung des Baltikumproblems."

De facto war der Krieg gegen Polen beschlossene Sache. Der Sowjetbotschafter Merekalow, der zu Neujahr so hoch Geehrte, verschwindet aus der Historie, nachdem er sich hinsichtlich der bei den Skoda-Werken bestellten Waffen eine befriedigende Auskunft hatte holen können.

Chamberlain ist viel dafür kritisiert worden, daß er die Entscheidung über Krieg und Frieden in die Hände solch eines instabilen Charakters gelegt hatte, als der Beck galt. Taktisch mag das richtig sein. In Wahrheit spielte es keine Rolle mehr. Hitler selbst löste den Scheck ein und setzte das Datum.

Bis Kriegsbeginn hätte sich niemand in der Führungsschicht Polens gefunden, der den Sowjets ein Durchmarschrecht, auf dem sie formal mit Grund bestanden, eingeräumt hätte, und ohne das ging es ja nicht. Wie sich später zeigte, hatten die Polen mit ihrer Weigerung nur zu recht.

Das elende Doppelspiel, zu dem die Westmächte nun gezwungen waren, einerseits in Moskau mit Stalin, andererseits in Berlin mit Hitler, ist oft genug beschrieben worden, liest sich aber noch heute abscheulich. _(* Auf dem Berghof in Berchtesgaden ) _(mit Legationsrat Paul Otto Schmidt (M.). )

Moralische Motive einmal beiseite gelassen, hatte Stalin kaum eine andere Wahl, als mit Hitler zu paktieren. Was der Westen nicht zur Kenntnis nahm, war für Stalin ein zusätzlicher und wichtiger Grund. Er hatte zwei Fronten zu bedienen, weil die Japaner in ihrem Puppenstaat Mandschukuo die Grenzen Rußlands und der russischen Mongolei dauerhaft beunruhigten. Am 23. August 1939, an dem Tag, an dem Molotow und Ribbentrop in Moskau den Hitler-Stalin-Pakt unterschrieben, hatte der spätere Marschall Georgij Schukow am Chalchin-Gol-Fluß eine ganze japanische Armee eingekreist und eine Woche später mit seinen Panzern vernichtet.

Glaubhaft berichtet Chruschtschow in seinen Memoiren, sie hätten damals nachts noch in Stalins Datscha gesessen, etwas verblüfft, und Stalin habe ihnen erklärt: "Natürlich ist das alles nur ein Spiel, um festzustellen, wer wen besser betrügen kann. Ich weiß, was Hitler im Sinn hat. Er denkt, er hat mich ausgeschmiert. Dabei bin ich es, der ihn ausgeschmiert hat." Der Vater der Völker als Erfinder der Spieltheorie.

So dachte er wohl wirklich. Als Hitler sich unter Skrupeln bereit fand, ihm Litauen zu überlassen, sagte er zu Molotow: "Das tut er nur, um es uns so bald wie möglich wieder wegzunehmen."

Es mag dieser Vorgang sein, der den Überläufer Wladimir Bogdanowitsch Resun alias Viktor Suworow in seinem Buch zu dem Satz bewogen hat: "Der endgültige Entschluß, den Krieg (gegen Hitler) zu beginnen, wurde von Stalin am 19. August 1939 gefaßt." Suworow, der von Professor Dr. Dr. Gillessen (Frankfurter Allgemeine) hoch geschätzt wird, weiß uns auch das Angriffsdatum mitzuteilen: 6. Juli 1941.

Suworow ist ein begabter Feuilletonist. Er kann uns auch erzählen (siehe Kasten Seite 116), wieso Stalin eine Wunderwaffe hatte und warum er sie nicht einsetzte.

Unter Berufung auf Suworow/Resun weiß Joachim Hoffmann, "daß Hitler mit der Eröffnung der Kriegshandlungen dem von Stalin vorbereiteten Angriffskrieg nur kurzfristig zuvorgekommen ist". Der 22. Juni 1941 war nun allerdings der letzte Termin, um überhaupt noch einen "Präventivkrieg" führen zu können.

Und auch Walter Post gibt sich recht suggestiv der Erwägung hin, ob Stalin das Gebiet um Bialystok von Ribbentrop nicht deshalb so hartnäckig verlangt hatte, weil er schon damals beabsichtigte, einen Keil seiner Angriffstruppen in dem Raum um Bialystok zu dislozieren.

Über die Reaktion Hitlers, als er die gute Nachricht von Molotows Unterschrift unter den Pakt erfuhr, gibt es zwei Versionen. Er soll gerufen haben: "Ich hab'' sie! Ich hab'' sie!" (laut Albert Speer) oder: "Ich habe die Welt in der Tasche."

Ganz kann man seine Begeisterung nicht verstehen. Die Wehrmacht, obwohl Göring gegen diesen Krieg war, wäre ihm mit Göring an der Spitze ohnehin gefolgt. Allerdings, die Deutschen bekamen von den Russen die notwendigen Rohstoffe, Getreide und Öl. Im Gegenzug sollten diese deutsche Technologie erhalten; beides, um die jeweils andere Seite zu bekämpfen.

Die Rückenfreiheit, die Hitler vorläufig gewonnen hatte, würde ihm freilich nur nützen, wenn England und Frankreich ihm entweder den Krieg gar nicht erst erklärten oder ihn nur zum Schein erklärten, um nach einer Anstandsfrist mit ihm Frieden zu machen. Beides scheint er für möglich gehalten zu haben.

Der Dolmetscher Paul Schmidt will bemerkt haben, daß der Chef seinen Außenminister böse angeblickt habe, als die Verhandlungen mit England endgültig scheiterten. Andererseits sagte er kurz darauf ganz fröhlich: "In zwei Monaten wird Polen erledigt sein. Dann wird es eine große Friedenskonferenz mit den Westmächten geben." Beim anschließenden Abendessen zeigte er sich ungewohnt gesprächig.

Den psychologischen Effekt, den der Pakt auf London und Paris machen würde, scheint er überschätzt zu haben. Er war sicher, daß Edouard Daladier und Neville Chamberlain stürzen würden. Ribbentrops Staatssekretär Ernst von Weizsäcker scheiterte mit dem Versuch, ihm begreiflich zu machen, daß in London Churchill dann dran sein würde.

Der britische Botschafter Sir Nevile Henderson, der in London als zu deutschenfreundlich galt, erlebte in seinem vorletzten Gespräch mit dem "Führer" einen exaltierten Hitler noch einmal in seiner ganzen Pracht. Der Gefreite mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse berief sich auf seine Fronterfahrung und übertraf sich selbst: "Es sollte jedermann ganz klar sein, daß der Erste Weltkrieg nicht verlorengegangen wäre, wenn ich zu dieser Zeit Reichskanzler gewesen wäre."

Stalin machte von Anfang an klar, daß er nicht die Absicht hege, in diesem Pakt der Juniorpartner zu sein. Beide Diktatoren hatten sich in einem wichtigen Punkt verschätzt. Erstens führte England den Krieg unter vollem Einsatz, und zweitens brach Frankreich in unglaublich kurzer Zeit zusammen. Neue Karten waren ausgeteilt, das Spiel mußte neu gemischt werden.

Hitler, kein begeisterter Seemann, konnte sich mit dem Gedanken einer Eroberung der britischen Insel nur schwer anfreunden. Stalin hingegen mußte den seit 15 Jahren gehätschelten Gedanken, nach einem Erschöpfungskrieg der Kapitalisten als Schiedsrichter in die Arena zu steigen, aufgeben. Beide Seiten logen und betrogen, hielten die friedlichen Beziehungen jedoch aufrecht.

Was Wunder aber, daß Hitler auf seine ursprünglichen raumpolitischen und ideologischen Zwecke zurückkam. England blieb der Hauptfeind. Da er ihm nicht an den Kragen konnte, avancierte die Sowjetunion zum letzten "Festlandsdegen", der ausgeschaltet werden mußte.

Mehr Vertrauen in Stalin scheint er nicht gehegt zu haben als Stalin in ihn. Albert Speer erinnert sich, er habe Hitler am Tag nach der gemeinsamen Paris-Reise (29. Juni 1940) sagen hören: "Im Vergleich zu dem soeben Erreichten ist ein Feldzug gegen Rußland nichts weiter als ein Sandkastenspiel."

Hitler fand zu einer bemerkenswerten Einsicht: "Die geringe Bedeutung des Wertes vertraglicher Abmachungen hat sich gerade in den letzten Jahren nach allen Seiten hin erwiesen." Daß die Zeit gegen ihn arbeitete, wußte er bereits.

Von allen Rohstoffen, die Hitler am dringendsten benötigte, stand das rumänische Erdöl an erster Stelle. Ein "Ölpakt" wurde in Bukarest zwischen Rumänien und Deutschland unterzeichnet. Man fühlte sich wie in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg.

Am 3. Juli 1940 notierte der Chef des Generalstabs des Heeres, Franz Halder: " . . . wie ein militärischer Schlag gegen Rußland zu führen ist, um ihm die Anerkennung der beherrschenden Rolle Deutschlands in Europa abzunötigen". Darum allein ging es.

Am 25. Juni war der neuernannte britische Botschafter Sir Stafford Cripps in Moskau eingetroffen. Anfang Juli führte er ein Gespräch mit Stalin. Hitler mußte, so meint Walter Post, in absehbarer Zeit mit einem Krieg gegen das Reich rechnen. Wieso mußte er das, da doch die abgefangenen Berichte belegten, daß Stalin nicht bereit war, vielleicht noch nicht, sich auf einen Krieg einzulassen?

Hitler, nie sehr geduldig, kam zu dem Schluß, "Rußland müsse 1941 in einem Zug zerschlagen werden". Ziel: "Vernichtung der Lebenskraft Rußlands". Allen Ernstes fragte der "Führer" seine engsten militärischen Berater Keitel und Jodl, ob man nicht noch im Herbst 1940 losschlagen könnte. Beide nutzten die gute Gelegenheit, einmal "nein" zu sagen.

Nach Beck und Chamberlain betritt der nächste Kriegsschuldige die Bühne: Stalins engster und langjähriger Mitarbeiter, Ministerpräsident und Außenminister Molotow, mit gutbürgerlichem Namen Alexander Skrjabin, Neffe des bekannten Komponisten. "Molot" heißt "Hammer", der Cocktail soll nach ihm benannt worden sein.

Stalin hatte Grund zur Beunruhigung, weil die Außenminister Deutschlands, Italiens und Japans 1940 eine politische und militärische Allianz geschlossen hatten, die dazu bestimmt war, den dahinsiechenden Antikominternpakt von 1937 neu zu beleben.

Stalin mochte nicht glauben, daß sich dieser Pakt ausschließlich gegen die USA richte. Beide Seiten hielten es für angebracht, Besprechungen abzuhalten. Stalin selbst ("My dear Herr von Ribbentrop . . .") räumte ein, daß Molotow Berlin einen Besuch schulde, und schlug die Tage vom 10. bis 12. November vor.

Am 12. November 1940 um 11.05 Uhr traf Molotows Sonderzug auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin ein. Genau 48 Stunden später verließ die sowjetische Delegation Berlin wieder, ohne irgendein Ergebnis. Das bedeutete zumindest keine Verbesserung der politischen Lage.

Molotow erwies sich als der geschicktere Außenpolitiker, höflich und stur. Hitler hatte eine uns mittlerweile schon vertraute Denkfigur entworfen: Entweder geht die Sowjetunion mit den beiden Achsenpartnern Hitler und Mussolini gegen England, oder sie wird mit Krieg überzogen.

Hitler und sein Außenminister suchten Molotows Interesse für den Indischen Ozean zu wecken, für das Arabische Meer und den Persischen Golf. Er zeigte keines. Er fragte nach der Türkei, nach den Meerengen, nach dem Schwarzen Meer, gar nach den Ostseeausgängen Kattegat und Skagerrak, Großer und Kleiner Belt. Seine Neugier galt Bulgarien und Rumänien, Jugoslawien und Griechenland. Auch nach Finnland fragte er, wo er sich in guter Position wußte, gab sich aber mit Hitlers Antwort (die ihn keineswegs befriedigte) zufrieden.

Als man ihm den Beitritt zum Dreimächtepakt vorschlug, erwiderte er trocken: "Grundsätzlich durchaus annehmbar", insofern "die Sowjetunion als Partner mitwirke und nicht nur Objekt" sei. Solche Sprache war Hitler nicht gewohnt, aber er hielt an sich.

Nachts mußten Molotow und Ribbentrop für zweieinviertel Stunden in den Bunker wegen des Anflugs britischer Bomber. Dies gab Molotow Gelegenheit, weitere Fragen aus dem Hut zu zaubern, die Ribbentrop (Post: "ziemlich kläglich") nicht beantworten konnte, weil er sich "überfragt" fühlte.

Offenbar, so meinte Molotow, gehe die deutsche Seite von dem Gedanken aus, der Krieg gegen England sei tatsächlich schon gewonnen. Trotzdem stand der Volkskommissar für Äußeres einer künftigen Zusammenarbeit positiv gegenüber; nur müßten die von ihm gestellten Fragen zuerst beantwortet werden. Herzliche, ja launige Verabschiedung am nächsten Morgen.

Molotows Verhalten wird von Post als "gezielte Provokation" gewertet, als "derart kompromißlos und provozierend, daß der Bruch unausweichlich wurde". Von dem Bericht, den der Außenkommissar Stalin und dem Politbüro erstattete, ist uns folgende Passage erhalten:
" Hitler sucht unsere Unterstützung im Kampf mit "
" England und seinen Verbündeten. Wir müssen auf die "
" Zuspitzung ihrer Auseinandersetzungen warten, Hitler "
" schwankt hin und her. Eines ist klar: Er wird sich nicht "
" entschließen, einen Krieg an zwei Fronten zu führen. Ich "
" glaube, wir haben Zeit, die Westgrenzen zu verstärken. "
" Jedoch müssen wir beide Möglichkeiten im Auge behalten. "
" Schließlich haben wir es mit einem Abenteurer zu tun. "

Das war alles richtig, aber Molotow war mit Hitlers Kunst des Kulissenschiebens nicht vertraut. Daß der "Führer" keinen Zweifrontenkrieg wollte, war bekannt. Er erklärte deshalb das von den USA unterstützte England zur Nichtfront, zur Exfront. Und in Rußland würde sich eine Front gar nicht erst bilden können, da er das Land in einem von ihm selbst ersonnenen "Blitzkrieg" binnen vier Monaten niederwerfen würde. Glaubte er daran? Die Gabe der Selbstsuggestion ersetzte den Glauben.

Ganz allgemein wurde die Rote Armee in der deutschen Wehrmacht unterschätzt, obwohl Stalins Luftwaffe sich eines gewissen Rufes erfreute. Man hatte in Europa nicht so recht mitgekriegt, daß die Sowjets im Fernen Osten nennenswerte Erfolge verbuchen konnten. Die Enthauptung der Roten Armee 1937/38 (Tuchatschewski, Blücher, Jegorow an der Spitze), in deren Strudel zigtausend Offiziere verschlungen wurden, war noch nicht vergessen. Man hielt diese Barbarei für "orientalisch" und "asiatisch".

Einen letzten Beweis erblickte man in der etwas armseligen "performance" der Roten Armee während des Winterkrieges gegen Finnland 1939/40, der von den Finnen zwar nicht gewonnen werden konnte, in dem die Rote Armee aber unverhältnismäßig hohe Opfer zu bringen hatte. Übrigens wollte Stalin diesen Krieg, den er zum Schutz von Leningrad tatsächlich führen mußte, unter Aufbietung all seiner ihm zu Gebote stehenden Pfeifenraucher-Jovialität vermeiden. Die Finnen erhielten jetzt wie später erträgliche Bedingungen.

Kam man Hitler mit irgendwelchen Beschwerden, daß auch sein Heer ungenügend bemannt und ausgerüstet sei, so erhielt man zur Antwort: Die deutsche Führung sei jeder anderen in der Welt weitaus überlegen, wie sich im Feldzug gegen Frankreich gezeigt habe, und schließlich sei er, Adolf Hitler, auch noch da. Rußlands Stärken, der weite Raum und das unberechenbare Wetter, wurden nicht in Betracht gezogen.

Es gab aber doch Leute, die Napoleon noch nicht ganz vergessen hatten? Natürlich gab es solche, nur saßen sie nicht auf Posten, wo sie das Ohr ihres "Führers" hätten erreichen können. Einer von ihnen war der Stabschef der 18. Armee, Generalmajor Erich Marcks, der seit dem 4. Juli 1940 von General Halder mündlich eingewiesen worden war.

Am 29. Juli wurde er offiziell beauftragt, einen "Operationsentwurf Ost" für einen Feldzug gegen die Sowjetunion auszuarbeiten. Bereits am 5. August konnte er ihn abschließen und vorlegen.

Auch Marcks, wie alle anderen, unterschätzte die tatsächliche Stärke der gegnerischen Truppen bei weitem. Die Rote Armee werde "uns wahrscheinlich nicht den Liebesdienst eines Angriffs erweisen". Ein Rückzug ins Landesinnere, wie im Jahre 1812, komme aber auch nicht in Frage. Immerhin, er rechnete mit 9 bis 17 Wochen.

Dennoch könne die Sowjetunion, wenn auch zum Kampf nicht mehr fähig, "auf unabsehbare Zeit im Kriegszustand verharren". _(* Auf dem Flugplatz bei Dundee ) _((Schottland). )

Tatsächlich dachte er sehr viel skeptischer. Etwa einen Monat nach Ablieferung des Entwurfs übersandte Marcks dem Generalleutnant Kurt von Tippelskirch eine Denkschrift. Er zog jetzt England und die USA mit ins Kalkül. Der gesamte Zeitplan könnte so unhaltbar werden. Marcks rechnete mit der Erschöpfung der deutschen Kräfte bereits für Ende 1941 oder für 1942. Diese Bedenken hielt er gegenüber der obersten Führung zurück. Sein Operationsentwurf wurde die Grundlage für "Barbarossa".

Hitler meinte, sein Feldzug würde mit dem Erreichen etwa der Wolga seinen Abschluß finden, diesmal kein schlechter Prophet. Halder schlug als Endziel die Wolga und die Gegend von Archangelsk vor.

Halder war allerdings, wie er am 28. Januar 1941 festhielt, der Sinn von "Barbarossa" "nicht klar". Sein nomineller Vorgesetzter, der Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, teilte Halders Zweifel. Gegenüber Hitler zogen beide den Sinn des Ostfeldzuges allerdings nicht in Zweifel. Führerschicksal.

Hitler hatte sich den schönen Namen "Barbarossa" für seinen Blitzfeldzug selbst ausgedacht, Mitte Mai 1941 war als Beginn vorgesehen. Nicht zuletzt sein Naturell machte ihm einen Strich durch die Rechnung:

Das in Versailles zum Staat Jugoslawien zusammengeklopfte Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen wurde nur durch das eine Bestreben zusammengehalten, unabhängig zu bleiben. Der Regent Prinz Paul neigte der deutschen Seite zu, mußte aber auf die Meinung seiner Landsleute Rücksicht nehmen, die überwiegend der Sowjetunion anhingen. Hitler drückte auf den Regenten und dessen Regierung so lange, bis sie dem Dreimächtepakt beitraten.

Die Armee putschte. Der 17jährige König Peter entkam den Fängen seines Onkels Paul, indem er aus dem Fenster kletterte und sich die Regenrinne hinabließ. Er verkündete, daß er den Thron bestiegen habe. Das Land stand verzückt hinter ihm, die Regierung weigerte sich, den Beitritt zum Dreierpakt zu ratifizieren.

Hitler blieb nicht, wie er sich sonst rühmte, "eiskalt". Jetzt entsprach er der Karikatur des "Teppichbeißers" oder der Figur im "Großen Diktator" von Charlie Chaplin. Er gelobte, Jugoslawien ein für allemal auszulöschen, gleichgültig, was die neue Regierung ihm zu sagen hatte. Bomben auf Belgrad, 17 000 Tote.

Keitel protestierte namens des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW): So könnten die Termine für "Barbarossa" nicht eingehalten werden. Der schnaubende Hitler ließ sich nicht mehr umstimmen.

Und noch einmal begünstigte ihn das Glück. Mit der Verschiebung des Angriffstermins auf die UdSSR verlor er nicht, wie vorausgesagt, vier bis fünf Wochen, sondern wegen des ungewöhnlich morastigen Bodens in Mitteleuropa "nur" zwei bis drei. Vor dem 5. Juni hätten seine Panzer ohnehin nicht losrollen können.

Von Walter Post hören wir, daß Stalins Politik in den Jahren 1940/41 den Krieg mit Deutschland "tatsächlich unvermeidbar" machte. Es habe sich nicht um einen "rassenideologischen Vernichtungskrieg" gehandelt, das sei eine nachträgliche Interpretation.

Betrachten wir Hitlers Absichten, schriftlich niedergelegt am 3. März 1941:
* Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen;
* das ganze Gebiet muß in Staaten aufgelöst werden
mit eigenen Regierungen, "mit denen wir Frieden
schließen können";
* die jüdisch-bolschewistische Intelligenz, als
bisheriger "Unterdrücker" des Volkes, muß beseitigt
werden;
* unter keinen Umständen dürfe an die Stelle des
bolschewistischen ein nationales Rußland treten, das,
wie die Geschichte beweise, letzten Endes wieder
deutschfeindlich sein werde;
* mit einem Minimum an militärischen Kräften müßten
sozialistische Staatsgebilde aufgebaut werden, "die von
uns abhängen";
* Fazit: "Diese Aufgaben sind so schwierig, daß man
sie nicht dem Heer zumuten kann." Wem wohl dann?

Am 30. März 1941 hielt Hitler vor der versammelten Generalität eine zweieinhalbstündige Rede. Halder macht am Abend wie immer Notizen: "Vernichtungskampf. Künftiges Staatenbild: Nordrußland gehört zu Finnland, Protektorate Ostseeländer, Ukraine, Weißrußland. Im übrigen Land genügt eine primitive sozialistische Intelligenz."

Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD kommen vor, aber nicht als Judenmörder, sondern wegen einer "angeblichen oder tatsächlichen" Bekämpfung der Partisanen. Juden werden sogar auch erwähnt, in den Richtlinien des OKW vom 19. Mai 1941 heißt es: "Dieser Kampf verlangt rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden und restlose Beseitigung jeden aktiven und passiven Widerstands."

Den "berüchtigten Kommissarbefehl", der dem allgemeinen Morden Tür und Tor öffnete und der schon Tage vor Angriffsbeginn unter dem 6. Juni 1941 vom OKW "erging", findet Post bei realistischer Betrachtung "nicht völlig falsch". Die Kommissare seien "ein wesentliches Element des sowjetischen Widerstands" gewesen.

Wir, ich war Gefreiter der Heeresartillerie, fanden 1943 in der sommerlichen Ukraine solch einen, der sich in einem Strohhaufen versteckt hatte. Irgendein Kerl unserer Batterie zog ihm die ledernen Offiziersstiefel aus. Nach hinten gebracht, wurde er ohne Verhör (!) erschossen.

Wußte Stalin von dem unmittelbar bevorstehenden Angriff? Ja, er wußte, aber nicht den Tag und die Stunde. Die anfangs vagen Meldungen hatten sich immer mehr verdichtet, so daß er unmittelbar vor dem Überfall keinerlei Zweifel mehr hegen konnte. Er wußte, aber er wollte nicht wissen.

Wie besessen war er von dem Gedanken, einer "Provokation" seitens der Engländer, namentlich Churchills, zum Opfer zu fallen. Der Flug des Rudolf Hess nach Schottland am 10. Mai 1941 hatte ihn noch mißtrauischer gemacht.

Entweder wollten die Briten Deutschland vorschicken, damit er, Stalin, für sie die Kastanien aus dem Feuer holen sollte, oder, schlimmer noch, es würde zu einem Bündnis zwischen den Angelsachsen und Hitler kommen. Dann nützte es ihm nichts mehr, daß er mit Japan einen Neutralitätspakt hatte schließen können.

Sein Mißtrauen war krankhaft. Der Verteidigungsminister hieß, trotz Finnlandkrieg, immer noch Semjon Timoschenko, zum Chef des Generalstabes aber hatte Stalin Georgij Schukow ernannt. Beide bewiesen unter psychologisch weit belastenderen Umständen mehr Mut als Brauchitsch und Halder.

Am 5. Juni ließ sich nicht länger verheimlichen, daß die deutschen Stoßtruppen in ihre Stellungen vorrückten. Es war nicht mehr eine Frage des Ob, sondern eine des Wie, daß die Deutschen zum Angriff übergingen. Die beiden entschlossen sich, die Dinge nicht länger so treiben zu lassen.

Am Freitag, dem 13. Juni, rief Timoschenko Stalin an und bat um die Erlaubnis, die Grenztruppen zu alarmieren und in Stellung zu bringen, al s eine Präventivmaßnahme.

"Wir werden darüber nachdenken", antwortete Stalin. Wer war hier "wir"? Stalin würde mit sich selbst zu Rate gehen.

Am folgenden Tag erschienen Timoschenko und Schukow im Kreml, um Stalin in persona zu sprechen. Einmal mehr hielten sie ihm die wachsende Besorgnis der Frontkommandeure vor: Deren Truppen müßten in Kampfbereitschaft versetzt werden. Aber Stalin zögerte noch immer.

"Sie schlagen Mobilmachung vor, Alarm für die Truppen, um sie zu den westlichen Grenzen zu bringen?" moserte er. "Das bedeutet Krieg! Verstehen Sie das oder nicht?"

Schließlich wünschte er zu wissen, wie viele sowjetische Divisionen bereits in den Grenzgebieten stationiert seien.

"149", war die Antwort.

"Nun, ist das nicht genug?" fragte Stalin. "Nach unseren Informationen haben die Deutschen nicht so viele."

Schukow tat sein Bestes, ihm zu erklären, daß die deutschen Divisionen alle auf volle Kampfkraft gebracht worden waren, 14 000 bis 16 000 Mann jede, kampfbereit und voll ausgerüstet. Die sowjetischen Divisionen andererseits hatten maximal nur ihre halbe Sollstärke, und es fehlte ihnen an Ausrüstung. Aber Stalin war nicht geneigt, den Argumenten der Armeeoberen weiter zuzuhören.

"Sie können nicht alles glauben, was Sie in den Geheimdienstberichten lesen", erklärte er abschließend. Düster gestimmt verließen der Verteidigungskommissar und sein Chef des Generalstabs das Büro Stalins.

Sogar der Kommunistenfresser Joachim Hoffmann, der hierzulande vehementer als jeder andere die These der Stalinschen Präventivabsicht hervorhebt, weiß von dieser Besprechung am 14. Juni 1941. Der Generalstab sei anscheinend entschlossen gewesen, "einen Schritt nach vorn" zu tun und auch die allgemeine Mobilmachung durchzuführen. Dafür war es nun ersichtlich zu spät. Die "schleichende" Mobilmachung hatte längst stattgefunden, wenn auch offenbar nicht mit großem Erfolg. Das war nicht Schukows Versäumnis. Aber dieser wohl fähigste Marschall auf sowjetischer Seite hat nach dem Krieg in seinen Memoiren eingeräumt, er und seine Kollegen hätten sich die Wucht und Schnelligkeit des deutschen Angriffs nicht vorstellen können.

Sie hatten außerdem das Handicap der sowjetischen Militärdoktrin, daß der Feind anzugreifen sei und der Krieg sofort auf dem Gebiet des Feindes zu Ende geführt werden müsse. Das gerade für Rußland taugliche Instrument einer in die Tiefe gestaffelten Verteidigung war nicht ernsthaft geprüft, ja es war durch dauerndes Dazwischenfahren Stalins gar nicht entwickelt worden.

Timoschenko hatte schon am 31. Dezember 1940 eingeräumt, Verteidigungsoperationen hätten im modernen Krieg durchaus ihre Existenzberechtigung, der Verlauf des Krieges in Frankreich dürfe nicht verallgemeinert werden. Eine moderne Verteidigung müsse in die Tiefe gestaffelt sein und von beweglichen Kräften gedeckt werden.

Gleichwohl hielt er an der ihm vorgegebenen Auffassung fest, die Hauptaufgabe der Verteidigung sei die Vorbereitung des Angriffs. Die Vernichtung des Gegners werde nur durch den Angriff erreicht.

Die führenden sowjetischen Militärs konnten (oder durften?) sich darüber nicht einigen, ob sie an der Doktrin des Gegenschlages festhalten oder ob sie sich der Methode des überraschenden Erstschlages zuwenden sollten.

Die Unterschätzung "des Russen" war im deutschen Heer allgemein. Hitler: "Sandkastenspiel", "tönerner Koloß ohne Kopf". Sein engster militärischer Berater, General Alfred Jodl: "Schweinsblase", in die man nur hineinstechen müsse. Der Chef des Generalstabs des Heeres, Franz Halder: "Man braucht nur einmal mit der Faust hineinhauen, und das Ganze geht in Stücke." Brauchitsch, Oberbefehlshaber des Heeres, veranschlagte für den "Feldzug" vier bis sechs Wochen. Die ersten vier Wochen schienen diesen Rausch, in den man sich hineingeredet hatte, zu bestätigen.

Was aber tat der angeblich so kriegsbereite und kriegslüsterne Stalin? Es ist eine Legende, daß er zusammenbrach, von Chruschtschow in die Welt gesetzt. Schukow berichtet glaubhaft, wie überrascht "der Höchste" war, als man ihn am 22. Juni aus dem Bett holte und Schukow ihm die Mitteilung von den An- und Übergriffen der Deutschen am Telefon überbrachte. Er und die Politbüromitglieder, die man erreichen konnte, versammelten sich im Kreml.

Um 4.30 Uhr morgens (Moskauer Zeit) kamen Timoschenko und Schukow wieder in Stalins Büro. Sie fanden ihn an dem langen, grünbezogenen Tisch sitzen, seine nicht angezündete Pfeife an sich drückend.

Er hoffte immer noch, gegen jede Hoffnung, daß die deutsche Invasion nur ein politisches Spiel sei. Er räsonierte, es wäre doch sicherlich eine formale Kriegserklärung vorangegangen, wenn hier Krieg gemeint war. Internationale Verhandlungen hätten vorausgehen müssen, zumindest eine Konferenz der Außenminister. Schließlich sei Hitler doch nicht irgendein Straßenräuber.

Er sagte, jemand solle die deutsche Botschaft anrufen, um herauszufinden, was los sei. Der Anruf ergab, daß Botschafter Schulenburg selbst um ein Treffen mit Molotow nachsuchte.

Schulenburg, begleitet von Botschaftsrat Hilger, erschien im Kreml, um Molotow zu treffen. Er wurde sofort empfangen. Die üblichen Standardformeln wurden verlesen, ohne ausdrückliche Kriegserklärung. Also fragte Molotow, um Fassung ringend: "Ist dies als eine Kriegserklärung gemeint?"

Schulenburg sagte nichts, sondern zuckte hilflos mit den Schultern. "Es kann nichts anderes bedeuten", fuhr Molotow fort, "unsere Grenzen sind überschritten, unsere Städte Odessa, Kiew und Minsk werden seit eineinhalb Stunden bombardiert. Das haben wir nicht verdient."

Die beiden Deutschen gingen, nach einem Handschlag. Molotow erschien wieder im Politbüro. "Die deutsche Regierung hat uns den Krieg erklärt", sagte er. Stalin blickte ihn böse an: "Wir haben Zeit! Sie sind mir ein schöner Prophet." Hitler hatte, entgegen Molotows Vorhersage, den Zweifrontenkrieg begonnen.

Diese Erkenntnis drückte Stalin so nieder, daß er in seinen Sessel zurücksank. Eine Zeitlang sagte niemand etwas. Schukow unterbrach das Schweigen. Die Invasoren müßten aufgehalten werden. "Vernichtet", ergänzte Timoschenko, "nicht nur aufgehalten".

Um 7.15 Uhr Moskauer Zeit, um 5.15 Uhr deutscher Zeit am 22. Juni wurde eine merkwürdige Direktive erlassen. Die sowjetischen Truppen sollten den Feind mit allen Mitteln zurückschlagen, sie dürften ihn aber nicht über die eigenen Grenzen hinaus verfolgen. Daß Krieg war, wurde nirgends bekanntgemacht.

Immer noch legte sich Stalin quer. Auf seine Anordnung hin blieb sein Außenministerium den ganzen 22. Juni in Funckontakt mit der Wilhelmstraße. Am Nachmittag ließ Stalin die japanische Regierung in Tokio um Vermittlung bitten. Um 12.05 Uhr gab Molotow, dazu auserkoren, den Angriff der Deutschen im Rundfunk bekannt. Nach 22 Monaten Pause galt jetzt wieder die Vokabel "faschistisch".

Sicher, Stalin brach nicht zusammen, aber er ließ die Zügel schleifen. Sein Biograph, der Generaloberst Dmitrij Wolkogonow, schreibt, Stalin sei ein Mann der "härtesten Legierung" gewesen: "Gleichwohl erfuhr, wie wir heute wissen, in den ersten Tagen des Kriegsbeginns auch der Wille bei ihm eine Erschütterung."

Man sollte denken, diese Darstellung sei schlüssig. Nicht so für die Frankfurter Allgemeine. Dort schrieb am 10. Oktober 1995 Professor Dr. Dr. Gillessen in einer Besprechung des Buches seines Schützlings Hoffmann von der "Scheu deutscher Zeithistoriker, den Zweiten Weltkrieg als einen von zwei Diktatoren gemeinsam entfesselten Krieg darzustellen . . ." Die Anzeichen, daß Stalin sich im Frühjahr 1941 vorbereitete, seien dichter geworden. Es sind recht windige Anzeichen.

Auch Walter Post vertritt ohne irgendwelche Beweise die folgende Behauptung: Die sowjetische Führung glaubte ursprünglich, den eigenen Angriff im August oder September 1941 beginnen zu können; als der deutsche Aufmarsch immer bedrohlicher wurde, verlegte sie den Termin für die Offensive der Roten Armee auf Mitte Juli vor.

Dem widerspricht Peter Gosztony in der Welt. Hitler habe keinen Präventivkrieg gegen die Sowjetunion geführt, und die Sowjetunion habe 1941 noch gar keinen Krieg riskieren können.

Es trifft zu, daß Stalin auf einem Bankett im Kreml am 5. Mai vor einigen hundert Absolventen der Militärakademie 40 Minuten lang eine Rede gehalten hat, von der kein schriftlicher Text vorliegt. Die Rede kann nur gegen Deutschland gemeint gewesen sein. Japan, mit dem er gerade einen Neutralitätspakt abgeschlossen hatte, wird nämlich positiv erwähnt.

Die Rede ist keine Trouvaille. Den schlüssigsten Bericht über sie hat Alexander Werth schon 1964 mitgeteilt, der am besten unterrichtete ausländische Kriegskorrespondent, in Leningrad geboren und für die britische Presse in der Sowjetunion tätig.

Die Grundzüge der Stalin-Rede: Mit einem deutschen Angriff in naher Zukunft muß man rechnen; die Rote Armee kann ihm noch nicht hinlänglich begegnen; die Regierung wird alles versuchen, einen bewaffneten Konflikt bis zum Herbst hinauszuzögern. Der Versuch kann auch fehlschlagen; die Zeitspanne "bis zum August" ist die allergefährlichste. Gelänge der Versuch aber, so "wird der Krieg mit Deutschland fast unvermeidlich im Jahr 1942 stattfinden, und zwar unter viel günstigeren Bedingungen". Je nach Lage werde die Rote Armee den Angriff abwarten oder aber die Initiative ergreifen.

Diese Darstellung entspricht der damaligen Interessenlage. Wichtiger für die Sowjetbürger war aber nicht der ihnen unbekannte Wortlaut der Bankettrede, sondern daß Stalin am Tag darauf selbst Regierungschef wurde, mit Molotow als seinem Stellvertreter.

Gehen wir ausnahmsweise noch einmal zurück. Am 18. Juni wünschte Sowjetbotschafter Dekanosow den Staatssekretär Ernst von Weizsäcker in Berlin zu sehen, und das jagte Hitler einen gehörigen Schrecken ein. War Stalin aufgewacht, wollte er ihn mit einem überfallartigen Ultimatum konfrontieren? Dann mußte Stalin etwas wissen.

Am Samstag, dem 21. Juni, wurde Botschafter Schulenburg in den Kreml zu Molotow gebeten. Auch dies war seltsam, den direkten Kontakt mit Schulenburg hatte er seit seiner Berlin-Reise vermieden.

Schulenburg erschrak, aber der Außenminister erkundigte sich nur milde nach den umlaufenden Gerüchten über einen nahen Krieg zwischen der UdSSR und Deutschland. Er wäre dankbar, wenn der Botschafter ihn aufklären könne.

Tatsächlich fragte er, verdeckt, was Hitler von der Sowjetunion wünsche, die Tür für neue Verhandlungen öffnend. Schulenburg mußte ausweichen. Sogar bei der Entgegennahme der Kriegserklärung bemängelte der erboste Molotow noch, daß die deutsche Regierung keinerlei Forderungen an die Sowjetregierung gestellt habe.

Während Schulenburg am Abend des 21. Juni 1941 bei Molotow war, begab sich Timoschenko mit Schukow und dessen Stellvertreter Nikolai Watutin zu Stalin, um ihn zu drängen, die Drohung einer Invasion ernst zu nehmen. Sie fanden ihn allein vor, offensichtlich beunruhigt. Was wäre, wenn die deutschen Generäle durch Falschmeldungen einen Konflikt provozieren wollten? Die drei Militärs bestanden darauf, die Truppen an der Grenze zu alarmieren.

Mehrere Mitglieder des Politbüros trafen ein. Timoschenko drängte weiter auf eine Direktive. Wie zufällig hatte Schukow eine bei sich.

"Lesen Sie", befahl Stalin mürrisch. Schukow tat wie geheißen. Stalin: "Es ist zu früh, solch eine Direktive herausgeben zu lassen. Vielleicht können die Probleme noch friedlich geregelt werden." Man redigierte, man verwässerte. Mittlerweile war es 0.30 Uhr Moskauer Zeit geworden, am Sonntag, dem 22. Juni. In knapp 135 Minuten würde der Angriff beginnen. Die Direktive Nr. 1 war nutzlos geworden.

Da sich zunächst niemand verantwortlich fühlte, ergingen auch nur Befehle nackter Verzweiflung. Alle Beobachter stimmten darin überein, daß Stalins Stimmung nach dem Fall von Minsk ihren Tiefpunkt erreichte, entweder am 28. Juni morgens oder am 29. Juni morgens. Er fuhr zu seiner Datscha und ward im Kreml an diesem Tag nicht mehr gesehen.

Glaubt man dem Überlebenskünstler Anastas Mikojan, 59 Dienstjahre, so suchten sechs Mitglieder des Politbüros, unter ihnen er selbst, Stalin auf seiner Datscha auf, ungerufen, ein unerhörter Vorgang.

Molotow wurde vorgeschickt, er redete allein mit Stalin und rief dann die anderen. Sie redeten querbeet auf ihn ein, der Krieg könne gewonnen werden, nur müsse er, Stalin, ihn führen. Er sagte: "Gut", und sie gingen. Jedenfalls saß er am 30. Juni wieder an seinem Arbeitsplatz, ließ Generäle auswechseln und erschießen und drohte mit der Todesstrafe. Alles atmete auf. Er war wieder der alte.

Es soll aber am 28. oder am 29. Juni noch ein zweites Gespräch in der Datscha gegeben haben. Teilnehmer: Stalin, Molotow, Lawrentij Berija, der Chef des NKWD. Hinzugestoßen sei der bulgarische Botschafter Iwan Stamenow.

Stalin und Berija hätten kein Wort gesprochen, nur Molotow. Er habe gebeten, Kontakt zu Berlin zu suchen und den Deutschen ein "zweites Brest" anzubieten, jenen Diktatfrieden von Brest-Litowsk, den durchzusetzen 1918 nur Lenin den Mut besessen habe. Der Bulgare habe das heiße Eisen aber nicht angefaßt, sondern leichthin gesagt: Die Rote Armee werde ohnehin siegen, auch wenn sie bis hinter den Ural zurückweichen müßte.

Ob das wahr ist? Wichtigster Zeitzeuge: Berija kurz vor seiner Erschießung, 1953. Wollte er Molotow belasten? Der wurde 96 Jahre alt. Botschafter Bulgariens war inzwischen eine Frau, die nichts wissen konnte. Alles paßt ins Bild, aber vielleicht zu gut.

Am 3. Juli 1941 hielt Stalin um 6.30 Uhr morgens ohne Vorankündigung die wohl wichtigste Rede dieses Jahrhunderts. Nie vorher hatte er seine Völkerschaften "Brüder und Schwestern" genannt, nie später würde er das tun. Der Krieg dauerte vier Jahre. Nicht Stalin hatte ihn begonnen. Y

Beide Diktatoren hatten sich in einem Punkt verschätzt

Daß Hitler keinen Zweifrontenkrieg wollte, war bekannt

Für den "Feldzug" vier bis sechs Wochen veranschlagt

Stalins Tiefpunkt - der Fall von Minsk

[Grafiktext]

Kartenausschnitt: Deutsches Reich bis zum 22.6.1941

[GrafiktextEnde]

* "Vorwärts, vernichten wir die deutschen Okkupanten und jagen wir sie hinter die Grenzen unserer Heimat!" * Auf dem Berghof in Berchtesgaden mit Legationsrat Paul Otto Schmidt (M.). * Auf dem Flugplatz bei Dundee (Schottland).

DER SPIEGEL 6/1996
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